Film-Review: „Bleed For This“

von Ben Younger
mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal

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Es gibt viele Boxerfilme, viele Biopics und so einige Boxer-Biopics. Häufig erzählen sie entweder vom Underdog, der sich zum großen Erfolg durchboxt oder vom Sieger, der am Boden zerstört ist und sich zu altem Ruhm zurückkämpft. Und dann gibt es noch viele Variationen davon. Nun denn, in der Hinsicht erfindet auch „Bleed For This“ nicht das Rad neu, zumindest nicht, wenn es um den ganz grob skizzierten Ablauf der Geschichte geht.

Wovon sich die Hauptfigur Vinny Pazienza (Miles Teller) erholt und vor allem wie, ist jedoch allemal eine beachtliche Geschichte: Nach einem erfolgreichen Titelgewinn, erleidet Pazienza einen schweren Autounfall, im Zuge dessen sein Genick gebrochen wird. Nur mit viel Glück überlebt er, muss aber anschließend mehrere Monate lang eine spezielle Halskrause aus Metall tragen, die an seinen Kopf geschraubt wird. Boxen? Wird er nie wieder, sagt man ihm. Aber sein Wille ist ungebrochen und so trainiert sich Pazienza langsam wieder zu alter Bestform zurück.

Vom Genickbruch zum Champ, das allein ist eine tolle Story und meines Erachtens auch das Beste an „Bleed For This“. Wie sich Vinny nach solch einem Schicksalsschlag zurück trainiert, geht über die sonst im Genre so typische Trainingsmontage hinaus, da auch die leisen Momente dazwischen dazugezählt werden müssen, in denen er sich stoisch gegen jede Vernunft auflehnt. Miles Teller als Hauptdarsteller ist dabei absolut überzeugend. Zwar sportet er keine solch beeindruckende Statur wie zum Beispiel Jake Gyllenhaal in „Southpaw“, nichtsdestotrotz überrascht Tellers physisches Auftreten, während er den zunächst abgehobenen, dann gedemütigten, aber niemals aufgebenden Charakter Pazienzas auf den Punkt spielt. Auch die Nebendarsteller überzeugen, von denen besonders Aaron Eckhart als Trainer und Ciarán Hinds als Vinnys Vater starke Akzente setzen können.

Leider ist die Inszenierung eine kleine Spur zu konventionell geraten und ausgerechnet die Boxszenen hätten filmisch etwas mehr „Punch“ vertragen können. Zwar muss es nicht immer ein großer Kniff sein wie der One-Take-Kampf in „Creed“, aber das letzte Quäntchen Intensität fehlt in „Bleed For This“. Da hilft es auch nicht, dass man seit langem wieder falsche Treffer als solche ausmachen kann – zumindest war das mein persönlicher Eindruck. Dramaturgisch ist vieles vorhersehbar und auch der Schnitt wirkte an einigen Stellen entweder holprig oder grob.

Trotzdem ist „Bleed For This“ ein äußerst solides Sportler-Biopic geworden, das von starken Darstellern getragen wird und einfach eine interessante Geschichte erzählt, die zumindest so im Boxgenre seinesgleichen sucht.

7/10

Film-Review: „Butterfly Kisses“

Regie: Rafael Kapelinski
mit: Rosie Day, Theo Stevenson, Elliot Cowan

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Drei Jugendliche aus sozial schwachem Milieu, die einfach nur gerne zusammenhängen, während die Kamera edle schwarz-weiße Bilder davon einfängt: Das klingt verdächtig nach „La Haine“, dem französischen Klassiker von Mathieu Kassovitz, und in der Tat sind die Parallelen zunächst nicht von der Hand zu weisen. Doch schnell bemerkt man, dass „Butterfly Kisses“ in eine ganz andere und ziemlich abgründige Richtung schlägt.

