Film-Review: „Kingsman – The Golden Circle“

von Matthew Vaughn
mit Taron Egerton, Colin Firth, Mark Strong, Julianne Moore, Jeff Bridges

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2015 sorgte Regisseur Matthew Vaughn mit „Kingsman“ für frischen Wind, indem er mit Herz und Humor alten Bondfilmen huldigte und zugleich durch seine einfallsreiche Inszenierung und einige denkwürdige Actionsequenzen dem Agentenfilm erfolgreich zu einer Frischzellenkur verhalf. Zwei Jahre später steht nun die Fortsetzung an, die größere Geschütze auffährt – aber ist sie damit auch besser?

Einmal die Welt retten reicht eben nicht: Nachdem die Kingsman-Agenten erfolgreich den Untergang der Menschheit abgewendet haben, steht nun eine neue Herausforderung an. Die diabolische wie charmante Drogenbaronin Poppy (Julianne Moore) will für Chaos auf der ganzen Erde sorgen und versucht dabei ganz gezielt, die Spione im feinen Anzug auszuschalten. Eggsy (Taron Egerton) und Merlin (Mark Strong) brauchen bei ihrer neuen Mission Unterstützung und finden sie in den Statesman, eine Partner-Organisation aus den USA. Doch werden die vereinten Kräfte ausreichen, um Poppy aufzuhalten?

Vaughn macht von der ersten Filmminute an klar, dass er keine Gefangenen macht. Gemäß dem olympischen Motto höher, schneller, weiter fackelt er gleich zu Beginn ein Actionfeuerwerk ab, das beinahe den ganzen Vorgänger in den Schatten zu stellen droht. Wer jetzt glaubt, der Filmemacher würde zu früh sein Pulver verschießen, der irrt, denn über die stolze Laufzeit von 141 Minuten verteilt er noch die ein oder andere Actionszene, die staunen lässt. Gerade zum Ende hin übertrumpft er sich im Minutentakt, wenn das kreative Gemetzel auf der Leinwand losbricht.

Trotzdem verkommt „Kingsman 2“ zu keiner reinen selbstzweckhaften Orgie aus Gewalt. Denn wenn Vaughn in Werken wie „Kick-Ass“ oder „X-Men: Erste Entscheidung“ etwas gezeigt hat, dann, dass er es wie kaum jemand anders heutzutage versteht, krawallige Schauwerte mit sympathisch-verschrobelten Figuren, Witz und echten Emotionen auszubalancieren. Auch im zweiten Teil der Agentensause kommt die Entwicklung der Protagonisten nicht zu kurz – ganz im Gegenteil: Ihr wird jede Menge Platz einberaumt. Das funktioniert über weite Strecken dank der tollen Figurenzeichnung und der hervorragend aufgelegten Darsteller sehr gut. Doch leider kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Vaughn die perfekte Balance dieses Mal ein wenig entgleitet.

Besonders im Mittelteil des Films machen sich dezente Längen bemerkbar, während derer man sich doch fragt, wann das nächste Action-Highlight um die Ecke lugt. Dass die Geschichte insgesamt breiter angelegt wird durch mehr Schauplätze, Nebenmissionen und -figuren, verstärkt diesen Eindruck noch. Nicht falsch verstehen: Selbst wenn die Handlung gefühlt ab und an ein wenig ins Stocken gerät, gibt es zu jederzeit genug Unterhaltsames zu sehen. Trotzdem hätte etwas Straffung „Kingsman 2“ gutgetan. Mitunter muten während dieser Phase Actionszenen ein wenig vom Skript erzwungen an.

Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist die von Julianne Moore gespielte Bösewichtin Poppy. Moore gibt sie mit überkandideltem und augenzwinkerndem Charme, der jede Menge Spaß macht. Doch im Vergleich zu Samuel L. Jacksons Figur im Vorgänger, bekommt Poppy verhältnismäßig wenig Screentime und wirkt auch insgesamt seltsam passiv.

Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau, denn dafür gibt es zu viel, was für den Film spricht. Neben der tollen Schauspieler und der knalligen Umsetzung, gibt es auch wieder jede Menge lustiger Gadgets an jeder Ecke zu bestaunen – da darf man jetzt schon drauf gespannt sein, was sich die Macher für den sicher kommenden dritten Teil noch alles einfallen lassen werden.

Fazit: „Kingsman – The Golden Circle“ bietet Action mit Seele so gut, wie es zurzeit im Mainstreamkino nur geht. Ein paar kleinere Schwächen verhindern allerdings, dass der zweite Teil mit dem Original gleichzieht.

8/10

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Film-Review: „Es“

von Andy Muschietti
mit Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Sophia Lillis

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Ich habe Stephen Kings „Es“ nur einmal vor circa 20 Jahren gelesen. An jedwede Details kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich das Buch grandios fand und ich mich zu gleichen Teilen schwer gegruselt habe und oft sehr gerührt fühlte. Nun kommt eine neue Adaption in die Kinos, die für eine neue Dimension der Coulrophobie, der Angst vor Clowns, sorgen wird.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der „Klub der Loser“, der aus sieben Kindern aus dem kleinen Städtchen Derry besteht. Sie alle wurden schon mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert oder müssen sich noch immer großen Ängsten im Leben stellen. Und genau diese Angst ruft ein unheimliches Wesen auf den Plan, das zumeist als Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auftritt und das Jagd auf Kinder macht. Schon bald müssen sie sich dazu entscheiden, sich ihren größten Ängsten und damit der Kreatur zu stellen…

„Es“ ist zweifelsohne ein Horrorfilm basierend auf einem Horrorbuch und geizt daher nicht mit allerlei schaurigen Schauwerten: Der Film legt eine gesunde Härte an den Tag, die sich gleich zu Beginn des Films offenbart und nicht einmal Halt macht vor kleinen Kindern. Und wann immer es gruselig zur Sache gehen soll, werden inszenatorisch keine Gefangenen gemacht. Die Tonspur schwillt ungemütlich an und obwohl man vor Angst kaum hinschauen möchte, siegt doch die Neugier darüber, welche Scheußlichkeit als nächstes auf den Zuschauer losgelassen wird. Zwar wird dabei das Rad nicht unbedingt neu erfunden, aber die Ausführung passt. Die Spannungsmomente werden langsam, aber konsequent und gekonnt aufgebaut und vollendet, die verschiedenen visualisierten Ängste der Kinder sind abwechslungsreich und mitunter ziemlich verstörend. Und selbst hartgesottenen Jump-Scare-Veteranen dürfte „Es“ das ein oder andere Zusammenzucken entlocken.

