Film-Review: „Hereditary“

Regie: Ari Aster
mit Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff

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Es müssen nicht immer die Reißer aus dem Hause Blumhouse sein oder besonders blutrünstige Trashgranaten, um im Horrorfilmgenre Aufmerksamkeit zu erregen. In den letzten Jahren sorgten vermehrt Beiträge aus dem Indiefilmbereich für reichlich Gesprächsstoff: Filme wie „Der Babadook“, „It Follows“ oder „The Witch“ wurden zu echten Kritikerlieblingen, die nicht nur die Herzrate in die Höhe schnellen ließen, sondern auch Kopf und Seele von Cinephilen positiv beanspruchten. Auch „Hereditary“ von Ari Aster ist ein vergleichsweise kleines Projekt – mit ganz großen Qualitäten.

Nach dem Tod ihrer Mutter scheint das Leben von Annie (Toni Collette) und ihrer Familie ganz normal weiterzugehen. Doch dann häufen sich immer häufiger seltsame Vorkommnisse, die irgendwie mit dem Tod ihrer Mutter und Annies Tochter Charlie (Milly Shapiro) zusammenhängen. Als es dann zu einem tragischen Unfall kommt, wird wirklich klar, dass übernatürliche Kräfte am Werk sein müssen, die drauf und dran sind, die Familie in den Abgrund zu stürzen…

Mit einer Laufzeit von knapp 130 Minuten dürfte „Hereditary“ zu den etwas längeren Vertretern im Horrofilmgenre zählen. Doch obwohl man diese Länge durchaus spürt, kommt sie dem Werk doch sehr zugute: Aster hat jedenfalls keine Eile und erliegt nicht dem Zwang vieler Kollegen, gleich Vollgas geben zu müssen und einen Jumpscare nach dem anderen abzufeuern. Zwar etabliert er schon von Anfang an eine unheimliche Atmosphäre – tut aber gut daran, diese anschließend nur langsam, subtil und beständig zu verdichten. So entsteht ein Gefühl permanenten Unbehagens, das einen unentwegt begleitet und sich wie ein diffuser Schleier über den Film legt. Man kann sich einfach nie wirklich sicher sein, das Grauen kommt bestimmt und wird mit aller Härte zuschlagen, aber die Frage nach dem „Wann?“ wird nur sehr spärlich und unzuverlässig beantwortet.

Auf diese Weise werden auch über die meiste Zeit Konventionen des Horrorfilms angerissen und unterlaufen. Durch die eigenen Sehgewohnheiten ist man auf bestimmte inszenatorische Mechanismen konditioniert, mit denen dann gespielt werden kann. Aber immer, wenn man zum Beispiel den nächsten todsicheren Schock ausgemacht haben will, wird die Erwartung einfach nicht erfüllt. Und zwar beinahe nie!

Langweilig ist „Hereditary“ aber dadurch trotzdem nicht. Das verhältnismäßig langsame Erzähltempo nutzt Regisseur Aster, um die im Zentrum stehende Familie und das Verhältnis ihrer einzelnen Mitglieder untereinander genauestens unter die Lupe zu nehmen. Dabei werden insbesondere Themen wie Schuld, Trauer und deren Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen und der Gruppe ausführlich beleuchtet. Der Horror im Film manifestiert sich nicht nur im klischeehaften Übernatürlichen, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Schuldzuweisungen, Ängste und das Gefühl, ungeliebt und ungewollt zu sein, können ebenso grausam sein wie ein Dämon, der sein Unwesen treibt.

Auch formal überzeugt „Hereditary“ auf ganzer Linie: Die Kameraarbeit ist äußerst elegant, voller vieler kleiner Einfälle und wartet darüber hinaus mit einer ungewöhnlichen Anzahl an Halbtotalen in Innenräumen auf, die die Protagonisten stets verloren und immer im Kontext des gesamten abgebildeten Raumes zeigen. Und wie man es von Horrorfilmen gewohnt ist, spielt auch die Tonspur eine überragende Rolle. Den Score kann man vielleicht etwas penetrant finden, aber insgesamt unterstreicht er die andauernde, rätselhafte Anspannung. Und, so viel sei verraten, das Geräusch vom Zungeschnalzen dürfte schon jetzt als eines der einprägsamsten und gruseligsten im Filmjahr 2018 gelten.

Was „Hereditary“ zusätzlich von der Konkurrenz abhebt, ist der Raum für Interpretationen: Gleich die allererste (famose!) Einstellung des Films legt eine zusätzliche, symbolische Lesart des Films und vielleicht auch einen einzigartigen Perspektivwechsel nahe. Statt das Geschehen als weltlich zu betrachten mit übernatürlichen Phänomenen von außerhalb, könnte man auch alles von außen sehen, aus einer alternativen, vielleicht auch höheren, universelleren Dimension. Alles, was sich in unseren Leben abspielt, ist nämlich genau das – ein (Trauer-)Spiel, in dem als Horror empfunden wird, was auf der anderen Seite der Bühne womöglich vollkommen normal ist. Bis zu einem gewissen Grad könnte das auch auf das Finale zutreffen, aber dieses geht sicher noch einen Schritt weiter und wird ganz bestimmt viele Fragen hinterlassen und Zuschauer vor den Kopf stoßen.

Perfekt ist „Hereditary“ leider bei allen Stärken trotzdem nicht. Obwohl der Film weitestgehend vermeidet, wie die meisten anderen Genrevertreter zu sein, so macht er zum Ende hin doch ein paar zu deutliche Zugeständnisse an seine Horrorwurzeln, ohne die er doch bis dato wunderbar ausgekommen war. Dann wird es doch noch laut und polternd, fliegt durch die Gegend, was eigentlich nicht fliegen sollte, schauen noch ein paar mehr geisterhafte Erscheinungen vorbei, als vorher schon. Und auch die Darbietungen einiger Darsteller sind beizeiten zwiespältig: Toni Collette in der Hauptrolle der Annie taumelt nämlich die ganze Spielzeit über auf dem extrem schmalen Grat zwischen grandioser Schauspielleistung, wie man sie von ihr als gestandene Charaktermimin kennt, und Overacting. In einem Moment rastet sie aus und ist furchteinflößender als der gesamte restliche Film, aber nur wenig später fragt man sich, ob nicht etwas weniger Drama auch gut gewesen sein könnte. Und auch Alex Wolff gibt Sohnemann Peter überzeugend verzweifelt und zunehmends kaputt – bis er anfängt zu weinen. Das manche darstellerischen Momente unfreiwillig komisch wirken können, bewiesen einige Lacher in der Pressevorführung.

