Film-Review: „Innen Leben“

OT: „Insyriated“
Regie: Philippe Van Leeuw
mit: Hiam Abbass, Diamand Bou Abboud, Juliette Navis

innen leben

Krieg, so grausam er auch sein mag, hat die Menschheit schon immer fasziniert und auch das Kino als Kunstform hat sich oft genug mit diesem schrecklichsten aller Zustände auseinandergesetzt. Dabei kommen einem spontan immer zuerst Bilder von intensiven Kampfszenen in den Sinn, in denen die Kugeln nur so an einem vorbeischwirren und das Chaos auf dem Schlachtfeld möglichst realistisch und fühlbar dargestellt wird. Die Front ist grausam, wird aber letztendlich nur von den vergleichsweise wenigen Soldaten erlebt, die sich dort aufhalten. Doch was ist mit der Zivilbevölkerung? Wie nimmt diese einen Konflikt in ihrer Heimat wahr? Und wie gestaltet sich das alltägliche Leben im Angesicht der Krise? Einen Eindruck davon vermittelt „Innen Leben“ von Regisseur Philippe Van Leeuw.

Darin wird von einem einzigen Tag in einer einzigen Wohnung mitten im Kriegsgebiet erzählt. Wegen der widrigen Umstände hat Oum Yazan (Hiam Abbass) einige Nachbarn bei sich zuhause aufgenommen und versucht nun mit strenger und doch fürsorglicher Art ihnen und ihrer eigenen Familie einen möglichst normalen Alltag zu bieten. Im Anbetracht der knapp gewordenen Ressourcen und der ständig präsenten Gefahr eine wahre Herkulesaufgabe. Denn vor die Tür trauen können sie sich nicht, ein Scharfschütze hat den Bereich vor dem Haus im Visier und eine falsche Bewegung bedeutet den sicheren Tod.

Durch den konsequent begrenzten Raum bleibt man als Zuschauer permanent an den Figuren dran. Es gibt kein Spektakel und der Krieg tobt scheinbar unsichtbar im Fernsehen – bis der nächste Schuss fällt oder eine Bombe in der Nähe einschlägt. Zwischen den alltäglichen Handlungen in dieser Zwangs-WG baut Van Leeuw vereinzelte Momente enormen Schreckens ein, die gerade durch ihre scheinbare Zufälligkeit an Intensität gewinnen. In einem Moment scheint man sich der Illusion eines geregelten Lebens hingeben zu können, da kracht es plötzlich nur so auf der Tonspur. Gangster, die zu Kriegszeiten das Elend der Bevölkerung ausnutzen wollen, klopfen an die verriegelte Tür und drohen, sich Zugang zu verschaffen und in einem ganz besonders packenden Moment sorgt nur der rote Punkt eines Laserpointers für ein kollektives Raunen im Saal.

Dass es sich um den Konflikt in Syrien handelt, wird nur durch wenige Hinweise deutlich gemacht (zu denen man durchaus auch den Originaltitel des Films „Insyriated“ zählen darf). Ansonsten wirkt der Krieg im Film erstaunlich anonym, die Geschichte und die Themen bekommen dadurch etwas Universelles. Die eigenen vier Wände, die es als Ort des Friedens und der Geborgenheit zu schützen gilt, gleichen sich überall auf der Welt, ebenso die Gewalt, die von außerhalb eindringen will.

Van Leeuws Inszenierung ist realistisch und verbietet sich jedwede nennenswerte Spielereien. Der Schnitt wirkt messerscharf und die Kamera heftet sich in hektischen Moment direkt an die Fersen der Figuren. Aber nichts wäre der Film ohne seine Darsteller, in deren Gesichter man 90 Minuten lang schaut. Und zum Glück weiß das gesamter Ensemble zu begeistert, wobei ein Frauentrio ganz besonders heraussticht: Hiam Abbass liefert als Mama für alle eine herausragende und vielschichtige Darbietung ab, bei der sich Strenge, panische Angst und liebevolle Zuneigung gleichsam die Waage halten und ein eindringliches Porträt einer starken Frau im Krieg ergeben. Juliette Navis verkörpert als Delhani wunderbar einen inneren Gewissenskonflikt und Diamond Bou Abboud muss eine der grausamsten Szenen des gesamten Films durchstehen und meistert ihre Aufgabe mit Bravour und absoluter Furchtlosigkeit.

„Innen Leben“ wurde auf der Berlinale 2017 gezeigt, wo er den Publikumspreis in der Panorama-Sektion gewann und das vollkommen zurecht. Philippe Van Leeuw ist mit seinem Film eines der wohl packendsten und bewegendsten Plädoyers gegen den Krieg seit langer Zeit gelungen, das niemanden kalt lässt, zum Nachdenken anregt und hoffentlich den Zuschauer nachhaltig für die Thematik und den spezifischen Konflikt sensibilisert.

9/10

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