In diesem Zusammenhang muss man natürlich Pennywise erwähnen, denn mit ihm steht und fällt der Film. Doch was Bill Skarsgård unter tonnenweise Make-up auffährt, ist schlichtweg eine Glanzleistung. In jedem seiner Auftritte sorgt er für maximale Gänsehaut, sein Clown ist wahrlich furchteinflößend. Seine Stimme allein, die permanent zwischen quietsch-vergnügt und tief und bedrohlich wechselt, macht schon viel aus; krank wirkt es, wie seine Augen immer in zwei verschiedene Richtungen zu schauen scheinen. Hinzu kommen noch einige wohldosierte Effekte, die den Schrecken perfekt machen und Pennywise noch grotesker erscheinen lassen. Immer wenn man denkt, man hat alles von ihm gesehen, wird einfach noch einer drauf gesetzt und das bis zum Finale.

Was aber sowohl die Vorlage als auch den Film „Es“ so bemerkenswert macht, ist die äußerst gelungene Balance und Vermengung des Horrors mit einer berührenden Comig-of-Age-Geschichte, die sich in der Neuverfilmung ausschließlich um Kinder dreht (im Buch wird zwischen ihnen und ihren späteren Leben als Erwachsene gewechselt). Bill (Jaeden Lieberher), Beverly (Sophia Lillis) und Co. sind ein auf Anhieb liebenswürdiger Haufen Underdogs, auf deren Seite man sich sofort schlägt und deren loses Mundwerk für allerlei Lacher sorgt, ohne sie jedoch jemals der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Beziehungen zueinander werden gefühlvoll in vielen Momenten dargestellt, was ihrem bedrohlichen Abenteuer nur noch mehr Gewicht für ihre jeweilige Entwicklung gibt.

Geschickt geben sich dabei ruhige, lustige Momente und gruselige die Klinke in die Hand, anstatt, wie es häufig vorkommt, allzu offensichtlich und früh das eine Element als bloße Exposition am Anfang zu verbraten, nur um dann ausschließlich dem Grusel zu frönen. Beide Ebenen stehen in „Es“ gleichberechtigt nebeneinander und bedingen sich. Dass bei sieben Hauptfiguren einige zu kurz kommen, ist wohl unvermeidlich und schade, wird aber durch die übrigen Stärken des Films mehr als wett gemacht. Und wenn sich am Ende die Kinder einen Schwur leisten, dann darf man auch zurecht zu Tränen gerührt sein. Selten dürfte ein Film für ein solches Wechselbad der Gefühle gesorgt haben, wobei sich alle Emotionen ganz natürlich aus der Geschichte und den Figuren entwickeln. Dass die gesamte Besetzung, aber neben Skarsgård besonders die sieben Kinder im Mittelpunkt, über alle Zweifel erhaben ist, trägt sehr zum Erfolg des Filmes bei. Bei der ganzen Riege an Jungdarstellern kann man getrost von spannenden Entdeckungen sprechen, von denen man hoffentlich noch viel sehen wird.

Fazit: Wie werkgetreu „Es“ von Regisseur Andy Muschietti genau ist, kann ich selbst nicht beantworten. Aber selbst ohne die Buchvorlage im Hinterkopf zu haben, ist sein Werk ein meisterlicher Gruselschocker mit ganz viel Herz.

9/10

Film-Review: „mother!“

von Darren Aronofsky
mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

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Darren Aronosky macht was er will und zwar ohne jedwede Kompromisse. Der Regisseur schuf auf die Weise in seiner Karriere einige denkwürdige Momente der jüngeren Filmgeschichte, mit denen er sein Publikum in vielerlei Hinsicht herausgefordert hat. Das körperliche wie seelische Leid, durch das seine Protagonisten oftmals müssen, weiß er stets direkt dem Zuschauer zu vermitteln, der gar nicht anders kann, als den Schmerz mitzufühlen. Nach „Requiem For A Dream“ fühlte man sich schwer abgekämpft von der schockierenden Wirkung von Drogen auf den Menschen, bei „Black Swan“ durfte man Zusammenzucken, wenn sich Natalie Portman verausgabt hat oder im Wahn die Haut am Finger einriss. Die ganz großen Themen für den Kopf sparte er aber auch nicht aus: „The Fountain“ erörtert die Liebe durch drei Zeitepochen und im Grunde genommen sogar über die irdische Existenz hinaus und verknüpfte dies mit einer großen Dosis Spiritualität und „Noah“ war Aronofskys ganz eigene Version der biblischen Geschichte. Mit seinem neuesten Werk „mother!“ bringt er nun alles zusammen: Sein Film geizt nicht mit schwer erträglichen Momenten visueller Gewalt und mutet zugleich wie ein einziges großes Rätsel an, bei man sich anfänglich fragt, was warum passiert.

