Film-Review: „Viral“

von Henry Joost, Ariel Schulman
mit Analeigh Tipton, Sofia Black-D’Elia

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Immer wieder gern gesehen im Horrorgenre: Die unheimliche, rätselhafte, aber in jedem Fall tödliche Epidemie. Ob es sich um ein Virus handelt oder sonstige Erreger, wer auch immer davon befallen wird, stirbt meist einen grauenvollen Tod oder verwandelt sich in eine Art Zombie. In „Viral“ geht es um einen wurmartigen Parasiten, der über das Blut übertragen wird und sich anschließend im Wirtskörper ausbreitet. Schon nach kurzer Zeit beginnt der Wurm, die Kontrolle über den Wirt zu übernehmen und ihn grausame Dinge machen zu lassen.

Davon ist im Film ein kleiner Vorort in den USA betroffen, wo sich die Krankheit rasend schnell ausbreitet. Mittendrin stecken auch die beiden Schwestern Emma (Sofia Black-D’Elia) und Stacey (Analeigh Tipton), die aufgrund der Geschehnisse dazu verdammt werden, in ihrem Haus auszuharren. Doch eines Nachts machen sie sich trotzdem zu einer Party auf. Mit verheerenden Folgen: Stacey wird infiziert und verwandelt sich langsam in ein immer hungrigeres und äußert aggressives Wesen. Und zunächst scheint es keine andere Wahl für Emma zu geben, als ihre eigene Schwester dem Schicksal zu überlassen…

Das Regieduo Henry Joost und Ariel Schulman bewies erst 2016 mit ihrem High-Tech-Thriller „Nerve“, das sie zwei durchaus talentierte Filmemacher mit einem ausgesprochenen Gespür für Stil sind. Audiovisuell machte der Film viel her und auch bei „Viral“ lässt sich trotz eines offenkundigen niedrigen Budgets erkennen, dass die beiden versucht haben, dem Werk optisch einen netten Anstrich zu verpassen. Die Bilder sehen oft wie geleckt aus und nicht selten gibt es zwar insgesamt nicht besonders auffällige, aber doch feine Kamerafahrten zu beobachten. Dadurch bekommt man den Eindruck, dass die Bilder sich in einem weichen Fluss befinden, die Kamera steht selten still.

Allerdings kann man hier bereits einen ersten Kritikpunkt nennen: Die Inszenierung erscheint makellos, aber auch zu glatt für einen kurzen, kleinen Horrorschocker. Das wäre aber dennoch nicht so schlimm, wenn „Viral“ außerordentlich spannend wäre oder seiner Prämisse etwas interessantes abgewinnen würde. Aber auch hier wird man weitestgehend enttäuscht. Mitunter wird es etwas eklig, wenn der Wurm sich in Großaufnahme unter der Haut windet, ansonsten beschränkt sich der Goregehalt weitestgehend auf ausgespucktes Blut. Und der Angstfaktor wird fast nie über einen simplen Jumpscare hinaus geschraubt. Stattdessen verpassten es die Macher, die zunehmende Bedrohung im Film auch mit einer sich stetig zuspitzenden Dramaturgie zu versehen. Ein Tritt auf das Gaspedal hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, doch wann immer in „Viral“ die Hölle losbricht, ist es nur wenig später auch wieder damit vorbei. Eine potenziell spannende Idee – Stichwort „Nest“ – wird zum Ende des Films nur noch kurz angerissen und auch nicht weiter intensiviert, was schade ist.

Die Darsteller, allen voran Analeigh Tipton und Sofia Black-D’Elia als Schwesternpaar, machen ihre Sache grundsolide, gerade mit Hinblick auf das, was ihnen an die Hand gegeben wird vom Drehbuch. Aber in den wenigen 86 Minuten, die der Film dauert, geht ihre an sich innige Beziehung kaum über Lippenbekenntnisse hinaus, sodass die der Geschichte eigentlich inhärente Tragik nur wenig Gewicht erhält.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass „Viral“ wie eine Fingerübung für Henry Joost und Ariel Schulman wirkt, mit der sie sich bei Laune gehalten haben. Der Streifen ist hübsch anzuschauen, aber für mehr als einen mäßig spannenden Gruselquickie reicht er nicht.

4/10

Film-Review: „Atomic Blonde“

von David Leitch
mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella

Coldest City, The

Erst vor zwei Jahren stellte Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis, dass sie furiose Actionfilme locker bestreiten kann. Nun meldet sich die Oscarpreisträgerin mit einem neuen Film zurück, der ihr besonders körperlich so ziemlich alles abverlangt haben dürfte: „Atomic Blonde“.

