Film-Review: „Viral“

von Henry Joost, Ariel Schulman
mit Analeigh Tipton, Sofia Black-D’Elia

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Immer wieder gern gesehen im Horrorgenre: Die unheimliche, rätselhafte, aber in jedem Fall tödliche Epidemie. Ob es sich um ein Virus handelt oder sonstige Erreger, wer auch immer davon befallen wird, stirbt meist einen grauenvollen Tod oder verwandelt sich in eine Art Zombie. In „Viral“ geht es um einen wurmartigen Parasiten, der über das Blut übertragen wird und sich anschließend im Wirtskörper ausbreitet. Schon nach kurzer Zeit beginnt der Wurm, die Kontrolle über den Wirt zu übernehmen und ihn grausame Dinge machen zu lassen.

Davon ist im Film ein kleiner Vorort in den USA betroffen, wo sich die Krankheit rasend schnell ausbreitet. Mittendrin stecken auch die beiden Schwestern Emma (Sofia Black-D’Elia) und Stacey (Analeigh Tipton), die aufgrund der Geschehnisse dazu verdammt werden, in ihrem Haus auszuharren. Doch eines Nachts machen sie sich trotzdem zu einer Party auf. Mit verheerenden Folgen: Stacey wird infiziert und verwandelt sich langsam in ein immer hungrigeres und äußert aggressives Wesen. Und zunächst scheint es keine andere Wahl für Emma zu geben, als ihre eigene Schwester dem Schicksal zu überlassen…

Das Regieduo Henry Joost und Ariel Schulman bewies erst 2016 mit ihrem High-Tech-Thriller „Nerve“, das sie zwei durchaus talentierte Filmemacher mit einem ausgesprochenen Gespür für Stil sind. Audiovisuell machte der Film viel her und auch bei „Viral“ lässt sich trotz eines offenkundigen niedrigen Budgets erkennen, dass die beiden versucht haben, dem Werk optisch einen netten Anstrich zu verpassen. Die Bilder sehen oft wie geleckt aus und nicht selten gibt es zwar insgesamt nicht besonders auffällige, aber doch feine Kamerafahrten zu beobachten. Dadurch bekommt man den Eindruck, dass die Bilder sich in einem weichen Fluss befinden, die Kamera steht selten still.

Allerdings kann man hier bereits einen ersten Kritikpunkt nennen: Die Inszenierung erscheint makellos, aber auch zu glatt für einen kurzen, kleinen Horrorschocker. Das wäre aber dennoch nicht so schlimm, wenn „Viral“ außerordentlich spannend wäre oder seiner Prämisse etwas interessantes abgewinnen würde. Aber auch hier wird man weitestgehend enttäuscht. Mitunter wird es etwas eklig, wenn der Wurm sich in Großaufnahme unter der Haut windet, ansonsten beschränkt sich der Goregehalt weitestgehend auf ausgespucktes Blut. Und der Angstfaktor wird fast nie über einen simplen Jumpscare hinaus geschraubt. Stattdessen verpassten es die Macher, die zunehmende Bedrohung im Film auch mit einer sich stetig zuspitzenden Dramaturgie zu versehen. Ein Tritt auf das Gaspedal hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, doch wann immer in „Viral“ die Hölle losbricht, ist es nur wenig später auch wieder damit vorbei. Eine potenziell spannende Idee – Stichwort „Nest“ – wird zum Ende des Films nur noch kurz angerissen und auch nicht weiter intensiviert, was schade ist.

Die Darsteller, allen voran Analeigh Tipton und Sofia Black-D’Elia als Schwesternpaar, machen ihre Sache grundsolide, gerade mit Hinblick auf das, was ihnen an die Hand gegeben wird vom Drehbuch. Aber in den wenigen 86 Minuten, die der Film dauert, geht ihre an sich innige Beziehung kaum über Lippenbekenntnisse hinaus, sodass die der Geschichte eigentlich inhärente Tragik nur wenig Gewicht erhält.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass „Viral“ wie eine Fingerübung für Henry Joost und Ariel Schulman wirkt, mit der sie sich bei Laune gehalten haben. Der Streifen ist hübsch anzuschauen, aber für mehr als einen mäßig spannenden Gruselquickie reicht er nicht.

4/10

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Film-Review: „Atomic Blonde“

von David Leitch
mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella

Coldest City, The

Erst vor zwei Jahren stellte Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis, dass sie furiose Actionfilme locker bestreiten kann. Nun meldet sich die Oscarpreisträgerin mit einem neuen Film zurück, der ihr besonders körperlich so ziemlich alles abverlangt haben dürfte: „Atomic Blonde“.

Inszeniert wurde das Ganze von einer „John Wick“-Regiehälfte und zwar von David Leitch. Und wenn man sich mal vor Augen führt, dass sein Partner Chad Stahelski alleine „John Wick: Kapitel 2“ gedreht hat und Leitch bei „Blonde“ ebenfalls auf Solopfaden wandelte, muss man feststellen, dass Leitch der etwas talentiertere der beiden ist. Visuell verleiht er der in Berlin vor dem Mauerfall spielenden Handlung einen zwar kühlen, aber stylishen Anstrich, der durch geschmackvolle Farb-und Lichteinfälle immer wieder aufgelockert wird. Szenen in Hotel-oder Clubräumen werden bisweilen in Neonfarben getaucht, an anderer Stelle prügelt sich Theron schattenhaft mit einem Handlanger, während im Hintergrund eine Kinoleinwand bespielt wird.

