Film-Review: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“

von Josh Cooley

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Bei Fortsetzungen dürften sich immer und immer wieder dieselben Fragen einstellen: Muss das denn sein? Ist das nötig? Macht das überhaupt Sinn? Die Kuh wird doch eh nur gemolken! Alles des Geldes wegen! Auch wenn die Filmgeschichte schon etliche Male bewiesen hat, dass Sequels künstlerisch ein Segen sein können, halten sich Vorurteile und Skepsis noch immer hartnäckig. Man kann es den Nörglern auch nicht verübeln, denn sicher gibt es für jede gute Fortführung zahllose schlechte Beispiele. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass man bei Disney-Pixar einen vierten „Toy Story“-Film produzieren möchte, durfte man jedenfalls stutzig werden. Ob das so eine gute Idee war?

Die Frage war sicherlich zunächst nicht ganz so einfach zu beantworten. Schließlich hat sich die Kreativschmiede im Animationsfilmsektor vor allem durch die konstant hohe Qualität seiner Werke ausgezeichnet – faule Eier wie die „Cars“-Reihe mal ausgenommen. Und wenn ein Studio eine gute Fortsetzung hinbekommt, dann auf jeden Fall Pixar, die besonders mit dem zweiten und dritten „Toy Story“-Film bewiesen haben, wie es richtig gemacht wird. Trotzdem blieb ein fader Beigeschmack, denn „Toy Story 3“ avancierte 2010 zum ersten Animationsfilm, der mehr als eine Milliarde US-Dollar weltweit einspielte – ein gigantischer Erfolg, der auch inhaltlich die Reihe zu einem perfekten Abschluss brachte. Die Saga schien beendet, also was sollte es denn überhaupt noch zu erzählen geben? Aber nach der Sichtung von „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ ist klar: Eine ganze Menge! Die anfängliche Skepsis weicht rasch einem wohligen Gefühl von Vertrautheit, der aufregenden Entdeckungen neuer Figuren und viel, sehr viel Gelächter.

Und darum geht es: Einst waren Woody, Buzz Lightyear und ihre Freunde die Spielsachen von Andy, aber mittlerweile gehören sie zu Bonnie. Das kleine Mädchen verfügt über eine grenzenlose Fantasie beim Spielen, doch leider lässt sie den alten Cowboy immer öfter im Schrank liegen. Macht aber nichts, denn für Woody zählt schlicht und ergreifend, dass Bonnie glücklich ist. Als sie aber eines Tages im Kindergarten aus einer Plastikgabel das neue Figürchen Forky bastelt, stellt das Woody vor eine ganz neue Herausforderung: Forky denkt nämlich, dass es seine Bestimmung ist, im Müll zu landen! Weil er aber Bonnies neuer Liebling ist, hat Woody auf einmal alle Plastikhände voll zu tun, Forky davon abzuhalten, in den nächsten Mülleimer zu hüpfen. Bei einem Trip im Wohnwagen passiert es und Forky entkommt und Woody macht sich alleine auf, den neuen Mitstreiter zurückzuholen. Auf ihrem Weg zurück landen sie in einem unheimlichen Antiquitätengeschäft, in dem die Puppe Gabby Gabby das Sagen hat und die Woody an den Kragen will. Doch ihre Reise hat auch etwas Gutes, denn das lange verschollen geglaubte Porzellinchen taucht wieder auf!

Möchte man sich einen kurzen Überblick über die Geschichte und technische Entwicklung der Computeranimationsfilme verschaffen, braucht man nur auf „Toy Story“ zu schauen: Der erste Teil von 1995 war seinerzeit der allererste vollständig am Computer produzierte Kinofilm und ist damit in die Geschichte eingegangen. Aus heutiger Sicht jedoch wirkt der Klassiker von damals ästhetisch gesehen einfach nur noch hässlich. Da erscheint es umso unglaublicher, wie sich die Reihe und zugleich ein ganzes Genre über die Jahre entwickelt haben und jetzt mit „Toy Story 4“ zu einem vorläufigen Höhepunkt kommen.

Die teure Rechenpower wurde jedenfalls gewinnbringend eingesetzt, denn der Film ist ein echter Hingucker und fährt gleich zu Beginn schwere, technische Geschütze auf: Eine Rettungsaktion im strömenden Regen zieht einen mit Action und Spannung sofort in den Bann, ebenso wie die beeindruckend real wirkenden Regentropfen, die auf den wirklichkeitsnah gestalteten Plastikoberflächen der lebendigen Spielsachen abperlen oder an ihnen herunterlaufen. Die Qualität und Detailfülle der Animation ist nicht mehr einfach nur noch als fotorealistisch zu bezeichnen – sie bekommt eine beinahe haptisch wirkende Erscheinung , denn es ist jetzt immer plausibler, dass Woody wirklich existiert und man ihn und seine Kameraden anfassen könnte.