Inszeniert wurde das Ganze von einer „John Wick“-Regiehälfte und zwar von David Leitch. Und wenn man sich mal vor Augen führt, dass sein Partner Chad Stahelski alleine „John Wick: Kapitel 2“ gedreht hat und Leitch bei „Blonde“ ebenfalls auf Solopfaden wandelte, muss man feststellen, dass Leitch der etwas talentiertere der beiden ist. Visuell verleiht er der in Berlin vor dem Mauerfall spielenden Handlung einen zwar kühlen, aber stylishen Anstrich, der durch geschmackvolle Farb-und Lichteinfälle immer wieder aufgelockert wird. Szenen in Hotel-oder Clubräumen werden bisweilen in Neonfarben getaucht, an anderer Stelle prügelt sich Theron schattenhaft mit einem Handlanger, während im Hintergrund eine Kinoleinwand bespielt wird.

Natürlich muss man an dieser Stelle auch die zahlreichen Actionszenen hervorheben. Leitch und sein Team taten gut daran, Prügeleien oder Schießereien stets übersichtlich und mit vergleichsweise wenig Schnitten zu filmen, wodurch das Gemetzel sich wunderbar vor dem Auge des Zuschauers entfalten kann. Ganz besonders deutlich wird es bei DER zentralen Actionsequenz nach etwas mehr als die Hälfte. Mehrere Minuten lang prügelt und ballert sich Theron durch ein Treppenhaus, verschanzt sich, macht dann weiter, flüchtet mit einem Schützling in ein Auto und fährt davon, die Verfolger dicht an ihren Fersen – und das geschieht alles ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt. Eine atemlose Sequenz, die grandios durchchoreographiert und auf allen Ebenen exzellent ausgeführt wurde. Die Kamera ist nah dran am Geschehen und schafft es trotzdem, alles im Blick zu behalten und die räumlichen Gegebenheiten, in denen sich die Action abspielt, stets klarzumachen. Und was Theron und ihre Stuntmänner veranstalten ist der helle Wahnsinn und, ja, auch sagenhaft gut gespielt. Wenn zum Ende der Sequenz alle Beteiligten schnaufen und taumeln meint man selbst die Erschöpfung zu spüren. Diese Sequenz sucht im Kinojahr 2017 bislang ihresgleichen und ist alleine das Eintrittsgeld wert.

Leider kann der Rest des Films nicht mithalten. Zwar ist die Besetzung mit Theron, James McAvoy, Sofia Boutella und John Goodman wirklich hochkarätig geworden, doch halbwegs interessante Figuren stellt niemand von ihnen dar. Hintergründe bleiben Fehlanzeige, die Persönlichkeiten bleiben nur grob skizziert und kühl. Und die Handlung ist regelrecht egal: Dass diese im Grunde eine einzige Rückblende ist und der Film deshalb in der Zeit vor- und zurückspringt, nimmt ihm einiges an Erzählfluss, aber auch ohne bliebe einfach nur eine typische Agentenscharade, bei der am Ende keiner mehr so genau weiß, wer hier wen hintergangen hat und eigentlich interessiert es auch nicht. Dass der Film dann auch noch gefühlt einige Minuten zu lang geraten ist, schafft da keine Abhilfe.

Fazit: Eigentlich wäre „Atomic Blonde“ nur ein mittelprächtiger, dezent langweiliger Film, wäre da nicht die starke Inszenierung und vor allem die bärenstarke Action. Für die oben erwähnte Sequenz gibt es außerdem einen Bonuspunkt. Wer also über die maue Story und blasse Figuren hinwegsehen kann, bekommt wenigstens tolle Krachermomente geboten.

6/10

Film-Review: „Planet der Affen: Survival“

OT: War For The Planet Of The Apes
von Matt Reeves
mit Andy Serkis, Woody Harrelson, Amiah Miller

Twentieth Century Fox's "War for the Planet of the Apes."

Vor „Planet der Affen: Prevolution“ habe ich noch nie einen einzigen Film aus dem „Affen“-Franchise gesehen und auch den Film wollte ich mir damals zunächst nicht anschauen. Ich hielt es dummerweise für zu „affig“. Da sich mir dank meines Jobs im Kino die Möglichkeit bot, den Film umsonst anzuschauen, habe ich es trotzdem getan. Irgendetwas muss doch an dieser Reihe dran sein, dachte ich mir. Meine Güte, ich wurde eines Besseren belehrt. Begeistert verließ ich den Kinosaal und auch einige Jahre später beeindruckte mich der Nachfolger „Planet der Affen: Revolution“ über die Maßen. Nun habe ich bereits den dritten Teil sehen dürfen und eines steht jetzt schon für mich fest: Die „Affen“-Prequelreihe ist die vielleicht beste Filmtrilogie seit Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“.