Natürlich muss man an dieser Stelle auch die zahlreichen Actionszenen hervorheben. Leitch und sein Team taten gut daran, Prügeleien oder Schießereien stets übersichtlich und mit vergleichsweise wenig Schnitten zu filmen, wodurch das Gemetzel sich wunderbar vor dem Auge des Zuschauers entfalten kann. Ganz besonders deutlich wird es bei DER zentralen Actionsequenz nach etwas mehr als die Hälfte. Mehrere Minuten lang prügelt und ballert sich Theron durch ein Treppenhaus, verschanzt sich, macht dann weiter, flüchtet mit einem Schützling in ein Auto und fährt davon, die Verfolger dicht an ihren Fersen – und das geschieht alles ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt. Eine atemlose Sequenz, die grandios durchchoreographiert und auf allen Ebenen exzellent ausgeführt wurde. Die Kamera ist nah dran am Geschehen und schafft es trotzdem, alles im Blick zu behalten und die räumlichen Gegebenheiten, in denen sich die Action abspielt, stets klarzumachen. Und was Theron und ihre Stuntmänner veranstalten ist der helle Wahnsinn und, ja, auch sagenhaft gut gespielt. Wenn zum Ende der Sequenz alle Beteiligten schnaufen und taumeln meint man selbst die Erschöpfung zu spüren. Diese Sequenz sucht im Kinojahr 2017 bislang ihresgleichen und ist alleine das Eintrittsgeld wert.

Leider kann der Rest des Films nicht mithalten. Zwar ist die Besetzung mit Theron, James McAvoy, Sofia Boutella und John Goodman wirklich hochkarätig geworden, doch halbwegs interessante Figuren stellt niemand von ihnen dar. Hintergründe bleiben Fehlanzeige, die Persönlichkeiten bleiben nur grob skizziert und kühl. Und die Handlung ist regelrecht egal: Dass diese im Grunde eine einzige Rückblende ist und der Film deshalb in der Zeit vor- und zurückspringt, nimmt ihm einiges an Erzählfluss, aber auch ohne bliebe einfach nur eine typische Agentenscharade, bei der am Ende keiner mehr so genau weiß, wer hier wen hintergangen hat und eigentlich interessiert es auch nicht. Dass der Film dann auch noch gefühlt einige Minuten zu lang geraten ist, schafft da keine Abhilfe.

Fazit: Eigentlich wäre „Atomic Blonde“ nur ein mittelprächtiger, dezent langweiliger Film, wäre da nicht die starke Inszenierung und vor allem die bärenstarke Action. Für die oben erwähnte Sequenz gibt es außerdem einen Bonuspunkt. Wer also über die maue Story und blasse Figuren hinwegsehen kann, bekommt wenigstens tolle Krachermomente geboten.

6/10

Film-Review: „Planet der Affen: Survival“

OT: War For The Planet Of The Apes
von Matt Reeves
mit Andy Serkis, Woody Harrelson, Amiah Miller

Twentieth Century Fox's "War for the Planet of the Apes."

Vor „Planet der Affen: Prevolution“ habe ich noch nie einen einzigen Film aus dem „Affen“-Franchise gesehen und auch den Film wollte ich mir damals zunächst nicht anschauen. Ich hielt es dummerweise für zu „affig“. Da sich mir dank meines Jobs im Kino die Möglichkeit bot, den Film umsonst anzuschauen, habe ich es trotzdem getan. Irgendetwas muss doch an dieser Reihe dran sein, dachte ich mir. Meine Güte, ich wurde eines Besseren belehrt. Begeistert verließ ich den Kinosaal und auch einige Jahre später beeindruckte mich der Nachfolger „Planet der Affen: Revolution“ über die Maßen. Nun habe ich bereits den dritten Teil sehen dürfen und eines steht jetzt schon für mich fest: Die „Affen“-Prequelreihe ist die vielleicht beste Filmtrilogie seit Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“.

In „Planet der Affen: Survival“ hat sich der Konflikt zwischen Menschen und Affen weiter zugespitzt und bei einer erneuten Auseinandersetzung müssen beide Seiten große Verluste hinnehmen. Doch dann wird eines Tages ein Attentat auf den Anführer der Affen Caesar verübt, das jedoch misslingt. Fortan sinnt er auf Rache und begibt sich auf eine Reise durch ein postapokalyptisches Land.

Matt Reeves saß erneut auf dem Regiestuhl und führt konsequent Geschichte, Stimmung und Figuren aus den vorangegangenen Teilen fort und spielt wieder einmal die ganz großen Stärken aus, die auch schon die anderen Filme so gut gemacht haben: Die Produktionswerte sind außerordentlich, es gibt große, aufwendige Sets, mitunter kracht es nur so in Gefechten und die Effekte sind wieder einmal allererste Sahne – typisches Blockbusterkino möchte man meinen. Doch all das Brimborium verkommt niemals zum Selbstzweck, sondern ordnet sich stets der Handlung und den darin Handelnden unter. Reeves und sein Team gelingt das Kunststück, auf allen Sinnesebenen zu beeindrucken und trotzdem in erster Linie höchst emotionale und intime Momente zu kreieren, die niemanden kalt lassen dürften. Auffällig ist dabei der starke Einsatz von Großaufnahmen der Gesichter, in denen sich dank der perfekten Performance-Capture-Technologie jede noch so kleine Regung ablesen lässt.

