Film-Review: „The Eyes Of My Mother“

von Nicolas Pesce
mit Kika Magalhães, Clara Wong, Flora Diaz, Will Brill

eyes

Denkt man an Horror, dürften die damit verbundenen Assoziationen stets die gleichen sein: Laute Jumpscares sollen Angst und Schrecken verbreiten, Geister, Dämonen und degenerierte Psychopathen bevölkern das Geschehen und auch die Gewaltdarstellung fällt oftmals expliziter aus als in anderen Genres. Umso erfrischender wirkt es dann, wenn bei einem Film den etablierten Genrekonventionen aus dem Weg gegangen wird. Ein solcher ist „The Eyes Of My Mother“ von Nicolas Pesce. Dessen Filmdebüt ist voll verstörender Grausamkeiten – aber Pesce zelebriert nie den Vorgang wie diese zustande kommen. Stattdessen präsentiert er durch elliptische Schnitte im richtigen Moment nur das Ergebnis, wodurch sich der wahre Horror erst im Kopf des mündigen Zuschauers manifestiert.

Irgendwo in einer ländlichen Gegend der USA wächst die kleine Francisca (Olivia Bond) bei ihren Eltern auf. Eines Tages taucht ein Unbekannter namens Charlie (Will Brill) auf und verschafft sich Zugang zum Haus. Francisca wird dabei Zeuge, wie erst der Fremde ihre Mutter umbringt und anschließend ihr Vater (Paul Nazak) den Eindringling überwältigt und wegsperrt. Doch statt diesen fortan zu meiden, entwickelt Francisca eine seltsame Verbindung zu Charlie. Sie beschließt: Der Mörder ihrer Mutter wird ihr neuer Freund, den sie nie mehr gehen lassen will. Zum Glück war Franciscas Mutter einst Augenchirurgin und hat ihrer Tochter einiges beigebracht, das ihr jetzt sehr behilflich wird. Auch Jahre später macht sie (jetzt: Kika Magalhães) davon reichlich Gebrauch, während sie mittlerweile alleine im Elternhaus lebt. Die Einsamkeit setzt ihr jedoch schwer zu, weshalb sie eines Abends beschließt, Charlie näher zu kommen. Ein Fehler, der verheerende Folgen nach sich zieht…

Kranke Hinterwäldler, die abseits der Zivilisation ihrem schaurigen Tagewerk nachgehen, sind fester Bestandteil im Horrorkanon; das belegen Filme wie „The Texas Chainsaw Massacre“, die Teil des Backwood-Horror-Subgenres sind. Auch in „The Eyes Of My Mother“ klingt diese Genrezugehörigkeit an. Doch wie man obiger Synopsis entnehmen kann, werden damit verbundene Regelmäßigkeiten sogleich unterlaufen: Für gewöhnlich geraten Unschuldige in die Fänge der Verrückten. Hier jedoch besucht das Böse eine eigentlich normale Familie, die sich plötzlich als der wahre Antagonist entpuppt.

Es vergeht im nur 76-minütigen Werk kaum Zeit, um eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse aufzulösen: Charlie ist ein Mörder, muss aber später ein unvorstellbares Martyrium durchstehen, bei dem ihm beide Augen und der Kehlkopf rausgeschnitten werden. Francisca und ihr Vater scheinen zunächst Opfer eines grausamen Verbrechens zu sein, die aber selbst mit einem eigenen darauf reagieren. Und selbst wenn im Laufe des Films noch die ein oder andere Person Francisca zum Opfer fällt, macht es der Film einem nicht leicht. Denn ab einem bestimmten Punkt im Film ist sie auf sich selbst gestellt im Haus ihrer Eltern. Das Skript von Pesce räumt ihrer damit einhergehenden Einsamkeit viel Platz ein, wenn man sie beispielsweise dabei beobachten kann, wie sie in traurigen Monologen ihre nun toten Eltern beweint. Ihr Wunsch nach Nähe äußert sich zudem in liebevollen Gesten gegenüber Charlie, die im Anbetracht des Leides, das sie ihm zufügt, verstörend und gleichzeitig nachvollziehbar wirken, etwa wenn sie ihm sanft über den Rücken streichelt oder ihn wäscht. Ihre Furcht davor, für immer alleine zu sein, motiviert ihr Handeln und lässt sie zu drastischen Mitteln greifen. Auf die Weise wird Francisca zu gleichen Teilen tragische, bemitleidenswerte Protagonistin und gefährliches Filmmonster zugleich. Ein Spagat, der wundervoll aufgeht und dem Film eine ungeahnt dramatische Dimension verleiht.

Aber nicht nur inhaltlich wählt Pesce für „The Eyes Of My Mother“ eine unorthodoxe Route. Inszenatorisch verwehrt er jenen, die den Film vielleicht in Erwartung eines blutrünstigen Reißers schauen, jedwede offensichtliche Befriedigung. Die in der Geschichte reichlich verteilten Brutalitäten werden zu keiner Sekunde explizit ausgespielt, stattdessen arbeiten Pesce und sein Co-Cutter Connor Sullivan mit klugen Aussparungen im zumeist gemächlich-eleganten Bilderfluss: Als Francisca eines Tages Kimiko (Clara Wong) in einer Bar kennenlernt und zu sich nach Hause einlädt, jagt sie ihrem Gast durch ihre unbeholfene und unheimliche Art Angst ein. Sogleich will sich Kimiko unter dem Vorwand, sie sei müde, wieder verabschieden. Francisca will sie aber verzweifelt zum Bleiben überreden. Schnitt. In der nächsten Einstellung sieht man Francisca am Boden eine riesige Blutlache aufwischen…

Diese Lücke in der Erzählung muss der Zuschauer selbst schließen. Und als ob das noch nicht genug ist, folgt aber noch eine weitere Aufnahme, in der Francisca in Folie verpackte Fleischstücke in einen Kühlschrank tut – hat sie etwa Kimiko in kleine Teile zerhackt? Und will sie sie anschließend essen? Die Montage lässt den Zuschauer oftmals derart furchterregende Schlüsse ziehen, wodurch ein nicht geringer Anteil des Horrors tatsächlich nur in dessen Kopf stattfindet, was aber nicht minder effektiv ist. Perfekt abgerundet wird „The Eyes Of My Mother“ schließlich von der schaurig-schönen Arbeit von Kameramann Zach Kuperstein. Der taucht das Geschehen in betörende schwarz-weiße Bilder, an deren Lichtsetzung, symmetrischen Anordnungen und sanften Kamerabewegungen man sich kaum satt sehen kann und die sehr zur zärtlich-morbiden Atmosphäre des Filmes beitragen.

Fazit: Mit „The Eyes Of My Mother“ gelingt Nicolas Pesce ein gefühlvolles wie verstörendes und auf alle Fälle meisterlich inszeniertes Filmdebüt, das große Hoffnungen für die weitere Karriere seines Schöpfers schürt.

9/10

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