Fazit: „Hereditary“ reiht sich ein in die Riege starker Horrorfilme des modernen Independent-Kinos, die formal brillieren und inhaltlich keine Kompromisse eingehen. Hier halten sich Grusel, Grips und Drama perfekt die Waage.

8/10

 

Bildnachweis: A24

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Film-Review: „Deadpool 2“

Regie: David Leitch
Mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz

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Der erste „Deadpool“-Film mauserte sich 2016 zum erfolgreichsten R-Rated-Film aller Zeiten mit einer geradezu unverwechselbaren Mischung aus derbem und doch augenzwinkerndem Meta-Humor, Gewalt, nostalgischem Soundtrack und der Tatsache, dass auch das auf einer Comicvorlage von Marvel basiert. Nun kommt die unvermeidliche Fortsetzung in die Kinos, in der an die etablierten Qualitäten des Vorgängers direkt angeknüpft werden soll.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) alias Deadpool ist jetzt auch international unterwegs und macht weltweit böse Buben dem Erdboden gleich. Als er bei einem seiner Streifzüge in der Heimat jedoch einen Fiesling entkommen lässt, entwickelt sich diese Entscheidung nur wenig später zu einem Bumerang mit tragischen Folgen. Einen Schicksalsschlag später muss er sich nicht mehr mit einer Trauer und dem Wohlwollen von Colossus (Stefan Kapicic) herumplagen. Plötzlich taucht noch der schwer bewaffnete Cable (Josh Brolin) auf, der Jagd auf den jungen Mutanten Russell (Julian Dennison) macht. Aber woher kommt Cable eigentlich und warum will er ausgerechnet einen kleinen Jungen aus dem Verkehr ziehen?

Für „Deadpool 2“ übernahm David Leitch („John Wick“, „Atomic Blonde“) die Regie und in seinen besten Actionmomenten ist sein Einfluss wirklich zu sehen. Der Miteigentümer der Action-Design-Schmiede 87Eleven und langjährige Stunt-Coordinator weiß ganz genau, wie man es am besten auf der Leinwand krachen lässt und in dieser Hinsicht ist sein Sequel dem Vorgänger deutlich überlegen. Besonders die Kämpfe zwischen dem Titelhelden und Cable sind angenehm druckvoll choreographiert und weitestgehend übersichtlich inszeniert. Wenn allerdings das Spektakel überhandnimmt, wird man einmal mehr mit eher durchschnittlichen Effekten aus dem Computer konfrontiert.

Doch wie so manch andere Filme auch krankt „Deadpool 2“ an seiner eigenen zur Schau getragenen Coolness und dem Fehlen einer echten Gefahr: Sobald ein perfekt ausgewählter Song in einer noch so dramatisch aussehenden Actionsequenz zum Einsatz kommt, gibt es auch in diesem Film nichts, einfach gar nichts mehr, was jedwede Form von Anspannung seitens des Zuschauers rechtfertigen würde. Hier wie auch zum Beispiel bei „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ entsteht dadurch sofort eine ironische Brechung des Gezeigten – für die Figuren geht’s zwar um Leben und Tod, aber eigentlich ist das alles nicht so schlimm, wie es aussieht, so scheint man vermitteln zu wollen.

Stattdessen gibt es noch den x-ten dämlichen Spruch Richtung Publikum, eine weitere Anspielung, die über die Grenzen der filmischen Realität hinaus auf ihr artifizielles Konstrukt verweist und Flüche im Sekundentakt. Die „Deadpool“-Filme wollen so dringlich frech und unangepasst sein, dass man nach dem Schmunzeln – und zugegebenermaßen, man schmunzelt viel – nur noch das Gefühl hat, dass sich da jemand oder etwas aufs penetranteste anbiedern möchte. Der Humor verfügt dabei über keine nennenswerte Halbwertszeit und fällt der einmal weg, offenbart sich ein erneut sehr abgedroschener und mitunter holpriger Plot, der an „Terminator“ erinnert und dem Helden dieses Mal jede Menge Emotionen und Mitgefühl entlockt. Das mag mit dem bis dahin aufgebauten Bild der Figur nicht stimmig zusammengehen und einige furchtbar lange und enorm kitschige Szenen mit Billo-Moral zieht das auch noch nach sich. Die Abspannsszene jedoch, die funktioniert so losgelöst vom Rest des Films einfach vorzüglich.

Man darf allerdings gespannt auf die Zukunft sein, denn am Ende scheint sich eine neue Truppe gefunden zu haben, die aus einigen interessanten Mitgliedern besteht. Neuzugang Josh Brolin überzeugt übrigens als Cable mit seiner schieren Leinwandpräsenz. Mit ordentlich antrainierter Muskelmasse und tiefer Stimme ist er in fast jeder seiner Szenen die absolute Autorität und außerdem ist seinem Cable eine ebenfalls tragische Hintergrundgeschichte vergönnt, die im Spiel von Brolin (und dessen Gesicht) viel glaubwürdiger, fühlbarer und damit besser kanalisiert wird als bei Deadpool. Von den weiteren Nebendarstellern spielt sich außerdem Zazie Beetz als Domino ins Gedächtnis, die mit lässigem Selbstbewusstsein einige Szenen stiehlt.

Ryan Reynolds kommt indes die undankbare Aufgabe zu, das tonale Ungleichgewicht, das im Film in erster Linie von seiner Figur ausgeht, zu stemmen, wogegen er sich nach Kräften abmüht. Aber vielleicht ist auch einfach nur die Vorstellung eines gebrochenen, traurigen Deadpools, der später sein ganz großes Herz für sich neu entdeckt, wie ein seltsames Paradoxon, bei dem man mitunter nicht so recht weiß, ob das ernst oder wieder einmal ach so ironisch gemeint ist – besonders am Ende ist man nur noch irritiert.

Fazit: „Deadpool 2“ wird weder besonders viele neue Fans gewinnen, noch alte abschrecken können. Die bewährten Zutaten sind alle da und sorgen vermengt für einige Kurzweil und viele Lacher ohne nennenswerte emotionale Substanz. Dazu fühlt sich der Film zu unentschlossen zwischen zwei gegensätzlichen Polen an.