Weshalb die Technik auch ganz schnell in der Wahrnehmung des Films in den Hintergrund rückt. Dies ist die Geschichte von Caesar und seinen Affen und die Figuren sind allesamt komplex und mit allergrößtem Feingespür geschrieben, dass man die Reise mit ihnen intensivst durchlebt. Stille, intime Momente voller Mitgefühl, Wut und Trauer – weil Reeves viel Zeit in die Figuren und ihrer Ausarbeitung investiert, bekommen diese Gefühle auch tatsächlich das nötige Gewicht, das sie verdienen und weshalb sie umso wirksamer sind. Im Rahmen meiner Arbeit bekam ich schon vor einer Weile in London die Gelegenheit, die erste Stunde des Films vorab zu sehen. Das damals gezeigte Material war noch nicht fertiggestellt und an einigen Stellen waren unfertige visuelle Effekte zu sehen. Doch zu keiner Sekunde hat das gestört, weil eben alles andere einfach zu gut war und die Geschichte und die Figuren zu viel Tiefgang hatten.

Neben dem inszenatorischen Können von Reeves und der famosen technischen Umsetzung, haben natürlich die Darsteller einen enormen Anteil am Gelingen des Films. Die Affenbande wird dabei erneut von Andy Serkis angeführt, dem man so langsam wirklich einen Oscar gönnt für seine komplexe Darbietung als Caesar, die natürlich weit über das bloße Imitieren eines Affen hinausgeht. Ihm gegenüber steht der wie immer äußerst sehenswerte Woody Harrelson als Antagonist, der den ambivalenten Colonel mit Verve gibt. Erwähnen sollte man auch an dieser Stelle die kleine Amiah Miller, die als taubstummes Mädchen einen wichtigen Gegenpol zu den Affen und den anderen erwachsenen Menschen bildet. Anhand ihrer Interaktion mit den Primaten werden sowohl die Figur Caesar als auch zentrale Themen wie Mitgefühl, Verantwortung, Recht und Unrecht erörtert und Miller ist als dieser kleine menschgewordene Hoffnungsschimmer einfach bezaubernd. Zuguterletzt soll noch der kraftvolle Score von Michael Giacchino nicht unerwähnt bleiben, der den Film perfekt mit eingängigen Themen musikalisch untermalt.

Perfekt ist „Planet der Affen: Survival“ insgesamt zwar dann doch nicht, weil besonders in der zweiten Hälfte des Films das Skript einige Situationen zu sehr erzwingt, dass man sich schon mal fragen darf, wie das denn jetzt zustande gekommen ist. Trotzdem: Die Makel werden von den Vorzügen bei weitem übertroffen und so bleibt zu sagen, dass es sich hierbei um einen fulminanten dritten Teil der Reihe handelt.

9/10

„Song To Song“ oder: Terrence Malick, Emmanuel Lubezki und der göttliche Erdenbesucher

SONG TO SONG

Ich habe bislang jeden Film von Terrence Malick gesehen, bis auf „Voyage Of Time“, der schlichtweg noch nicht in deutschen Kinos lief. Das ist an sich keine große Leistung, schließlich gehört Malick nicht gerade zu den Produktivsten der Regiezunft. „Der Schmale Grat“ ist jedenfalls einer meiner absoluten Lieblingsfilme und auch von „The Tree Of Life“ halte ich nach wie vor extrem viel. Nichtsdestotrotz fällt es mir seit geraumer Zeit immer schwerer, das, was ich bei einem Malick-Film sehe, noch in Worte zu fassen. So auch seine Filme „Knight of Cups“ und ganz neu „Song To Song“ mit Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling und Natalie Portman. Ich möchte mich ehrlich gesagt nicht an einer Filmkritik versuchen, ich glaube, dazu fehlen mir die passenden Worte und irgendwie auch die Gedankengänge. Nur über einen Aspekt möchte ich kurz sinnieren: Die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki.

Dem Mexikaner gelang das Kunststück gleich dreimal in Folge den Oscar für die Beste Kamera einzutüten (für „Gravity“, „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ und „The Revenant“). Seit Malicks „The New World“ von 2005 hat er aber auch jeden einzelnen Film des Regiesseurs mit seiner Arbeit begleitet. Und was die beiden gemeinsam spätestens seit „Tree Of Life“ schaffen, ist in meinen Augen vollkommen einzigartig.

Denn so wie die Kamera geführt wird, fängt diese nicht einfach das Geschehen möglichst effektiv und kunstvoll ein. Bei ihr handelt es sich um einen unsichtbaren Protagonisten, ja vielleicht sogar um DEN Protoganisten schlechthin in Malicks Filmen seit 2011. Denn was auffällt sind diese steten Steadicam-Shots, bei denen die Kamera stets in Bewegung bleibt, sich an die Darsteller heftet, diese zunächst beobachtet – und dann plötzlich den Blick abzuwenden scheint. Dann sieht der Kinogänger quasi durch die Augen der Kamera, wie diese an den Schauspielern vorbeizuschielen scheint, auf dem Boden umherblickt oder kurz mal in den Himmel schaut und auf diese Weise kleine, flüchtige Details einfängt.

Das hat natürlich System bei Malick, der genau auf diese Weise filmen lässt, die Kameras sind stets am Rollen, die Darsteller permanent am Spielen, auf dass ja ein authentischer Moment des flüchtigen Lebens entstehen mag, den man auf diese Weise einfängt. Und Lubezki liefert ihm all diese Eindrücke, Nuancen nicht nur in den Gesichtern der Stars, sondern in den Bewegungen ihrer Füße und Hände, besonders deren Hände, der Umgebung – einfach überall. Weil die Kamera scheinbar unmotiviert den Blick schweifen lässt, bekommen ihre Bewegungen etwas sehr subjektives, spontanes. Statt also einfach nur Bilder zu sehen, die die Kamera zwar liefert, hinter denen sie sich als Apparat allerdings versteckt, wird sie hier lebendig und selbst zum unsichtbaren Teil des Geschehens.

