Film-Review: „303“

Regie: Hans Weingartner
mit Anton Spieker, Mala Emde

303

Unterwegs findet man nicht selten zu sich selbst und zueinander und auch das Kino hat schon oft von der Bedeutung des Reisens auf vielfältige Weise erzählt, gibt es doch schließlich das Roadmovie-Genre. Auch in „303“ sind die beiden Hauptprotagonisten ständig in Bewegung: Von Deutschland bis nach Portugal geht es und zwar in einem Wohnwagen des titelgebenden Modells 303.

Die Studenten Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) lernen sich zufällig an einer Raststätte kennen. Sie will mit ihrem Wohnwagen ihren Freund in Portugal besuchen, der dort an seiner Doktorarbeit schreibt, er will in Spanien seinen leiblichen Vater besuchen, den er noch nie gesehen hat. Weil ihn die Mitfahrgelegenheit versetzt, darf Jan kurzerhand bei Jule mitfahren. Eigentlich soll der gemeinsame Trip nur bis Köln gehen, ehe Jan von dort aus den Bus nehmen will. Doch nach einigen hundert Kilometern werden spontan einfach weitere rangehängt und unterwegs philosophieren die beiden gegensätzlichen Menschen über ihre Ansichten zur Welt, dem Kapitalismus…und der Liebe.

Roadmovies laufen oftmals Gefahr, durch die verschiedenen Zwischenstopps auf der Reise der Figuren etwas sehr episodisches und damit abgehacktes zu erhalten, was dem Sehvergnügen nur bedingt zuträglich ist. Doch obwohl auch in „303“ eine enorme Strecke zurückgelegt wird und die Figuren oft genug Halt machen, fließt Hans Weingartners Film nur so locker-leichtfüßig dahin. Enormen Anteil daran haben die vielen Diskussionen zu den verschiedensten Themen, über die sich Jule und Jan näher kennenlernen und die den Film über weite Strecken zusammenhalten. In ihren vielen Dialogen zeigen sich deren gegensätzlichen Ansichten zum Leben und auch wenn sie dadurch hin und wieder aneinandergeraten, freunden sie sich nur umso mehr an. So läuft das einfach – Fremde kommen sich in offenherzigen Gesprächen näher und Weingartners Skript fängt das auf authentische wie unterhaltsame Weise ein. Im Grunde genommen sieht man einfach zwei Studenten beim Reden zu – stets ein wenig aufschlussreich, aber auch nie ohne eine gewisse Naivität.

Und irgendwie kommt man doch am Ende des Tages gewissermaßen zu der Einsicht, dass Leben und Liebe einfach nur toll sind. Je näher sich Jule und Jan kommen, desto romantischer und auch optimistischer wird der Wohlfühlfilm mit Fernwehgarantie. Immer wieder streut die Inszenierung schöne, postkartenwürdige Bilder ein, dudelt die entspannte Singer-Songwriter-Musik auf der Tonspur, es wird im Wald spazieren gegangen oder auch mal mit Klamotten ins Meer gesprungen. Wie geil doch alles sein kann, möchte der Film einem offenbar sagen, wenn man denn nur den richtigen Menschen an der Seite hat und man gewillt ist, einfach mal alles stehen und liegen zu lassen – „YOLO – Der Film“ könnte ein passender Alternativtitel für Weingartners Werk sein. Natürlich darf da auch die Entdeckung wahrer Liebe nicht fehlen, nachdem sie zuvor ausgiebigst erörtert wurde.

Mala Emde und Anton Spieker sind dabei die perfekten Darsteller für die Rollen der Studenten, die ihre Gefühle nicht hinter ihrer eigenen Intellektualität verbergen können. Die Chemie zwischen ihnen passt und das Drehbuch sorgt dafür, dass durch immer häufigere kleine Gesten und Blicke die gegenseitige Anziehungskraft steigt, bis es kaum noch auszuhalten ist. Verdientermaßen gab es im Publikum auch Applaus, als sich das Unvermeidliche endlich einstellt. In „303“ dürfte sicher einer der am längsten und genaustens vorbereiteten Küsse der jüngeren Filmgeschichte vorkommen. Seltsamerweise sind Emde und Spieker zu Beginn des Films aber auch dessen schuldig, zwei kurze (und zugegebenermaßen im Gesamtbild des Films recht unwichtige) Gefühlsausbrüche mit fest angezogener Handbremse und damit unerwartet schlecht zu spielen – geschenkt.

Weitaus störender ist jedoch die Entwicklung in der Handlung kurz vor Ende des Films, auf die nicht allzu sehr eingegangen werden soll. Es vermittelt jedenfalls den Anschein, das Skript würde nach all der gezeigten Geduld und Sorgfalt plötzlich ein paar plötzliche und grobe Haken zu viel schlagen, um zum Ziel zu kommen. Ferner ist es etwas irritierend, in einem Film über zwei ziemlich aufgeweckte und aufgeklärte junge Menschen der Jetztzeit auf eine ziemlich altbackene Rollenverteilung der Geschlechter hinzuweisen. Für gewöhnlich störe ich mich an derlei Dingen gar nicht, aber zu Beginn scheint der Film doch sagen zu wollen: Frau kann alles alleine, außer sich selbst im Notfall verteidigen. Fürs Grobe und als Beschützer ist ein Mann immer noch zuständig und von daher auch ein guter Wegbegleiter. Übrigens sind Männer mit eigenem Wohnwagen auf Raststätten potentielle Vergewaltiger – ein arg grober, erzwungener und unnötiger Zug im Drehbuch.

Fazit: „303“ ist hinreißend schön und unverschämt romantisch mit kleinen Mäkeln im Skript.

7/10

Bildnachweis: Kahuuna Films GmbH / Sebastian Lempe, Mario Krause

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