5/10

 

Bildnachweis: 20th Century Fox

Film-Review: „Early Man“

Regie: Nick Park

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„Wallace & Gromit“ oder „Shaun das Schaf“ – das britische Filmstudio Aardman Animations hat schon einige weltbekannte Marken hervorgebracht und einige Oscars eingeheimst für ihre Stop-Motion-Filme. Mit „Early Man“ steht nun das nächste Werk an, für das wieder einmal Nick Park verantwortlich zeichnet.

Die Steinzeit: Dug, sein Wildschweinkumpel Hognob und der Rest des Stammes verbringen friedlich ihr Leben im üppig bewaldeten Tal, immer auf der Jagd nach dem nächsten Kaninchen. Doch eines Tages wird ihr idyllisches Leben von der nächsten Stufe in der Menschheitsgeschichte bedroht – dem Bronzezeitmenschen! Mit seinen überlegenen Gerätschaften und Waffen fällt er ins Tal und vertreibt Dug und seine Freunde. Doch der will nicht so leicht aufgeben und fordert Lord Nooth und sein Regime heraus – zu einem Fußballspiel um die Zukunft des Tales!

Das Feld der Filmanimation ist vielfältig und doch kann man ziemlich sicher behaupten, das gegenwärtig computergenerierte Bilder den Mainstream fest im Griff haben – Disney/Pixar, Dreamworks, Universal, „Minions“ und Co., sie alle dominieren an den Kinokassen und selbst kleinere Produktionen schwören auf Rechenpower. Im Stop-Motion-Bereich haben sich in den letzten Jahren besonders Laika („Kubo – Der tapfere Samurai“, „Paranorman“) und eben Aardman hervorgetan. Doch vielmehr scheint es nicht zu geben, was international Aufmerksamkeit erregt. Schon alleine deshalb, und weil in derlei animierten Bildern immer eine Menge mühseliger Handarbeit steckt, muss man einen neuen Film wie „Early Man“ schon aus Prinzip ganz besonders warmherzig empfangen. Und zweifelsohne gilt erneut: Der Film sieht toll aus, die Animationen sind gelungen und strotzen nur so vor Details.

Aber am Ende des Tages sind all die verschiedenen Modi des Filmemachens doch zumeist eher kosmetischer Natur – was kann denn die Geschichte? Und leider überzeugt „Early Man“ in diesem Punkt eher weniger. An familienfreundlicher Unterhaltung möchte man vielleicht nicht die gleichen Maßstäbe setzen wollen wie an ein philosophisches Arthouse-Drama. Dennoch ist die Handlung rund um den Steinzeit-Fußball arg seicht ausgefallen. Die klassische Story vom Underdog verläuft hier so geradlinig und vorhersehbar wie auf Schienen ab, dass man bisweilen nur noch ungeduldig darauf wartet, wann denn endlich dieser oder jener Moment eintritt, den man schon seit den ersten Minuten antizipiert hat. Starke emotionale Momente kann das Drehbuch ebenfalls nicht vorweisen – außer jenen vielleicht, die einem erfundenen Fußballspiel innewohnen könnten (Stichwort: Elfmeter). Was bleibt sind einige Schmunzler und handwerklich grandios in Szene gesetzte, äußerst charmante Langeweile.

Fazit: Nett.

5/10

 

Bildnachweis: StudioCanal

Film-Review: „Ingrid Goes West“

Regie: Matt Spicer
mit Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen
Deutsche Heimkino-VÖ: 20. April 2018

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Schöne neue Welt: Man muss es eigentlich gar nicht mehr erwähnen, wie das Internet und insbesondere Soziale Medien unsere alltägliche Kommunikation und Wahrnehmung voneinander prägen. Durch unsere Profile auf diversen Plattformen werden wir zu Pseudokünstlern und Profis der Selbstvermarktung und geben vor, reicher, schöner, einfach besser zu sein als der Nachbar. Logisch, dass sich das Kino diesem Phänomen schon mehrmals angenommen hat und mit Matt Spicers Spielfilmregiedebüt „Ingrid Goes West“ wird ihm ein tragikomischer Stalkerdreh verpasst.

Ingrid (Aubrey Plaza) hat erst vor kurzem ihre Mutter verloren und ist anschließend bei einer Hochzeit ausgerastet. Deshalb findet sie sich wenig verwunderlich in psychiatrischer Behandlung wieder, aber als sie diese erfolgreich abschließt, ist das erst der Beginn einer folgenschweren Reise. Als die einsame Frau eines Tages in einem Magazin blättert und Taylor (Elizabeth Olsen) sieht, ist es um sie geschehen: Ingrid will unbedingt ihre Freundin werden, koste es was es wolle. Mit dem Erbe ihrer Mutter zieht sie ins sonnige Kalifornien und kommt ihrem Ziel schon bald sehr nahe…

Die Feststellung, dass das Netz und Seiten wie Facebook und Instagram nicht nur Vorteile haben, sondern auch Ursprung elendig vielfältiger virtueller wie realer Probleme ist, dürfte mittlerweile niemanden mehr überraschen. Von daher gewinnt auch „Ingrid Goes Plaza“ mit seiner deutlich kritischen Haltung keinen Innovationspreis. Wie der Film diese Erkenntnis vermittelt, steht allerdings schon wieder auf einem anderen Blatt geschrieben. Wie zu erwarten war, dominieren in den ersten Filmminuten Impressionen von Instagram das Filmbild, während Ingrid sich durch zahlreiche Updates scrollt. Die aus Einsamkeit und mentaler Labilität resultierende Obsession fängt Spicer wunderbar ein – indem er vor allem die extrem stark aufspielende Aubrey Plaza zur Genüge ins rechte (und doch verquere) Licht rückt.

Dieser Film gehört einzig ihr, wird die Geschichte doch ausschließlich aus ihrer Sicht erzählt, und Plaza dürfte mit Sicherheit eine der stärksten Darbietungen ihrer Karriere abliefern. Für ihre Ingrid sind die im Netz verbreiteten, unechten, gnadenlos oberflächlichen Eitelkeiten alles, was sie noch hat und Plaza gibt sie zu gleichen Teilen verzweifelt, eiskalt kalkulierend, mit einer Prise ihres unvergleichlichen komödiantischen Talents. Bei „Ingrid Goes West“ darf so mitunter gelacht werden, doch die meiste Zeit erschaudert man ein wenig vor der geballten und irgendwie doch psychologisch nachvollziehbar dargelegten Erbärmlichkeit, die die Titelfigur an den Tag legt. Da geht man auch schon mal eine Beziehung ein, nur weil diese vor den ach so coolen Freunden mit Traumleben in der Timeline glänzen kann. Und überhaupt dienen echte menschliche Verbindungen als Accessoires für den virtuellen Status, den man sich ausdrucken und einrahmen kann.

