Game-Review: „Little Nightmares“

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In jüngerer Vergangenheit gab es einige Jump ’n‘ Runs zu spielen, die mit ihren kniffligen Rätseln, fantastischen Designs und spannenden, mitunter geheimnisvollen Inhalten die Gamer in ihren Bann gezogen haben. Spiele wie „Unravel“, „Limbo“ oder „Inside“ kann man zu dieser Riege Spiele zählen und nun kommt „Little Nightmares“ um die Ecke.

Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Six, ein kleines Mädchen mit gelbem Regenmantel, das eines Tages in einer finsteren Umgebung aufwacht. Die Spielmechanik ähnelt einiger der oben erwähnten Vertreter sehr stark: Neben Laufen und Springen kann Six noch Gegenstände greifen und verschieben und sich selbst an Dingen festhalten und sich ducken. Fortan gilt es, sich seinen Weg durch die düstere Welt zu bahnen.

Einen einstellbaren Schwierigkeitsgrad gibt es nicht, ein Tutorial ist bei den wenigen Handgriffen, die benötigt werden, nicht notwendig. Die Rästel sind in der Regel nie besonders knifflig und deren Lösung ist meist schnell gefunden. Das sorgt beim ersten Mal für eine angenehm fixe Abfolge von kleinen Erfolgen, aber zugleich bleiben große Herausforderungen in der Hinsicht gänzlich aus. Große Hirnwindungen, wie man sie bei „Limbo“ gebrauchen musste, sind hier nicht nötig. Am schwierigsten gestalten sich da eher Lauf- und Sprungpassagen, die besonders beim ersten Spieldurchgang im Trial-and-Error ausarten können. Die Steuerung ist in solchen Momenten keine besonders große Hilfe, diese könnte nämlich ein wenig weicher sein. Hat man sich an diese gewöhnt, meistert man aber bald auch diese Momente souverän.

Der Umfang von „Little Nightmares“ ist nicht besonders groß. Fünf Kapitel umfasst das reguläre Abenteuer von Six, von denen jedes eine Spielzeit von 20-30 Minuten umfasst. Dass man eine Trophäe (auf der PS4) gewinnen kann, indem man es in nur einer Stunde oder weniger durchspielt, verdeutlicht nochmal die Kürze. Die größte Stärke des Titels liegt jedoch in seiner Präsentation: Licht gibt es nur wenig und besonders am Anfang kaum. Zur dichten Atmosphäre gehört die Dunkelheit, die man jederzeit mit einem Feuerzeug ein wenig durchbrechen kann. Die unheimliche Tonspur und die beizeiten aufkeimende Musik sorgen für wohlige Gänsehaut und die morbiden Level- und Figurendesigns erwecken den Eindruck, Filmregisseur Tim Burton hätte höchstpersönlich hinter dem Projekt gestanden. Zudem kommt das Spiel mit einer interessanten Story daher, über deren wahre Bedeutung man sicher grübeln kann.

Fazit: Gameplaytechnisch erfindet „Little Nightmares“ sicher nicht das Rad neu und gibt sich in der Hinsicht relativ simpel. Dafür punktet das Spiel mit einer herausragenden Atmosphäre und tollen, weil schrägen Designs, die Lust auf ein erneutes Spielen machen, wodurch auch die Kürze des Titels wieder relativiert wird.

7/10

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Film-Review: „The Eyes Of My Mother“

von Nicolas Pesce
mit Kika Magalhães, Clara Wong, Flora Diaz, Will Brill

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Denkt man an Horror, dürften die damit verbundenen Assoziationen stets die gleichen sein: Laute Jumpscares sollen Angst und Schrecken verbreiten, Geister, Dämonen und degenerierte Psychopathen bevölkern das Geschehen und auch die Gewaltdarstellung fällt oftmals expliziter aus als in anderen Genres. Umso erfrischender wirkt es dann, wenn bei einem Film den etablierten Genrekonventionen aus dem Weg gegangen wird. Ein solcher ist „The Eyes Of My Mother“ von Nicolas Pesce. Dessen Filmdebüt ist voll verstörender Grausamkeiten – aber Pesce zelebriert nie den Vorgang wie diese zustande kommen. Stattdessen präsentiert er durch elliptische Schnitte im richtigen Moment nur das Ergebnis, wodurch sich der wahre Horror erst im Kopf des mündigen Zuschauers manifestiert.

