Film-Review: „What Walaa Wants“

Regie: Christy Garland

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Früher dachte ich bei Dokumentarfilmen immer zunächst einmal an staubtrockene Lehrfilmchen, denen es besonders im Vergleich zu Spielfilmen an wirklich aufregenden cineastischen Stilmitteln fehlte, an einer spannenden Dramaturgie oder dergleichen. Doch seitdem, so der subjektive Eindruck, sind Dokus sehr weit gekommen: Obwohl sie sicher noch immer in erster Linie die Welt, so wie sie ist, abbilden sollen und wollen, Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen, sind sie zugleich unterhaltsamer als je zuvor. Einfach nur abgebildet wird nicht mehr, stattdessen gibt es richtige Geschichten zu erzählen. „What Walaa Wants“ ist ein gutes Beispiel von der Berlinale 2018 dafür, dass eine Doku zugleich auch ein sehr guter Coming-of-Age-Film sein kann.

In den Palästinensischen Autonomiegebieten lebt die Teenagerin Walaa, deren Mutter schon seit Jahren in israelischer Haft sitzt. An einem solchen Ort und mit solch einem besonderen Familienhintergrund ist es kein Wunder, dass sie nicht wie die meisten Mädchen ist. Die aufmüpfige und selbstbewusste Walaa möchte jedenfalls nichts vom Heiraten und Kinderkriegen wissen, stattdessen will sie unbedingt Polizistin werden. Doch die Ausbildung ist hart und schon bald muss sie erkennen, dass sie mit ihrer Art ihrem Traum nicht so leicht näher kommen kann…

Über fünf Jahre begleitete Filmemacherin Christy Garland ihr Subjekt in einer der polistisch brisantesten Gegenden der Welt, wo auch die Präsenz von Schussgeräuschen nicht besonders außergewöhnlich ist. Dabei sind sie und ihr Team Walaa stets ganz dicht auf den Fersen, wodurch ein spannendes Porträt einer jungen Frau entsteht, die unter schweren Bedingungen aufwächst. Durch den recht großen Zeitraum, vom 15. bis zum 20. Lebensjahr Walaas, dürfte sicher eine Fülle an Filmmaterial zusammengekommen sein. Dieses wurde zu einer rührenden Geschichte über eine aufmüpfige Außenseiterin auf dem Weg zum Erfolg und zu persönlicher Reife montiert. Die Entwicklung bei der Protagonistin wird im Laufe der Spielzeit immer deutlicher und fast wähnt man sich ein wenig an „Boyhood“ erinnert, wenngleich ohne ähnlich große, optische Veränderungen seitens der Hauptperson. Die trägt den Film übrigens ohne große Mühen – Walaa ist zumeist energisch, laut und lustig und hat schnell die Sympathien der Zuschauer auf ihrer Seite.

Eines sollte man sich allerdings immer vor Augen führen: Dies ist die Geschichte eines einzelnen palästinensischen Mädchens. Demzufolge lässt der Film auch nur ihre Sicht der Dinge zu, eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt darf man jedenfalls nicht erwarten. Diese Einseitigkeit mag durchaus problematisch sein und sollte unbedingt ins richtige Licht gerückt werden, vor allem, wenn der Film von Jugendlichen gesehen wird. Denn die soll der Film in erster Linie ansprechen (der Film lief in der Kinder-und Jugendsektion der Berlinale „Generation“) und als Jugendfilm, der eben von einer jungen Protagonistin erzählt, funktioniert er auch sehr gut. Solange man also für sich selbst die richtige, relativierende Distanz aufbringt, kann man sich an dem Ergebnis auch wirklich erfreuen.

Fazit: „What Walaa Wants“ liefert einen authentischen Einblick ins Leben in den Palästinensischen Autonomiegebieten und erzählt zugleich eine rührende Coming-of-Age-Geschichte mit einer starken Protagonistin im Mittelpunkt.

9/10

Bildnachweis: Christy Garland

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