Film-Review: „Jahrhundertfrauen“

OT: „20th Century Women“
von Mike Mills
mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Billy Crudup

_DSC1015.NEF

Mike Mills meldet sich nach mehr als sechs Jahren nach seinem letzten Film „Beginners“ wieder mit einer neuen Regiearbeit zurück. In „Jahrhundertfrauen“ versammelt er mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig und Billy Crudup einen fantastischen Cast vor der Kamera, die dem jungen Lucas Jade Zumann beim Heranwachsen zu einem richtigen Mann zur Seite stehen (sollen).

Die Filmhandlung ist angesiedelt im Jahr 1979, doch die Geschichte und die Figuren darin sind mehr als bloß eine Momentaufnahme längst vergangener Zeiten. Im Zentrum stehen die von Bening verkörperte Dorothea Fields und ihr von Zumann gespielter Sohn Jamie. Letzterer befindet sich mit seinen 15 Jahren mitten in der Pubertät und versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Da Dorothea offenbar immer mehr den Draht zu ihrem Sprössling verliert, beauftragt sie die 17-jährige Julie (Elle Fanning), Jamies beste Freundin, und die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig) sich seiner anzunehmen.

An dieser Stelle könnte man vermutlich schnell in die Falle tappen, die Story aus einer relativ einseitigen, ausschließlich femininen Sichtweise zu erzählen, aber zum Glück umschifft das Drehbuch von Mills solch etwaigen Fehler mit Leichtigkeit. Der junge Jamie verkommt nicht einfach zur einer formbaren Spielfigur, auf die die Frauen aus verschiedenen Generationen etwas projizieren können. Trotz allem bleibt es ein Geben und Nehmen und der junge Jamie trägt ebenso viel mit seiner Präsenz zum Leben der Mädels bei, wie umgedreht.

Denn während der Ausgangspunkt zwar die Unsicherheiten des Jungen sind, so offenbaren sich derlei ebenso auch bei Abbie, Julie und letztendlich seiner Mutter, die sich mit allerlei eigenen Problemen herumschlagen. Dabei sind ihre Ängste nicht einfach nur Reflexion der Zeit, in der sie leben, sondern zu gleichen Teilen typisch für ihre jeweiligen Alters- und Entwicklungsstufen und darüberhinaus schlicht und ergreifend universell. Die junge Julie ist mindestens genauso orientierungslos wie Jamie, Abbie macht sich Gedanken über ihre Zukunft und Dorothea muss sich unweigerlich Fragen gefallen lassen, ob sie ihr bisheriges Leben richtig gestaltet hat. Anhand von William (Billy Crudup) werden aber auch Themen wie männliche Vorbilder und dieselbe Verwirrheit im Leben aus einer maskulinen Perspektive behandelt.

Insgesamt, so der Eindruck, porträtiert der Film auf äußerst stimmige und kluge Weise, wie man sich als Persönlichkeit zu jeder Zeit im Spannungsfeld zwischen äußeren gesellschaftlichen Umbrüchen und seiner ganz eigenen Historie als Mensch befindet und man stets versuchen muss, diese Kräfte für sich selbst auszubalancieren. Sonst passiert es schnell, dass man wie zum Beispiel Dorothea und William im Film zu einer älteren Generation gehört, die den Anschluss an die jüngere zu verpassen droht und man sich deshalb krampfhaft mit Punkrock anzufreunden versucht.

Die vielschichtigen Figuren werden dabei von der erstklassigen Besetzung mit viel Herz zum Leben erweckt, aus der Annette Bening ganz besonders hervorsticht und eine brillante Leistung bietet, die rückblickend absolut oscarwürdig erscheint. Aber auch Fanning, Gerwig und Crudup liefern einfühlsame Porträts ab und sorgen dafür, dass man sie trotz ihrer Verfehlungen ins Herz schließt. Dafür sorgt aber auch Mills‘ kluges Drehbuch, das für einen Oscar nominiert wurde, und das interessante Wortwechsel mit zaghaftem Humor vermengt.

Fazit: „Jahrhundertfrauen“ ist ein zutiefst bewegendes generationenübergreifendes Porträt mit famosen Darstellern, mit dem Regisseur Mike Mills einmal mehr beweist, was für ein präzises Auge er für die Gefühle seiner Protagonisten an den Tag legt.

9/10

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s