Ein Dichter (Javier Bardem) und seine Frau (Jennifer Lawrence) haben sich in einem schönen Haus mitten auf einem Feld niedergelassen und blicken optimistisch in die Zukunft. Doch dann schaut eines Tages ein Fremder Mann (Ed Harris) bei ihnen vorbei. Der Dichter empfängt ihn mit größter Gastfreundlichkeit, aber seine Frau bleibt skeptisch, zumal der Mann auch noch über Nacht bleiben soll – man kann doch keinen Fremden einfach bei sich übernachten lassen! Wenig später kommt noch die Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) dazu und das Unbehagen der Gastgeberin wächst weiter. Noch ahnt sie nicht, dass das bei weitem nicht die letzten unangemeldeten Gäste sein würden…

Was geschieht hier nur? Die meiste Zeit der Laufzeit tappt man im Dunkeln, doch Aronofsky sorgt trotzdem für einen erhöhten Puls. Besonders in der etwas zu lang geratenen ersten Hälfte des Films spielt er ausgiebig mit Horrorversatzstücken und deutet durch rätselhafte Visionen drohendes Unheil an. Dazu kommt eine effektive Tonspur, auf der Gruselfilmen gleich allerlei unheimliche Geräusche zu vernehmen sind. Und selbst zaghafte Jumpscares werden mit eingestreut. Mit fortschreitender Dauer rücken diese Elemente immer mehr in den Hintergrund und was dann Oberhand gewinnt, ist das scheinbar willkürliche Auftauchen von Menschen. Immer mehr Fremde kommen zu Besuch, zunächst werden sie nur von der perplext wirkenden Frau eingelassen, später brechen sie regelrecht ein. Beinahe unmerklich, aber kontinuierlich wird dieses Spiel vorangetrieben, die Handlung prescht dabei mit einem hohen Tempo voran und macht auch spürbare zeitliche Sprünge, bis nur noch das überfüllte Chaos regiert und die Situation eskaliert.

Es ist schwer zum Inhalt zu schreiben, ohne zu spoilern oder bereits eine Interpretation anzubieten. Sicher ist jedoch, dass es ohne nicht geht. Auf einer ganz bodenständigen Ebene kann man „mother!“ sicher als Psychothriller über eine junge Frau verstehen, die offenbar nicht mehr Herr über ihren Verstand ist und einen einzigen Albtraum erlebt. Vielleicht will Aronosky aber auch auf radikale Weise sagen, dass ein Rückzug in ein Heim fernab aller anderen, so wie es anfangs im Film den Anschein erweckt, auf einem Planeten mit sieben Milliarden Menschen schlichtweg unmöglich ist und dass Menschen immer auf Menschen treffen werden, ob sie wollen oder nicht und dass die Idee seiner eigenen vier Wände nur ein Trugschluss ist. Und dann ist da auf jeden Fall noch mindestens eine weitere Ebene, auf der sich der Film und Aronoskys Genie erst wirklich entfaltet. Aber die soll jeder für sich selbst finden und sei deshalb an dieser Stelle nicht weiter vertieft. „mother!“ wird jedenfalls nach dem Kinobesuch für reichlich Gesprächsstoff und angeregte Gedanken sorgen.

Inszenatorisch fällt das grobkörnige Bild des 16mm-Filmmaterials auf, mit dem gedreht wurde und „mother!“ einen rauen, dreckigen Look verleiht. Die unheimliche Tonspur wurde bereits erwähnt und diese bekommt später noch allerlei mehr zu tun, so viel sei verraten. Auffällig ist auch der fast vollständige Verzicht von Musik im Film. Erzählerisch wie filmisch erlebt man den Film übrigens stets aus der Perspektive der von Lawrence verkörperten Ehefrau. Chef-Kameramann Matthew Libatique klebt förmlich an ihr mit seiner Handkamera und folgt ihr auf Schritt und Tritt, während er oft Close-Ups ihres Gesichtes zeigt, um ihre Regungen einzufangen.

Die Darstellerriege ist weitestgehend überzeugend: Harris und Pfeiffer geben ihr Paar charmant und abgründig zugleich, Bardem wechselt gekonnt zwischen einem narzisstischen Philantropen und einem undurchsichtigen, grübelnden Mann. Ganz im Zentrum des Films steht Lawrence und obwohl sie sich sichtbar abmüht, fehlt ihrer Performance noch ein kleines Quäntchen mehr Glaubwürdigkeit und Intensität.

Fazit: Man verlässt den Kinosaal irritiert, verstört und mit einem ganz großen Fragezeichen im Gesicht, aber je mehr man drüber nachdenkt, desto besser wird „mother!“.

8/10

Game-Review: „Little Nightmares“

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In jüngerer Vergangenheit gab es einige Jump ’n‘ Runs zu spielen, die mit ihren kniffligen Rätseln, fantastischen Designs und spannenden, mitunter geheimnisvollen Inhalten die Gamer in ihren Bann gezogen haben. Spiele wie „Unravel“, „Limbo“ oder „Inside“ kann man zu dieser Riege Spiele zählen und nun kommt „Little Nightmares“ um die Ecke.

Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Six, ein kleines Mädchen mit gelbem Regenmantel, das eines Tages in einer finsteren Umgebung aufwacht. Die Spielmechanik ähnelt einiger der oben erwähnten Vertreter sehr stark: Neben Laufen und Springen kann Six noch Gegenstände greifen und verschieben und sich selbst an Dingen festhalten und sich ducken. Fortan gilt es, sich seinen Weg durch die düstere Welt zu bahnen.

Einen einstellbaren Schwierigkeitsgrad gibt es nicht, ein Tutorial ist bei den wenigen Handgriffen, die benötigt werden, nicht notwendig. Die Rästel sind in der Regel nie besonders knifflig und deren Lösung ist meist schnell gefunden. Das sorgt beim ersten Mal für eine angenehm fixe Abfolge von kleinen Erfolgen, aber zugleich bleiben große Herausforderungen in der Hinsicht gänzlich aus. Große Hirnwindungen, wie man sie bei „Limbo“ gebrauchen musste, sind hier nicht nötig. Am schwierigsten gestalten sich da eher Lauf- und Sprungpassagen, die besonders beim ersten Spieldurchgang im Trial-and-Error ausarten können. Die Steuerung ist in solchen Momenten keine besonders große Hilfe, diese könnte nämlich ein wenig weicher sein. Hat man sich an diese gewöhnt, meistert man aber bald auch diese Momente souverän.

