Film-Review: „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“

Regie: Rich Moore, Phil Johnston

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Vor sechs Jahren hatte der titelgebende Fiesling endgültig die Nase gestrichen voll gehabt vom Bösesein und heraus aus seinen Bemühungen, einmal der Held zu sein, kam „Ralph reichts“. Das Disney-Animationsabenteuer war durch seinen erfrischenden Videospielhallenschauplatz für Mainstreamfilmverhältnisse eine einzige popkulturelle Abfahrt voller Anspielungen auf Gaming-Klassiker. Die circa 471 Millionen US-Dollar Einspiel an den weltweiten Kinokassen muss man allerdings im Anbetracht des Budgets von 165 Millionen und anderen Disney-Erfolgen wie „Die Eiskönigin“, die über eine Milliarde umgesetzt haben, als verhältnismäßig durchschnittlich einstufen. Trotzdem kommt jetzt mit „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“ die Fortsetzung in die Kinos, die den Handlungsort dieses Mal ins große, weite Internet verlagert.

Ralph und Vanellope geht es eigentlich ganz gut – besonders der Hüne hat es sich in seiner Routine gemütlich gemacht und kann sich kein anderes Leben vorstellen, als der immer gleiche Ablauf in seinem Spiel „Fix it Felix, Jr.“. Seine kleine Kumpanin hingegen sehnt sich nach was Neuem, worauf hin Ralph kurzerhand einen beherzten Versuch unternimmt, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ist ihr Rennspiel „Sugar Rush“ kaputt! Das Lenkrad, mit dem die Spieler die Autos steuern, ist defekt und wenn nicht bald ein neues herbeigezaubert wird, war’s das! Zum Glück hat der Spielhallenbetreiber kurz zuvor einen WLAN-Router installiert und so geht es für Ralph und Vanellope ins Internet, um bei eBay das so dringend benötigte Zubehör ausfindig zu machen.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger ist natürlich das neue Internet-Setting, das ja auch im Titel bereits anklingt. Für das Jahr 2018, in Zeiten von viralen Memes, Katzenvideos und Instagram, scheint es nur logisch und konsequent zu sein, den Handlungsort dorthin zu verfrachten. Mit Blick auf die digitalen Protagonisten macht dieser Schritt ebenfalls Sinn, schließlich können die nicht ewig in der immer gleichen Zockerhöhle verbleiben, oder? Das Internet bietet an sich endlose erzählerische Möglichkeiten und aktuelle Anknüpfungspunkte an die im Vorgänger etablierte Gaming-Kultur. Bedauerlicherweise kommt aber Spielen eine eher untergeordnete Rolle zu: Zwar halten sich Ralph und Vanellope auch über weite Strecken in einem Online-Rennspiel auf, wahre Zockerfreunde suchen aber vergeblich nach Referenzen auf aktuelle, echte Titel. Videospiele sind nur noch Locations, in denen Szenen stattfinden können, thematisch aber werden sie nicht mehr näher beackert. Das muss auch nicht sein, eine Wiederholung des Erstlings wäre sicher nicht ratsam gewesen. Ein paar frischere Easter Eggs zu ihnen wären aber bestimmt nicht verkehrt.

Vanellope und insbesondere Ralph gehören einer eher älteren Spielegeneration an und wenn sie das World Wide Web zum ersten Mal betreten, wird wenig überraschend die alte Trope der Alten, die vom Fortschritt völlig überwältigt werden, aufgemacht. Das mag man kennen, aber auch im Bezug auf das Verhältnis On-/Offline ist „Chaos im Netz“ nicht der erste Film, der das thematisiert – spontan kann einem da unter anderem der verkappte Google-Werbefilm „Prakti.com“ mit Owen Wilson und Vince Vaughn in den Sinn kommen.

Auch die knallbunt animierte Darstellung einer digital erzeugten Welt und ihrer internen Mechanismen sowie ihre Beziehung zur realen Welt lässt an Werke der jüngeren Vergangenheit wie „Ready Player One“ und „Emoji – Der Film“ denken. Besonders Letzterer scheint dem neuen Disney-Film wie ein Ei dem anderen zu ähneln, von daher wirkt „Ralph reichts 2“ zunächst erstaunlich unoriginell.

Disney wäre allerdings nicht der große Konzern, wie wir ihn heute kennen, wenn die Verantwortlichen dahinter nicht auch aus allseits Bekanntem etwas Tolles zaubern könnten: In der Tat mögen die Parallelen mit anderen Filmen durchaus vorhanden sein, aber die Regisseure Phil Johnston und Rich Moore setzen die Ideen schlicht und ergreifend besser um.

Da zeigt sich dann auch das wahre Genie der Macher, denn die extrem kreative Umsetzung verschiedener Aspekte wie zum Beispiel einer Suchmaschine inklusive Autovervollständigung oder von eBay ist einfach zum Brüllen komisch und dennoch voll auf den Punkt gebracht. Dabei werden die unterhaltsamen wie auch weniger erfreulichen Aspekte der Internetnutzung aufgegriffen und so pointiert durch den Kakao gezogen, dass bei all den Lachern auch genügend Denkanstöße zu unserem virtuellen Konsum mitgeliefert werden.

So wirklich auf die Spitze wird es aber spätestens dann getrieben, wenn die Hauptfiguren die Webseite „Oh My Disney“ ansteuern, denn dann wird ein wahres Metawitz-Feuerwerk abgewackelt. Die schiere Fülle an augenzwinkernden, selbstironischen und selbstreferenziellen Gags ist absolut schwindelerregend und kulminiert in der in den Trailern schon angedeuteten Szene mit den Disney-Prinzessinnen und einer schrägen Musical-Nummer. Für einen kurzen Moment scheint sich der übermächtige Mäusekonzern selbst demontieren zu wollen.

Die vielen Gags halten einen permanent bei der Stange, erzählerisch braucht aber „Chaos im Netz“ ein wenig, um wirklich Fahrt aufzunehmen. Zu Beginn wird natürlich viel Zeit auf die Etablierung des Netzes als Schauplatz verwendet und trotz einiger toller Sequenzen, wie zum Beispiel einer aufregenden Autoverfolgungsjagd, scheint zunächst alles nur auf eine einzige, turbulente Hatz nach dem Lenkrad (und dem dafür benötigten Geld) hinauszulaufen.

Erst spät zeichnen sich auch wirkliche Figurenkonflikte ab, die dann doch noch für die so Disney-typischen, rührenden Momente sorgen. Ihre Wirkung verfehlen diese ja für gewöhnlich nie, aber im Vergleich zu anderen Werken konnte sich der Autor dieser Zeilen des Eindruckes nicht erwehren, dass man sich hier die Tränen ein wenig leichter verdienen möchte – es scheint ein wenig so, als würde einfach zu wenig auf dem Spiel stehen.

Fazit

Der Schauplatz von „Ralph reichts 2“ ist nicht neu, die Umsetzung strotzt allerdings nur so vor Einfallsreichtum und die vielen (Meta-)Gags sorgen für Atemnot vor lauter Lachen. Da kann man auch über die kleinen, erzählerischen Defizite hinwegsehen.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

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