Irgendwo in einer ländlichen Gegend der USA wächst die kleine Francisca (Olivia Bond) bei ihren Eltern auf. Eines Tages taucht ein Unbekannter namens Charlie (Will Brill) auf und verschafft sich Zugang zum Haus. Francisca wird dabei Zeuge, wie erst der Fremde ihre Mutter umbringt und anschließend ihr Vater (Paul Nazak) den Eindringling überwältigt und wegsperrt. Doch statt diesen fortan zu meiden, entwickelt Francisca eine seltsame Verbindung zu Charlie. Sie beschließt: Der Mörder ihrer Mutter wird ihr neuer Freund, den sie nie mehr gehen lassen will. Zum Glück war Franciscas Mutter einst Augenchirurgin und hat ihrer Tochter einiges beigebracht, das ihr jetzt sehr behilflich wird. Auch Jahre später macht sie (jetzt: Kika Magalhães) davon reichlich Gebrauch, während sie mittlerweile alleine im Elternhaus lebt. Die Einsamkeit setzt ihr jedoch schwer zu, weshalb sie eines Abends beschließt, Charlie näher zu kommen. Ein Fehler, der verheerende Folgen nach sich zieht…

Kranke Hinterwäldler, die abseits der Zivilisation ihrem schaurigen Tagewerk nachgehen, sind fester Bestandteil im Horrorkanon; das belegen Filme wie „The Texas Chainsaw Massacre“, die Teil des Backwood-Horror-Subgenres sind. Auch in „The Eyes Of My Mother“ klingt diese Genrezugehörigkeit an. Doch wie man obiger Synopsis entnehmen kann, werden damit verbundene Regelmäßigkeiten sogleich unterlaufen: Für gewöhnlich geraten Unschuldige in die Fänge der Verrückten. Hier jedoch besucht das Böse eine eigentlich normale Familie, die sich plötzlich als der wahre Antagonist entpuppt.

Es vergeht im nur 76-minütigen Werk kaum Zeit, um eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse aufzulösen: Charlie ist ein Mörder, muss aber später ein unvorstellbares Martyrium durchstehen, bei dem ihm beide Augen und der Kehlkopf rausgeschnitten werden. Francisca und ihr Vater scheinen zunächst Opfer eines grausamen Verbrechens zu sein, die aber selbst mit einem eigenen darauf reagieren. Und selbst wenn im Laufe des Films noch die ein oder andere Person Francisca zum Opfer fällt, macht es der Film einem nicht leicht. Denn ab einem bestimmten Punkt im Film ist sie auf sich selbst gestellt im Haus ihrer Eltern. Das Skript von Pesce räumt ihrer damit einhergehenden Einsamkeit viel Platz ein, wenn man sie beispielsweise dabei beobachten kann, wie sie in traurigen Monologen ihre nun toten Eltern beweint. Ihr Wunsch nach Nähe äußert sich zudem in liebevollen Gesten gegenüber Charlie, die im Anbetracht des Leides, das sie ihm zufügt, verstörend und gleichzeitig nachvollziehbar wirken, etwa wenn sie ihn sanft über den Rücken streichelt oder ihn wäscht. Ihre Furcht davor, für immer alleine zu sein, motiviert ihr Handeln und lässt sie zu drastischen Mitteln greifen. Auf die Weise wird Francisca zu gleichen Teilen tragische, bemitleidenswerte Protagonistin und gefährliches Filmmonster zugleich. Ein Spagat, der wundervoll aufgeht und dem Film eine ungeahnt dramatische Dimension verleiht.

