Film-Review: „Sieben Minuten nach Mitternacht“

OT: „A Monster Calls“
von J.A. Bayona
mit Lewis MacDougall, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Liam Neeson

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Das deutsche Kinojahr 2017 hat mit „Jackie“ und „Manchester By The Sea“ gleich zwei hoch angesehene Filme über Verlust und Trauer gesehen. Gemein ist ihnen, dass sie die Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen behandeln und dabei sehr unterschiedliche Wege gehen. Auch in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ geht es um die Verarbeitung der Sterblichkeit, aber anders als in den anderen Filmen, steht in der Geschichte hier der Tod erst noch bevor – und nicht Erwachsene, sondern ein heranwachsender Junge muss sich mit dem Unausweichlichen befassen.

Der junge Conor (fantastisch – Lewis MacDougall) lebt mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones) allein in einem Haus und verbringt die Tage damit, zuhause vollkommen selbstständig zu sein, während er in der Schule permanent gehänselt wird. Immer wieder plagt ihn derselbe Albtraum vom Verlust seiner Mutter. Dann, eines Tages, steht plötzlich ein riesiges Baummonster (Liam Neeson) vor seiner Tür, das ihm ein paar düstere Gute-Nacht-Geschichten erzählen will…

Für „Sieben Minuten nach Mitternacht“ vermengt Regisseur J.A. Bayona verschiedene Stilmittel: Die Momente, bevor das Monster die ersten Male in Erscheinung tritt, sind ganz klar am Horrorfilm angelehnt. Aber wenn es dann seine ersten zwei Geschichten erzählt, stellt Bayona alles auf den Kopf und aus einem zunächst düsteren Fantasy-Märchen mit realen Darstellern und Schauplätzen wird auf einmal ein farbenfroher Animationsfilm, dessen Bilder wie mit Wasserfarben gemalt aussehen. Dass aber der Stilmix nicht zur bloßen Fassade verkommt, dafür wird aber auch gesorgt.

Vielmehr dienen die Geschichten Fabeln gleich, dem kleinen Conor wichtige Lektionen über die Beschaffenheit der Welt und des Lebens zu vermitteln, in denen nichts einfach nur schwarz und weiß ist. Lektionen, die ihn zu einen ganz bestimmten Moment der Erkenntnis hinführen sollen, die sein späteres Leben prägen und ihm helfen soll, dem bevorstehenden Tod seiner Mutter zu akzeptieren. Denn der ist unabwendbar, doch Conor will es nicht realisieren, klammert sich an jede noch so kleinen Hoffnung, während in ihm Trauer und Zorn wachsen.

Der Film in seiner Gesamtheit funktioniert aber auch, weil er sich und seinen Figuren vor allem viel Geduld einräumt. Es wird ausreichend Zeit darauf verwendet, Conor und die anderen Figuren einzuführen, ihre Beziehungen zueinander fest zu etablieren, ebenso wie ihre Gefühlswelt, die in beinahe jedem Moment sicht- und spürbar wird, ohne sie jedoch mit Penetranz an den Tag zu legen. Bayona vertraut auf sein Publikum, sich voll und ganz drauf einzulassen. Wenn dann der Film immer intensiver und emotionaler wird, dann wirkt das dank der geleisteten Vorarbeit im Skript nicht etwa übermäßig manipulativ. Bayonas Werk hat sich die entsprechenden Szenen schlichtweg redlich und aufrichtig verdient und spielt sie dann auch zurecht voll aus. Und das verfehlt seine Wirkung nicht, das muss man getrost feststellen.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird also nuanciert und gefühlvoll erzählt und zudem getragen von großartigen Darbietungen der Besetzung. Allen voran sticht natürlich Lewis MacDougall heraus, der trotz seiner jungen Jahre es schafft, diese emotional schwierige und komplexe Rolle zu meistern. An seiner Seite liefern aber auch Felicity Jones und Toby Kebbell rührende Leistungen ab und ganz besonders sollte auch Sigourney Weaver erwähnt werden, die als zunächst despotische, aber dann einfühlsame Großmutter einfach nur fantastisch ist. Und auch inszenatorisch beeindruckt der Film mit feiner Kameraarbeit und einem wunderschönen Score. Lediglich die visuellen Effekte ließen ein klein wenig zu Wünschen übrig: Während das Monster beeindruckend und sehr detailliert realisiert wurde, hätten ausgerechnet im großen Finale die computergenerierten etwas mehr Feinschliff vertragen können. Dass das nicht weiter ins Gewicht fällt, liegt jedoch and er schieren emotionalen Wucht der Story.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Film über die Trauer vor dem Tod eines geliebten Menschen, das kindliche wie erwachsene Perspektiven zulässt und zugleich auch als fantasievolles Coming-of-Age-Drama funktioniert, das sich seine großen emotionalen Momente mit Sorgfalt und stets glaubwürdigen Figuren erarbeitet. Und wenn diese Momente dann da sind, bleibt einfach kein Auge trocken.

9/10

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