In „Planet der Affen: Survival“ hat sich der Konflikt zwischen Menschen und Affen weiter zugespitzt und bei einer erneuten Auseinandersetzung müssen beide Seiten große Verluste hinnehmen. Doch dann wird eines Tages ein Attentat auf den Anführer der Affen Caesar verübt, das jedoch misslingt. Fortan sinnt er auf Rache und begibt sich auf eine Reise durch ein postapokalyptisches Land.

Matt Reeves saß erneut auf dem Regiestuhl und führt konsequent Geschichte, Stimmung und Figuren aus den vorangegangenen Teilen fort und spielt wieder einmal die ganz großen Stärken aus, die auch schon die anderen Filme so gut gemacht haben: Die Produktionswerte sind außerordentlich, es gibt große, aufwendige Sets, mitunter kracht es nur so in Gefechten und die Effekte sind wieder einmal allererste Sahne – typisches Blockbusterkino möchte man meinen. Doch all das Brimborium verkommt niemals zum Selbstzweck, sondern ordnet sich stets der Handlung und den darin Handelnden unter. Reeves und sein Team gelingt das Kunststück, auf allen Sinnesebenen zu beeindrucken und trotzdem in erster Linie höchst emotionale und intime Momente zu kreieren, die niemanden kalt lassen dürften. Auffällig ist dabei der starke Einsatz von Großaufnahmen der Gesichter, in denen sich dank der perfekten Performance-Capture-Technologie jede noch so kleine Regung ablesen lässt.

Weshalb die Technik auch ganz schnell in der Wahrnehmung des Films in den Hintergrund rückt. Dies ist die Geschichte von Caesar und seinen Affen und die Figuren sind allesamt komplex und mit allergrößtem Feingespür geschrieben, dass man die Reise mit ihnen intensivst durchlebt. Stille, intime Momente voller Mitgefühl, Wut und Trauer – weil Reeves viel Zeit in die Figuren und ihrer Ausarbeitung investiert, bekommen diese Gefühle auch tatsächlich das nötige Gewicht, das sie verdienen und weshalb sie umso wirksamer sind. Im Rahmen meiner Arbeit bekam ich schon vor einer Weile in London die Gelegenheit, die erste Stunde des Films vorab zu sehen. Das damals gezeigte Material war noch nicht fertiggestellt und an einigen Stellen waren unfertige visuelle Effekte zu sehen. Doch zu keiner Sekunde hat das gestört, weil eben alles andere einfach zu gut war und die Geschichte und die Figuren zu viel Tiefgang hatten.

Neben dem inszenatorischen Können von Reeves und der famosen technischen Umsetzung, haben natürlich die Darsteller einen enormen Anteil am Gelingen des Films. Die Affenbande wird dabei erneut von Andy Serkis angeführt, dem man so langsam wirklich einen Oscar gönnt für seine komplexe Darbietung als Caesar, die natürlich weit über das bloße Imitieren eines Affen hinausgeht. Ihm gegenüber steht der wie immer äußerst sehenswerte Woody Harrelson als Antagonist, der den ambivalenten Colonel mit Verve gibt. Erwähnen sollte man auch an dieser Stelle die kleine Amiah Miller, die als taubstummes Mädchen einen wichtigen Gegenpol zu den Affen und den anderen erwachsenen Menschen bildet. Anhand ihrer Interaktion mit den Primaten werden sowohl die Figur Caesar als auch zentrale Themen wie Mitgefühl, Verantwortung, Recht und Unrecht erörtert und Miller ist als dieser kleine menschgewordene Hoffnungsschimmer einfach bezaubernd. Zuguterletzt soll noch der kraftvolle Score von Michael Giacchino nicht unerwähnt bleiben, der den Film perfekt mit eingängigen Themen musikalisch untermalt.

Perfekt ist „Planet der Affen: Survival“ insgesamt zwar dann doch nicht, weil besonders in der zweiten Hälfte des Films das Skript einige Situationen zu sehr erzwingt, dass man sich schon mal fragen darf, wie das denn jetzt zustande gekommen ist. Trotzdem: Die Makel werden von den Vorzügen bei weitem übertroffen und so bleibt zu sagen, dass es sich hierbei um einen fulminanten dritten Teil der Reihe handelt.

9/10