Aber nicht nur inhaltlich wählt Pesce für „The Eyes Of My Mother“ eine unorthodoxe Route. Inszenatorisch verwehrt er jenen, die den Film vielleicht in Erwartung eines blutrünstigen Reißers schauen, jedwede offensichtliche Befriedigung. Die in der Geschichte reichlich verteilten Brutalitäten werden zu keiner Sekunde explizit ausgespielt, stattdessen arbeiten Pesce und sein Co-Cutter Connor Sullivan mit klugen Aussparungen im zumeist gemächlich-eleganten Bilderfluss: Als Francisca eines Tages Kimiko (Clara Wong) in einer Bar kennenlernt und zu sich nach Hause einlädt, jagt sie ihrem Gast durch ihre unbeholfene und unheimliche Art Angst ein. Sogleich will sich Kimiko unter dem Vorwand, sie sei müde, wieder verabschieden. Francisca will sie aber verzweifelt zum Bleiben überreden. Schnitt. In der nächsten Einstellung sieht man Francisca am Boden eine riesige Blutlache aufwischen…

Diese Lücke in der Erzählung muss der Zuschauer selbst schließen. Und als ob das noch nicht genug ist, folgt aber noch eine weitere Aufnahme, in der Francisca in Folie verpackte Fleischstücke in einen Kühlschrank tut – hat sie etwa Kimiko in kleine Teile zerhackt? Und will sie sie anschließend essen? Die Montage lässt den Zuschauer oftmals derart furchterregende Schlüsse ziehen, wodurch ein nicht geringer Anteil des Horrors tatsächlich nur in dessen Kopf stattfindet, was aber nicht minder effektiv ist. Perfekt abgerundet wird „The Eyes Of My Mother“ schließlich von der schaurig-schönen Arbeit von Kameramann Zach Kuperstein. Der taucht das Geschehen in betörende schwarz-weiße Bilder, an deren Lichtsetzung, symmetrischen Anordnungen und sanften Kamerabewegungen man sich kaum satt sehen kann und die sehr zur zärtlich-morbiden Atmosphäre des Filmes beitragen.

Fazit: Mit „The Eyes Of My Mother“ gelingt Nicolas Pesce ein gefühlvolles wie verstörendes und auf alle Fälle meisterlich inszeniertes Filmdebüt, das große Hoffnungen für die weitere Karriere seines Schöpfers schürt.

9/10

Film-Review: „Emoji – Der Film“

von Tony Leondis
T.J. Miller, James Corden, Anna Faris, Patrick Stewart

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Man kann ja aus wirklich allem Filme machen, oder? Actionfiguren („Transformers“, „G.I. Joe“) oder sogar Gesellschaftsspiele („Battleship“) mussten schon dafür herhalten, also warum nicht auch Emojis? Diese kleinen Hilfen sind aus der täglichen digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken und vielleicht kann man ja auch etwas Originelles aus ihnen machen? Erste leise Zweifel nach der ersten Ankündigung haben sich aber nach der Sichtung definitiv bestätigt: „Emoji – Der Film“ ist Grütze.

Das liegt aber per se nicht an der Idee, überhaupt einen Film über Emojis zu machen. Schließlich gibt es unzählige von ihnen, die in den Händen der richtigen Leute vielleicht für jede Menge kreativer Einfälle hätten herhalten können. Doch ernüchtert muss man feststellen, dass das genaue Gegenteil eingetreten ist: „Emoji“ ist ein einziges Déjà-vu; die Geschichte scheint jedenfalls aus mehreren Animationsfilmhits der jüngeren Vergangenheit nur so zusammengeklaubt zu sein. Textopolis, die bunte Welt der Emojis, erinnert durch die Szenen des alltäglichen Lebens dort mit ihren verschiedenen Bewohnern stark an „Die Monster AG“. Dass der Hauptfigur Gene später mit Jailbreak ein cooler, weiblicher Hacker und Alleskönner zur Seite gestellt wird, ist sicher auch nicht neu, weckte allerdings sofort Erinnerungen an „The LEGO Movie“. Das Innere einer digitnalen Welt und wie ihr Tun die menschliche Außenwelt beeinflusst? Inklusive Ausflug in eine Welt voller Süßigkeiten? „Ralph reichts“ lässt grüßen. Und irgendwie hat die dramaturgische Zuspitzung im Ende auch etwas von „Alles steht Kopf“.

Man hat also alles schon mal gesehen, ohne dass eine ausreichend eigene Note mit eingeflossen wäre. Die Witze sind permanent flach und zünden nur selten und warum gebrauchte es gleich zweier Tanznummern? Derlei Einlagen sind oft in Animationsfilmen nur bemüht-eklige Stimmungsmacher, die selten aus der Handlung heraus entstehen und einen Zweck erfüllen. Und bei „Emoji“ ist das kaum anders – ob sich Kinder davon wirklich anstecken lassen? Im Kino konnte jedenfalls nicht beobachtet werden, wie jemand spontan mitgetanzt hätte. Und als Krönung gibt es jede Menge bekannte Marken zu „bestaunen“: Facebook, YouTube, Spotify, Just Dance, Candy Crush und mehr – an diesem Product-Placement führt kein Weg vorbei.

