Film-Review: „Shazam!“

von David F. Sandberg

mit Zachary Levi, Mark Strong, Asher Angel

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Welche Superkraft hättest Du gerne, wenn Du frei wählen könntest? Diese Frage dürften sich bestimmt schon viele einmal gestellt haben und die Antwort fällt sicher nicht leicht, schließlich haben sie irgendwie alle ihre ganz eigenen Vorzüge: Fliegen, enorme Stärke, Geschwindigkeit, was auch immer das Herz begehrt. Auch in „Shazam!“ wird der junge Protagonist an einer Stelle danach gefragt, während er noch nicht ahnt, dass er schon bald über das Superhelden-Gesamtpaket verfügen wird. Und während er nach und nach seine neuen Fähigkeiten entdeckt, lernt er sich auch als Mensch besser kennen. Der Weg dorthin ist zum Brüllen komisch und hat das Herz am rechten Fleck.

Der versierte Comic(-film-)freund ahnt jetzt schon, dass das nach einer typischen Origin-Story klingt: Jemand bekommt unerwartet übernatürliche Kräfte verpasst, lernt, mit diesen umzugehen und wächst so nach und nach in die Rolle des Superhelden hinein – und dabei über sich selbst hinaus. So auch der rebellische Billy Batson (Asher Angel), ein Waisenjunge auf der Suche nach seiner Mutter, der eines Tages in das Versteck eines alten Zauberers (Djimon Hounsou) gebracht wird, der ihm prompt seine Macht überträgt. Fortan kann sich Billy in einen erwachsenen Helden mit Cape (Zachary Levi) verwandeln, wann immer er „Shazam“ ruft.

Die Erzählschablone, die über „Shazam!“ gestülpt wird, ist wie ein alter Bekannter, den man von früher kennt, lange nicht gesehen hat und jetzt auf ein entspanntes Bier trifft, um sich von guten alten Zeiten zu erzählen und über alte Geschichten zu schmunzeln. Schon oft wurde sie im Kino variiert und trotzdem wirkt sie hier sehr erfrischend, was zum einen daran liegen mag, dass man sie auf Blockbuster-Level zuletzt seltener zu Gesicht bekam: Im Vorfeld des Kinostarts wurde zum Beispiel mehr als nur einmal betont, dass zum Beispiel „Captain Marvel“ keine typische Ursprungsgeschichte erzählt, wie es für gewöhnlich immer am Anfang einer Superheldenkarriere der Fall ist. Figuren wie „Aquaman“ und „Wonder Woman“ wurden vor ihren Solofilmen eingeführt und sind schon von Natur aus mit Superkräften ausgestattet, während die einzelnen „Avengers“ schon lange echte Veteranen im Comicfilmgeschäft sind und niemandem mehr erklären müssen, warum sie so sind wie sie eben sind. Da tut es zur Abwechslung doch mal wieder gut, Billy bei seinen ersten Gehversuchen als neuer Held zuzuschauen, wodurch er sich im Geiste eher bei „Spider-Man: A New Universe“ einreiht als bei den eben genannten Beispielen.

Dass das so prächtig unterhält, liegt aber auch an der Kombination aus den richtigen Schauspielern, die mit perfektem Timing zwerchfellstrapazierende Witze zum Besten geben: Zachary Levi als erwachsener Billy ist an sich schon ein großes Vergnügen – zu jederzeit kauft man ihm das sprichwörtliche Kind im Manne ab, während er mit Jack Dylan Grazer den idealen komödiantischen Sidekick verpasst bekam, mit dem er sich die Gags nur so hin und her spielt. Das restliche Ensemble steht dem aber in nichts nach und natürlich muss man auch den Autoren Henry Gayden und Darren Lemke den nötigen Respekt erweisen für das humorige Dauerfeuerwerk.

Und dennoch tat Regisseur David F. Sandberg sehr gut daran, den ganzen Spaß und auch die obligatorische, effektgeladene Action auf ein emotionales Fundament zu stützen. Nie wird aus den Augen verloren, dass Billy seinen Platz in der Welt sucht. Die Szenen mit seiner neuen Pflegefamilie funktionieren dabei ganz gut, wobei Marta Milans und Cooper Andrews als neue Eltern jede Menge Aufrichtigkeit und Wärme ausstrahlen und auch die Interaktionen der Kinder untereinander fühlen sich richtig an. Der sehr wichtige Handlungsstrang über Billys Mutter und ihrer langen Abwesenheit wird aber gefühlt ein wenig zu grob und zu beiläufig abgehandelt.