Bemerkt wird sie von den übrigen Figuren natürlich nicht und doch ist sie mittendrin, zwischen ihnen und dank des Schnitts auch einfach überall jenseits von Raum und Zeit so scheint es. Als Zuschauer bekomme ich dann das Gefühl, tatsächlich durch die Augen von jemand Fremdes zu schauen. Und weil diese unbekannte Figur keinen Namen hat und allwissend über die Szenerie schwebt und gerade dort auftaucht, wo sie will, hat sie etwas Göttliches an sich. Ob ich nun den wie auch immer gearteten „Plot“ begreife, ist eine Sache. Aber einen Malick-Film erfühle ich lieber und sie helfen, die Welt ein wenig anders zu sehen und die Kameraarbeit hilft sehr dabei.

Es ist wirkt so, als wäre Jemand oder Etwas vom Himmel herabgestiegen und ist zum ersten Mal auf der Erde. Neugierig schaut es sich um, betrachtet so banale Dinge wie Gegenstände und Pflanzen, schaut aber auch aufmerksam in die Gesichter der Menschen und versucht, in ihnen zu lesen, nur um dann anschließend einen kleinen Spaziergang fernab der Zivilisation in der Natur zu unternehmen. Dass diese Entität einen fremden Blick auf das irdische Dasein wirft und selbst nicht Teil des Ganzen ist, wird oftmals durch das Sound-Design zusätzlich betont. Ganz gleich, ob Dialoge stattfinden oder man sich in einer eigentlich lauten Disco bewegt: Die Tonspur wird häufig reduziert und Geräuschquellen so weit heruntergefahren, dass sie nur noch wie eine Art Hintergrundrauschen wahrgenommen werden. Darüber werden eher beständige, ruhige atmosphärische Klänge oder klassische Musik gelegt, was das Gezeigte nicht nur stark kontrastiert. Es gibt ihm eine unwirkliche, von der Realität entrückte Qualität.

Das ist zwar an sich kein exklusives Stilmittel, aber im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Kameraführung verstärkt es sogar noch die Subjektivität des göttlichen Besuchers: Er ist nicht Teil unserer Welt und sein Blick ist distanziert, reflektiert, mal neugierig, einfühlsam, aber auch gelegentlich voller Bedauern über das, was er zu Gesicht bekommt. Als Filmgucker erhalte ich so Zugang zu einer neuen Perspektive, einem neuen Bewusstsein, die mir meine eigene Sicht der Dinge im Alltag kaum ermöglicht – und vielleicht erhalte ich so auch den Anstoß zu einem neuen Denken.

Film-Review: „Jahrhundertfrauen“

OT: „20th Century Women“
von Mike Mills
mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Billy Crudup

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Mike Mills meldet sich nach mehr als sechs Jahren nach seinem letzten Film „Beginners“ wieder mit einer neuen Regiearbeit zurück. In „Jahrhundertfrauen“ versammelt er mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig und Billy Crudup einen fantastischen Cast vor der Kamera, die dem jungen Lucas Jade Zumann beim Heranwachsen zu einem richtigen Mann zur Seite stehen (sollen).

Die Filmhandlung ist angesiedelt im Jahr 1979, doch die Geschichte und die Figuren darin sind mehr als bloß eine Momentaufnahme längst vergangener Zeiten. Im Zentrum stehen die von Bening verkörperte Dorothea Fields und ihr von Zumann gespielter Sohn Jamie. Letzterer befindet sich mit seinen 15 Jahren mitten in der Pubertät und versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Da Dorothea offenbar immer mehr den Draht zu ihrem Sprössling verliert, beauftragt sie die 17-jährige Julie (Elle Fanning), Jamies beste Freundin, und die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig) sich seiner anzunehmen.

An dieser Stelle könnte man vermutlich schnell in die Falle tappen, die Story aus einer relativ einseitigen, ausschließlich femininen Sichtweise zu erzählen, aber zum Glück umschifft das Drehbuch von Mills solch etwaigen Fehler mit Leichtigkeit. Der junge Jamie verkommt nicht einfach zur einer formbaren Spielfigur, auf die die Frauen aus verschiedenen Generationen etwas projizieren können. Trotz allem bleibt es ein Geben und Nehmen und der junge Jamie trägt ebenso viel mit seiner Präsenz zum Leben der Mädels bei, wie umgedreht.

Denn während der Ausgangspunkt zwar die Unsicherheiten des Jungen sind, so offenbaren sich derlei ebenso auch bei Abbie, Julie und letztendlich seiner Mutter, die sich mit allerlei eigenen Problemen herumschlagen. Dabei sind ihre Ängste nicht einfach nur Reflexion der Zeit, in der sie leben, sondern zu gleichen Teilen typisch für ihre jeweiligen Alters- und Entwicklungsstufen und darüberhinaus schlicht und ergreifend universell. Die junge Julie ist mindestens genauso orientierungslos wie Jamie, Abbie macht sich Gedanken über ihre Zukunft und Dorothea muss sich unweigerlich Fragen gefallen lassen, ob sie ihr bisheriges Leben richtig gestaltet hat. Anhand von William (Billy Crudup) werden aber auch Themen wie männliche Vorbilder und dieselbe Verwirrheit im Leben aus einer maskulinen Perspektive behandelt.

Insgesamt, so der Eindruck, porträtiert der Film auf äußerst stimmige und kluge Weise, wie man sich als Persönlichkeit zu jeder Zeit im Spannungsfeld zwischen äußeren gesellschaftlichen Umbrüchen und seiner ganz eigenen Historie als Mensch befindet und man stets versuchen muss, diese Kräfte für sich selbst auszubalancieren. Sonst passiert es schnell, dass man wie zum Beispiel Dorothea und William im Film zu einer älteren Generation gehört, die den Anschluss an die jüngere zu verpassen droht und man sich deshalb krampfhaft mit Punkrock anzufreunden versucht.