Der Umfang von „Little Nightmares“ ist nicht besonders groß. Fünf Kapitel umfasst das reguläre Abenteuer von Six, von denen jedes eine Spielzeit von 20-30 Minuten umfasst. Dass man eine Trophäe (auf der PS4) gewinnen kann, indem man es in nur einer Stunde oder weniger durchspielt, verdeutlicht nochmal die Kürze. Die größte Stärke des Titels liegt jedoch in seiner Präsentation: Licht gibt es nur wenig und besonders am Anfang kaum. Zur dichten Atmosphäre gehört die Dunkelheit, die man jederzeit mit einem Feuerzeug ein wenig durchbrechen kann. Die unheimliche Tonspur und die beizeiten aufkeimende Musik sorgen für wohlige Gänsehaut und die morbiden Level- und Figurendesigns erwecken den Eindruck, Filmregisseur Tim Burton hätte höchstpersönlich hinter dem Projekt gestanden. Zudem kommt das Spiel mit einer interessanten Story daher, über deren wahre Bedeutung man sicher grübeln kann.

Fazit: Gameplaytechnisch erfindet „Little Nightmares“ sicher nicht das Rad neu und gibt sich in der Hinsicht relativ simpel. Dafür punktet das Spiel mit einer herausragenden Atmosphäre und tollen, weil schrägen Designs, die Lust auf ein erneutes Spielen machen, wodurch auch die Kürze des Titels wieder relativiert wird.

7/10

Film-Review: „The Eyes Of My Mother“

von Nicolas Pesce
mit Kika Magalhães, Clara Wong, Flora Diaz, Will Brill

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Denkt man an Horror, dürften die damit verbundenen Assoziationen stets die gleichen sein: Laute Jumpscares sollen Angst und Schrecken verbreiten, Geister, Dämonen und degenerierte Psychopathen bevölkern das Geschehen und auch die Gewaltdarstellung fällt oftmals expliziter aus als in anderen Genres. Umso erfrischender wirkt es dann, wenn bei einem Film den etablierten Genrekonventionen aus dem Weg gegangen wird. Ein solcher ist „The Eyes Of My Mother“ von Nicolas Pesce. Dessen Filmdebüt ist voll verstörender Grausamkeiten – aber Pesce zelebriert nie den Vorgang wie diese zustande kommen. Stattdessen präsentiert er durch elliptische Schnitte im richtigen Moment nur das Ergebnis, wodurch sich der wahre Horror erst im Kopf des mündigen Zuschauers manifestiert.

Irgendwo in einer ländlichen Gegend der USA wächst die kleine Francisca (Olivia Bond) bei ihren Eltern auf. Eines Tages taucht ein Unbekannter namens Charlie (Will Brill) auf und verschafft sich Zugang zum Haus. Francisca wird dabei Zeuge, wie erst der Fremde ihre Mutter umbringt und anschließend ihr Vater (Paul Nazak) den Eindringling überwältigt und wegsperrt. Doch statt diesen fortan zu meiden, entwickelt Francisca eine seltsame Verbindung zu Charlie. Sie beschließt: Der Mörder ihrer Mutter wird ihr neuer Freund, den sie nie mehr gehen lassen will. Zum Glück war Franciscas Mutter einst Augenchirurgin und hat ihrer Tochter einiges beigebracht, das ihr jetzt sehr behilflich wird. Auch Jahre später macht sie (jetzt: Kika Magalhães) davon reichlich Gebrauch, während sie mittlerweile alleine im Elternhaus lebt. Die Einsamkeit setzt ihr jedoch schwer zu, weshalb sie eines Abends beschließt, Charlie näher zu kommen. Ein Fehler, der verheerende Folgen nach sich zieht…

Kranke Hinterwäldler, die abseits der Zivilisation ihrem schaurigen Tagewerk nachgehen, sind fester Bestandteil im Horrorkanon; das belegen Filme wie „The Texas Chainsaw Massacre“, die Teil des Backwood-Horror-Subgenres sind. Auch in „The Eyes Of My Mother“ klingt diese Genrezugehörigkeit an. Doch wie man obiger Synopsis entnehmen kann, werden damit verbundene Regelmäßigkeiten sogleich unterlaufen: Für gewöhnlich geraten Unschuldige in die Fänge der Verrückten. Hier jedoch besucht das Böse eine eigentlich normale Familie, die sich plötzlich als der wahre Antagonist entpuppt.

Es vergeht im nur 76-minütigen Werk kaum Zeit, um eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse aufzulösen: Charlie ist ein Mörder, muss aber später ein unvorstellbares Martyrium durchstehen, bei dem ihm beide Augen und der Kehlkopf rausgeschnitten werden. Francisca und ihr Vater scheinen zunächst Opfer eines grausamen Verbrechens zu sein, die aber selbst mit einem eigenen darauf reagieren. Und selbst wenn im Laufe des Films noch die ein oder andere Person Francisca zum Opfer fällt, macht es der Film einem nicht leicht. Denn ab einem bestimmten Punkt im Film ist sie auf sich selbst gestellt im Haus ihrer Eltern. Das Skript von Pesce räumt ihrer damit einhergehenden Einsamkeit viel Platz ein, wenn man sie beispielsweise dabei beobachten kann, wie sie in traurigen Monologen ihre nun toten Eltern beweint. Ihr Wunsch nach Nähe äußert sich zudem in liebevollen Gesten gegenüber Charlie, die im Anbetracht des Leides, das sie ihm zufügt, verstörend und gleichzeitig nachvollziehbar wirken, etwa wenn sie ihn sanft über den Rücken streichelt oder ihn wäscht. Ihre Furcht davor, für immer alleine zu sein, motiviert ihr Handeln und lässt sie zu drastischen Mitteln greifen. Auf die Weise wird Francisca zu gleichen Teilen tragische, bemitleidenswerte Protagonistin und gefährliches Filmmonster zugleich. Ein Spagat, der wundervoll aufgeht und dem Film eine ungeahnt dramatische Dimension verleiht.