Dabei werden typischer Gruppenzwang unter Herwanwachsenden und damit der äußere Druck mit anderen gleichzuziehen thematisiert. Sex spielt dabei eine besonders große Rolle. Jake (Theo Stevenson) ist der einzige seiner Clique, der einfach kein Glück bei den Mädels hat und während seine Freunde mit ihren sexuellen Eskapaden prahlen, wird er gleichzeitig von ihnen aufgrund seines Misserfolgs aufgezogen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Neckereien in aller Freundschaft geschehen oder nicht – sie sprechen explizit ein extrem wundes Thema bei Jake an, dessen sexuelles Begehren zwar aufblüht, aber nicht ausgelebt werden kann.

Schon bald zeichnet sich ab, dass Jake womöglich aufgrund dessen eine Vorliebe entwickelt, die unter Strafe steht: Obwohl er sich durchaus in die etwa gleichaltrige Zara (Rosie Day) verguckt, scheint in ihm ein Hang zur Pädophilie inne zu wohnen. Auch wenn der Film zum Glück keine expliziten Bilder dafür findet, wird dieses dunkle Verlangen durch viele Andeutungen unmissverständlich klar. Ein ganz besonders demütigendes Ereignis sorgt dann für eine Katastrophe in der Handlung.

Pädophilie ist kein einfaches Thema, erst recht nicht für einen Jugendfilm, in dem auch der jugendliche Protagonist darunter leidet. Allein diese ungewöhnliche Thematik ist durchaus mutig und erzählerisch versucht der Film, dem Ursprung der Krankheit auf den Grund zu gehen und bietet mit sozialem Druck und unterdrückter Sexualität einige mögliche Gründe dafür an.

Das alles wird in „Butterfly Kisses“ in, wie bereits erwähnt, famose Bilder getaucht, in denen eine Vielzahl einfallsreicher Winkel und atmosphärischer Einstellungen zum Tragen kommen. Zudem sind insbesondere die jungen Darsteller einfach toll. Sie wirken absolut authentisch, stemmen aber auch dramatischere Szenen mit links. Leider leistet sich der Film ausgerechnet bei seinem absoluten Höhepunkt eine eklatanten dramaturgischen Schnitzer, der einem zentralen Moment in der Erzählung einiges von seiner möglichen Wirkung nimmt, indem unnötigerweise kurze Nebenplots nochmal hervorgekramt werden, die zu diesem Zeitpunkt schon längst vergessen schienen.

In der Gesamtschau kann das allerdings nicht verhindern, dass „Butterfly Kisses“ ein mutiger Film und ein äußerst bemerkenswertes Spielfilmdebüt von Regisseur Rafael Kapelinski ist, das ästhetisch wundervoll aussieht und inhaltlich schweren Tobak abliefert.

8/10

Film-Review: „Innen Leben“

OT: „Insyriated“
Regie: Philippe Van Leeuw
mit: Hiam Abbass, Diamand Bou Abboud, Juliette Navis

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Krieg, so grausam er auch sein mag, hat die Menschheit schon immer fasziniert und auch das Kino als Kunstform hat sich oft genug mit diesem schrecklichsten aller Zustände auseinandergesetzt. Dabei kommen einem spontan immer zuerst Bilder von intensiven Kampfszenen in den Sinn, in denen die Kugeln nur so an einem vorbeischwirren und das Chaos auf dem Schlachtfeld möglichst realistisch und fühlbar dargestellt wird. Die Front ist grausam, wird aber letztendlich nur von den vergleichsweise wenigen Soldaten erlebt, die sich dort aufhalten. Doch was ist mit der Zivilbevölkerung? Wie nimmt diese einen Konflikt in ihrer Heimat wahr? Und wie gestaltet sich das alltägliche Leben im Angesicht der Krise? Einen Eindruck davon vermittelt „Innen Leben“ von Regisseur Philippe Van Leeuw.

Darin wird von einem einzigen Tag in einer einzigen Wohnung mitten im Kriegsgebiet erzählt. Wegen der widrigen Umstände hat Oum Yazan (Hiam Abbass) einige Nachbarn bei sich zuhause aufgenommen und versucht nun mit strenger und doch fürsorglicher Art ihnen und ihrer eigenen Familie einen möglichst normalen Alltag zu bieten. Im Anbetracht der knapp gewordenen Ressourcen und der ständig präsenten Gefahr eine wahre Herkulesaufgabe. Denn vor die Tür trauen können sie sich nicht, ein Scharfschütze hat den Bereich vor dem Haus im Visier und eine falsche Bewegung bedeutet den sicheren Tod.