Dafür, dass dieser Teil der Erzählung ein zentraler Baustein für die Motivation Billys ist, wird ihm in wichtigen Momenten zu wenig Zeit eingeräumt. Trotz des insgesamt sehr leichten Tonfalls des Films, hätte es genau hier etwas mehr Sorgfalt und Emotionalität sein dürfen. Und wo wir schon bei Kritikpunkten sind: Mark Strong ist ein viel zu guter Schauspieler, um nicht allein aufgrund seiner Präsenz zu überzeugen. Dennoch hätten seinem Bösewicht Dr. Thaddeus Sivana ein paar Nuancen mehr in der Figurenzeichnung sicher nicht geschadet.

Die Mäkel sind aber insgesamt betrachtet eher marginal und können nicht den sehr positiven Eindruck von einem Film schmälern, der so unverschämt entwaffnend darauf verzichtet, viel mehr sein zu wollen als er tatsächlich ist und stattdessen vor allem hervorragend unterhält. Bei „Shazam!“ darf man als Zuschauer wieder ganz unbeschwert vom eigenen Superheldentum träumen.

Fazit: Bei „Shazam!“ wird ganz scharf mit Lachsalven geschossen, die selbst den größten Comic-Nörgler treffen werden. Ein Fest!

8/10

 

Bildnachweis: Warner

 

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Film-Review: „Wir“

von Jordan Peele

mit Lupita Nyong’o, Elisabeth Moss

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In dem US-amerikanischen Comic-Klassiker „Calvin & Hobbes“ erfindet der sechsjährige Calvin eines Tages einen sogenannten Duplikator – ein einfacher Pappkarton, auf den er lediglich die Funktion geschrieben hat, um den Gegenstand arbeitstüchtig zu machen. Prompt klont er sich selbst und herauskommt ein identisches Abbild, das ihm nicht nur optisch ähnelt, sondern auch all seine schlechten Manieren mitbringt. Hobbes, sein in seiner Fantasie lebendiger Plüschtiger, kommentiert trocken, dass es sich wahrlich um eine originalgetreue Kopie von dem Jungen handelt. Und was sagt Calvin? „Was soll das heißen? Der Kerl ist ein totaler Penner!“

Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass sich Jordan Peele für seine zweite Regiearbeit „Wir“ von „Calvin & Hobbes“ inspirieren ließ und die Idee eines Horrorfilms würdig um Blut und Schrecken verschärft hat: Die Familie Wilson verbringt ihren Urlaub im sonnigen Santa Cruz, um mal so richtig abzuschalten. Nach einem Strandausflug mit Freunden will man den Tag im schicken Ferienhaus ausklingen lassen, als plötzlich vier dubiose Fremde in der Einfahrt stehen. Schnell artet die Situation aus und es stellt sich heraus, dass es sich um exakte Doppelgänger der Wilsons handelt – allerdings führen sie etwas ganz Böses im Schilde…

Die wandelnden Spiegelbilder benehmen sich tatsächlich wie „totale Penner“ – prügelnd, schlitzend, schneidend und stechend bahnen sich die finsteren Versionen der Protagonisten ihren Weg und lassen den Puls schneller schlagen, während die Prämisse an sich das Mysterium und die Spannung aufrecht erhält. Schon sehr früh macht das Drehbuch aber klar, dass der Grusel nur ein Aspekt von „Wir“ ist. Jordan Peele war vor seinem gefeierten „Get Out“ vor allem mit Keegan-Michael Key eher in lustigen Gefilden unterwegs und das zeigt sich auch in seinem neuesten Wurf: In „Wir“ darf nämlich genauso oft herzhaft gelacht wie laut aufgeschrien werden. Szenen von hoher, nervenzerrender Intensität halten sich so die Waage mit zum Zeil albernen Slapstickeinlagen und witzigen Sprüchen. Der Humor wirkt aber bisweilen ein wenig erzwungen, wie etwa eine etwas zu sehr als schlaue Nostalgie unter die Nase geriebene Anspielung auf die „Micro Machines“-Spielsachen oder „Kevin – Allein zu Haus“. In den besten Momenten funktioniert der Spaß ganz gut, doch bleibt zumindest ein latentes Gefühl der tonalen Unausgegorenheit: Als Horrorfilm ist „Wir“ natürlich viel zu lustig, als Horrorkomödie ist er aber mitunter zu packend und atmosphärisch dicht. Auch wenn der Mix insgesamt nicht allzu stimmig wirkt, die Elemente an sich, das muss man dem Film lassen, sind jedoch formidabel und damit für sich sehr unterhaltsam und vor allem sehr gekonnt in Szene gesetzt. Die Kameraarbeit ist sehr gelungen, im Finale gibt es zudem eine grandios parallel montierte Sequenz zu bestaunen.