Aber nicht nur inhaltlich wählt Pesce für „The Eyes Of My Mother“ eine unorthodoxe Route. Inszenatorisch verwehrt er jenen, die den Film vielleicht in Erwartung eines blutrünstigen Reißers schauen, jedwede offensichtliche Befriedigung. Die in der Geschichte reichlich verteilten Brutalitäten werden zu keiner Sekunde explizit ausgespielt, stattdessen arbeiten Pesce und sein Co-Cutter Connor Sullivan mit klugen Aussparungen im zumeist gemächlich-eleganten Bilderfluss: Als Francisca eines Tages Kimiko (Clara Wong) in einer Bar kennenlernt und zu sich nach Hause einlädt, jagt sie ihrem Gast durch ihre unbeholfene und unheimliche Art Angst ein. Sogleich will sich Kimiko unter dem Vorwand, sie sei müde, wieder verabschieden. Francisca will sie aber verzweifelt zum Bleiben überreden. Schnitt. In der nächsten Einstellung sieht man Francisca am Boden eine riesige Blutlache aufwischen…

Diese Lücke in der Erzählung muss der Zuschauer selbst schließen. Und als ob das noch nicht genug ist, folgt aber noch eine weitere Aufnahme, in der Francisca in Folie verpackte Fleischstücke in einen Kühlschrank tut – hat sie etwa Kimiko in kleine Teile zerhackt? Und will sie sie anschließend essen? Die Montage lässt den Zuschauer oftmals derart furchterregende Schlüsse ziehen, wodurch ein nicht geringer Anteil des Horrors tatsächlich nur in dessen Kopf stattfindet, was aber nicht minder effektiv ist. Perfekt abgerundet wird „The Eyes Of My Mother“ schließlich von der schaurig-schönen Arbeit von Kameramann Zach Kuperstein. Der taucht das Geschehen in betörende schwarz-weiße Bilder, an deren Lichtsetzung, symmetrischen Anordnungen und sanften Kamerabewegungen man sich kaum satt sehen kann und die sehr zur zärtlich-morbiden Atmosphäre des Filmes beitragen.

Fazit: Mit „The Eyes Of My Mother“ gelingt Nicolas Pesce ein gefühlvolles wie verstörendes und auf alle Fälle meisterlich inszeniertes Filmdebüt, das große Hoffnungen für die weitere Karriere seines Schöpfers schürt.

9/10

Film-Review: „Emoji – Der Film“

von Tony Leondis
T.J. Miller, James Corden, Anna Faris, Patrick Stewart

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Man kann ja aus wirklich allem Filme machen, oder? Actionfiguren („Transformers“, „G.I. Joe“) oder sogar Gesellschaftsspiele („Battleship“) mussten schon dafür herhalten, also warum nicht auch Emojis? Diese kleinen Hilfen sind aus der täglichen digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken und vielleicht kann man ja auch etwas Originelles aus ihnen machen? Erste leise Zweifel nach der ersten Ankündigung haben sich aber nach der Sichtung definitiv bestätigt: „Emoji – Der Film“ ist Grütze.

Das liegt aber per se nicht an der Idee, überhaupt einen Film über Emojis zu machen. Schließlich gibt es unzählige von ihnen, die in den Händen der richtigen Leute vielleicht für jede Menge kreativer Einfälle hätten herhalten können. Doch ernüchtert muss man feststellen, dass das genaue Gegenteil eingetreten ist: „Emoji“ ist ein einziges Déjà-vu; die Geschichte scheint jedenfalls aus mehreren Animationsfilmhits der jüngeren Vergangenheit nur so zusammengeklaubt zu sein. Textopolis, die bunte Welt der Emojis, erinnert durch die Szenen des alltäglichen Lebens dort mit ihren verschiedenen Bewohnern stark an „Die Monster AG“. Dass der Hauptfigur Gene später mit Jailbreak ein cooler, weiblicher Hacker und Alleskönner zur Seite gestellt wird, ist sicher auch nicht neu, weckte allerdings sofort Erinnerungen an „The LEGO Movie“. Das Innere einer digitnalen Welt und wie ihr Tun die menschliche Außenwelt beeinflusst? Inklusive Ausflug in eine Welt voller Süßigkeiten? „Ralph reichts“ lässt grüßen. Und irgendwie hat die dramaturgische Zuspitzung im Ende auch etwas von „Alles steht Kopf“.

Man hat also alles schon mal gesehen, ohne dass eine ausreichend eigene Note mit eingeflossen wäre. Die Witze sind permanent flach und zünden nur selten und warum gebrauchte es gleich zweier Tanznummern? Derlei Einlagen sind oft in Animationsfilmen nur bemüht-eklige Stimmungsmacher, die selten aus der Handlung heraus entstehen und einen Zweck erfüllen. Und bei „Emoji“ ist das kaum anders – ob sich Kinder davon wirklich anstecken lassen? Im Kino konnte jedenfalls nicht beobachtet werden, wie jemand spontan mitgetanzt hätte. Und als Krönung gibt es jede Menge bekannte Marken zu „bestaunen“: Facebook, YouTube, Spotify, Just Dance, Candy Crush und mehr – an diesem Product-Placement führt kein Weg vorbei.

Fazit: „Emoji – Der Film“ ist seelenloser, kaum unterhaltsamer Schrott.