Durch den konsequent begrenzten Raum bleibt man als Zuschauer permanent an den Figuren dran. Es gibt kein Spektakel und der Krieg tobt scheinbar unsichtbar im Fernsehen – bis der nächste Schuss fällt oder eine Bombe in der Nähe einschlägt. Zwischen den alltäglichen Handlungen in dieser Zwangs-WG baut Van Leeuw vereinzelte Momente enormen Schreckens ein, die gerade durch ihre scheinbare Zufälligkeit an Intensität gewinnen. In einem Moment scheint man sich der Illusion eines geregelten Lebens hingeben zu können, da kracht es plötzlich nur so auf der Tonspur. Gangster, die zu Kriegszeiten das Elend der Bevölkerung ausnutzen wollen, klopfen an die verriegelte Tür und drohen, sich Zugang zu verschaffen und in einem ganz besonders packenden Moment sorgt nur der rote Punkt eines Laserpointers für ein kollektives Raunen im Saal.

Dass es sich um den Konflikt in Syrien handelt, wird nur durch wenige Hinweise deutlich gemacht (zu denen man durchaus auch den Originaltitel des Films „Insyriated“ zählen darf). Ansonsten wirkt der Krieg im Film erstaunlich anonym, die Geschichte und die Themen bekommen dadurch etwas Universelles. Die eigenen vier Wände, die es als Ort des Friedens und der Geborgenheit zu schützen gilt, gleichen sich überall auf der Welt, ebenso die Gewalt, die von außerhalb eindringen will.

Van Leeuws Inszenierung ist realistisch und verbietet sich jedwede nennenswerte Spielereien. Der Schnitt wirkt messerscharf und die Kamera heftet sich in hektischen Moment direkt an die Fersen der Figuren. Aber nichts wäre der Film ohne seine Darsteller, in deren Gesichter man 90 Minuten lang schaut. Und zum Glück weiß das gesamter Ensemble zu begeistert, wobei ein Frauentrio ganz besonders heraussticht: Hiam Abbass liefert als Mama für alle eine herausragende und vielschichtige Darbietung ab, bei der sich Strenge, panische Angst und liebevolle Zuneigung gleichsam die Waage halten und ein eindringliches Porträt einer starken Frau im Krieg ergeben. Juliette Navis verkörpert als Delhani wunderbar einen inneren Gewissenskonflikt und Diamond Bou Abboud muss eine der grausamsten Szenen des gesamten Films durchstehen und meistert ihre Aufgabe mit Bravour und absoluter Furchtlosigkeit.

„Innen Leben“ wurde auf der Berlinale 2017 gezeigt, wo er den Publikumspreis in der Panorama-Sektion gewann und das vollkommen zurecht. Philippe Van Leeuw ist mit seinem Film eines der wohl packendsten und bewegendsten Plädoyers gegen den Krieg seit langer Zeit gelungen, das niemanden kalt lässt, zum Nachdenken anregt und hoffentlich den Zuschauer nachhaltig für die Thematik und den spezifischen Konflikt sensibilisert.

9/10

Berlinale 2017 – Tops, Flops und was sonst noch so passierte

Vom 9. – 19. Februar fand wieder einmal die Berlinale statt und lud Filmemacher, Stars und natürlich zahlreiche Zuschauer ein, sich Filme aus aller Welt und zu den verschiedensten Themen anzuschauen und über sie zu diskutieren. Auch dieses Mal war ich mit einer Akkreditierung unterwegs gewesen. Über die filmischen Hochs und Tiefs berichte ich euch an dieser Stelle (leider viel, viel, VIEL zu spät – danke Technik!).

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Die erste und vielleicht überlebenswichtigste Feststellung der diesjährigen Berlinale war: Der Ticketschalter für Presseakkreditierte öffnete seine Pforten eine halbe Stunde später als im Vorjahr! Welch ein Glück! Aber gut, so viel dazu.

