„Song To Song“ oder: Terrence Malick, Emmanuel Lubezki und der göttliche Erdenbesucher

SONG TO SONG

Ich habe bislang jeden Film von Terrence Malick gesehen, bis auf „Voyage Of Time“, der schlichtweg noch nicht in deutschen Kinos lief. Das ist an sich keine große Leistung, schließlich gehört Malick nicht gerade zu den Produktivsten der Regiezunft. „Der Schmale Grat“ ist jedenfalls einer meiner absoluten Lieblingsfilme und auch von „The Tree Of Life“ halte ich nach wie vor extrem viel. Nichtsdestotrotz fällt es mir seit geraumer Zeit immer schwerer, das, was ich bei einem Malick-Film sehe, noch in Worte zu fassen. So auch seine Filme „Knight of Cups“ und ganz neu „Song To Song“ mit Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling und Natalie Portman. Ich möchte mich ehrlich gesagt nicht an einer Filmkritik versuchen, ich glaube, dazu fehlen mir die passenden Worte und irgendwie auch die Gedankengänge. Nur über einen Aspekt möchte ich kurz sinnieren: Die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki.

Dem Mexikaner gelang das Kunststück gleich dreimal in Folge den Oscar für die Beste Kamera einzutüten (für „Gravity“, „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ und „The Revenant“). Seit Malicks „The New World“ von 2005 hat er aber auch jeden einzelnen Film des Regiesseurs mit seiner Arbeit begleitet. Und was die beiden gemeinsam spätestens seit „Tree Of Life“ schaffen, ist in meinen Augen vollkommen einzigartig.

Denn so wie die Kamera geführt wird, fängt diese nicht einfach das Geschehen möglichst effektiv und kunstvoll ein. Bei ihr handelt es sich um einen unsichtbaren Protagonisten, ja vielleicht sogar um DEN Protoganisten schlechthin in Malicks Filmen seit 2011. Denn was auffällt sind diese steten Steadicam-Shots, bei denen die Kamera stets in Bewegung bleibt, sich an die Darsteller heftet, diese zunächst beobachtet – und dann plötzlich den Blick abzuwenden scheint. Dann sieht der Kinogänger quasi durch die Augen der Kamera, wie diese an den Schauspielern vorbeizuschielen scheint, auf dem Boden umherblickt oder kurz mal in den Himmel schaut und auf diese Weise kleine, flüchtige Details einfängt.

Das hat natürlich System bei Malick, der genau auf diese Weise filmen lässt, die Kameras sind stets am Rollen, die Darsteller permanent am Spielen, auf dass ja ein authentischer Moment des flüchtigen Lebens entstehen mag, den man auf diese Weise einfängt. Und Lubezki liefert ihm all diese Eindrücke, Nuancen nicht nur in den Gesichtern der Stars, sondern in den Bewegungen ihrer Füße und Hände, besonders deren Hände, der Umgebung – einfach überall. Weil die Kamera scheinbar unmotiviert den Blick schweifen lässt, bekommen ihre Bewegungen etwas sehr subjektives, spontanes. Statt also einfach nur Bilder zu sehen, die die Kamera zwar liefert, hinter denen sie sich als Apparat allerdings versteckt, wird sie hier lebendig und selbst zum unsichtbaren Teil des Geschehens.

Bemerkt wird sie von den übrigen Figuren natürlich nicht und doch ist sie mittendrin, zwischen ihnen und dank des Schnitts auch einfach überall jenseits von Raum und Zeit so scheint es. Als Zuschauer bekomme ich dann das Gefühl, tatsächlich durch die Augen von jemand Fremdes zu schauen. Und weil diese unbekannte Figur keinen Namen hat und allwissend über die Szenerie schwebt und gerade dort auftaucht, wo sie will, hat sie etwas Göttliches an sich. Ob ich nun den wie auch immer gearteten „Plot“ begreife, ist eine Sache. Aber einen Malick-Film erfühle ich lieber und sie helfen, die Welt ein wenig anders zu sehen und die Kameraarbeit hilft sehr dabei.

Es ist wirkt so, als wäre Jemand oder Etwas vom Himmel herabgestiegen und ist zum ersten Mal auf der Erde. Neugierig schaut es sich um, betrachtet so banale Dinge wie Gegenstände und Pflanzen, schaut aber auch aufmerksam in die Gesichter der Menschen und versucht, in ihnen zu lesen, nur um dann anschließend einen kleinen Spaziergang fernab der Zivilisation in der Natur zu unternehmen. Dass diese Entität einen fremden Blick auf das irdische Dasein wirft und selbst nicht Teil des Ganzen ist, wird oftmals durch das Sound-Design zusätzlich betont. Ganz gleich, ob Dialoge stattfinden oder man sich in einer eigentlich lauten Disco bewegt: Die Tonspur wird häufig reduziert und Geräuschquellen so weit heruntergefahren, dass sie nur noch wie eine Art Hintergrundrauschen wahrgenommen werden. Darüber werden eher beständige, ruhige atmosphärische Klänge oder klassische Musik gelegt, was das Gezeigte nicht nur stark kontrastiert. Es gibt ihm eine unwirkliche, von der Realität entrückte Qualität.

Das ist zwar an sich kein exklusives Stilmittel, aber im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Kameraführung verstärkt es sogar noch die Subjektivität des göttlichen Besuchers: Er ist nicht Teil unserer Welt und sein Blick ist distanziert, reflektiert, mal neugierig, einfühlsam, aber auch gelegentlich voller Bedauern über das, was er zu Gesicht bekommt. Als Filmgucker erhalte ich so Zugang zu einer neuen Perspektive, einem neuen Bewusstsein, die mir meine eigene Sicht der Dinge im Alltag kaum ermöglicht – und vielleicht erhalte ich so auch den Anstoß zu einem neuen Denken.

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