Die Hauptfigur ist also toll und wunderbar und mitleiderregend gestört – schade, dass Spicer und Co-Autor David Branson Smith nicht genügend Vertrauen in sie hatten. Ingrids Macken alleine würden schon zur Genüge dafür sorgen, dass die Ereignisse in der Geschichte eskalieren, doch als einer der finalen Katalysatoren für ihr Scheitern wurde mit Nicky (Billy Magnussen) eine unnötig überkandidelte, den Bogen überspannende Figur ins Skript geschrieben, derer es in der Form kaum gebraucht hat. Als penetrant-hyperaktives Arschloch wirkt er unpassend überzeichnet, was ihn beinahe zur einer Karikatur werden lässt, auch dann, wenn um ihn herum reichlich Klischees zu falschen It-Girls abgefeuert werden. Nicky wird in nur wenigen Minuten zu einem nervigen Störfaktor, der letztendlich nur einem einzigen Zweck innerhalb der Geschichte dient. Die Zuspitzung der Ereignisse durch ihn wirkt dadurch leider recht erzwungen.

Insgesamt bleibt aber ein positiver Gesamteindruck von „Ingrid Goes West“, denn das Thema bleibt dafür einfach nach wie vor viel zu relevant und die Darsteller liefern ab.

Fazit: „Ingrid Goes West“ wird von einer bärenstarken Aubrey Plaza getragen und zeigt punktgenau auf tragikomische Weise, dass man das inszenierte Leben im Netz nur schwer wahrmachen kann – man aber umgedreht sein echtes Leben wiederum zur Hölle machen kann, wenn man Verrückten so Zugang zu seiner Welt schafft. Das mag nicht neu sein, aber man kann einfach nicht oft genug drauf hinweisen.

7/10

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Bildnachweis: Universum Film GmbH

Film-Review: „A Quiet Place“

Regie: John Krasinski
mit Emily Blunt, John Krasinski

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Warum denn immer dicke Drehbücher mit ellenlangen Dialogen verfassen, wenn es auch viel einfacher geht? Manchmal reicht nur eine simple Idee, eine interessante Prämisse, die gekonnt und konsequent durchexerziert wird, um einen unterhaltsamen Film abzuliefern. Und genau das hat Regisseur und Hauptdarsteller John Krasinski mit „A Quiet Place“ getan.

Keiner weiß, woher sie kommen und was genau sie sind. Aber Außerirdische haben eines Tages die Welt angegriffen und alles zerstört. Die Überlebenden versuchen, sich in dieser neuen Zeitrechnung zurecht zu finden. Und eigentlich können sie auch ein relativ unbeschwertes Leben führen. Die einzige Bedingung: Sie müssen mucksmäuschenstill sein. Denn die Invasoren aus dem All hören extrem gut und greifen jede Geräuschquelle an, die ihnen nicht in den Kram passt…

Die Spielregeln sind schnell etabliert, dafür sorgt eigentlich schon der Filmtitel: Die von Emily Blunt, John Krasinski und anderen gespielten Protagonisten müssen möglichst still ihr Dasein fristen, ansonten locken sie grässliche Kreaturen an, die mit ihren Klauen alles in Stücke reißen. Aus der simplen Idee wird aber im Film wirklich beinahe alles herausgeholt, was in einem raumzeitlich begrenzten Rahmen und bei kurzer Spielzeit möglich ist: Die gesprochene Sprache fällt fast vollständig weg, stattdessen behelfen sich die Figuren mit Gebärdensprache und Mimik, während inszenatorisch visuelles Storytelling, Vorwegnahmen, ein präziser Schnitt und ein starker Soundteppich für einen maximalen Effekt sorgen.

Es ist erstaunlich, aber die Grundidee des Films sorgt für ein unterbewusst anderes Sehen. Die Exposition wird nicht ausufernd verbal abgehandelt, wie man es schon in unzähligen Filmen erlebt hat, stattdessen werden nahezu alle Informationen über das Bild vermittelt. Als Zuschauer blickt man dann umso konzentrierter auf die Leinwand und saugt jede Einstellung intensiv auf, so das subjektive Gefühl. Akustisch hingegen sorgt das große Schweigen im Anbetracht der Bedrohung für eine permanente Anspannung: Normalerweise verweisen Horrorfilme mit Stille auf den nächsten lauten Jumpscare. Aber wenn es die ganze Zeit ruhig und leise ist, dann sind sie weniger gut zu antizipieren, der plötzlich eintretende Schock auf der Tonspur wirkt umso gewaltiger.

In Bezug auf den Schrecken wird bei „A Quiet Place“ permanent an der Intensität geschraubt, immer neue Situationen ergeben sich aus der vorherigen, die auch noch zumeist in Bezug auf die Idee sehr schlüssig erscheinen. Doch eben weil man die Regeln der Filmwelt kennt, kann man noch besser mitfiebern, da man oftmals versteht, dass sich die Figuren in schier ausweglose Fallen manövrieren, aus denen nur schwer ein Entkommen ist, ohne dass es allzu erzwungen wirkt. Trotzdem kann auch ein so sorgfältig ausgearbeiterer Film nicht ohne kleinere Mäkel, von denen sich insbesondere der Einsatz eines „Gegenmittels“ hervortut, der ein wenig zu beliebig wirkt, obwohl auch dieses nicht ganz an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Erfreulicherweise wird bei all dem fabrizierten Terror die im Mittelpunkt stehende Familie in der Geschichte nicht zu einem Haufen farbloser Figuren degradiert. Krasinski widmet ihnen besonders in der ersten Filmhälfte viel Zeit und etabliert ihre Beziehungen untereinander auf rührende Weise. Gleichzeitig porträtiert er das Leben in Stille ausgiebig und stößt Gedanken über den plötzlichen Wegfall der gesprochenen Sprache und seinen Folgen an, dass man gerne zu dem Schluss kommen möchte: Eigentlich quasseln wir alle viel zu viel. All dies ist im Anbetracht der Tatsache, dass der Film ohne viel Kontext auskommt, durchaus eine Leistung. Warum die Welt so ist, wie sie ist, wird kaum erklärt – also woher die Aliens kommen und was ihre Motivation ist – und ebenso erfährt man nichts über die Personen vor den Geschehnissen im Film. Doch ihre Liebe und Zuneigung füreinander ist nicht einfach nur ein Klischee, sondern wirklich spürbar, die fantastischen Darsteller haben daran einen enormen Anteil.