Wie jedes Jahr im Februar erhellte die Berlinale mit ihren Dekos, Lichtern, Stars und Sternchen die dunkelste Jahreszeit und sorgte für glühende Verehrung und lodernde Entrüstung in Zeiten der Minusgrade. Insgesamt flimmerten 45 Filme an meinen mal aufmerksamen, aber hin und wieder auch müden Augen vorbei. Was für einen Eindruck sie letztendlich hinterließen, soll hier anhand ausgewählter Höhepunkte und Enttäuschungen geschildert werden.

Lachen

Im Rahmen der Berlinale passiert es oft, dass man schwer zugängliche Filme mit bedrückenden Inhalten sieht. Umso größer ist die Erleichterung, wenn man zwischendrin herzhaft lachen kann. Begeistert war ich von zwei Filmen des Wettbewerbs, die ich beim diesjährigen Festival erleben durfte: „The Party“ ist wie „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, nur in schwarz-weiß und eine kleine Spur schärfer. „Die andere Seite der Hoffnung“ von Aki Kaurismäki bekam verdientermaßen einen Silbernen Bären für die Beste Regie und gewinnt mit skurrilem Humor dem ernsten Thema der Flüchtlingskrise etwas Menschliches ab.

Regisseur Nicolas Wackerbarth lässt in „Casting“ eine Filmemacherin nach einer geeigneten Hauptdarstellerin suchen und das Vorhaben entpuppt sich als hysterisch und zumindest für den Zuschauer als pures Vergnügen. Der meines Erachtens ziemlich ärgerliche „Mr. Long“ punktet zumindest mit putzigen Nachbarn des Titelhelden, deren bedingungslose Solidarität und Hilfsbereitschaft höchst amüsant ist und schizophrenerweise entlockt auch die Netflix-Doku „Casting Jonbenet“ dem Kinogänger einige unerwartete Lacher. Und das, obwohl es um einen Mord an einem kleinen Mädchen geht, der, so wird getan, von Laien nacherzählt werden soll und deren authentischen Aussagen ofts ins Komische abdriften.

Die wahre Welt auf der Leinwand – Die Dokus

Und überhaupt die Dokus, von denen ich einige sah, was, ich gestehe, in der Vergangenheit nicht so häufig vorkam. „Casting Jonbenet“ nähert sich seinem Thema auf eine ziemlich unorthodoxe Weise an und auch wenn der Film am Ende keine Antworten liefern kann, so kann man sich mit ihm ein Bild davon machen und wie es gleichzeitig wahrgenommen wurde, alles durch die Erinnerungen von Menschen, die als mögliche Darsteller gecastet werden sollen (so denken sie) und die von ihren persönlichen Bezügen zum Mordfall Jonbenet sprechen. Ebenfalls experimentell: „La Libertad Del Diablo“, in dem Opfer und Täter der mexikanischen Drogenkartelle ihre Erlebnisse direkt in die Kamera schildern, allerdings durch Masken vermummt. Durch die pure Grausamkeit des Geschilderten und den durch die Masken entfremdet wirkenden Gesichtern, erhält die Doku eine ganz gespenstische Qualität, die gefangen nimmt.

Mit „For Ahkeem“ und „I Am Not Your Negro“ standen auch zwei Dokumentarfilme auf dem Plan, die sich mit dem Leben von Afroamerikanern befassen. „For Akheem“ folgt dabei einer Protagonistin im Hier und Jetzt und macht systematische Diskriminierung, das problematische Schulsystem und Perspektivlosigkeit zum Thema. Wenngleich er diese Punkte durchaus nahezubringen weiß, so kann man einen gewissen Grad an Inszenierung nicht leugnen, was ich ein wenig problematisch fand. „I Am Not Your Negro“ wählt eine eher geschichtliche Herangehensweise, die aber punktgenau ins Herz der US-amerikanischen Seele trifft.

