Film-Review: „Es“

von Andy Muschietti
mit Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Sophia Lillis

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Ich habe Stephen Kings „Es“ nur einmal vor circa 20 Jahren gelesen. An jedwede Details kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich das Buch grandios fand und ich mich zu gleichen Teilen schwer gegruselt habe und oft sehr gerührt fühlte. Nun kommt eine neue Adaption in die Kinos, die für eine neue Dimension der Coulrophobie, der Angst vor Clowns, sorgen wird.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der „Klub der Loser“, der aus sieben Kindern aus dem kleinen Städtchen Derry besteht. Sie alle wurden schon mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert oder müssen sich noch immer großen Ängsten im Leben stellen. Und genau diese Angst ruft ein unheimliches Wesen auf den Plan, das zumeist als Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auftritt und das Jagd auf Kinder macht. Schon bald müssen sie sich dazu entscheiden, sich ihren größten Ängsten und damit der Kreatur zu stellen…

„Es“ ist zweifelsohne ein Horrorfilm basierend auf einem Horrorbuch und geizt daher nicht mit allerlei schaurigen Schauwerten: Der Film legt eine gesunde Härte an den Tag, die sich gleich zu Beginn des Films offenbart und nicht einmal Halt macht vor kleinen Kindern. Und wann immer es gruselig zur Sache gehen soll, werden inszenatorisch keine Gefangenen gemacht. Die Tonspur schwillt ungemütlich an und obwohl man vor Angst kaum hinschauen möchte, siegt doch die Neugier darüber, welche Scheußlichkeit als nächstes auf den Zuschauer losgelassen wird. Zwar wird dabei das Rad nicht unbedingt neu erfunden, aber die Ausführung passt. Die Spannungsmomente werden langsam, aber konsequent und gekonnt aufgebaut und vollendet, die verschiedenen visualisierten Ängste der Kinder sind abwechslungsreich und mitunter ziemlich verstörend. Und selbst hartgesottenen Jump-Scare-Veteranen dürfte „Es“ das ein oder andere Zusammenzucken entlocken.

In diesem Zusammenhang muss man natürlich Pennywise erwähnen, denn mit ihm steht und fällt der Film. Doch was Bill Skarsgård unter tonnenweise Make-up auffährt, ist schlichtweg eine Glanzleistung. In jedem seiner Auftritte sorgt er für maximale Gänsehaut, sein Clown ist wahrlich furchteinflößend. Seine Stimme allein, die permanent zwischen quietsch-vergnügt und tief und bedrohlich wechselt, macht schon viel aus; krank wirkt es, wie seine Augen immer in zwei verschiedene Richtungen zu schauen scheinen. Hinzu kommen noch einige wohldosierte Effekte, die den Schrecken perfekt machen und Pennywise noch grotesker erscheinen lassen. Immer wenn man denkt, man hat alles von ihm gesehen, wird einfach noch einer drauf gesetzt und das bis zum Finale.

Was aber sowohl die Vorlage als auch den Film „Es“ so bemerkenswert macht, ist die äußerst gelungene Balance und Vermengung des Horrors mit einer berührenden Comig-of-Age-Geschichte, die sich in der Neuverfilmung ausschließlich um Kinder dreht (im Buch wird zwischen ihnen und ihren späteren Leben als Erwachsene gewechselt). Bill (Jaeden Lieberher), Beverly (Sophia Lillis) und Co. sind ein auf Anhieb liebenswürdiger Haufen Underdogs, auf deren Seite man sich sofort schlägt und deren loses Mundwerk für allerlei Lacher sorgt, ohne sie jedoch jemals der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Beziehungen zueinander werden gefühlvoll in vielen Momenten dargestellt, was ihrem bedrohlichen Abenteuer nur noch mehr Gewicht für ihre jeweilige Entwicklung gibt.

Geschickt geben sich dabei ruhige, lustige Momente und gruselige die Klinke in die Hand, anstatt, wie es häufig vorkommt, allzu offensichtlich und früh das eine Element als bloße Exposition am Anfang zu verbraten, nur um dann ausschließlich dem Grusel zu frönen. Beide Ebenen stehen in „Es“ gleichberechtigt nebeneinander und bedingen sich. Dass bei sieben Hauptfiguren einige zu kurz kommen, ist wohl unvermeidlich und schade, wird aber durch die übrigen Stärken des Films mehr als wett gemacht. Und wenn sich am Ende die Kinder einen Schwur leisten, dann darf man auch zurecht zu Tränen gerührt sein. Selten dürfte ein Film für ein solches Wechselbad der Gefühle gesorgt haben, wobei sich alle Emotionen ganz natürlich aus der Geschichte und den Figuren entwickeln. Dass die gesamte Besetzung, aber neben Skarsgård besonders die sieben Kinder im Mittelpunkt, über alle Zweifel erhaben ist, trägt sehr zum Erfolg des Filmes bei. Bei der ganzen Riege an Jungdarstellern kann man getrost von spannenden Entdeckungen sprechen, von denen man hoffentlich noch viel sehen wird.

Fazit: Wie werkgetreu „Es“ von Regisseur Andy Muschietti genau ist, kann ich selbst nicht beantworten. Aber selbst ohne die Buchvorlage im Hinterkopf zu haben, ist sein Werk ein meisterlicher Gruselschocker mit ganz viel Herz.

9/10

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