Die vielschichtigen Figuren werden dabei von der erstklassigen Besetzung mit viel Herz zum Leben erweckt, aus der Annette Bening ganz besonders hervorsticht und eine brillante Leistung bietet, die rückblickend absolut oscarwürdig erscheint. Aber auch Fanning, Gerwig und Crudup liefern einfühlsame Porträts ab und sorgen dafür, dass man sie trotz ihrer Verfehlungen ins Herz schließt. Dafür sorgt aber auch Mills‘ kluges Drehbuch, das für einen Oscar nominiert wurde, und das interessante Wortwechsel mit zaghaftem Humor vermengt.

Fazit: „Jahrhundertfrauen“ ist ein zutiefst bewegendes generationenübergreifendes Porträt mit famosen Darstellern, mit dem Regisseur Mike Mills einmal mehr beweist, was für ein präzises Auge er für die Gefühle seiner Protagonisten an den Tag legt.

9/10

Film-Review: „Sieben Minuten nach Mitternacht“

OT: „A Monster Calls“
von J.A. Bayona
mit Lewis MacDougall, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Liam Neeson

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Das deutsche Kinojahr 2017 hat mit „Jackie“ und „Manchester By The Sea“ gleich zwei hoch angesehene Filme über Verlust und Trauer gesehen. Gemein ist ihnen, dass sie die Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen behandeln und dabei sehr unterschiedliche Wege gehen. Auch in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ geht es um die Verarbeitung der Sterblichkeit, aber anders als in den anderen Filmen, steht in der Geschichte hier der Tod erst noch bevor – und nicht Erwachsene, sondern ein heranwachsender Junge muss sich mit dem Unausweichlichen befassen.

Der junge Conor (fantastisch – Lewis MacDougall) lebt mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones) allein in einem Haus und verbringt die Tage damit, zuhause vollkommen selbstständig zu sein, während er in der Schule permanent gehänselt wird. Immer wieder plagt ihn derselbe Albtraum vom Verlust seiner Mutter. Dann, eines Tages, steht plötzlich ein riesiges Baummonster (Liam Neeson) vor seiner Tür, das ihm ein paar düstere Gute-Nacht-Geschichten erzählen will…

Für „Sieben Minuten nach Mitternacht“ vermengt Regisseur J.A. Bayona verschiedene Stilmittel: Die Momente, bevor das Monster die ersten Male in Erscheinung tritt, sind ganz klar am Horrorfilm angelehnt. Aber wenn es dann seine ersten zwei Geschichten erzählt, stellt Bayona alles auf den Kopf und aus einem zunächst düsteren Fantasy-Märchen mit realen Darstellern und Schauplätzen wird auf einmal ein farbenfroher Animationsfilm, dessen Bilder wie mit Wasserfarben gemalt aussehen. Dass aber der Stilmix nicht zur bloßen Fassade verkommt, dafür wird aber auch gesorgt.

Vielmehr dienen die Geschichten Fabeln gleich, dem kleinen Conor wichtige Lektionen über die Beschaffenheit der Welt und des Lebens zu vermitteln, in denen nichts einfach nur schwarz und weiß ist. Lektionen, die ihn zu einen ganz bestimmten Moment der Erkenntnis hinführen sollen, die sein späteres Leben prägen und ihm helfen soll, dem bevorstehenden Tod seiner Mutter zu akzeptieren. Denn der ist unabwendbar, doch Conor will es nicht realisieren, klammert sich an jede noch so kleinen Hoffnung, während in ihm Trauer und Zorn wachsen.

Der Film in seiner Gesamtheit funktioniert aber auch, weil er sich und seinen Figuren vor allem viel Geduld einräumt. Es wird ausreichend Zeit darauf verwendet, Conor und die anderen Figuren einzuführen, ihre Beziehungen zueinander fest zu etablieren, ebenso wie ihre Gefühlswelt, die in beinahe jedem Moment sicht- und spürbar wird, ohne sie jedoch mit Penetranz an den Tag zu legen. Bayona vertraut auf sein Publikum, sich voll und ganz drauf einzulassen. Wenn dann der Film immer intensiver und emotionaler wird, dann wirkt das dank der geleisteten Vorarbeit im Skript nicht etwa übermäßig manipulativ. Bayonas Werk hat sich die entsprechenden Szenen schlichtweg redlich und aufrichtig verdient und spielt sie dann auch zurecht voll aus. Und das verfehlt seine Wirkung nicht, das muss man getrost feststellen.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird also nuanciert und gefühlvoll erzählt und zudem getragen von großartigen Darbietungen der Besetzung. Allen voran sticht natürlich Lewis MacDougall heraus, der trotz seiner jungen Jahre es schafft, diese emotional schwierige und komplexe Rolle zu meistern. An seiner Seite liefern aber auch Felicity Jones und Toby Kebbell rührende Leistungen ab und ganz besonders sollte auch Sigourney Weaver erwähnt werden, die als zunächst despotische, aber dann einfühlsame Großmutter einfach nur fantastisch ist. Und auch inszenatorisch beeindruckt der Film mit feiner Kameraarbeit und einem wunderschönen Score. Lediglich die visuellen Effekte ließen ein klein wenig zu Wünschen übrig: Während das Monster beeindruckend und sehr detailliert realisiert wurde, hätten ausgerechnet im großen Finale die computergenerierten etwas mehr Feinschliff vertragen können. Dass das nicht weiter ins Gewicht fällt, liegt jedoch and er schieren emotionalen Wucht der Story.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Film über die Trauer vor dem Tod eines geliebten Menschen, das kindliche wie erwachsene Perspektiven zulässt und zugleich auch als fantasievolles Coming-of-Age-Drama funktioniert, das sich seine großen emotionalen Momente mit Sorgfalt und stets glaubwürdigen Figuren erarbeitet. Und wenn diese Momente dann da sind, bleibt einfach kein Auge trocken.