3/10

Film-Review: „Headshot“

von Kimo Stamboel, Timo Tjahjanto
mit Iko Uwais, Chelsea Islan, Julie Estelle

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Seit den beiden „The Raid“-Filmen von Gareth Evans ist Indonesien wohl das Land, auf das man schauen muss, wenn es um knüppelharte, kompromisslose Martial-Arts-Action geht. Großen Anteil daran hat Iko Uwais, der als Hauptdarsteller und Choreograph dafür sorgt, dass sich die Leinwand gekonnt rot färbt und schmerzverzerrte Gesichter prächtig zur Geltung kommen können. Während es wohl noch ein Weilchen dauern wird, bis Fans „The Raid 3“ genießen können, liefert „Headshot“ einen mehr als schmackhaften Leckerbissen, bei dem Uwais einmal mehr seinen Ruf als aufstrebender Film-Kampfkünstler der Stunde untermauert.

Wie es für das Genre so üblich ist, muss man keine ausgefeilte Handlung erwarten. Der erste „Raid“ war dahingehend minimalistisch, der zweite versuchte sich an einem Gangster-Epos, das sich im Nachhinein nur als schicke, aufgeblähte Fassade entpuppte. Aber die Action, die war grandios. Ähnlich verhält es sich nun auch bei „Headshot“: Ein junger Mann wird mit einer Schusswunde im Kopf am Strand aufgefunden. Als er Monate später sein Bewusstsein wieder erlangt, kann er sich an nichts erinnern. Immerhin steht im eine nette Ärztin zur Seite, mit der er sich anfreundet. Doch ehe er sich versieht, wird sie von den Schergen seiner Verganenheit entführt, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben. Zum Glück haben seine Muckis nicht vergessen, zu was sie imstande sind…

Im Grunde genommen handelt sich mal wieder um einen Helden, der die Prinzessin aus den Fängen des Bösen befreien muss. Und auch wenn diese sich später als ziemlich resolut erweisen soll – das Storygerüst ist allseits bekannt und was noch an zusätzlichen Hintergründen dazu kommt, macht die Sache auch nicht interessanter. In diesem Zusammenhang krankt der Film der Mo Brothers an einem Zuviel an Story. Mit einer Laufzeit von knapp zwei Stunden ist er definitiv zu lang geraten, es gibt zu viele kleinere wie größere Dialoge, die die Action ein wenig zu oft zu unterbrechen scheinen. In diesen Momenten zeigt sich auch, dass Uwais nur ein bedingt guter Schauspieler ist. Zum Glück ist sein Co-Star Chelsea Islan ganz zauberhaft, weshalb man dennoch ein wenig mitfiebern kann.

Wenn dann aber der Moment gekommen ist, dass sich Menschen gegenseitig umbringen wollen, dann schlägt die Stunde von Uwais und „Headshot“. Gelegenheitlich kann man sich ein wenig ob der seltsamen, mitunter unlogischen Handlungen in Schießerein den Kopf kratzen, aber spätestens bei den Mano-a-Mano-Kämpfen sind die Schwächen des Films vorübergehend wie weggeblasen: Einmal mehr werden Körper auf unterschiedlichste und brutalste Weise deformiert und mit Schlägen, Tritten und Stichen bearbeitet. Dabei behilft man sich noch öfter als bislang bei „The Raid“ gerade griffbereiten, alltäglichen Gegenständen, die nahtlos und instinktiv in die Fights eingeflochten werden. Wenn Uwais dann an einem Tisch gefesselt jemanden mit eben diesem den Garaus macht, darf die Kinnlade ganz weiter runterfallen.

Ebenso bei dem Härtegrad des Films, denn hier werden keine Gefangenen gemacht. Stäbchen werden zu Mordwerkzeugen zweckentfremded, eine Pistolenkugel wird nicht etwas abgefeuert, sondern dem Kontrahenten ganz tief ins Auge gestoßen und ein Schuss ist für eine Exekution einfach zu wenig – das ganze Gewehrmagazin muss entleert werden. Das geschieht alles mit größtmöglicher Grimmigkeit und Konsequenz und macht im Film auch nicht vor unschuldigen Zivilisten halt. Dass die FSK die Freigabe verweigert hat, ist jedenfalls keine Überraschung.

Inszenatorisch kann sich „Headshot“ ebenfalls sehen lassen. Die Kämpfe sind präzise und übersichtlich geschnitten und gefilmt, lediglich zwei Auseinandersetzungen mit dem von Very Tri Yulisman gespielten Besi kranken ein wenig zu sehr an einer wackeligen Kameraführung. Da diese in den betreffenden Szenen dennoch genügend Abstand zum Geschehen hält, geht trotzdem nichts verloren.

Fazit: „Headshot“ ist einfach zu lang geraten, um die dünne Geschichte vollends kompensieren zu können. Aber in punkto Kampfkunst-Action gibt es hier das Maß aller Dinge zu sehen – gnadenlos brutal, schnell und kompromisslos.

7/10

Film-Review: „Baby Driver“

von Edgar Wright
mit Ansel Elgort, Lily James, Jamie Foxx, Kevin Spacey, Jon Hamm

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Es gibt auf YouTube einen Video-Essay, in dem aufgezeigt wird, wie sich der Humor in Edgar Wrights Filmen vom Einheitsbrei Hollywoods dadurch abhebt, indem er stark auf filmische Mittel setzt (das Video könnt ihr euch hier anschauen). Das Video ist nur eine kleine Erinnerung dafür, was der Mann inszenatorisch alles auf dem Kasten hat und Filme wie „Shaun Of The Dead“, „Hot Fuzz“, „The World’s End“ und „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ legen deutlich Zeugnis davon ab. Man durfte also mehr als gespannt sein, was der Regisseur mit „Baby Driver“ so alles anstellen würde. Und Junge, Junge, hat er abgeliefert.

