Film-Review: „Aladdin“

von Guy Ritchie

mit Will Smith, Mena Massoud, Naomie Scott

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Disney ist auf Erfolgskurs: Nicht nur sind die Superhelden von Marvel und das „Star Wars“-Universum Erfolgsgaranten, auch mit Realverfilmungen alter Zeichentrickfilmklassiker scheffelt das Unternehmen mächtig viel Kohle. Werke wie „Cinderella“, „Die Schöne und das Biest“ oder „The Jungle Book“ sorgten schon für äußerst erfolgreiche Neuverwertungen der bekannten Stoffe und wenn diese Formel so gut läuft, warum also damit aufhören? Zahlreiche weitere Neuauflagen sind geplant, allein im Kinojahr 2019 werden am Ende drei solcher Filme gelaufen sein. „Dumbo“ flog bereits über die Leinwand, „Der König der Löwen“ wird im Juli mit seinem Gebrüll die Säle zum Beben bringen. Dazwischen werden Fans von „Aladdin“ beehrt, der auch 2017 eine ganz gute Figur macht.

In Agrabah schlägt sich der junge Aladdin (Mena Massoud) zusammen mit seinem Äffchen Abu mehr schlecht als recht durchs Leben. Auf der Straße erweist sich sein Talent als Langfinger als zweischneidiges Schwert, denn einerseits ergaunert er sich so Mittel, die ihm sein Überleben sichern, aber wenn er mal erwischt wird, kann es schon mal brenzlig werden. Als er aber eines Tages auf Jasmin (Naomi Scott) trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Sofort knistert es zwischen ihnen, aber um ihr Herz wirklich erobern zu können, müsste Aladdin schon ein echter Prinz sein. Wider Erwarten entpuppt sich allerdings der Plan des zwielichtigen Jafars (Marwan Kenzari) als versteckter Segen, denn so kommt der Dieb in den Besitz einer Lampe. Als Aladdin an ihr reibt, staunt er nicht schlecht, als ihm plötzlich Dschinni (Will Smith) erscheint. Und der erfüllt seinem Meister drei Wünsche… 

Guy Ritchie mutet spontan nicht wie die naheliegendste Wahl an, um einen Disney-Familienfilm zu inszenieren. Schließlich hat er sich einen Namen mit besonders launigen Gaunerkomödien gemacht, in denen weder ein Blatt vor den Mund genommen noch mit Gewalt gegeizt wird. Für „Aladdin“ hält er sich in der Hinsicht natürlich zurück und steckt seine Energie lieber in die detailverliebte Neuinterpretation der bekannten Geschichte. Dass Disney gerne klotzt, kommt ihm dabei sehr entgegen, denn die neue Regiearbeit macht ausstattungstechnisch einiges her. Die Sets und Kostüme sehen jedenfalls prunkvoll aus und sorgen für das perfekte Agrabah-Erlebnis.

Die visuellen Effekte sind insgesamt ganz ordentlich geraten. Tierische Protagonisten wie Abu oder Rajah, Jasmins Tiger, sehen überzeugend realistisch aus. In anderen Momenten jedoch werden einige Defizite deutlich: In einer kurzen Szene kann man Aladdin aus der Ferne dabei beobachten, wie er in der Dunkelheit vor den Palastwachen flüchtet. Die Sprünge, die er dabei vollführt, stammen aber sichtlich aus dem Computer und sehen technisch einfach scheußlich aus. Die Realisierung von Dschinni hingegen streift hin und wieder das sogenannte Uncanny Valley.

Die Erzählung folgt im Grunde genau denselben Stationen wie in der Vorlage – anders als zum Beispiel noch bei „Dumbo“ werden keine großen, neuen Handlungsblöcke eingeschoben oder nachgereicht. Doch wenn man mal den groben Verlauf außer Acht lässt, finden sich etliche Neuerungen gegenüber dem Original. Das fängt schon bei der Eröffnungssequenz an, die eine mittlerweile bestätigte Fantheorie aufgreift und macht auch nicht vor den Figuren an sich halt. Aladdin, Jasmin, Jafar – in kleinen Momenten und Dialogen werden neue Hintergründe bekannt, die so im Zeichentrickfilm noch nicht verbalisiert wurden. Und auch wenn sie am Ende des Tages die altbekannten Protagonisten bleiben, so erhalten sie dadurch geringfügig mehr Nuancen.