9/10

Film-Review: „Alien: Covenant“

von Ridley Scott
mit Katherine Waterston, Michael Fassbender, Billy Crudup

alien review

Ridley Scott brauchte einen saftigen Schlenker namens „Prometheus – Dunkle Zeichen“, doch nun scheint er mit „Alien: Covenant“ wirklich wieder dorthin zurückgekehrt zu sein, wo die Saga um das schleimige Monster einst anfing: Bei „Im Weltraum hört dich niemand schreien“, bei echtem Horror im All. Der Fan weiß, was die Stunde geschlagen hat, schon zu Beginn, wenn eine ganz vertraute Schriftart mit einem allseits bekannten Effekt auftaucht und dazu auch noch Jerry Goldsmiths Filmmusik aus dem Original-„Alien“ von 1979 zitiert wird.

Kreuz und quer durch den Film gibt es Anspielungen und Fanservice auf alte Filme, aber natürlich insbesondere auf Scotts Klassiker von damals. Das geht sogar so weit, einen bestimmten Punkt im Handlungsverlauf aus dem Original fast identisch zu übernehmen. Geschenkt – die Bilder wissen zu überzeugen, die Atmosphäre ist rätselhaft und doch anmutig, aber schon bald regiert der blanke Terror. Gerade im gefühlt ersten Drittel macht „Covenant“ eine Menge richtig und fühlt sich mitunter an wie „Alien 1“ auf Steroiden, was gar nicht abfällig gemeint ist. Scott gibt seinem Klassiker ein ordentliches Update, das mit dem ersten Auftreten tödlichen außerirdischen Lebens eine Intensität erreicht, die den größten Momenten der Filmreihe zu Ehre gereicht und auch den Gewaltgrad beträchtlich nach oben schraubt. Bis hierhin möchte man sagen fast sagen, „Covenant“ wäre famos.

Das gilt auch, obwohl die Figuren weitestgehend nur äußerst grob skizziert wurden. Logisch, dass viele den Horrortrip nicht überleben werden und die, die es tun, legen eine mitunter irritierende psychische Sprunghaftigkeit an den Tag: Der oder die Liebste muss oft genug betrauert werden, aber gerade weil die emotionale Fallhöhe ursprünglich so extrem angelegt wurde (die Crew besteht ausschließlich aus Paaren), verpuffen Reaktionen auf Verluste schnell im eher action-orientierten Plot. Trotzdem kann man den Darstellern nichts vorwerfen, sie sind zu jeder Zeit vollends präsent und legen alles in ihre Figuren, selbst wenn aus ihnen anscheinend nicht viel hervorzubringen ist. Katherine Waterston als Ripley-Erbin (im passenden Unterhemd-trifft-dicke-Knarren-Look) und natürlich Michael Fassbender in einer Doppelrolle als Androiden David und Walter setzen da noch die stärksten Akzente.

Aber leider ist „Alien: Covenant“ auch eine Fortsetzung zu „Prometheus“ und als solche wollen Themen zum Ursprung des Lebens und dem Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung, sowie religiöse Anspielungen verhandelt und vertieft werden. Mit dem Erscheinen von Fassbender als David bekommt die Dramaturgie jedenfalls einen deutlich spürbaren Dämpfer verpasst – auf einmal muss mehr, viel mehr gesprochen und erklärt werden, nachdem der Film bis dahin ein kompakter und höchst effektiver Thriller war. Das mag an zentrale Punkte des Vorgängers anknüpfen, aber dezente Langeweile kann dennoch nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden. Zumal nun angedeutet wird, woher der klassische Xenomorph überhaupt herkommt (und was ich in Retrospektive eigentlich gar nicht wissen wollte, weil es den Mythos abschwächt). Die neue Alien-Art, die im Film herumspringt, ist übrigens unheimlich, aber natürlich kein Vergleich zum einzig wahren H.R.-Giger-Alien.

Weitere vorhandene logische Ungereimtheiten sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Es bleibt jedenfalls festzuhalten: „Alien: Covenant“ ist ein viel besserer „Alien“-Film als sein Vorgänger, aber so ganz konsequent blieb Scott nun doch nicht. So fühlt sich der Film zwiespältig an, da in ihm die DNS zweier Werke zu schlummern scheint, die eher nebenher ko-existieren und leider kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Aber immerhin, es gibt ein echtes Alien-Monster im Kino zu sehen. Das reicht auch zum Glücklichsein.

6/10

Game-Review: „Overcooked“

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Wie es in einer professionellen Küche zugehen muss, davon geben mittlerweile unzählige Koch- und Küchenformate im Fernsehen einen recht guten Eindruck. Nur mitmachen, das kann man nicht und wer nicht gerade selbst Profikoch ist oder es sich zur Aufgabe gemacht hat, täglich seine ganze Sippschaft zu verköstigen, wird wohl auch nicht ansatzweise ein Gefühl dafür bekommen, was es wohl heißen mag, unter Zeitdruck mehrere Gerichte zu zaubern. Bis jetzt – denn mit „Overcooked“ haben die Entwickler von Ghost Town Games doch tatsächlich eine wahnwitzige Küchensimulation herausgebracht.