Fazit: „Emoji – Der Film“ ist seelenloser, kaum unterhaltsamer Schrott.

3/10

Film-Review: „Headshot“

von Kimo Stamboel, Timo Tjahjanto
mit Iko Uwais, Chelsea Islan, Julie Estelle

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Seit den beiden „The Raid“-Filmen von Gareth Evans ist Indonesien wohl das Land, auf das man schauen muss, wenn es um knüppelharte, kompromisslose Martial-Arts-Action geht. Großen Anteil daran hat Iko Uwais, der als Hauptdarsteller und Choreograph dafür sorgt, dass sich die Leinwand gekonnt rot färbt und schmerzverzerrte Gesichter prächtig zur Geltung kommen können. Während es wohl noch ein Weilchen dauern wird, bis Fans „The Raid 3“ genießen können, liefert „Headshot“ einen mehr als schmackhaften Leckerbissen, bei dem Uwais einmal mehr seinen Ruf als aufstrebender Film-Kampfkünstler der Stunde untermauert.

Wie es für das Genre so üblich ist, muss man keine ausgefeilte Handlung erwarten. Der erste „Raid“ war dahingehend minimalistisch, der zweite versuchte sich an einem Gangster-Epos, das sich im Nachhinein nur als schicke, aufgeblähte Fassade entpuppte. Aber die Action, die war grandios. Ähnlich verhält es sich nun auch bei „Headshot“: Ein junger Mann wird mit einer Schusswunde im Kopf am Strand aufgefunden. Als er Monate später sein Bewusstsein wieder erlangt, kann er sich an nichts erinnern. Immerhin steht im eine nette Ärztin zur Seite, mit der er sich anfreundet. Doch ehe er sich versieht, wird sie von den Schergen seiner Verganenheit entführt, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben. Zum Glück haben seine Muckis nicht vergessen, zu was sie imstande sind…

Im Grunde genommen handelt sich mal wieder um einen Helden, der die Prinzessin aus den Fängen des Bösen befreien muss. Und auch wenn diese sich später als ziemlich resolut erweisen soll – das Storygerüst ist allseits bekannt und was noch an zusätzlichen Hintergründen dazu kommt, macht die Sache auch nicht interessanter. In diesem Zusammenhang krankt der Film der Mo Brothers an einem Zuviel an Story. Mit einer Laufzeit von knapp zwei Stunden ist er definitiv zu lang geraten, es gibt zu viele kleinere wie größere Dialoge, die die Action ein wenig zu oft zu unterbrechen scheinen. In diesen Momenten zeigt sich auch, dass Uwais nur ein bedingt guter Schauspieler ist. Zum Glück ist sein Co-Star Chelsea Islan ganz zauberhaft, weshalb man dennoch ein wenig mitfiebern kann.

Wenn dann aber der Moment gekommen ist, dass sich Menschen gegenseitig umbringen wollen, dann schlägt die Stunde von Uwais und „Headshot“. Gelegenheitlich kann man sich ein wenig ob der seltsamen, mitunter unlogischen Handlungen in Schießerein den Kopf kratzen, aber spätestens bei den Mano-a-Mano-Kämpfen sind die Schwächen des Films vorübergehend wie weggeblasen: Einmal mehr werden Körper auf unterschiedlichste und brutalste Weise deformiert und mit Schlägen, Tritten und Stichen bearbeitet. Dabei behilft man sich noch öfter als bislang bei „The Raid“ gerade griffbereiten, alltäglichen Gegenständen, die nahtlos und instinktiv in die Fights eingeflochten werden. Wenn Uwais dann an einem Tisch gefesselt jemanden mit eben diesem den Garaus macht, darf die Kinnlade ganz weiter runterfallen.