Derweil haben die Schauspieler sichtlich viel Spiellaune mitgebracht, denn dank ihrer Doppelrollen bekommen sie jede Menge Möglichkeiten, ihr Talent voll auszuschöpfen, wobei sich Lupita Nyong’o in der Hauptrolle ganz besonders hervortut. Die Oscarpreisträgerin (für „12 Years a Slave“) geht in die Vollen und kreiert überzeugend zwei Seiten einer Figur und meistert darüber hinaus auch die physischen Aspekte des Drehs. Elisabeth Moss, hier in einer kleinen Nebenrolle, legt wiederum den unheimlichsten weil weichesten Übergang von einem entsetzten Heulen zum psychopathischen Lachgesicht an den Tag, dem man in jüngerer Vergangenheit zuschauen konnte.

Sie alle spielen je zwei Seiten einer Figur und ähnlich wie beim eingangs erwähnten „Calvin“-Comic, wird unter anderem die Frage aufgeworfen, wie man wohl auf sich selbst reagieren würde, wenn auf einmal das eigene Ebenbild vor einem stünde und man plötzlich die Fehler an sich selbst bemerken würde. In „Wir“ ist Peele dabei nicht an subtile Unterschiede in der Charakterisierung interessiert, die Gegenstücke sind nämlich ganz klar als dämonische Versionen überzeichnet. Als Visualisierung und gedankenanregende Auseinandersetzung mit der uns innewohnenden Dualität funktioniert „Wir“ trotzdem ganz prächtig, wobei mit der Zeit mindestens noch eine allgemein gesellschaftskritische Dimension hinzukommt, auf die aber an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll – es soll ja schließlich nicht zu viel verraten werden. Sicher ist aber, dass „Wir“ auf der Ebene der simplen Unterhaltung funktioniert und zusätzlich ordentlich Interpretationsstoff liefert, der nur ganz am Ende von einem etwas längeren Eklärmonolog ein wenig ausgebremst wird.

Fazit: Schmunzeln, schaudern, schlau sein – „Wir“ ist ein Überraschungsei von einem Film, das vielseitige Unterhaltung bietet und sich kleine Schwächen in der Ausbalancierung seiner Elemente leistet.

7/10

 

Bildnachweis: Universal

Film-Review: „Captain Marvel“

von Anna Boden, Ryan Fleck

mit Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law

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Superhelden und Comicverfilmungen regieren den Kino-Mainstream und ganz vorne dabei mischen die zu Disney gehörenden Marvel Studios mit. Die haben seit „Iron Man“ von 2008 mit dem Marvel Cinematic Universe (MCU) ein beeindruckendes und die Branche dominierendes Imperium aufgebaut, das zumindest aus kommerzieller Sicht keine Spuren von Schwäche zeigt. Auch künstlerisch konnte man sich in der Regel gegen die Konkurrenz behaupten – Marvel-Werke, so scheint der Tenor zu sein, sind einfach die besten Comicverfilmungen, die es gibt. Nun bringt das Studio mit „Captain Marvel“ kurz vor dem Überknaller „Avengers: Endgame“ die Titelheldin in Stellung, damit diese den anderen Kollegen mit Superkräften zur Seite stehen kann. Für Marvel ist dies der erste Film mit einer weiblichen Hauptfigur, die es mit einer außerirdischen Rasse zu tun bekommt, die ihre Gestalt verändern kann. Wie schade, dass die Regiearbeit von Anna Boden und Ryan Fleck nicht auch so ein Alien ist – denn dann könnte sie sich ja in einen wirklich guten Film verwandeln.

Vers (Brie Larson) lebt mit den außerirdischen Kree zusammen, die sich mit den Skrulls im Krieg befinden. Sie selbst verfügt über übernatürliche Fähigkeiten, die sie als Teil einer Spezialeinheit in den Dienst der Kree stellen will. Doch als eine Rettungsmission gehörig aus dem Ruder läuft, findet sich Vers nur wenig später gestrandet auf der Erde wieder. Während sie auf Hilfe wartet, stellt sie eigene Nachforschungen an und muss schon bald feststellen, dass der blaue Planet ihre Heimat ist, an den sie sich aber nicht erinnern kann. Während die Skrulls Jagd auf sie machen, muss sie sich der Frage stellen, wer sie wirklich ist…

Als die Filmemacher James Gunn und Taika Waititi jeweils für „Guardians of the Galaxy“ und „Thor: Tag der Entscheidung“ auf den Marvel-Zug sprangen, wurden sie wenig später dafür gelobt, ihre ganz eigene Handschrift mit eingebracht und dadurch dem MCU neues Leben eingehaucht zu haben. Für das Studio selbst sollte sich deren Engagement gleich doppelt bezahlt machen: Nicht nur sorgten Leute wie Gunn und Waititi für frischen Wind – sie waren auch kostengünstige Optionen, denn schließlich haben sie zuvor eher kleine Indie-Produktionen gemacht. Für „Captain Marvel“ wurden nun Anna Boden und Ryan Fleck angeheuert, die in punkto Blockbuster-Unterhaltung ebenfalls noch recht grün hinter den Ohren waren.