Kinder, die versuchen sich in der Welt zurechtzufinden, waren Gegenstand von einigen Dokus der Kinder- und Jugendsektion Generation. In „Almost Heaven“ beginnt ein junges chinesisches Mädchen eine Ausbildung zur Leichenbestatterin. Ohne Kommentar und nur von einer beobachtenden Kamera begleitet, eröffnet sich dem Zuschauer eine rührende Geschichte eines jungen Menschen, der umgeben vom Tod ist und sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. „Soldado“ folgt einem Jugendlichen auf seinem Weg durchs Militär. Durch ungewöhnliche Perspektiven entlarvt der Film den Militärapparat bisweilen als eine Art chaotisches Bühnenstück; sein Protagonist ist allerdings ziemlich passiv und damit als Identifikationsfigur nur bedingt geeignet.

Übrigens: China wird in den nächsten 10-15 Jahren Fußball-Weltmeister. In „Eisenkopf“ (lief in der Perspektive Deutsches Kino) wird nämlich von dem skurrilen Vorhaben berichtet, Fußballtraining mit Kung-Fu zu kreuzen.

Seltsame Gäste

Ab und an gab es einige Filme zu sehen, bei denen ich mir die Frage stellte, was sie eigentlich bei einem internationalen Filmfestival wie der Berlinale zu suchen haben. Denn ganz grob heruntergebrochen (wirklich grob) liegt der Schwerpunkt doch eher auf Arthouse-Kino aus der ganzen Welt oder filmischen Experimenten. Da mutete die Präsenz des Marvel-Films „Logan“ schon sehr befremdlich an. So viel geballte Mainstream- ja geradezu Blockbuster-Power dürfte es in der Vergangenheit kaum gegeben haben. Ich gebe jedoch zu, dass der Mainstream genau das ist, was ich immer wieder neu zu schätzen lerne, während ich auf der Berlinale zugange bin. Von daher genoss ich es in vollen Zügen, der Weltpremiere mit Hugh Jackman und Patrick Stewart beizuwohnen und gegen Ende des Festivals die primitive Seite meiner filmischen Libido in Form brutaler Action zu befriedigen.

Auch „El Bar“ von Álex de la Iglesia, der sogar im Wettbewerb lief, war ein wenig Fehl am Platze. Als dreckiger, hektischer, kompakter Thriller mit etwas Ekelpotenzial könnte man sich den Film eher auf dem Fantasy Filmfest vorstellen. Und siehe da: Nur wenige Tage nach der Berlinale wird er prompt für die Fantasy Filmfest Nights angekündigt.

Zuguterletzt gab es noch die Sorte Filme, die ich mir persönlich eher als Kunstinstallation oder eben im Rahmen einer Ausstellung in einer Galerie vorstelle, als in einem Kino – so betont künstlerisch (ich finde es meist eher gekünstelt) und provokant (prätentiös) konnte es schon mal zugehen. „Fluido“ war meines Erachtens so ein Film, der mittels expliziter Masturbation, ejakulierender Penisse und ganz viel Sperma und Urin vermutlich irgendetwas gesellschaftskritisches zu Geschlechtern, Sex und dergleichen sagen wollte, aber eigentlich nur tierisch nervte. Zumindest kann ich jetzt sagen, dass ich im vorübergehend größten Pornokino Berlins mit mehreren hundert Gästen saß.

Flops

Zum Schluss möchte ich noch einige meiner Tops und Flops des Festivals nennen. Beginnen wir mit den Flops, zu denen eben genannter „Fluido“ zählt. „Joaquim“, ein Wettbewerbsbeitrag, machte enorm neugierig mit einer extrem atmosphärischen ersten Einstellung von einem wolkenverhangenen Himmel und einem abgetrennten Kopf im Vordergrund. Nur hatte sich damit schon alle inszenatorische Kreativität der Macher erschöpft und was folgte war verwackelte Langeweile, die kein Ende nehmen wollte.

