Berlinale 2017 – Tops, Flops und was sonst noch so passierte

Vom 9. – 19. Februar fand wieder einmal die Berlinale statt und lud Filmemacher, Stars und natürlich zahlreiche Zuschauer ein, sich Filme aus aller Welt und zu den verschiedensten Themen anzuschauen und über sie zu diskutieren. Auch dieses Mal war ich mit einer Akkreditierung unterwegs gewesen. Über die filmischen Hochs und Tiefs berichte ich euch an dieser Stelle (leider viel, viel, VIEL zu spät – danke Technik!).

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Die erste und vielleicht überlebenswichtigste Feststellung der diesjährigen Berlinale war: Der Ticketschalter für Presseakkreditierte öffnete seine Pforten eine halbe Stunde später als im Vorjahr! Welch ein Glück! Aber gut, so viel dazu.

Wie jedes Jahr im Februar erhellte die Berlinale mit ihren Dekos, Lichtern, Stars und Sternchen die dunkelste Jahreszeit und sorgte für glühende Verehrung und lodernde Entrüstung in Zeiten der Minusgrade. Insgesamt flimmerten 45 Filme an meinen mal aufmerksamen, aber hin und wieder auch müden Augen vorbei. Was für einen Eindruck sie letztendlich hinterließen, soll hier anhand ausgewählter Höhepunkte und Enttäuschungen geschildert werden.

Lachen

Im Rahmen der Berlinale passiert es oft, dass man schwer zugängliche Filme mit bedrückenden Inhalten sieht. Umso größer ist die Erleichterung, wenn man zwischendrin herzhaft lachen kann. Begeistert war ich von zwei Filmen des Wettbewerbs, die ich beim diesjährigen Festival erleben durfte: „The Party“ ist wie „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, nur in schwarz-weiß und eine kleine Spur schärfer. „Die andere Seite der Hoffnung“ von Aki Kaurismäki bekam verdientermaßen einen Silbernen Bären für die Beste Regie und gewinnt mit skurrilem Humor dem ernsten Thema der Flüchtlingskrise etwas Menschliches ab.

Regisseur Nicolas Wackerbarth lässt in „Casting“ eine Filmemacherin nach einer geeigneten Hauptdarstellerin suchen und das Vorhaben entpuppt sich als hysterisch und zumindest für den Zuschauer als pures Vergnügen. Der meines Erachtens ziemlich ärgerliche „Mr. Long“ punktet zumindest mit putzigen Nachbarn des Titelhelden, deren bedingungslose Solidarität und Hilfsbereitschaft höchst amüsant ist und schizophrenerweise entlockt auch die Netflix-Doku „Casting Jonbenet“ dem Kinogänger einige unerwartete Lacher. Und das, obwohl es um einen Mord an einem kleinen Mädchen geht, der, so wird getan, von Laien nacherzählt werden soll und deren authentischen Aussagen ofts ins Komische abdriften.

Die wahre Welt auf der Leinwand – Die Dokus

Und überhaupt die Dokus, von denen ich einige sah, was, ich gestehe, in der Vergangenheit nicht so häufig vorkam. „Casting Jonbenet“ nähert sich seinem Thema auf eine ziemlich unorthodoxe Weise an und auch wenn der Film am Ende keine Antworten liefern kann, so kann man sich mit ihm ein Bild davon machen und wie es gleichzeitig wahrgenommen wurde, alles durch die Erinnerungen von Menschen, die als mögliche Darsteller gecastet werden sollen (so denken sie) und die von ihren persönlichen Bezügen zum Mordfall Jonbenet sprechen. Ebenfalls experimentell: „La Libertad Del Diablo“, in dem Opfer und Täter der mexikanischen Drogenkartelle ihre Erlebnisse direkt in die Kamera schildern, allerdings durch Masken vermummt. Durch die pure Grausamkeit des Geschilderten und den durch die Masken entfremdet wirkenden Gesichtern, erhält die Doku eine ganz gespenstische Qualität, die gefangen nimmt.

Mit „For Ahkeem“ und „I Am Not Your Negro“ standen auch zwei Dokumentarfilme auf dem Plan, die sich mit dem Leben von Afroamerikanern befassen. „For Akheem“ folgt dabei einer Protagonistin im Hier und Jetzt und macht systematische Diskriminierung, das problematische Schulsystem und Perspektivlosigkeit zum Thema. Wenngleich er diese Punkte durchaus nahezubringen weiß, so kann man einen gewissen Grad an Inszenierung nicht leugnen, was ich ein wenig problematisch fand. „I Am Not Your Negro“ wählt eine eher geschichtliche Herangehensweise, die aber punktgenau ins Herz der US-amerikanischen Seele trifft.

Kinder, die versuchen sich in der Welt zurechtzufinden, waren Gegenstand von einigen Dokus der Kinder- und Jugendsektion Generation. In „Almost Heaven“ beginnt ein junges chinesisches Mädchen eine Ausbildung zur Leichenbestatterin. Ohne Kommentar und nur von einer beobachtenden Kamera begleitet, eröffnet sich dem Zuschauer eine rührende Geschichte eines jungen Menschen, der umgeben vom Tod ist und sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. „Soldado“ folgt einem Jugendlichen auf seinem Weg durchs Militär. Durch ungewöhnliche Perspektiven entlarvt der Film den Militärapparat bisweilen als eine Art chaotisches Bühnenstück; sein Protagonist ist allerdings ziemlich passiv und damit als Identifikationsfigur nur bedingt geeignet.

Übrigens: China wird in den nächsten 10-15 Jahren Fußball-Weltmeister. In „Eisenkopf“ (lief in der Perspektive Deutsches Kino) wird nämlich von dem skurrilen Vorhaben berichtet, Fußballtraining mit Kung-Fu zu kreuzen.