Wobei das Wort „Simulation“ zunächst ein wenig überzogen wirkt. Gemeinhin verbindet man mit dem Begriff eine möglichst realitätsgetreue Abbildung der Wirklichkeit und in vielen Aspekten trifft das bei „Overcooked“ eben nicht zu. Das fängt schon bei der knuffigen Comic-Grafik an, geht über zu der Simplifizierung der einzelnen Kochschritte bis hin zu der Tatsache, dass die verschiedenen Levels mit allerlei herausfordernden Eigenschaften ausgestattet wurden und schon mal im All, auf dem Eis oder in einem Geisterhaus angesiedelt sind. Was aber mit ziemlicher Sicherheit der Realität sehr nahe kommt sind der Stress, die Hektik, das Chaos!

Das Spielprinzip ist zunächst denkbar einfach: In einer Küche müssen bis zu maximal vier Köche kontinuierlich eintrudelnde Bestellungen bearbeiten, für die sie nur eine begrenzte Zeit haben. Je schneller man ein Gericht serviert, desto besser, aber vorsicht, wenn es zu lange dauert, dann gibt es Punktabzug. In vielen Levels kommt auch noch das dreckige Geschirr zurück, das nebenher abgewaschen werden will. Wenn dann auch noch Hindernisse wie Glätte, sich verschiebende Elemente oder Förderbänder dazu kommen, gerät die Sache sehr schnell aus dem Ruder. Aber darin liegt ja der Reiz: „Overcooked“ ist als Couch-Coop-Spiel angelegt, bis zu vier Möchtegernköche können sich gleichzeitig vor den Bildschirm setzen und loslegen.

Und um vier Spielfiguren auf engem Raum mit einem gemeinsamen Ziel miteinander zu koordinieren, gebraucht es vor allem einer extrem hohen Kommunikationsfreudigkeit. Aufgaben wollen verteilt werden und möglichst sollte man sich nicht im Wege stehen, denn sonst droht man, sich gegenseitig von der Arbeitsstation wegzuschubsen. Teamwork ist unabdingbar, ständig muss man sich darüber auf dem Laufenden halten, wer was gerade macht, damit der andere Spieler seine Schritte entsprechend planen kann. Anders als bei Online-Shootern zählen Skills hier gar nichts, keiner kann unmöglich alleine den Kochtopf-Rambo geben und gleichzeitig abwaschen, braten, kochen und schnippeln. In der Hektik kann das schnell und auf äußerst hysterisch-lustige Weise ausarten: Wenn ein Mitspieler nicht rechtzeitig eine Tomate weiterreicht, damit ein anderer sie schneiden und in den Kochtopf werfen kann, kann man sich schon mal lautstark die Forderungen gegenseitig an den Kopf hauen, während man versucht, nichts anbrennen zu lassen (zum Glück steht ein Feuerlöscher immer bereit) – im Multiplayer ist „Overcooked“ wahrlich zum „Brüllen“ komisch.

Aber auch alleine bietet das Spiel einen nicht zu unterschätzenden Reiz, denn dann mutiert es zu einer Tour de Force des Multitaskings. Statt vier steuert man alleine zwei Köche, zwischen denen man jederzeit via Knopfdruck hin und her wechseln kann. Ihre Wege und Aktionen aufeinander abzustimmen und den Figurenwechsel zu timen, sorgt für permanent durchschmorende Synapsen. Wer das Spiel auf diese Weise meistert, sollte es sich anschließend mit stolzer Brust in den Lebenslauf schreiben.

Im Laufe der Kampagne spielt man übrigens auch neue Level frei, in denen man gegeneinander in Zweierteams antreten kann. Im Grunde genommen muss man „nur“ mehr Bestellungen schaffen, als das gegnerische Team, aber es wäre kein echter Versus-Modus, wenn man sich nicht auch dabei behindern könnte. Aus dem intensiven Teamgeist der Koop-Missionen wird dann schnell purer Hass!

Wer also mal wieder seine Freunde zu einer geselligen Runde einladen möchte, liegt mit „Overcooked“ genau richtig. Das Spiel ist schnell erlernt und bietet trotzdem stundenlang äußerst kniffligen Spaß. Guten Appetit!

9/10

Film-Review: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“

von James Gunn
mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Kurt Russell

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Frische hat ein Verfallsdatum, das ist fast schon ein Naturgesetz und das gilt nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für kreative Erzeugnisse. Was einst innovativ und neu war, kann schon wenig später verbraucht wirken. An der Stelle kommt dann auch für mich „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ ins Spiel. Punktete der Vorgänger mit einem bis dato unerhört frechem Mix aus Oldie-Mucke und popkulturellen Anspielungen, durchgeknallten Figuren und einer knallbunten Inszenierung, so wartet auch der zweite Teil damit auf – nur irgendwie interessiert es mich nicht mehr.

Schon „Guardians 1“ war „nur“ unterhaltsam, allerdings bewies der Film kaum eine nennenswerte Halbwertzeit. Im Grunde genommen wirkte er bei einer zweiten Sichtung wie ein einziger Gag, aber wenn es ums dramatische geht, um Action und Spannung, da versagte die Marvel-Comicverfilmung wie viele andere auch dank vieler bunter Effekte, die aber zu keiner Zeit etwas Aufregendes beizutragen hatten. Stattdessen war sich der Film zu jederzeit bewusst, wie cool er doch ist und zugegeben, für eine Zeit lang war er es wirklich. Teil 2 nimmt nun diese Attitüde und schmiert sie einem regelrecht ins Gesicht, denn aus frischen Ideen sind Formeln geworden, die man einfach anwenden kann.