Fans des Originals werden also zu gleichen Teilen viel Vertrautes und Neues entdecken können und das setzt sich natürlich auch in der Musik fort. All die großen Hits von damals sind dabei und haben trotz neuer Interpreten nichts von ihrer Magie verloren. Ein neues Lied gibt es aber auch, das von Jasmin gesungen wird und in zwei Teile aufgeteilt wurde. Während der erste aber leider schnell wieder vorbei ist, entfaltet der zweite dafür eine umso größere emotionale Durchschlagskraft, die in diesem Moment besonders durch Naomi Scotts tolle Darbietung Sphären erreicht, wie man sie sogar bei Disney selten zu Gesicht bekam – da macht sich das Realfilmsetting mit echten Darstellern sogar richtig bezahlt, denn am Ende des Tages ist ein echtes Gesicht immer noch wirkungsvoller als ein gezeichnetes.

Viel wichtiger ist jedoch, was dieser Song sowohl innerhalb der Handlung als auch im Disney-Kontext darstellt: Jasmin war zwar zuvor schon eine Prinzessin, allerdings mehr auf dem Papier. Mit einer großen, eigenen Solonummer wird sie aber jetzt als echte Disney-Prinzessin geadelt, denn schließlich ist es ja ein beliebtes Motiv bei Filmen des Mäusekonzerns, das seine weiblichen Figuren einen zentralen Song zum Besten geben dürfen, in denen sie für sich selbst einstehen oder sich Mut machen – „Let it go“ lässt grüßen.

Diesen Moment hat sie sich auch redlich verdient und die Drehbuchautoren Ritchie und John August taten gut daran, ihr diese Möglichkeit zu geben, indem sie Jasmin ins 21. Jahrhundert gerettet haben. Zwar klang schon im Klassiker von damals an, unter welchen restriktiven Umständen sie lebt, die es ihr verbieten, frei für sich selbst und damit ihr Leben zu entscheiden und schon vorher versucht sie dagegen aufzubegehren. Ultimativ aber wurde ihr diese Verantwortung von den Herren der Schöpfung abgenommen. Doch die neue Jasmin will sich nicht einfach mit dem Recht auf romantische Liebe zufriedengeben – sie möchte anführen und ist davon überzeugt, dass sie das kann und mit ihrem Sololied kann sie letztendlich ihren Vater davon überzeugen. So darf sie am Ende ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Mena Massoud als Titelheld gibt ebenfalls eine insgesamt gute Darbietung und „Aladdin“ wird im Laufe der Spielzeit auch deshalb immer besser, weil die Chemie zwischen ihm und Scott nach einem eher hölzernen wie dramaturgisch holprigen Start an Substanz gewinnt. Die ganz große Nummer zieht aber erwartungsgemäß Will Smith als Dschinni ab. Bereits im Vorfeld musste er nach dem Erscheinen der ersten Bilder und Trailer massiv Kritik einstecken, aber war diese auch gerechtfertigt?

Eines muss man ihm jedenfalls lassen: Will Smith gibt absolut Vollgas in der Rolle! Das Energieniveau von Robin Williams‘ legendärer Sprechperformance im englischen Original des Trickfilms erreicht der Superstar spielend leicht und darüber hinaus bekommt er dank der zusätzlichen Laufzeit und dem Realfilmsetting nicht nur als Computerfigur, sondern auch als echter, menschlicher Darsteller jede Menge Momente, die er mit seinem bekannten Charme dominieren kann.

Trotzdem kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, hin und wieder doch nur Will Smith zu sehen – und nicht etwa eine komplett eigenständige Figur, die lediglich von ihm gespielt wird. Sein charakteristischer Tonfall oder sein mitunter leicht durchscheinender Slang verweisen stets auf den Star hinter der Rolle und nicht auf den Dschinni selbst. Da hatte es Williams damals als gezeichnete Figur natürlich leichter. Nimmt man noch eine große, ebenfalls von Smith angeführte Tanzszene am Ende und seinen Rapsong im Abspann dazu, droht Smiths Starpower durchaus „Aladdin“ zu überschatten. Andererseits ist aber die Präsenz von Smith vor der Kamera wiederum ein Segen, wenn er den Menschen nicht nur gibt, sondern am Ende auch wirklich menschlich wirken darf. Wenn Aladdin Dschinni am Ende von seinen Fesseln freiwünscht, dann wirkt dieser Moment eben dank Smiths Leistung sogar rührender als im Original. Sein Mitwirken bringt also Vor- und Nachteile mit sich und wird polarisieren.

Fazit: „Aladdin“ ist eine gelungene Realverfilmung des Trickfilmklassikers mit einer starken Jasmin und ein wenig zu viel Will Smith im Dschinni.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

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