Film-Review: „mother!“

von Darren Aronofsky
mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

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Darren Aronosky macht was er will und zwar ohne jedwede Kompromisse. Der Regisseur schuf auf die Weise in seiner Karriere einige denkwürdige Momente der jüngeren Filmgeschichte, mit denen er sein Publikum in vielerlei Hinsicht herausgefordert hat. Das körperliche wie seelische Leid, durch das seine Protagonisten oftmals müssen, weiß er stets direkt dem Zuschauer zu vermitteln, der gar nicht anders kann, als den Schmerz mitzufühlen. Nach „Requiem For A Dream“ fühlte man sich schwer abgekämpft von der schockierenden Wirkung von Drogen auf den Menschen, bei „Black Swan“ durfte man Zusammenzucken, wenn sich Natalie Portman verausgabt hat oder im Wahn die Haut am Finger einriss. Die ganz großen Themen für den Kopf sparte er aber auch nicht aus: „The Fountain“ erörtert die Liebe durch drei Zeitepochen und im Grunde genommen sogar über die irdische Existenz hinaus und verknüpfte dies mit einer großen Dosis Spiritualität und „Noah“ war Aronofskys ganz eigene Version der biblischen Geschichte. Mit seinem neuesten Werk „mother!“ bringt er nun alles zusammen: Sein Film geizt nicht mit schwer erträglichen Momenten visueller Gewalt und mutet zugleich wie ein einziges großes Rätsel an, bei man sich anfänglich fragt, was warum passiert.

Ein Dichter (Javier Bardem) und seine Frau (Jennifer Lawrence) haben sich in einem schönen Haus mitten auf einem Feld niedergelassen und blicken optimistisch in die Zukunft. Doch dann schaut eines Tages ein Fremder Mann (Ed Harris) bei ihnen vorbei. Der Dichter empfängt ihn mit größter Gastfreundlichkeit, aber seine Frau bleibt skeptisch, zumal der Mann auch noch über Nacht bleiben soll – man kann doch keinen Fremden einfach bei sich übernachten lassen! Wenig später kommt noch die Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) dazu und das Unbehagen der Gastgeberin wächst weiter. Noch ahnt sie nicht, dass das bei weitem nicht die letzten unangemeldeten Gäste sein würden…

Was geschieht hier nur? Die meiste Zeit der Laufzeit tappt man im Dunkeln, doch Aronofsky sorgt trotzdem für einen erhöhten Puls. Besonders in der etwas zu lang geratenen ersten Hälfte des Films spielt er ausgiebig mit Horrorversatzstücken und deutet durch rätselhafte Visionen drohendes Unheil an. Dazu kommt eine effektive Tonspur, auf der Gruselfilmen gleich allerlei unheimliche Geräusche zu vernehmen sind. Und selbst zaghafte Jumpscares werden mit eingestreut. Mit fortschreitender Dauer rücken diese Elemente immer mehr in den Hintergrund und was dann Oberhand gewinnt, ist das scheinbar willkürliche Auftauchen von Menschen. Immer mehr Fremde kommen zu Besuch, zunächst werden sie nur von der perplext wirkenden Frau eingelassen, später brechen sie regelrecht ein. Beinahe unmerklich, aber kontinuierlich wird dieses Spiel vorangetrieben, die Handlung prescht dabei mit einem hohen Tempo voran und macht auch spürbare zeitliche Sprünge, bis nur noch das überfüllte Chaos regiert und die Situation eskaliert.

Es ist schwer zum Inhalt zu schreiben, ohne zu spoilern oder bereits eine Interpretation anzubieten. Sicher ist jedoch, dass es ohne nicht geht. Auf einer ganz bodenständigen Ebene kann man „mother!“ sicher als Psychothriller über eine junge Frau verstehen, die offenbar nicht mehr Herr über ihren Verstand ist und einen einzigen Albtraum erlebt. Vielleicht will Aronosky aber auch auf radikale Weise sagen, dass ein Rückzug in ein Heim fernab aller anderen, so wie es anfangs im Film den Anschein erweckt, auf einem Planeten mit sieben Milliarden Menschen schlichtweg unmöglich ist und dass Menschen immer auf Menschen treffen werden, ob sie wollen oder nicht und dass die Idee seiner eigenen vier Wände nur ein Trugschluss ist. Und dann ist da auf jeden Fall noch mindestens eine weitere Ebene, auf der sich der Film und Aronoskys Genie erst wirklich entfaltet. Aber die soll jeder für sich selbst finden und sei deshalb an dieser Stelle nicht weiter vertieft. „mother!“ wird jedenfalls nach dem Kinobesuch für reichlich Gesprächsstoff und angeregte Gedanken sorgen.

Inszenatorisch fällt das grobkörnige Bild des 16mm-Filmmaterials auf, mit dem gedreht wurde und „mother!“ einen rauen, dreckigen Look verleiht. Die unheimliche Tonspur wurde bereits erwähnt und diese bekommt später noch allerlei mehr zu tun, so viel sei verraten. Auffällig ist auch der fast vollständige Verzicht von Musik im Film. Erzählerisch wie filmisch erlebt man den Film übrigens stets aus der Perspektive der von Lawrence verkörperten Ehefrau. Chef-Kameramann Matthew Libatique klebt förmlich an ihr mit seiner Handkamera und folgt ihr auf Schritt und Tritt, während er oft Close-Ups ihres Gesichtes zeigt, um ihre Regungen einzufangen.

Die Darstellerriege ist weitestgehend überzeugend: Harris und Pfeiffer geben ihr Paar charmant und abgründig zugleich, Bardem wechselt gekonnt zwischen einem narzisstischen Philantropen und einem undurchsichtigen, grübelnden Mann. Ganz im Zentrum des Films steht Lawrence und obwohl sie sich sichtbar abmüht, fehlt ihrer Performance noch ein kleines Quäntchen mehr Glaubwürdigkeit und Intensität.

Fazit: Man verlässt den Kinosaal irritiert, verstört und mit einem ganz großen Fragezeichen im Gesicht, aber je mehr man drüber nachdenkt, desto besser wird „mother!“.

8/10

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