Man könnte aber auch sagen, dass all dies einfach eine eigene filmische Identität ist und da mag sogar etwas dran sein. Umso alberner wirkt sie meines Erachtens allerdings, wenn nun verstärkt Figurenentwicklung betrieben wird und sich besonders in der langen Mitte des Films jede Menge Durststrecken ergeben, weil vielerorts im Universum ernsthafte Dialoge geführt werden. Die empfand ich nicht nur als weitestgehend langweilig, zumal der Plot einfach kaum vorwärts kommt. Sie stehen meines Erachtens sogar ziemlich konträr zum betont lebendigen Rest, weshalb sich hier zwei Ebenen im Film ausbreiten, die so nicht miteinander funktionieren. Gags müssen pflichtbewusst eingestreut werden, um eine ernste Szene aufzulockern, aber es fühlt sich oft erzwungen an oder sie verfehlen ihre Wirkung. Und als Zuschauer weiß ich doch sofort, wenn in einer großen Actionszene erst einmal ein cooler, aber lässiger Song aus den Boxen ertönt, dann kann ich an dieser Stelle kaum mit Spannung rechnen – besonders im Finale ärgerlich.

Visuell macht „Guardians 2“ allerdings eine Menge her und das nicht nur wegen der vielen bunten Effekte. Chef-Kameramann Henry Braham beweist jedenfalls ein sehr gutes Auge für wohlkomponierte Bilder und liefert mehrmals posterwürdige Einstellungen ab. Musikalisch gibt es den üblichen Mix aus alten Songs und einem traditionellen Score – und es ist der x-te Film, der die Musik aus „Mad Max: Fury Road“ zu kopieren scheint.

Kann man denn nun mit „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ trotzdem seinen Spaß haben? Mit Sicherheit, wer sich gerne die Zeit mit Bonbon-Action vertreiben möchte, die Figuren liebt und jede Menge auf nostalgische Referenzen gibt. Ich empfand ihn aber nur als höchst durchschnittlich und bin langsam ein klein wenig genervt von der offensiv zur Schau gestellten Nerdigkeit: Ich möchte an dieser Stelle die „Guardians“-Filme mit „Deadpool“ in einen Topf der Filme schmeißen, die ihre augenzwinkernde Selbstironie und ihr popkulturelles Bewusstsein wie Make-up tragen, das traditionelle Nerds wie moderne Hipster-Geeks verführt, aber letztendlich genauso oberflächliches Gehabe ist wie ein fein designter Computereffekt. Denn zwingend, eindringlich, intensiv, spannend und aufregend ist bei ihnen nichts und wieder nichts, auf der emotionalen Ebene gibt es bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas zu holen. Der Spaß ist temporär, Nachwirkung verspür ich keine.

5/10

Film-Review: „Bleed For This“

von Ben Younger
mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal

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Es gibt viele Boxerfilme, viele Biopics und so einige Boxer-Biopics. Häufig erzählen sie entweder vom Underdog, der sich zum großen Erfolg durchboxt oder vom Sieger, der am Boden zerstört ist und sich zu altem Ruhm zurückkämpft. Und dann gibt es noch viele Variationen davon. Nun denn, in der Hinsicht erfindet auch „Bleed For This“ nicht das Rad neu, zumindest nicht, wenn es um den ganz grob skizzierten Ablauf der Geschichte geht.

Wovon sich die Hauptfigur Vinny Pazienza (Miles Teller) erholt und vor allem wie, ist jedoch allemal eine beachtliche Geschichte: Nach einem erfolgreichen Titelgewinn, erleidet Pazienza einen schweren Autounfall, im Zuge dessen sein Genick gebrochen wird. Nur mit viel Glück überlebt er, muss aber anschließend mehrere Monate lang eine spezielle Halskrause aus Metall tragen, die an seinen Kopf geschraubt wird. Boxen? Wird er nie wieder, sagt man ihm. Aber sein Wille ist ungebrochen und so trainiert sich Pazienza langsam wieder zu alter Bestform zurück.

Vom Genickbruch zum Champ, das allein ist eine tolle Story und meines Erachtens auch das Beste an „Bleed For This“. Wie sich Vinny nach solch einem Schicksalsschlag zurück trainiert, geht über die sonst im Genre so typische Trainingsmontage hinaus, da auch die leisen Momente dazwischen dazugezählt werden müssen, in denen er sich stoisch gegen jede Vernunft auflehnt. Miles Teller als Hauptdarsteller ist dabei absolut überzeugend. Zwar sportet er keine solch beeindruckende Statur wie zum Beispiel Jake Gyllenhaal in „Southpaw“, nichtsdestotrotz überrascht Tellers physisches Auftreten, während er den zunächst abgehobenen, dann gedemütigten, aber niemals aufgebenden Charakter Pazienzas auf den Punkt spielt. Auch die Nebendarsteller überzeugen, von denen besonders Aaron Eckhart als Trainer und Ciarán Hinds als Vinnys Vater starke Akzente setzen können.

Leider ist die Inszenierung eine kleine Spur zu konventionell geraten und ausgerechnet die Boxszenen hätten filmisch etwas mehr „Punch“ vertragen können. Zwar muss es nicht immer ein großer Kniff sein wie der One-Take-Kampf in „Creed“, aber das letzte Quäntchen Intensität fehlt in „Bleed For This“. Da hilft es auch nicht, dass man seit langem wieder falsche Treffer als solche ausmachen kann – zumindest war das mein persönlicher Eindruck. Dramaturgisch ist vieles vorhersehbar und auch der Schnitt wirkte an einigen Stellen entweder holprig oder grob.

Trotzdem ist „Bleed For This“ ein äußerst solides Sportler-Biopic geworden, das von starken Darstellern getragen wird und einfach eine interessante Geschichte erzählt, die zumindest so im Boxgenre seinesgleichen sucht.

7/10