Film-Review: „Atomic Blonde“

von David Leitch
mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella

Coldest City, The

Erst vor zwei Jahren stellte Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis, dass sie furiose Actionfilme locker bestreiten kann. Nun meldet sich die Oscarpreisträgerin mit einem neuen Film zurück, der ihr besonders körperlich so ziemlich alles abverlangt haben dürfte: „Atomic Blonde“.

Inszeniert wurde das Ganze von einer „John Wick“-Regiehälfte und zwar von David Leitch. Und wenn man sich mal vor Augen führt, dass sein Partner Chad Stahelski alleine „John Wick: Kapitel 2“ gedreht hat und Leitch bei „Blonde“ ebenfalls auf Solopfaden wandelte, muss man feststellen, dass Leitch der etwas talentiertere der beiden ist. Visuell verleiht er der in Berlin vor dem Mauerfall spielenden Handlung einen zwar kühlen, aber stylishen Anstrich, der durch geschmackvolle Farb-und Lichteinfälle immer wieder aufgelockert wird. Szenen in Hotel-oder Clubräumen werden bisweilen in Neonfarben getaucht, an anderer Stelle prügelt sich Theron schattenhaft mit einem Handlanger, während im Hintergrund eine Kinoleinwand bespielt wird.

Natürlich muss man an dieser Stelle auch die zahlreichen Actionszenen hervorheben. Leitch und sein Team taten gut daran, Prügeleien oder Schießereien stets übersichtlich und mit vergleichsweise wenig Schnitten zu filmen, wodurch das Gemetzel sich wunderbar vor dem Auge des Zuschauers entfalten kann. Ganz besonders deutlich wird es bei DER zentralen Actionsequenz nach etwas mehr als die Hälfte. Mehrere Minuten lang prügelt und ballert sich Theron durch ein Treppenhaus, verschanzt sich, macht dann weiter, flüchtet mit einem Schützling in ein Auto und fährt davon, die Verfolger dicht an ihren Fersen – und das geschieht alles ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt. Eine atemlose Sequenz, die grandios durchchoreographiert und auf allen Ebenen exzellent ausgeführt wurde. Die Kamera ist nah dran am Geschehen und schafft es trotzdem, alles im Blick zu behalten und die räumlichen Gegebenheiten, in denen sich die Action abspielt, stets klarzumachen. Und was Theron und ihre Stuntmänner veranstalten ist der helle Wahnsinn und, ja, auch sagenhaft gut gespielt. Wenn zum Ende der Sequenz alle Beteiligten schnaufen und taumeln meint man selbst die Erschöpfung zu spüren. Diese Sequenz sucht im Kinojahr 2017 bislang ihresgleichen und ist alleine das Eintrittsgeld wert.

Leider kann der Rest des Films nicht mithalten. Zwar ist die Besetzung mit Theron, James McAvoy, Sofia Boutella und John Goodman wirklich hochkarätig geworden, doch halbwegs interessante Figuren stellt niemand von ihnen dar. Hintergründe bleiben Fehlanzeige, die Persönlichkeiten bleiben nur grob skizziert und kühl. Und die Handlung ist regelrecht egal: Dass diese im Grunde eine einzige Rückblende ist und der Film deshalb in der Zeit vor- und zurückspringt, nimmt ihm einiges an Erzählfluss, aber auch ohne bliebe einfach nur eine typische Agentenscharade, bei der am Ende keiner mehr so genau weiß, wer hier wen hintergangen hat und eigentlich interessiert es auch nicht. Dass der Film dann auch noch gefühlt einige Minuten zu lang geraten ist, schafft da keine Abhilfe.

Fazit: Eigentlich wäre „Atomic Blonde“ nur ein mittelprächtiger, dezent langweiliger Film, wäre da nicht die starke Inszenierung und vor allem die bärenstarke Action. Für die oben erwähnte Sequenz gibt es außerdem einen Bonuspunkt. Wer also über die maue Story und blasse Figuren hinwegsehen kann, bekommt wenigstens tolle Krachermomente geboten.

6/10

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Ein Gedanke zu “Film-Review: „Atomic Blonde“

  1. Ich lese überall nur von dieser einen Action-Szene 😀 aber die allein wäre mir das Geld fürs Kino dann doch nicht wert. Da warte ich dann doch lieber darauf, dass Ding auf Netflix oder wo auch immer zu gucken.

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