Film-Review: „Hereditary“

Regie: Ari Aster
mit Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff

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Es müssen nicht immer die Reißer aus dem Hause Blumhouse sein oder besonders blutrünstige Trashgranaten, um im Horrorfilmgenre Aufmerksamkeit zu erregen. In den letzten Jahren sorgten vermehrt Beiträge aus dem Indiefilmbereich für reichlich Gesprächsstoff: Filme wie „Der Babadook“, „It Follows“ oder „The Witch“ wurden zu echten Kritikerlieblingen, die nicht nur die Herzrate in die Höhe schnellen ließen, sondern auch Kopf und Seele von Cinephilen positiv beanspruchten. Auch „Hereditary“ von Ari Aster ist ein vergleichsweise kleines Projekt – mit ganz großen Qualitäten.

Nach dem Tod ihrer Mutter scheint das Leben von Annie (Toni Collette) und ihrer Familie ganz normal weiterzugehen. Doch dann häufen sich immer häufiger seltsame Vorkommnisse, die irgendwie mit dem Tod ihrer Mutter und Annies Tochter Charlie (Milly Shapiro) zusammenhängen. Als es dann zu einem tragischen Unfall kommt, wird wirklich klar, dass übernatürliche Kräfte am Werk sein müssen, die drauf und dran sind, die Familie in den Abgrund zu stürzen…

Mit einer Laufzeit von knapp 130 Minuten dürfte „Hereditary“ zu den etwas längeren Vertretern im Horrofilmgenre zählen. Doch obwohl man diese Länge durchaus spürt, kommt sie dem Werk doch sehr zugute: Aster hat jedenfalls keine Eile und erliegt nicht dem Zwang vieler Kollegen, gleich Vollgas geben zu müssen und einen Jumpscare nach dem anderen abzufeuern. Zwar etabliert er schon von Anfang an eine unheimliche Atmosphäre – tut aber gut daran, diese anschließend nur langsam, subtil und beständig zu verdichten. So entsteht ein Gefühl permanenten Unbehagens, das einen unentwegt begleitet und sich wie ein diffuser Schleier über den Film legt. Man kann sich einfach nie wirklich sicher sein, das Grauen kommt bestimmt und wird mit aller Härte zuschlagen, aber die Frage nach dem „Wann?“ wird nur sehr spärlich und unzuverlässig beantwortet.

Auf diese Weise werden auch über die meiste Zeit Konventionen des Horrorfilms angerissen und unterlaufen. Durch die eigenen Sehgewohnheiten ist man auf bestimmte inszenatorische Mechanismen konditioniert, mit denen dann gespielt werden kann. Aber immer, wenn man zum Beispiel den nächsten todsicheren Schock ausgemacht haben will, wird die Erwartung einfach nicht erfüllt. Und zwar beinahe nie!

Langweilig ist „Hereditary“ aber dadurch trotzdem nicht. Das verhältnismäßig langsame Erzähltempo nutzt Regisseur Aster, um die im Zentrum stehende Familie und das Verhältnis ihrer einzelnen Mitglieder untereinander genauestens unter die Lupe zu nehmen. Dabei werden insbesondere Themen wie Schuld, Trauer und deren Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen und der Gruppe ausführlich beleuchtet. Der Horror im Film manifestiert sich nicht nur im klischeehaften Übernatürlichen, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Schuldzuweisungen, Ängste und das Gefühl, ungeliebt und ungewollt zu sein, können ebenso grausam sein wie ein Dämon, der sein Unwesen treibt.

Auch formal überzeugt „Hereditary“ auf ganzer Linie: Die Kameraarbeit ist äußerst elegant, voller vieler kleiner Einfälle und wartet darüber hinaus mit einer ungewöhnlichen Anzahl an Halbtotalen in Innenräumen auf, die die Protagonisten stets verloren und immer im Kontext des gesamten abgebildeten Raumes zeigen. Und wie man es von Horrorfilmen gewohnt ist, spielt auch die Tonspur eine überragende Rolle. Den Score kann man vielleicht etwas penetrant finden, aber insgesamt unterstreicht er die andauernde, rätselhafte Anspannung. Und, so viel sei verraten, das Geräusch vom Zungeschnalzen dürfte schon jetzt als eines der einprägsamsten und gruseligsten im Filmjahr 2018 gelten.

Was „Hereditary“ zusätzlich von der Konkurrenz abhebt, ist der Raum für Interpretationen: Gleich die allererste (famose!) Einstellung des Films legt eine zusätzliche, symbolische Lesart des Films und vielleicht auch einen einzigartigen Perspektivwechsel nahe. Statt das Geschehen als weltlich zu betrachten mit übernatürlichen Phänomenen von außerhalb, könnte man auch alles von außen sehen, aus einer alternativen, vielleicht auch höheren, universelleren Dimension. Alles, was sich in unseren Leben abspielt, ist nämlich genau das – ein (Trauer-)Spiel, in dem als Horror empfunden wird, was auf der anderen Seite der Bühne womöglich vollkommen normal ist. Bis zu einem gewissen Grad könnte das auch auf das Finale zutreffen, aber dieses geht sicher noch einen Schritt weiter und wird ganz bestimmt viele Fragen hinterlassen und Zuschauer vor den Kopf stoßen.

Perfekt ist „Hereditary“ leider bei allen Stärken trotzdem nicht. Obwohl der Film weitestgehend vermeidet, wie die meisten anderen Genrevertreter zu sein, so macht er zum Ende hin doch ein paar zu deutliche Zugeständnisse an seine Horrorwurzeln, ohne die er doch bis dato wunderbar ausgekommen war. Dann wird es doch noch laut und polternd, fliegt durch die Gegend, was eigentlich nicht fliegen sollte, schauen noch ein paar mehr geisterhafte Erscheinungen vorbei, als vorher schon. Und auch die Darbietungen einiger Darsteller sind beizeiten zwiespältig: Toni Collette in der Hauptrolle der Annie taumelt nämlich die ganze Spielzeit über auf dem extrem schmalen Grat zwischen grandioser Schauspielleistung, wie man sie von ihr als gestandene Charaktermimin kennt, und Overacting. In einem Moment rastet sie aus und ist furchteinflößender als der gesamte restliche Film, aber nur wenig später fragt man sich, ob nicht etwas weniger Drama auch gut gewesen sein könnte. Und auch Alex Wolff gibt Sohnemann Peter überzeugend verzweifelt und zunehmends kaputt – bis er anfängt zu weinen. Das manche darstellerischen Momente unfreiwillig komisch wirken können, bewiesen einige Lacher in der Pressevorführung.

Fazit: „Hereditary“ reiht sich ein in die Riege starker Horrorfilme des modernen Independent-Kinos, die formal brillieren und inhaltlich keine Kompromisse eingehen. Hier halten sich Grusel, Grips und Drama perfekt die Waage.

8/10

 

Bildnachweis: A24

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