Fazit: „A Quiet Place“ hat eine einfache, aber interessante Idee und tut verdammt gut daran, sich auch an sie zu halten. Ein höchst effektiver Ritt, der einen in seinen besten Momenten vor lauter Anspannung mit offenem Mund starren lässt und damit sprachlos macht.

8/10

 

Bildnachweis: 2017 Paramount Pictures. All Rights Reserved. / Jonny Cournoyer

Film-Review: „Pacific Rim 2: Uprising“

Regie: Steven S. DeKnight
mit John Boyega, Scott Eastwood, Charlie Day

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Riesige Roboter kämpfen gegen riesige, aus dem Meer emporsteigende Monster aus einer anderen Dimension – 2013 ließ Regisseur Guillermo del Toro mit seinem Actionkracher „Pacific Rim“ reihenweise Erwachsene wieder zum Kind werden, die sich einfach ganz unschuldig an dem gigantomanen Gekloppe ergötzen durften. Nun steht die Fortsetzung „Pacific Rim 2: Uprising“ in den Startlöchern, auf dem Regiestuhl nahm dieses Mal Steven S. DeKnight Platz. Ob seine Arbeit dem Vorgänger gerecht wird?

Jake Pentecost (John Boyega) sollte eigentlich in die ziemlich großen Fußstapfen seines Vaters Stacker treten, der sich einst im Kampf gegen die Kaiju geopfert hat. Doch daran hat er nicht das geringste Interesse und stattdessen schlägt er sich als Dieb und Dealer von Hehlerware durch. Seine zweifelhafte Karriere findet aber ein jähes Ende, als eine neue und bislang nie dagewesene Bedrohung die Menschheit angreift. Und auf einmal sind die Kaiju nicht mehr das einzige Problem auf der Erde. Jake hat keine andere Wahl, als seiner wahren Berufung doch noch zu folgen: Jägerpilot sein!

Der Vorgänger war schon kein Geniestreich und geht auch ganz sicher nicht in die Annalen der Filmkunst ein, aber ein souveränes Stück Actionkino im ganz großen Maßstab war „Pacific Rim“ allemal, das bei all dem Krawall trotzdem Stilbewusstsein und ein Herz für seine diversen (und teils überkandidelten) Figuren bewies. Gute Voraussetzungen für ein Sequel also, um darauf aufzubauen. Die Produktionsgeschichte zu „Uprising“ geriet jedoch ziemlich kompliziert, zwischenzeitlich galt das Projekt sogar als eingestampft und nicht weniger als vier Drehbuchautoren werden in den Credits genannt. Das Chaos macht sich leider auch im fertigen Film bemerkbar.

Denn der inhaltliche Fokus erscheint beim Schauen ziemlich unstet zu sein, weshalb man am Ende den Eindruck bekommt, dass viele Aspekte in der Story letztendlich dafür gesorgt haben, dass zu wenig Zeit auf das verwendet wird, was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte: Kämpfe zwischen Robotern und Monstern und mittendrin vernünftig aufgebaute Figuren. Doch aus den vielen neuen und bekannten Protagonisten kann sich eigentlich nur John Boyega dank seines Charismas wirklich nach vorne spielen – trotz scheußlicher und abgedroschener Dialogzeilen, gegen die dann Leute wie Scott Eastwood oder auch Newcomerin Cailee Spaeny nur wenig überzeugend ankommen. Dafür wird man mit vermeintlicher Kritik zum Einsatz von Drohnen konfrontiert oder mit einer angedeuteten Dreiecksbeziehung, die Fremdscham erzeugt und Mitleid für Schauspielerin Adria Arjona.

Darüber hinaus gibt es auch gefühlt viel mehr von den beiden verrückten Wissenschaftlern Gottlieb (Burn Gorman) und Geiszler (Charlie Day) zu sehen. Doch während sie noch im Vorgänger als Comic Relief eingesetzt wurden und in der Funktion auch wohldosiert zum Einsatz kamen, sind ihre Auftritte im zweiten Teil vor allem eines: nervig. Das mag einerseits mit der zugenommenen Screentime zusammenhängen, die sie eben mit noch mehr komödiantischem und wenig lustigen Overacting zu füllen wissen. Zum anderen geht es auch um ihre Figuren selbst, denn insbesondere Geiszler muss für jede Menge peinliche Momente herhalten, die bei dem ach so lustigen Versuch, chinesisch zu sprechen, erst anfangen. Die irre Entwicklung seiner Figur setzt dem Ganzen noch die Krone auf, aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Fatalerweise kommen ausgerechnet die Hauptantagonisten des ersten Teils in dem durchaus wirr erzählten Plot dieses Mal zu kurz und das sind die Kaiju, diese Monster so hoch wie Wolkenkratzer, die alles zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt. Ihre Auseinandersetzungen mit den erneut ziemlich coolen Jaegern (die auch wieder sehr coole Namen tragen – wer lässt die sich eigentlich einfallen?) sind doch eigentlich das Aushängeschild der Filme, der Grund, weshalb man ein Kinoticket kaufen geht. Unverzeihlich jedoch ist, dass sie bis zur finalen Schlacht nur eine untergeordnete Rolle in „Uprising“ spielen. Klar, ihre Präsenz ist jederzeit spürbar, aber wirklich eingreifen tun sie die meiste Zeit nicht. Stattdessen wird man mit kurzen Rückblenden, Simulationen, Grafiken oder Kurzauftritten fernab des hauptsächlichen Geschehens vertröstet.

Und wenn es dann endlich zur Sache geht, so wird man das Gefühl nicht los, dass der Film ein wenig zu sehr kompensieren muss, dass die Scharmützel sich zuvor eher auf Jaeger-gegen-Jaeger-Action konzentriert haben (die ist übrigens ganz solide – aber mal ehrlich, wer wollte das schon sehen?). Gleich drei Kaijus treten dann gegen vier Riesenroboter an, erwartungsgemäß folgt eine einzige Materialschlacht, die aber in ihrem tumben Exzess zwar auf den ersten Blick den Vorgänger in den Schatten zu stellen scheint, aber zugleich und zu diesem späten Zeitpunkt nur noch ermüdet. Das aufrichtige Interesse an dem Film wurde jedenfalls schon vorher verspielt. Dass die tollen Neonlichter und die allgemein starken Farben des Erstlings komplett abhanden gekommen sind, macht die Schmach perfekt, visuell ist der zweite „Pacific Rim“ einfach eine ganze Spur hässlicher geraten.