Ebenso bei dem Härtegrad des Films, denn hier werden keine Gefangenen gemacht. Stäbchen werden zu Mordwerkzeugen zweckentfremded, eine Pistolenkugel wird nicht etwas abgefeuert, sondern dem Kontrahenten ganz tief ins Auge gestoßen und ein Schuss ist für eine Exekution einfach zu wenig – das ganze Gewehrmagazin muss entleert werden. Das geschieht alles mit größtmöglicher Grimmigkeit und Konsequenz und macht im Film auch nicht vor unschuldigen Zivilisten halt. Dass die FSK die Freigabe verweigert hat, ist jedenfalls keine Überraschung.

Inszenatorisch kann sich „Headshot“ ebenfalls sehen lassen. Die Kämpfe sind präzise und übersichtlich geschnitten und gefilmt, lediglich zwei Auseinandersetzungen mit dem von Very Tri Yulisman gespielten Besi kranken ein wenig zu sehr an einer wackeligen Kameraführung. Da diese in den betreffenden Szenen dennoch genügend Abstand zum Geschehen hält, geht trotzdem nichts verloren.

Fazit: „Headshot“ ist einfach zu lang geraten, um die dünne Geschichte vollends kompensieren zu können. Aber in punkto Kampfkunst-Action gibt es hier das Maß aller Dinge zu sehen – gnadenlos brutal, schnell und kompromisslos.

7/10

Film-Review: „Baby Driver“

von Edgar Wright
mit Ansel Elgort, Lily James, Jamie Foxx, Kevin Spacey, Jon Hamm

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Es gibt auf YouTube einen Video-Essay, in dem aufgezeigt wird, wie sich der Humor in Edgar Wrights Filmen vom Einheitsbrei Hollywoods dadurch abhebt, indem er stark auf filmische Mittel setzt (das Video könnt ihr euch hier anschauen). Das Video ist nur eine kleine Erinnerung dafür, was der Mann inszenatorisch alles auf dem Kasten hat und Filme wie „Shaun Of The Dead“, „Hot Fuzz“, „The World’s End“ und „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ legen deutlich Zeugnis davon ab. Man durfte also mehr als gespannt sein, was der Regisseur mit „Baby Driver“ so alles anstellen würde. Und Junge, Junge, hat er abgeliefert.

Ein Musical quasi ohne Gesang? Kann es das eigentlich geben? Nach der Sichtung von „Baby Driver“ kann man die Frage ruhigen Gewissens mit „Ja“ beantworten. Was Wright hier in circa 113 Minuten fabriziert ist nicht weniger als die perfekte Symbiose aus Bild, Sounds, Schnitt und – Musik. Viel Musik, gute Musik. Beinahe kontinuierlich ertönt ein wilder, aber perfekt abgestimmter Mix aus klassischen wie zeitgenössischen Rock-, Soul- oder HipHop-Songs, deren Rythmus den Fluss der Bilder und Bewegungen im Bild vorgegeben haben. Nichts passiert hier ohne den direkten Einfluss des anderen Elementes und so entfaltet sich vor dem Auge des Zuschauers eine hinreißende Choreographie, ohne jedoch zum reinen Selbstzweck zu verkommen. Stattdessen wird der Spaßfaktor ins Unermessliche potenziert, in jeder Szene, in jeder Sequenz. Verfolgungsjagden wie Schießereien sind adrenalingeladen wie groovy, in ruhigen oder romantischen Momenten sorgt der Soundtrack für eine überhöht zuckrige Atmosphäre, deren Kitsch selbst wie ein Zitat aus alten Balladen der 60er Jahre erscheint. Da passt es auch, dass der Hauptprotagonist nur „Baby“ genannt wird, wie in den schmalzigsten und unsterblichsten Songs, die so existieren.

Die Geschichte selbst mag da auf den ersten Blick nicht mithalten zu können, geht es doch mal wieder um einen jungen, unfreiwilligen Kriminellen, der sich verliebt und fortan von einem Leben in Freiheit mit seinem Mädchen träumt. Das ist altbacken – eigentlich. In Kombination mit der musikalischen Untermalung darf man die Handlung aber ruhig eher altmodisch im positiven Sinne nennen. Die Chemie zwischen Ansel Elgort als Titelheld und Lily James als Love-Interest Debora stimmt, als Zuschauer darf man diesem schon millionenfach gesehenen Paar gerne beide Daumen für ein Happy End drücken. Und überhaupt hätte dieses Style-Feuerwerk mit dem Herz am rechten Fleck eh keine ambitioniertere Geschichte gebraucht. Als I-Tüpfelchen gibt es noch eine feine Prise Humor und prächtig aufgelegte Nebendarsteller, von denen jeder seine größeren wie kleineren tollen Momente hat.