Seltsame Gäste

Ab und an gab es einige Filme zu sehen, bei denen ich mir die Frage stellte, was sie eigentlich bei einem internationalen Filmfestival wie der Berlinale zu suchen haben. Denn ganz grob heruntergebrochen (wirklich grob) liegt der Schwerpunkt doch eher auf Arthouse-Kino aus der ganzen Welt oder filmischen Experimenten. Da mutete die Präsenz des Marvel-Films „Logan“ schon sehr befremdlich an. So viel geballte Mainstream- ja geradezu Blockbuster-Power dürfte es in der Vergangenheit kaum gegeben haben. Ich gebe jedoch zu, dass der Mainstream genau das ist, was ich immer wieder neu zu schätzen lerne, während ich auf der Berlinale zugange bin. Von daher genoss ich es in vollen Zügen, der Weltpremiere mit Hugh Jackman und Patrick Stewart beizuwohnen und gegen Ende des Festivals die primitive Seite meiner filmischen Libido in Form brutaler Action zu befriedigen.

Auch „El Bar“ von Álex de la Iglesia, der sogar im Wettbewerb lief, war ein wenig Fehl am Platze. Als dreckiger, hektischer, kompakter Thriller mit etwas Ekelpotenzial könnte man sich den Film eher auf dem Fantasy Filmfest vorstellen. Und siehe da: Nur wenige Tage nach der Berlinale wird er prompt für die Fantasy Filmfest Nights angekündigt.

Zuguterletzt gab es noch die Sorte Filme, die ich mir persönlich eher als Kunstinstallation oder eben im Rahmen einer Ausstellung in einer Galerie vorstelle, als in einem Kino – so betont künstlerisch (ich finde es meist eher gekünstelt) und provokant (prätentiös) konnte es schon mal zugehen. „Fluido“ war meines Erachtens so ein Film, der mittels expliziter Masturbation, ejakulierender Penisse und ganz viel Sperma und Urin vermutlich irgendetwas gesellschaftskritisches zu Geschlechtern, Sex und dergleichen sagen wollte, aber eigentlich nur tierisch nervte. Zumindest kann ich jetzt sagen, dass ich im vorübergehend größten Pornokino Berlins mit mehreren hundert Gästen saß.

Flops

Zum Schluss möchte ich noch einige meiner Tops und Flops des Festivals nennen. Beginnen wir mit den Flops, zu denen eben genannter „Fluido“ zählt. „Joaquim“, ein Wettbewerbsbeitrag, machte enorm neugierig mit einer extrem atmosphärischen ersten Einstellung von einem wolkenverhangenen Himmel und einem abgetrennten Kopf im Vordergrund. Nur hatte sich damit schon alle inszenatorische Kreativität der Macher erschöpft und was folgte war verwackelte Langeweile, die kein Ende nehmen wollte.

Der bereits erwähnte „Mr. Long“ machte die erste Hälfte über alles richtig: Er war schwer unterhaltsam, bot Witz wie Action und sah schick aus. Doch dann wird er in der Mitte von einer langen Rückblende ausgebremst, die den Film im Nachgang zu überschatten schien und den Ton grundlegend verändert hat. Danach war es einfach nicht mehr derselbe Film, weshalb er zum vielleicht größten Ärgernis wurde. Es wurde einfach ein enormes Potenzial verschenkt.

Die Hits

Naja, wozu noch lange aufhalten mit Titeln, die einen eh nur verärgert haben, wo es doch so viel Gutes zu sehen gab. Die absolute Krönung war für mich „Insyriated“, der unter dem deutschen Verleihtitel „Innen Leben“ am 22. Juni 2017 regulär in die Kinos kommen wird. Darin geht es um eine zusammengewürfelte Gruppe Menschen, die in einer einzigen Wohnung ausharrt, während draußen der Krieg in Syrien tobt. Der enge Raum und die Tonspur sorgen für eine realistische wie beklemmende Atmosphäre, die Darbietungen der Darsteller sind furchtlos und mitreißend.

Neben den sehr unterhaltsamen „The Party“ und „Die andere Seite der Hoffnung“ punktete auch „Butterfly Kisses“ in der Generation. Die edlen schwarz-weiß Bilder und die Tatsache, dass drei Jugendliche in eher sozial schwachen Umständen im Mittelpunkt stehen, weckten sofort Erinnerungen an „La Haine“ von 1995. Der Film fühlte sich zu jederzeit authentisch an und packte zu meiner Überraschung mit Pädophilie ein ziemlich ungewöhnliches Thema für einen Film über Jugendliche an.

Ebenfalls beeindruckt war ich von „Requiem For Mrs. J“, obwohl ich kurz vor der Vorstellung eher kritische Meinungen zum Film hörte und ich beinahe wegen Müdigkeit ausgesetzt hätte – zum Glück habe ich es nicht getan. Verhaltener, skurriler Humor trifft auf jede Menge schöne komponierte Bilder, die jedoch von großer Melancholie begleitet werden. Beim optimistischen und, wie ich finde, lohnenswerten und sich aufrichtig anfühlenden Ende ging mir dann sogar richtig das Herz auf.

Fazit

Es war meine achte Berlinale in Folge und ich denke, das war insgesamt die beste, der ich persönlich je beiwohnen konnte. Ich weiß natürlich nicht, ob ich dieses Jahr einfach nur mehr Glück hatte bei der Auswahl der Filme oder ob das Programm allgemein so gut war, aber noch nie habe ich so viele gute bis sehr gute Beiträge gesehen. Das wird nicht einfach, nochmal einen draufzusetzen. Aber ich bin bereit – 2018 kann kommen.

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