Fazit: „Pacific Rim 2: Uprising“ hat in vielerlei Hinsicht mehr, nur nicht mehr von dem, was man wirklich sehen will.

4/10

 

Bildnachweis: Universal Pictures International France

Film-Review: „What Walaa Wants“

Regie: Christy Garland

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Früher dachte ich bei Dokumentarfilmen immer zunächst einmal an staubtrockene Lehrfilmchen, denen es besonders im Vergleich zu Spielfilmen an wirklich aufregenden cineastischen Stilmitteln fehlte, an einer spannenden Dramaturgie oder dergleichen. Doch seitdem, so der subjektive Eindruck, sind Dokus sehr weit gekommen: Obwohl sie sicher noch immer in erster Linie die Welt, so wie sie ist, abbilden sollen und wollen, Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen, sind sie zugleich unterhaltsamer als je zuvor. Einfach nur abgebildet wird nicht mehr, stattdessen gibt es richtige Geschichten zu erzählen. „What Walaa Wants“ ist ein gutes Beispiel von der Berlinale 2018 dafür, dass eine Doku zugleich auch ein sehr guter Coming-of-Age-Film sein kann.

In den Palästinensischen Autonomiegebieten lebt die Teenagerin Walaa, deren Mutter schon seit Jahren in israelischer Haft sitzt. An einem solchen Ort und mit solch einem besonderen Familienhintergrund ist es kein Wunder, dass sie nicht wie die meisten Mädchen ist. Die aufmüpfige und selbstbewusste Walaa möchte jedenfalls nichts vom Heiraten und Kinderkriegen wissen, stattdessen will sie unbedingt Polizistin werden. Doch die Ausbildung ist hart und schon bald muss sie erkennen, dass sie mit ihrer Art ihrem Traum nicht so leicht näher kommen kann…

Über fünf Jahre begleitete Filmemacherin Christy Garland ihr Subjekt in einer der polistisch brisantesten Gegenden der Welt, wo auch die Präsenz von Schussgeräuschen nicht besonders außergewöhnlich ist. Dabei sind sie und ihr Team Walaa stets ganz dicht auf den Fersen, wodurch ein spannendes Porträt einer jungen Frau entsteht, die unter schweren Bedingungen aufwächst. Durch den recht großen Zeitraum, vom 15. bis zum 20. Lebensjahr Walaas, dürfte sicher eine Fülle an Filmmaterial zusammengekommen sein. Dieses wurde zu einer rührenden Geschichte über eine aufmüpfige Außenseiterin auf dem Weg zum Erfolg und zu persönlicher Reife montiert. Die Entwicklung bei der Protagonistin wird im Laufe der Spielzeit immer deutlicher und fast wähnt man sich ein wenig an „Boyhood“ erinnert, wenngleich ohne ähnlich große, optische Veränderungen seitens der Hauptperson. Die trägt den Film übrigens ohne große Mühen – Walaa ist zumeist energisch, laut und lustig und hat schnell die Sympathien der Zuschauer auf ihrer Seite.

Eines sollte man sich allerdings immer vor Augen führen: Dies ist die Geschichte eines einzelnen palästinensischen Mädchens. Demzufolge lässt der Film auch nur ihre Sicht der Dinge zu, eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt darf man jedenfalls nicht erwarten. Diese Einseitigkeit mag durchaus problematisch sein und sollte unbedingt ins richtige Licht gerückt werden, vor allem, wenn der Film von Jugendlichen gesehen wird. Denn die soll der Film in erster Linie ansprechen (der Film lief in der Kinder-und Jugendsektion der Berlinale „Generation“) und als Jugendfilm, der eben von einer jungen Protagonistin erzählt, funktioniert er auch sehr gut. Solange man also für sich selbst die richtige, relativierende Distanz aufbringt, kann man sich an dem Ergebnis auch wirklich erfreuen.

Fazit: „What Walaa Wants“ liefert einen authentischen Einblick ins Leben in den Palästinensischen Autonomiegebieten und erzählt zugleich eine rührende Coming-of-Age-Geschichte mit einer starken Protagonistin im Mittelpunkt.

9/10

Bildnachweis: Christy Garland

Film-Review: „Maria Magdalena“

Regie: Garth Davis
mit Rooney Mara, Joaquin Phoenix

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Die Bibel ist ein Dauerbrenner, ein echter Klassiker der Menschheitsgeschichte, wenn man es mal ganz plump und frei von jedwedem religiösen Ballast mal formulieren möchte. Und weil dieses Buch so unfassbar viele Fans hat, verwundert es kaum, dass es mittlerweile auch unzählige Filme gibt, die sich des einen oder anderen Kapitels angenommen haben. Offenbar gibt es noch heute einen regen Bedarf daran, Bibelgeschichten für die große Leinwand zu adaptieren – aber braucht man das heutzutage wirklich noch?

Den Gedanken von Sinn und Unsinn mal kurz beiseite geschoben – vielleicht sollte man biblische Geschichten einfach so ähnlich betrachten wie „Schwanensee“ fürs Ballett oder irgendetwas von Beethoven in der klassischen Musik: Das sind einfach Evergreens, die man immer und immer wieder den Leuten vorsetzen kann. In diesem Zusammenhang passt es dann auch, dass Regisseur Garth Davis sich nun mit „Maria Magdalena“ die gleichnamige Frauenfigur aus der Bibel vorgeknöpft und ihr ein filmisches Denkmal gesetzt hat.

Wenig verwunderlich (zumindest für den bibelfesten Menschen) wird die Geschichte der Maria Magdalena (Rooney Mara) allerdings kaum von ihr selbst vorangetrieben, sondern von Jesus Christus (Joaquin Phoenix). Als der eines Tages in ihrer Heimat einen Zwischenstopp einlegt und Wunder vollbringt, ist Maria sofort von diesem Heiler und späteren Messias fasziniert, dass sie sich ihm prompt anschließt. Der weitere Verlauf des Films folgt in groben Schritten der Geschichte Jesu bis hin zu dessen Kreuzigung und Wiederauferstehung. Das ist allseits bekannt, erfrischend und durchaus zeitgemäß feministisch ist jedoch die Erzählperspektive ausschließlich aus der Sicht Marias – einer Frau.