Der bereits erwähnte „Mr. Long“ machte die erste Hälfte über alles richtig: Er war schwer unterhaltsam, bot Witz wie Action und sah schick aus. Doch dann wird er in der Mitte von einer langen Rückblende ausgebremst, die den Film im Nachgang zu überschatten schien und den Ton grundlegend verändert hat. Danach war es einfach nicht mehr derselbe Film, weshalb er zum vielleicht größten Ärgernis wurde. Es wurde einfach ein enormes Potenzial verschenkt.

Die Hits

Naja, wozu noch lange aufhalten mit Titeln, die einen eh nur verärgert haben, wo es doch so viel Gutes zu sehen gab. Die absolute Krönung war für mich „Insyriated“, der unter dem deutschen Verleihtitel „Innen Leben“ am 22. Juni 2017 regulär in die Kinos kommen wird. Darin geht es um eine zusammengewürfelte Gruppe Menschen, die in einer einzigen Wohnung ausharrt, während draußen der Krieg in Syrien tobt. Der enge Raum und die Tonspur sorgen für eine realistische wie beklemmende Atmosphäre, die Darbietungen der Darsteller sind furchtlos und mitreißend.

Neben den sehr unterhaltsamen „The Party“ und „Die andere Seite der Hoffnung“ punktete auch „Butterfly Kisses“ in der Generation. Die edlen schwarz-weiß Bilder und die Tatsache, dass drei Jugendliche in eher sozial schwachen Umständen im Mittelpunkt stehen, weckten sofort Erinnerungen an „La Haine“ von 1995. Der Film fühlte sich zu jederzeit authentisch an und packte zu meiner Überraschung mit Pädophilie ein ziemlich ungewöhnliches Thema für einen Film über Jugendliche an.

Ebenfalls beeindruckt war ich von „Requiem For Mrs. J“, obwohl ich kurz vor der Vorstellung eher kritische Meinungen zum Film hörte und ich beinahe wegen Müdigkeit ausgesetzt hätte – zum Glück habe ich es nicht getan. Verhaltener, skurriler Humor trifft auf jede Menge schöne komponierte Bilder, die jedoch von großer Melancholie begleitet werden. Beim optimistischen und, wie ich finde, lohnenswerten und sich aufrichtig anfühlenden Ende ging mir dann sogar richtig das Herz auf.

Fazit

Es war meine achte Berlinale in Folge und ich denke, das war insgesamt die beste, der ich persönlich je beiwohnen konnte. Ich weiß natürlich nicht, ob ich dieses Jahr einfach nur mehr Glück hatte bei der Auswahl der Filme oder ob das Programm allgemein so gut war, aber noch nie habe ich so viele gute bis sehr gute Beiträge gesehen. Das wird nicht einfach, nochmal einen draufzusetzen. Aber ich bin bereit – 2018 kann kommen.

Startschuss

Alles klar, es geht los – ich habe lange überlegt, ob ich diesen Schritt wagen und einen eigenen Blog starten sollte oder nicht. Die meiste Zeit habe ich nur sporadisch gegrübelt und es sogleich wieder verworfen gehabt. Was sollte ich auch damit? Habe ich überhaupt etwas der Welt mitzuteilen? Bin ich nicht eigentlich ein fauler Hund, der das eh irgendwann versanden lassen würde? Und hatte ich nicht eh schon eine passende Plattform für meinen unregelmäßigen Output zum Thema Filme?

Richtig – hatte ich. Neuerdings aber nicht mehr, weil technische Probleme bei Dritten verhindern, dass ich fortfahren kann. Dieser Blog entsteht also just in diesem Moment aus der puren Not heraus und soll zunächst einmal Ersatz und Unterstützung sein. Aber wer weiß, vielleicht verselbstständigt er sich ja auch ganz fix?

Wie dem auch sei: Hier wird es in erster Linie darum gehen, dass ich meiner Vorliebe für Filme fröne, aber vielleicht wird sich in Zukunft auch Raum für andere Themen finden. Am Ende des Tages werden es wohl eh nur zufällige geistige Ergüsse eines durchschnittlichen Typen, eines „Average Joes“, sein oder wie in meinem Falle, eines „Average Mos“.

Na dann. Gehen wir’s an.

Aber vorher noch ein fixes Nickerchen.

brother