Film-Review „Tenet“

von Christopher Nolan
mit John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh

Merry-Go-Round AKA Tenet

Mit „Tenet“ steht die Rückkehr des großen Hollywoodspektakels im Kino endlich bevor und noch ist nicht klar, ob es auch eine Rückkehr zu alter Form oder ob es sich eher um ein letztes Aufbäumen handeln wird. Finanziell ging wohl schon lange kein Studio ein solches Risiko ein wie Warner mit Christopher Nolans neuem Streich: Das Budget, das auf jenseits der 200 Millionen US-Dollar geschätzt wird, ist immens hoch, doch die weltweit von der Coronakrise geplagten Kinos sind noch lange nicht alle offen, das Publikum könnte noch verhalten bleiben.

Die Erwartungen sind jedenfalls hoch, so wie eigentlich bei jedem neuen Nolan. Der Regisseur hat über die Jahre bewiesen, dass man auch mit originären und anspruchsvollen Stoffen große Erfolge feiern kann und darf deshalb tun und lassen, was er will. Niemandem sonst ist es gestattet so viel Geld dafür zu verpulvern, die Zuschauer mit wilden (wirren?) Ideen zu konfrontieren. Doch die klingelnden Kassen geben ihm recht – wie aber wird es jetzt sein? Sollte der Thriller scheitern, so liegt es noch am wenigsten an ihm selbst: „Tenet“ ist nämlich formvollendetes Blockbusterkino. Vor dem man allerdings auch am besten kapituliert.

Aber worum geht es? Im Vorfeld des Kinostarts ist trotz veröffentlichter Bilder und Trailer so gut wie nichts über den konkreten Inhalt bekannt geworden und dieser Umstand soll an dieser Stelle respektiert werden. Nur so viel: Ein Agent (John David Washington) bekommt bei einem Vorfall Wind von einer neuartigen Munition, die ihn sogleich auf die Spur der größten Bedrohung bringt, mit der die Menschheit je zu tun hatte. Eine nukleare Bedrohung etwa? Viel schlimmer: Inversion, die Umkehrung der Zeit …

Umgekehrte Chronologie, verlangsamte Zeit, Zeitsprünge, drei Zeitebenen gleichzeitig – in der Karriere von Christopher Nolan finden sich zahlreiche Beispiele für den einfallsreichen Umgang mit dem temporalen Verlauf der Ereignisse. Das steht auch im Zentrum von „Tenet“ und ist somit der konzeptionelle Hauptreiz des Films. Im Laufe der satten 150 Minuten hält der Ansatz der Inversion jede Menge Aha-Momente parat, die für sich schon schwer unterhaltsam sind. Auch bekommen Actionszenen einen ganz neuen, bislang ungekannten Reiz, wodurch selbst eine an und für sich gewöhnliche Filmprügelei zweier Männer so aufregend gerät wie sonst nur die großen Schlachtszenen in anderen Titeln.

Doch wenn der Plot erst so richtig an Fahrt aufnimmt und sich zum Konzept noch der ein oder andere Twist gesellt, muss man schon exakt aufpassen, um nicht ganz den Faden zu verlieren. Oder man beherzigt einfach den Rat, der im Film selbst gegeben wird: Gar nicht erst versuchen, es zu verstehen, sondern fühlen. Keine schlechte Idee, denn möchte man wirklich jede Wendung auf ihre logische Akkuratheit überprüfen, während gleichzeitig die Sinne überwältigt werden?

Das macht es zumindest nicht einfacher – mitunter droht die Idee sich auch ein wenig störend über die Action zu legen, da man durchaus Gefahr laufen könnte, diese jederzeit zu reflektieren. Ist das jetzt richtig so, wie das abläuft? Und bei aller zur Schau gestellten Komplexität fällt das Drehbuch ohnehin ab und an in überraschende Banalitätenaber „was geschehen ist, ist geschehen“. Die Protagonisten bleiben indes über weite Strecken relativ blass und laden trotz guter Darbietungen an sich nicht zum Mitfiebern ein (dazu passt, dass einer tatsächlich nur „der Protagonist“ heißt). Doch sie sind ohnehin nur Figürchen auf dem großen Spielbrett Nolans und nur Robert Pattinson versteht es mit seinem aufblitzenden verschmitzten Charme Extrapunkte zu holen.

Trotzdem ist und bleibt „Tenet“ enorm spannendes Kino und das liegt einmal mehr am unverwechselbaren Gespür Nolans für nervenzerreißende Actionsequenzen. Dabei hat der gebürtige Brite einige Dinge wie kaum ein anderer in seiner Preisklasse verstanden: Bewegung im Bild selbst kann schon genug Intensität entfalten, sodass diese durch filmische Stilmittel nur noch akzentuiert, ja quasi nur ein wenig angeschubst, aber niemals mitgerissen werden muss. Das gilt für Autoverfolgungsjagden wie für einzelne Figuren: Wenn ein unter einer taktischen Uniform bullig wirkender John David Washington auf die Kamera zugerannt kommt, dann muss der oscarnominierte Kameramann Hoyte Van Hoytema ihn lediglich in aller Klarheit einfangen – ausuferndes Wackeln oder umherreißen muss in solchen Momenten nicht sein, zeigen und in einer ruhigen, stabilen Vorrichtung folgen, das reicht, denn das Gezeigte ist schon wuchtig genug.

Ferner besorgt die passende Musik für zusätzliche Energie auf der Tonspur, die auch das Bild intensiviert. In diesem Fall liefert Ludwig Göransson einen mitunter experimentell anmutenden Soundtrack, der ständig am Pulsieren ist, die Action perfekt untermalt – und manchmal rückwärts abläuft, passend zur Grundidee. Die scharfe Schnittarbeit von Jennifer Lame ist das i-Tüpfelchen und alles zusammen ergibt pure, kinetische Energie, die atemlose Spannung erzeugt, wie es sie nur im Kino gibt und die zum Ende hin noch ansteigt, wenn alles auf dem Spiel steht und eine gekonnte Parallelmontage abläuft.

Bei „Tenet“ ist eine rennende Person genauso spannend wie ein in ein Gebäude krachendes Flugzeug. Und wenn spätestens einige Dinge auch noch umgekehrt ablaufen, dann werden Actionpuristen wie Durchschnittskinogänger sicher aus dem Häuschen sein.

Fazit: „Tenet“ macht sich zu jeder Sekunde jeden Millimeter der großen Leinwand zunutze und ist damit Kinovergnügen in Reinform. Es könnte wirklich kaum einen besseren Film geben, um Menschen in diesen Zeiten zurück in die Säle zu locken. Trotz kleiner Schwächen ein insgesamt bombastisches Erlebnis, mit dem Warner seinen Teil zur Reanimation der Filmtheater geleistet hat – jetzt sind die Fans in der Pflicht!

7/10

 

Bildnachweis: Warner

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