Die wird gleich zu Beginn als eigenständig denkende und handelnde Person eingeführt, die sich von ihrer Familie aus eigenem Willen lossagt und auch die männlichen Anhänger Jesu beizeiten hinterfragt, die in ihr eine potentielle Gefahr für die Gruppe sehen. Am Ende, so macht es der Film unmissverständlich klar, sind eben die Frauen Träger der positiven Botschaft von Liebe, während den Männern eindeutig eine negative, weil gewalttätige Assoziation zukommt. Eine interessante Aussage im Anbetracht dessen, dass man konservativen Christen noch heute rückwärtsgewandte Familienstrukturen und Rollenverteilungen nachsagen möchte. Aber an wen ist die jetzt genau adressiert? An die Feministen, die ihren Glauben finden wollen? Oder eben an jene Bibelfanatiker, denen die Augen aufgespreizt gehören? So ganz sicher kann man sich über die Motivation und vielleicht auch Daseinsberechtigung des Films nicht sein.

Trotz aller progressiven Aussagen, die in „Maria Magdalena“ stecken, ist der Film zugleich auch seltsam altbacken. Die Perspektive mag ungewöhnlich sein, aber das, worauf der Blick fällt, erscheint trotzdem in einem kaum anderen Licht, als in anderen Adaptionen der Bibel. In der Zelebrierung von Glauben und Jesus wirkt das Werk traditionell, gewöhnlich und auch vorsichtig, um ja niemandem zu sehr in seiner religiösen Überzeugung auf den Schlips zu treten.

Und so entsteht oftmals ein sehr zwiespältiger Eindruck von den Film, der viele gegensätzliche Dinge zugleich ist: Fortschrittlich und konservativ, die gelungenen Bilder und das Voice-Over sorgen für poetische Momente, während an anderen Stellen die Grenze zum haarsträubenden Kitsch mindestens gestriffen, wenn nicht sogar überschritten wird und das trotz oder gerade wegen der gelungenen Darbietungen der Darsteller. Da muss dann auch der an sich sehr schöne Score von Hildur Guðnadóttir und dem erst kürzlich verstorbenen Jóhann Jóhannsson zur Verantwortung gezogen werden, durch den eben so manche Szene noch eine zusätzliche, mitunter unnötige emotionale Dimension verliehen wird, dass es auch der letzte begriffen hat, wie bedeutungsvoll das doch alles ist. Und obwohl der Film durch die Hauptfigur anfänglich interessant erscheint – da alles weitere ohne jedwede Überraschungen über die Bühne geht, ist „Maria Magdalena“ über die zweistündige Laufzeit schlichtweg zu langweilig.

Fazit: Gute Darbietungen, audiovisuell ein Genuss und sogar zeitgemäß – aber wen soll „Maria Magdalena“ jetzt wirklich von sich bekehren? Zumindest den durchschnittlichen Kinogänger wird diese Frage wohl kaum interessieren. Der hat nämlich alle Hände voll damit zu tun, nicht einzuschlafen.

5/10

Bildnachweis: 2018 Universal Pictures International

Film-Review: „303“

Regie: Hans Weingartner
mit Anton Spieker, Mala Emde

303

Unterwegs findet man nicht selten zu sich selbst und zueinander und auch das Kino hat schon oft von der Bedeutung des Reisens auf vielfältige Weise erzählt, gibt es doch schließlich das Roadmovie-Genre. Auch in „303“ sind die beiden Hauptprotagonisten ständig in Bewegung: Von Deutschland bis nach Portugal geht es und zwar in einem Wohnwagen des titelgebenden Modells 303.

Die Studenten Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) lernen sich zufällig an einer Raststätte kennen. Sie will mit ihrem Wohnwagen ihren Freund in Portugal besuchen, der dort an seiner Doktorarbeit schreibt, er will in Spanien seinen leiblichen Vater besuchen, den er noch nie gesehen hat. Weil ihn die Mitfahrgelegenheit versetzt, darf Jan kurzerhand bei Jule mitfahren. Eigentlich soll der gemeinsame Trip nur bis Köln gehen, ehe Jan von dort aus den Bus nehmen will. Doch nach einigen hundert Kilometern werden spontan einfach weitere rangehängt und unterwegs philosophieren die beiden gegensätzlichen Menschen über ihre Ansichten zur Welt, dem Kapitalismus…und der Liebe.

Roadmovies laufen oftmals Gefahr, durch die verschiedenen Zwischenstopps auf der Reise der Figuren etwas sehr episodisches und damit abgehacktes zu erhalten, was dem Sehvergnügen nur bedingt zuträglich ist. Doch obwohl auch in „303“ eine enorme Strecke zurückgelegt wird und die Figuren oft genug Halt machen, fließt Hans Weingartners Film nur so locker-leichtfüßig dahin. Enormen Anteil daran haben die vielen Diskussionen zu den verschiedensten Themen, über die sich Jule und Jan näher kennenlernen und die den Film über weite Strecken zusammenhalten. In ihren vielen Dialogen zeigen sich deren gegensätzlichen Ansichten zum Leben und auch wenn sie dadurch hin und wieder aneinandergeraten, freunden sie sich nur umso mehr an. So läuft das einfach – Fremde kommen sich in offenherzigen Gesprächen näher und Weingartners Skript fängt das auf authentische wie unterhaltsame Weise ein. Im Grunde genommen sieht man einfach zwei Studenten beim Reden zu – stets ein wenig aufschlussreich, aber auch nie ohne eine gewisse Naivität.

Und irgendwie kommt man doch am Ende des Tages gewissermaßen zu der Einsicht, dass Leben und Liebe einfach nur toll sind. Je näher sich Jule und Jan kommen, desto romantischer und auch optimistischer wird der Wohlfühlfilm mit Fernwehgarantie. Immer wieder streut die Inszenierung schöne, postkartenwürdige Bilder ein, dudelt die entspannte Singer-Songwriter-Musik auf der Tonspur, es wird im Wald spazieren gegangen oder auch mal mit Klamotten ins Meer gesprungen. Wie geil doch alles sein kann, möchte der Film einem offenbar sagen, wenn man denn nur den richtigen Menschen an der Seite hat und man gewillt ist, einfach mal alles stehen und liegen zu lassen – „YOLO – Der Film“ könnte ein passender Alternativtitel für Weingartners Werk sein. Natürlich darf da auch die Entdeckung wahrer Liebe nicht fehlen, nachdem sie zuvor ausgiebigst erörtert wurde.

