Film-Review: „In This Corner Of The World“

von Sunao Katabuchi

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Der japanische Trickfilm hat sich von der klischeehaften Vorstellung, animierte Werke wären in erster Linie Kinderkram, schon lange emanzipiert. Horror, Sci-Fi, Dramen oder Komödien – in Animes werden alle Genres bedient. Da macht auch die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen keine Ausnahme. „Die letzten Glühwürmchen“ ist in der Hinsicht ein absoluter Meilenstein und ganz sicher eines der größten filmischen Statements gegen den Krieg. Die zwei Teile von „Barfuß durch Hiroshima“ hingegen verarbeiten basierend auf dem gleichnamigen Manga mit starken biographischen Bezügen den grausamen Atombombenabwurf. Letzterer spielt auch in „In This Corner Of The World“ von Sunao Katabuchi eine wichtige Rolle.

Suzu wächst in jungen Jahren im Hiroshima der 30er und 40er Jahre auf, aber kaum ist sie volljährig, heiratet sie den ebenfalls sehr jungen Shusaku. Nach ihrer Vermählung folgt Suzu ihrem Mann in die kleine Stadt Kure, in dessen Hafen regelmäßig Kriegsschiffe anlegen. Obwohl sich Japan im Konflikt mit den USA befindet, kann die Familie zunächst ein recht schönes Leben verbringen. Doch langsam aber sicher hält der Krieg auch bei ihnen Einzug. Trotz Fliegeralarm und Bombenabwürfen weigert sich die fantasievolle Suzu, sich davon ihre Lebenslust nehmen zu lassen.

„In This Corner Of The World“ lässt sich viel und ganz gemächlich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Besonders in der ersten Hälfte der 130 Minuten geht es um viel Alltägliches und um die Figuren: Suzu, wie sie in jungen Jahren aufwächst, ihre Eigenarten und ihr soziales Umfeld werden ausgiebig beleuchtet. Dass das nicht langweilig wird, liegt an der Hauptprotagonistin selbst, die mit einem unvergleichlichen Optimismus durchs Leben geht, der einerseits ansteckend ist und andererseits im Laufe der Handlung zu einem emotionalen Anker für die Figuren als auch den Zuschauer wird. Denn selbst zu Krisenzeiten scheint Suzu nichts aus der Fassung zu bringen. Regisseur Katabuchi entwirft mit ihr im Zentrum in dieser Phase des Films ein geradezu idyllisches Porträt vom Leben in Japan zu jener Zeit, in dem selbst kleinere zwischenmenschliche Konflikte nie ernsthaft eskalieren. Als Zuschauer kommt man den Figuren dadurch sehr nahe.

Nur langsam, aber dafür beständig, wenn die Handlung in der Zeit voranschreitet, wird der Einfluss des Krieges immer deutlicher. Zunächst, so scheint es, werden Hinweise wie Brotkrumen ausgelegt, bis der Krieg voll zuschlägt. An diesem Punkt zahlt es sich voll aus, dass zuvor so viel Zeit mit den Figuren verbracht wurde, denn wenn die Gefahr einmal deutlich wird, sorgt man sich wirklich um sie. Ferner schwebt über der Handlung ohnehin ein beunruhigendes Gefühl, das angesichts der sympathischen Hauptfigur für zusätzliche Spannung sorgt, die immer größer wird: Wie bereits erwähnt, stammt Suzu aus Hiroshima und ihre Familie bleibt nach ihrem Wegzug noch dort. Zwischenzeitlich überlegt sie, wieder zurück zu gehen. Unterdessen steuert die Geschichte unaufhaltsam auf den 6. August 1945 zu…

Doch genau dieses Voranschreiten in der Geschichte erweist sich leider als das größte Manko von „In This Corner Of The World“. Mehr als zehn Jahre umfasst die Handlung, die über weite Strecken in episodenhaften Ausschnitten erzählt wird. Dabei wünscht man sich mitunter, dass manche Szenen länger ausgespielt werden und nicht gleich wieder die Schwarzblende das Ende eines Abschnittes markiert. Außerdem, wenn sich die Ereignisse verdichten, greift Katabuchi vermehrt auf Schrifteinblendungen und Zeitsprünge zurück, die den Erzählfluss ziemlich holprig erscheinen lassen. In wenigen Minuten vergehen so Monate in der filmischen Welt, in denen man hier und dort Eindrücke von Suzu und den anderen erhält, doch insgesamt wirkt es abgehackt und teilweise gehetzt. Der Film hat sich ein ganzes, junges Leben zu Zeiten des 2. Weltkriegs zum Sujet gemacht, hat aber Schwierigkeiten wegen einer chronologischen Erzählung den ganzen Umfang vernünftig in seine Laufzeit unterzubringen.

Trotzdem verfehlt „In This Corner Of The World“ seine Wirkung nicht. Die Schrecken des Krieges werden anhand ihres Einflusses auf den Alltag einer Familie deutlich und vor allem glaubhaft gemacht und der zunehmende Kampf von Suzus innerer Einstellung mit den äußeren Widrigkeiten berührt. Interessant ist auch, wie alltägliche Routinen den Menschen selbst im Krieg einen Halt und einen Sinn geben können. In der Hinsicht ähnelt der Film dem ebenfalls 2017 erschienenen Film „Innen Leben“ über den Konflikt in Syrien, in dem sich Menschen auch an vermeintliche Banalitäten klammern, um mit der ständigen Gefahr umzugehen.

Ästhetisch weiß Sunao Katabuchis Film ebenfalls zu überzeugen, wenngleich das Figurendesign anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig erscheint: Besonders Suzu sieht vielleicht eine kleine Spur zu kindlich aus, um sie als verheiratete, erwachsene Frau wahrzunehmen – aber dieser Eindruck legt sich zum Glück rasch. Lobend erwähnt sei an dieser Stelle auch die gelungene deutsche Synchronisation. Vor allem Luisa Wietzorek als Suzu liefert eine ausgesprochen einfühlsame und tolle Performance ab.

Fazit: „In This Corner Of The World“ mag holprig erzählt sein, aber dafür punktet der Film mit einer tollen Hauptfigur, die den Zuschauer an die Hand nimmt und durch die dunkelste Phase Japans im 20. Jahrhundert führt. Sunao Katabuchi ist ein rührendes Plädoyer gegen den Krieg gelungen, das zugleich jede Menge Hoffnung versprüht.

7/10

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