Film-Review: „A Ghost Story“

von David Lowery
mit Rooney Mara, Casey Affleck

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Ein Gespenst das aussieht wie ein Kostüm für ganz kleine Kinder. Einfach nur ein Bettlaken mit zwei Löchern für die Augen, das ist alles. In einem dramatischen Realfilmsetting. Mehr hat es nicht gebraucht, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen und seitdem ich es das erste Mal sah, wollte ich „A Ghost Story“ unbedingt sehen. Und zum Glück hat dieser Film viel mehr zu bieten als nur eine skurril aussehende Hauptfigur.

Das Pärchen M (Rooney Mara) und C (Casey Affleck) lebt glücklich in seinem Haus zusammen und verbringt gemeinsame Stunden der trauten Zweisamkeit. Doch eines Tages ist es jäh vorbei mit dem Glück, als C bei einem Autounfall ums Leben kommt. Aber seine Seele kann noch nicht von dieser Welt loslassen. So kehrt er als Geist zurück, unsichtbar und dazu verdammt, durch Raum und Zeit M bei ihrer Trauer zuzusehen…und dann anschließend der Welt, wie sie sich verändert.

Der kleine visuelle Gag des Gespenstes ist schnell verflogen und stattdessen füllen sich die leeren, schwarzen Löcher, da wo die Augen sind, im Kopf mit mehr und mehr tief empfundener Traurigkeit. Und während man noch anfänglich darüber amüsiert war, so stellt sich im Laufe des Filmes der Eindruck ein, dass man sich auch kein anderes Design für das Gespenst vorstellen könnte. In seiner kindlich-naiven Außenwirkung erhält es eine poetische Qualität, die zur bittersüßen, melancholischen Stimmung des Films passt.

Denn auch wenn der Titel spontan etwas anderes vermuten lässt und der Film beizeiten mit den Regeln des Genres zu spielen scheint, so ist „A Ghost Story“ eben kein Horrorfilm. Er könnte nicht weiter davon entfernt sein und mir graust es bei dem Gedanken, wie zum Kinostart sich uninformierte Menschen in den Film in Erwartung von Schocks und Schrecken setzen. In der Pressevorführung, der ich beiwohnen konnte, gab es auch solche Exemplare – ein Ärgernis!

„A Ghost Story“ ist nicht weniger als eine stille Meditation über Liebe, Verlust, Tod, Raum und Zeit. Der Geist, der nicht loslassen kann und will, scheint für die Ewigkeit an das Haus gebunden zu sein, in dem er zu Lebzeiten so glücklich war, und muss mitansehen, wie M erst ihren Verlust verarbeitet und dann nach und nach im Leben weiterzieht. Er bleibt als zumeist passiver und stiller Beobachter zurück und sieht was noch kommt und was war. Während zu Beginn noch Ms Verlust zentral ist, geht es doch eigentlich um den von C, der sich an einen letzten kleinen, sprichwörtlichen Fetzen Hoffnung klammert.

Lowery bringt das mit nur spärlich eingesetzten Dialogen und durch umso mehr kraftvolle Bilder seines Kameramannes Andrew Droz Palermo zur Geltung. Oft in Halbtotalen oder Totalen, wird der Geist verloren im Raum inszeniert, in Umgebungen, deren ständiger Veränderung er hilflos ausgliefert ist. Die Einsamkeit der Seele kommt visuell sehr gut zum Tragen, erzählerisch spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Es ist faszinierend mit anzuschauen, wie Lowery das filmische Tempo reduziert und mitunter einzelne Einstellungen für mehrere Minuten hält und sich die Geschichte gleichzeitig durch die Jahrhunderte bewegt. Auf die Weise lädt der Film zum Sinnieren ein über Vergänglichkeit, Sinn und Unsinn unserer aller Existenz. Und dabei stellt sich auch die bittere Erkenntnis ein, dass unser Schicksal, das für uns die Welt bedeutet, wie auch immer es aussehen mag, ultimativ nur die kleinste aller Fußnoten im ewigen Fluss der Geschehnisse ist.

Wer zusätzliche filmische Anhaltspunkte braucht, um eine kleine Vorstellung von „A Ghost Story“ zu erhalten: Das Werk ist wie „Enter The Void“ von Gaspar Noé mit einer Ästhetik, die beizeiten an Terrence Malick denken lässt. Das zur groben Einordnung, denn ein simpler Bastard aus beidem ist der Film natürlich nicht.

Und noch ein Wort zu den Darstellern: Während Affleck die meiste Zeit unter einem Bettlaken verweilt und sich in den Szenen, in denen er zu sehen ist, solide durchnuschelt, sorgt Rooney für ein Highlight des Kinojahres 2017: In einer einzigen, gefühlt ewig langen Einstellung isst sie einen Kuchen. Zunächst nur verhalten und erstmal kostend, werden die Stiche mit der Gabel immer energischer, die Bissen immer größer, bis sich dann auch bei ihr die so tief verbuddelte Trauer endlich zeigen kann. Wie Maras Spiel Stück für Stück an Intensität gewinnt, ist einfach grandios anzuschauen, in nur einer Szene wird ohne großen Schnickschnack die ganze Trauer ihrer Figur offenbart.

Fazit: „A Ghost Story“ ist einer der außergewöhnlichsten Filme des Jahres und eine zutiefst berührende Reflexion über unsere Zeit auf Erden.

9/10

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