Ein Musical quasi ohne Gesang? Kann es das eigentlich geben? Nach der Sichtung von „Baby Driver“ kann man die Frage ruhigen Gewissens mit „Ja“ beantworten. Was Wright hier in circa 113 Minuten fabriziert ist nicht weniger als die perfekte Symbiose aus Bild, Sounds, Schnitt und – Musik. Viel Musik, gute Musik. Beinahe kontinuierlich ertönt ein wilder, aber perfekt abgestimmter Mix aus klassischen wie zeitgenössischen Rock-, Soul- oder HipHop-Songs, deren Rythmus den Fluss der Bilder und Bewegungen im Bild vorgegeben haben. Nichts passiert hier ohne den direkten Einfluss des anderen Elementes und so entfaltet sich vor dem Auge des Zuschauers eine hinreißende Choreographie, ohne jedoch zum reinen Selbstzweck zu verkommen. Stattdessen wird der Spaßfaktor ins Unermessliche potenziert, in jeder Szene, in jeder Sequenz. Verfolgungsjagden wie Schießereien sind adrenalingeladen wie groovy, in ruhigen oder romantischen Momenten sorgt der Soundtrack für eine überhöht zuckrige Atmosphäre, deren Kitsch selbst wie ein Zitat aus alten Balladen der 60er Jahre erscheint. Da passt es auch, dass der Hauptprotagonist nur „Baby“ genannt wird, wie in den schmalzigsten und unsterblichsten Songs, die so existieren.

Die Geschichte selbst mag da auf den ersten Blick nicht mithalten zu können, geht es doch mal wieder um einen jungen, unfreiwilligen Kriminellen, der sich verliebt und fortan von einem Leben in Freiheit mit seinem Mädchen träumt. Das ist altbacken – eigentlich. In Kombination mit der musikalischen Untermalung darf man die Handlung aber ruhig eher altmodisch im positiven Sinne nennen. Die Chemie zwischen Ansel Elgort als Titelheld und Lily James als Love-Interest Debora stimmt, als Zuschauer darf man diesem schon millionenfach gesehenen Paar gerne beide Daumen für ein Happy End drücken. Und überhaupt hätte dieses Style-Feuerwerk mit dem Herz am rechten Fleck eh keine ambitioniertere Geschichte gebraucht. Als I-Tüpfelchen gibt es noch eine feine Prise Humor und prächtig aufgelegte Nebendarsteller, von denen jeder seine größeren wie kleineren tollen Momente hat.

Fazit: „Baby Driver“ ist eine coole Plattensammlung auf Speed und Zuckerwatte.

9/10

Film-Review: „Dunkirk“

von Christopher Nolan
mit Tom Hardy, Kenneth Branagh, Mark Rylance, Fionn Whitehead

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Vater Zeit, dein Name ist Christopher Nolan – zumindest in der Filmbranche. Drei Jahre nach seinem Ausflug ins Weltall bei „Interstellar“ meldet sich der britische Filmemacher mit seiner neuesten Regiearbeit im Kino zurück und nimmt sich dieses Mal den Zweiten Weltkrieg vor. In „Dunkirk“ erzählt er von der Rettung hunderttausender eingekesselter britischer und französischer Soldaten am Strand der französischen Stadt Dünkirchen.

Wie es sich für einen Streifen von Nolan gehört, ist „Dunkirk“ audiovisuelle Perfektion, der man im Saal beiwohnen darf. Das Sound-Design ist gelungen und sorgt für eine geradezu physische Erfahrung beim Schauen und die Musik von Hans Zimmer unterstreicht das atemlose Treiben auf der Leinwand äußerst effektiv, wobei auch das Ticken der Uhr eine zentrale Rolle auf der Tonspur einnimmt. Dazu kommen die bisweilen erlesenen Bilder von Kameramann Hoyte Van Hoytema.

Das Prachtstück von „Dunkirk“ ist jedoch seine ungewöhnliche Erzählform: Nolan verknüpft in seinem Film drei verschiedene Schauplätze – Strand/Infanterie, ziviles Boot und Kampfflugzeug in der Luft – und springt nicht nur zwischen ihnen hin und her. Alle drei Erzählstränge stehen auch für jeweils eine eigene Zeitebene, die wiederum in einem anderen Tempo abläuft als die anderen. Der Erzählstrang um die Soldaten, die auf Rettung warten, nimmt in der Filmwelt eine Woche in Anspruch, während Mr. Dawson (Mark Rylance) mit seinem Boot gerade mal einen Tag durch die Gegend schippert. Und Jet-Pilot Ferrier (Tom Hardy) und seine Kollegen sind nur eine einzige Stunde in der Luft. Ein zugegebenermaßen interessanter Kniff, mit dem Nolan hier spielt und der von einem meisterlichen Schnitt zusammengehalten wird. Durch die Montage wird jedenfalls der Eindruck erweckt, dass trotzdem alles zur selben Zeit passiert, wodurch von Anfang an ein enorm hohes Tempo vorgelegt wird, das fast niemals abzuebben scheint.

Aber genau hier liegt der Hund begraben, denn man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Nolan zu schlau für sein eigenes Wohl ist. Die Vermengung der Zeitebenen und ihre filmische Umsetzung ist meisterlich. „Dunkirk“ ist ein Lehrstück dafür, wie ein Film permanent in Bewegung und intensiv bleibt, doch Nolan vergaß dabei jede Menge andere Dinge. Und allen voran: Er vergaß das Drama. Dem Zuschauer wird keine einzige Figur nähergebracht, es gibt kein menschliches Schicksal, an das man sich mitfiebernd heften könnte, keine Hintergründe, keinerlei Reflexion über jene, die in diesem Krieg sind und über den Krieg selbst. Alles steht auf dem Spiel und doch lässt einen der Film bei aller handwerklichen Virtuosität kalt.