Atemberaubende Technik will aber auch genutzt werden, um die Geschichte ansprechend in Szene zu setzen und auch in der Hinsicht punktet das Werk von Josh Cooley. Atmosphärische Bilder bei schlechtem Wetter, dynamische Kamerafahrten, die bei Actioneinlagen mitreißen und nicht verwirren, ein sich makellos anfühlender Schnitt – hier ist einfach exzellentes Filmemachen am Werk.

Die Oberfläche stimmt, aber wie sieht es darunter aus? Das Figurenensemble ist natürlich erneut die Hauptattraktion des Films. Das Wiedersehen mit den alten Bekannten wie Woody, Buzz, Jessie oder Slinky ist nach so langer Zeit schon ein Ereignis für sich und sie haben nichts von ihrem Charme und ihrer Chemie untereinander verloren und in der englischen Originalfassung fühlt man sich auch akustisch gleich wieder wie zu Hause, dank der Stimmen von so gestandenen Schauspielgrößen wie Tom Hanks, Tim Allen oder Annie Potts.

Zugleich gibt es eine ganze Reihe neue sprechende Spielsachen, die ihren Einstand in der Marke feiern, von denen man Forky besonders hervorheben muss: Als verwirrte Gabel bringt er den Plot erst so richtig in Gang, während allein seine improvisierte Erscheinungsform für permanentes Schmunzeln sorgt. Seine schiefe Mimik spiegelt perfekt seinen Geisteszustand, seine wackelige Art, sich auf seinen Stöckchen fortzubewegen, ist visuell pures Comedy-Gold.

Doch auch die anderen punkten mit ihren Eigenheiten: Der kanadische Teufelskerl Duke Caboom befindet sich stets in einem Zustand zwischen Größenwahn und Versagensängsten und profitiert im Original von Keanu Reeves‘ Stimme. Gabby Gabby hingegen wird als große Antagonistin eingeführt und ihre falsche Höflichkeit sowie ihre auch in Stresssituationen gefasste Art gepaart mit den typischen Gesichtszügen einer Puppe wirken einfach gruselig, dass sich selbst „Annabelle“ vor Angst in die Hosen machen würde – entsprechend reagierte die versammelte Journalistenschar in der Pressevorführung, weshalb die FSK-Freigabe durchaus überrascht. Abgerundet werden die Neubesetzungen von den Plüschtieren Ducky und Bunny, die von Keegan-Michael Key und Jordan Peele gesprochen werden und jede Menge Lacher für sich verbuchen können. Besonders wenn ihre Fantasie mit ihnen durchgeht, wird das Zwerchfell strapaziert.

Eine besondere Erwähnung verdient auch das Porzellinchen: Die war schon im allerersten „Toy Story“ dabei, doch im dritten Teil fehlte jedwede Spur von ihr. Nun erfährt man nicht nur, warum sie damals fehlte, sondern auch wie sie sich seitdem gewandelt hat. Die liebliche Schafshüterin von damals ist jedenfalls Geschichte, passend für das aktuelle Gesellschaftsklima präsentiert sie sich nun unabhängig, stark und abenteuerlustig, die Woody zeigt, wo es langgeht.

Die Figuren veranstalten insgesamt ein ziemlich buntes und schwer unterhaltsames Kuddelmuddel, doch möchte man ein kleines bisschen mäkeln, dann wirkt die Handlung zwischenzeitlich ein wenig orientierungslos. Einige erzählerische Schlenker bringen den Plot kaum voran, das Wiedersehen mit Porzellinchen, so sehr die Figur an sich sehenswert ist, hängt eine Spur zu sehr vom Zufall ab.

Insgesamt sind das aber sehr marginale Schönheitsfehler in einem Werk, das unter anderem davon erzählt, dass man sich nicht seinem Schicksal ergeben muss, sondern sich und sein Leben ändern kann und dass sich hinter dem Bösen oft genug auch nur eine verletzte Seele versteckt. Und wenngleich, wie erwähnt, der Handlung manchmal kurzzeitig die Puste auszugehen scheint – den Figuren tut das keinen Abbruch. Denn wenn nicht Witze gerissen werden, wirkt jede Interaktion beseelt und obwohl es sich eigentlich um künstliche Objekte handelt, so sehen sie sich mit echten Sorgen und schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert. Einmal mehr beweisen die Meister bei Pixar, dass am Ende des Tages, wenn jeder Lacher gelacht und das Publikum zur Genüge in Staunen versetzt wurde, die Gefühle im Mittelpunkt stehen.

Fazit: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“ ist ein Film, den kaum einer gebraucht hat – und den man ab sofort nicht mehr missen möchte.

8/10

 

Bildnachweis: Disney Deutschland

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