Von einer individuellen, filmischen Vision kann man aber bei ihrem Ausflug in die Comicwelt nicht sprechen, denn stattdessen regiert die inszenatorische Langeweile. Bei „Captain Marvel“ wird all das gemacht, was man schon in jedem anderen MCU-Film zuvor auch gesehen hat, nur weniger aufregend, einfallsloser, schlechter. Strahlen werden verschossen, Raumschiffe explodieren, man haut sich gegenseitig die Köpfe ein – das ist alles solide und mittlerweile doch altbackene Blockbuster-Unterhaltung, nur in einem verhältnismäßig kleinen Rahmen, der deshalb das Versprechen eines großen Spektakels nur bedingt einhält.

Ästhetisch wirkt „Captain Marvel“ allenfalls funktional, die teils verwackelten Kameraschwenks ins Dunkle bei so einigen Actionszenen sind auch 2019 ein Ärgernis. Und wenn im Showdown dann auch noch augenzwinkernd ein Popsong ertönt, dann schwindet nicht nur jedwede Spannung – die gibt es ohnehin nicht, weil die Heldin einfach zu mächtig ist – man fühlt sich auch an Gunn und die „Guardians“ erinnert, wo der pointierte Einsatz von Musik vor einigen Jahren noch zu den vielen herausragenden Merkmalen zählte.

Im Vorfeld wurde stets betont, dass „Captain Marvel“ keine typische Origin-Story erzählen wird. Heißt also: Die klassische Variante, chronologisch zu zeigen, wie die Heldin zu ihren Kräften kommt, kommt hier nicht zum Einsatz. Vers besitzt gleich zu Beginn ihre Fähigkeiten und befindet sich bereits auf der Kree-Welt. Wie diese wirklich funktioniert erfährt man übrigens kaum und man muss sich mit ein paar kurzen Einstellungen von extraterrestrischer Architektur begnügen – Worldbuilding? Fehlanzeige, spielt eh keine Rolle.

Captain Marvel muss jedenfalls ihre Vergangenheit aufgrund ihres Gedächtnisverlustes rückwärts aufrollen, wobei dies nicht ohne die ein oder andere Länge im Plot vonstattengeht und einige erklärende Dialogzeilen, die dem Zuschauer mit der Subtilität eines Presslufthammers vorgetragen werden. Bei der Stange halten einen in diesen Phasen vor allem ein digital verjüngter Samuel L. Jackson als Nick Fury, der seiner bislang als eher ernst wahrgenommenen Figur eine energischere und humorvolle Dimension  verleiht, und ein mit Elan und Witz aufspielender Ben Mendelsohn. Und klar, eine Katze gibt es auch noch, die nicht nur niedlich ist, sondern es auch faustdick hinter den Ohren hat.

Ausgerechnet Brie Larson als Hauptdarstellerin überzeugt nicht: Ein verschmitztes Lächeln zu Beginn hier, ein paar feuchte Augen da und ansonsten sehr viel stoisches Umhergucken. Als Kriegerin mit Amnesie gibt es jede Menge leere Stellen in ihrer Figur, die sie aber nur unzureichend mit Emotionen zu füllen vermag, was zumindest auch dem Drehbuch geschuldet sein dürfte, von dem sie wenig zum Spielen bekommen hat. Jüngst verriet sie bei Jimmy Kimmel live, dass sie quasi lernen musste, cool zu schauen und man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass ihre Performance bemüht wirkt. Ihr Talent als hervorragende dramatische Schauspielerin, wie sie es unter anderem in „Raum“ oder „Schloss aus Glas“ unter Beweis stellte, kommt hier jedenfalls so gut wie gar nicht zur Geltung und schlimmer noch wird eine fehlende, charismatische Strahlkraft deutlich, weshalb Larson leider wie eine Fehlbesetzung wirkt.

„Captain Marvel“ erscheint aufgrund seiner Makel untypisch für Marvel wie ein Schnellschuss, der nur dazu dient, die Titelheldin für den Kampf gegen Thanos in „Avengers: Endgame“ in Stellung zu bringen.

Fazit: „Captain Marvel“ betätigt dank toller Nebenfiguren kurz vor dem Absturz den Schleudersitz und ist ein seltener Schuss in den Ofen von Marvel.

5/10