Die innovative Form legt sich so dominant über den Rest des Filmes, dass seine Rezeption auch nur darüber stattfinden kann. Permanent ist man damit beschäftigt, jede neue Szene zeitlich einzuordnen. Nolan verlangt von seinem Publikum, dass es aufmerksam mitdenkt, aber eben nicht mitfühlt. Fast möchte man meinen, dass ihn der Krieg als solches gar nicht interessiert, wenngleich eine Texttafel im Abspann ganz brav versichert, der Film sei all jenen gewidmet, deren Leben durch diese Ereignisse beeinflusst wurden. Nein, der Zweite Weltkrieg liefert nur das passende Tableau für eine Demonstration nolanscher Intelligenz, die er einem unter die Nase reibt, während er einen einzigen Klimax ohne Anfang abfackelt. Und noch etwas hinkt: Durch die Zeitebenen, die sich mitunter auch zu verschieben scheinen, gelingt es dem Film doch tatsächlich sich selbst zu spoilern. Welcher Film schafft denn bitte schön sowas?

Fazit: „Dunkirk“ ist im sprichwörtlichen Sinne formvollendetes, pures Kino – und seltsam leer.

6/10

Film-Review: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

OT: Valerian and the City of a Thousand Planets
von Luc Besson
mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Ethan Hawke

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Der wohl teuerste französische und sogar europäische Film aller Zeiten soll „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ sein und eins vorweg: Das sieht man dem Projekt auch wirklich an. Trotzdem ist es mit Sicherheit ein höchst risikovolles Unterfangen, denn es stehen knapp 200 Millionen € Produktionskosten auf dem Spiel. Ob sich diese bezahlt machen werden? Es darf ein wenig angezweifelt werden. Zwar ist Regisseur Luc Besson ein bekannter Name in der Filmwelt, aber sein Name alleine wird wohl kaum die Zuschauermassen ins Kino locken. Ebenso wenig wie seine Besetzung, denn Cara Delevingne ist meine Erachtens noch immer mehr It-Girl als Schauspielerin und Dane DeHaan ist ein großes Talent, aber leider noch weit davon entfernt, ein echter Star zu sein.

Aber selbst junge und frische Gesichter an Bord zu haben hilft nicht, wenn die Figuren, die sie spielen, blass bleiben. DeHaan spielt den titelgebenden, intergalaktischen Regierungsbeamten Valerian, der zusammen mit seiner Partnerin Laureline (Delevingne) in eine gefährliche Mission gerät, bei der mit der Zeit klar wird, dass jemand ein ganz falsches Spiel spielt. Wer die französische Comicvorlage nicht kennt (und ich gehe dreisterweise davon aus, dass das hierzulande die Meisten betreffen wird), kann bei Bessons Verfilmung keine nennenswerten Hintergründe zu den Figuren erwarten. Gleich von der ersten Sekunde an wird man lediglich mit einem zunächst nur einseitigen, romantischen Interesse Valerians an Laureline konfrontiert, die das mehr oder minder einzige Fundament ihrer filmischen Beziehung für die gesamte Laufzeit darstellt. Man spricht von Heirat, Liebe, man rettet sich gegenseitig – wirklich interessant wird das Duo zu keiner Sekunde. Da spielt es kaum eine Rolle, wer sich noch vor der Kamera tummelt: Clive Owen vermag noch ein wenig etwas zu reißen, Rihanna wird als pures Eyecandy verheizt. Ethan Hawkes kurzer, aber vollkommen entfesselter, genüsslich überspielter Auftritt hingegen macht ordentlich Laune. Aber was hilft das schon, wenn die zentralen Figuren egal bleiben.

Auch dramaturgisch und erzählerisch verzettelt sich Besson mit Fortschreiten der Handlung. Während es anfänglich noch relativ geradlinig zugeht und Interesse und Spannung dadurch aufrecht erhalten werden, weil man noch nicht weiß, wohin die Reise geht, verliert die Geschichte dann plötzlich ihren Fokus: Statt die Hautphandlung konsequent voranzutreiben, macht der Film einen riesen Schlenker zu einer Befreiungsmission, die nichts damit zu tun hat. Trotz aller Action hat man in der Phase das Gefühl, die Story komme nicht voran. Und wenn sie es dann doch tut, muss man am Ende ein wenig ernüchtert feststellen, dass nicht allzu viel an ihr dran ist, wenn mal wieder im finalen Akt in Dialogen alles noch mal ausgebreitet und erklärt werden muss.

Trotzdem: Man muss sich „Valerian“ im Kino anschauen – unbedingt sogar! Denn was Besson inhaltlich falsch macht, gleicht er mit überbordenem, visuellem Einfallsreichtum mehr als wieder aus. Selten gab es eine so bunte Welt auf der Leinwand zu bestaunen, die mit allergrößter Liebe zum Detail designt wurde und vor großen wie kleinen tollen Ideen nur so übersprudelt. Selbst wenn die Dramaturgie Hänger hat, man sitzt trotzdem gebannt und aufmerksam im Sessel, weil es im Sekundentakt etwas Neues zu entdecken gibt. Und das alleine bereitet jede Menge Freude. „Valerian“ ist unverschämt und leidenschaftlich fantasievoll, ein eskapistisches Bollwerk, mit dem, das muss man ihm zugute halten, nicht zwingend das nächste große Franchise aufgebaut werden muss. Und damit ist der Film in unserer heutigen Zeit ein rares Fundstück: Ein hoch budgetiertes und künstlerisch originelles und erfrischenderweise originäres Werk. Es bleibt wirklich zu hoffen, dass es sich rentiert, denn dieser Mut gehört belohnt, der finanzielle Erfolg wäre ein wichtiges Signal an die Filmindustrie für mehr neuartige Stoffe.

Fazit: „Valerian – Stadt der tausend Planeten“ ist bislang im Kinojahr 2017 der wohl schlechteste der Filme, bei denen sich jeder einzelne Cent für das Kinoticket ausnahmslos lohnt.

6/10