Mala Emde und Anton Spieker sind dabei die perfekten Darsteller für die Rollen der Studenten, die ihre Gefühle nicht hinter ihrer eigenen Intellektualität verbergen können. Die Chemie zwischen ihnen passt und das Drehbuch sorgt dafür, dass durch immer häufigere kleine Gesten und Blicke die gegenseitige Anziehungskraft steigt, bis es kaum noch auszuhalten ist. Verdientermaßen gab es im Publikum auch Applaus, als sich das Unvermeidliche endlich einstellt. In „303“ dürfte sicher einer der am längsten und genaustens vorbereiteten Küsse der jüngeren Filmgeschichte vorkommen. Seltsamerweise sind Emde und Spieker zu Beginn des Films aber auch dessen schuldig, zwei kurze (und zugegebenermaßen im Gesamtbild des Films recht unwichtige) Gefühlsausbrüche mit fest angezogener Handbremse und damit unerwartet schlecht zu spielen – geschenkt.

Weitaus störender ist jedoch die Entwicklung in der Handlung kurz vor Ende des Films, auf die nicht allzu sehr eingegangen werden soll. Es vermittelt jedenfalls den Anschein, das Skript würde nach all der gezeigten Geduld und Sorgfalt plötzlich ein paar plötzliche und grobe Haken zu viel schlagen, um zum Ziel zu kommen. Ferner ist es etwas irritierend, in einem Film über zwei ziemlich aufgeweckte und aufgeklärte junge Menschen der Jetztzeit auf eine ziemlich altbackene Rollenverteilung der Geschlechter hinzuweisen. Für gewöhnlich störe ich mich an derlei Dingen gar nicht, aber zu Beginn scheint der Film doch sagen zu wollen: Frau kann alles alleine, außer sich selbst im Notfall verteidigen. Fürs Grobe und als Beschützer ist ein Mann immer noch zuständig und von daher auch ein guter Wegbegleiter. Übrigens sind Männer mit eigenem Wohnwagen auf Raststätten potentielle Vergewaltiger – ein arg grober, erzwungener und unnötiger Zug im Drehbuch.

Fazit: „303“ ist hinreißend schön und unverschämt romantisch mit kleinen Mäkeln im Skript.

7/10

Bildnachweis: Kahuuna Films GmbH / Sebastian Lempe, Mario Krause

Film-Review: „Isle Of Dogs – Ataris Reise“

von Wes Anderson
mit Bryan Cranston, Liev Schreiber, Scarlett Johansson

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Typisch. Das sagt man ja gerne mal, wenn etwas eintrifft, das aufgrund vergangener Erfahrungen wenig überraschend erneut eintritt. Typisch, dass dieses und jenes passiert, typisch, dass Person X das jetzt getan hat. Oft genug fällt das Wort in einem negativen Zusammenhang, ab und an in einem eher neutralen, wenn es um die Beschreibung von Eigenschaften geht. Aber wann kommt es einem selbst in einem aufrichtig positiv empfundenen Moment über die Lippen? Das dürfte vermutlich schon deutlich seltener passieren. Aber „Isle Of Dogs – Ataris Reise“ ist typisch Wes Anderson – im allerbesten Sinne.

In einer nicht allzu fernen Zukunft gibt es in Japan ein paar Hunde zu viel und zu allem Überfluss geht von ihnen auch noch eine neuartige Krankheit aus. Als radikale Maßnahme beschließt deshalb der Bürgermeister von Megasaki City, dass alle Hunde auf eine Insel voller Müll gebracht werden. Auch Spots (Originalstimme: Liev Schreiber), Leibwächterhund von Atari (Koyu Rankin), Ziehsohn des Bürgermeisters, wird weggeschickt. Doch Atari will ihn zurückholen und so macht er sich alleine auf eine abenteuerliche Reise nach Trash Island. Dort trifft er auf eine Gruppe anderer Hunde, zu denen auch der Streuner Chief (Bryan Cranston) gehört. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach Spots…

Mit „Isle Of Dogs“ legt Anderson nach „Der fantastische Mr. Fox“ seinen zweiten Stop-Motion-Animationsfilm vor. Natürlich bietet sich das Genre bei einer Geschichte über sprechende Hunde an, aber abgesehen davon ist auch das jüngste Werk des Filmemachers durch und durch, nun ja, typisch für ihn: Beim Anblick einer wunderbar symmetrischen Einstellung gleich zu Beginn fühlt man sich sofort wie Zuhause, die visuelle Handschrift des Regisseurs ist einfach unverkennbar und dominiert auch hier wieder die Bildgestaltung. Erstaunlich, dass sich die Wiederholung des Bekannten aber zu keiner Sekunde abnutzt, bei Anderson ist sie fester Teil seiner künstlerischen Identität und wird dementsprechend erwartet, ja geradezu herbeigesehnt. Dazu zählt aber nicht nur die Wahl des richtigen (und vertrauten) Bildausschnitts, sondern auch die Detailverliebtheit darin. Die Kostüme der Figuren und die Sets wurden liebevoll gestaltet und mit allerlei kleinen Einfällen versehen.

Aber nicht nur filmisch ist der Film ein waschechter Wes Anderson: Auch seine Hunde dürfen furztrocken, ernst und gerade deshalb so lustig den perfekt getimeten, skurrilen Humor ihres Schöpfers zum Besten geben, den Fans noch in jedem seiner Kinofilme vorfinden. Dass sich für die Sprechrollen einige der namhaftesten Stars der Traumfabrik zusammengefunden haben, ist hierbei das Sahnehäubchen bei diesem flott erzählten Werk, das voller kleiner Ideen ist. Wollte man spontan überhaupt etwas kritisieren, dann dass einige antagonistisch auftretende Figuren eine Spur zu rasch geläutert werden – aber auch das kann durchaus als Teil der humoristischen Gesamtplans verstanden werden.

Fazit: Wes Anderson ist zurück und präsentiert sich mit „Isle Of Dogs – Ataris Reise“ wie eh und je. Fans werden definitiv glücklich sein. Hundliebhaber sowieso.

8/10