Fazit: „Baby Driver“ ist eine coole Plattensammlung auf Speed und Zuckerwatte.

9/10

Film-Review: „Dunkirk“

von Christopher Nolan
mit Tom Hardy, Kenneth Branagh, Mark Rylance, Fionn Whitehead

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Vater Zeit, dein Name ist Christopher Nolan – zumindest in der Filmbranche. Drei Jahre nach seinem Ausflug ins Weltall bei „Interstellar“ meldet sich der britische Filmemacher mit seiner neuesten Regiearbeit im Kino zurück und nimmt sich dieses Mal den Zweiten Weltkrieg vor. In „Dunkirk“ erzählt er von der Rettung hunderttausender eingekesselter britischer und französischer Soldaten am Strand der französischen Stadt Dünkirchen.

Wie es sich für einen Streifen von Nolan gehört, ist „Dunkirk“ audiovisuelle Perfektion, der man im Saal beiwohnen darf. Das Sound-Design ist gelungen und sorgt für eine geradezu physische Erfahrung beim Schauen und die Musik von Hans Zimmer unterstreicht das atemlose Treiben auf der Leinwand äußerst effektiv, wobei auch das Ticken der Uhr eine zentrale Rolle auf der Tonspur einnimmt. Dazu kommen die bisweilen erlesenen Bilder von Kameramann Hoyte Van Hoytema.

Das Prachtstück von „Dunkirk“ ist jedoch seine ungewöhnliche Erzählform: Nolan verknüpft in seinem Film drei verschiedene Schauplätze – Strand/Infanterie, ziviles Boot und Kampfflugzeug in der Luft – und springt nicht nur zwischen ihnen hin und her. Alle drei Erzählstränge stehen auch für jeweils eine eigene Zeitebene, die wiederum in einem anderen Tempo abläuft als die anderen. Der Erzählstrang um die Soldaten, die auf Rettung warten, nimmt in der Filmwelt eine Woche in Anspruch, während Mr. Dawson (Mark Rylance) mit seinem Boot gerade mal einen Tag durch die Gegend schippert. Und Jet-Pilot Ferrier (Tom Hardy) und seine Kollegen sind nur eine einzige Stunde in der Luft. Ein zugegebenermaßen interessanter Kniff, mit dem Nolan hier spielt und der von einem meisterlichen Schnitt zusammengehalten wird. Durch die Montage wird jedenfalls der Eindruck erweckt, dass trotzdem alles zur selben Zeit passiert, wodurch von Anfang an ein enorm hohes Tempo vorgelegt wird, das fast niemals abzuebben scheint.

Aber genau hier liegt der Hund begraben, denn man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Nolan zu schlau für sein eigenes Wohl ist. Die Vermengung der Zeitebenen und ihre filmische Umsetzung ist meisterlich. „Dunkirk“ ist ein Lehrstück dafür, wie ein Film permanent in Bewegung und intensiv bleibt, doch Nolan vergaß dabei jede Menge andere Dinge. Und allen voran: Er vergaß das Drama. Dem Zuschauer wird keine einzige Figur nähergebracht, es gibt kein menschliches Schicksal, an das man sich mitfiebernd heften könnte, keine Hintergründe, keinerlei Reflexion über jene, die in diesem Krieg sind und über den Krieg selbst. Alles steht auf dem Spiel und doch lässt einen der Film bei aller handwerklichen Virtuosität kalt.

Die innovative Form legt sich so dominant über den Rest des Filmes, dass seine Rezeption auch nur darüber stattfinden kann. Permanent ist man damit beschäftigt, jede neue Szene zeitlich einzuordnen. Nolan verlangt von seinem Publikum, dass es aufmerksam mitdenkt, aber eben nicht mitfühlt. Fast möchte man meinen, dass ihn der Krieg als solches gar nicht interessiert, wenngleich eine Texttafel im Abspann ganz brav versichert, der Film sei all jenen gewidmet, deren Leben durch diese Ereignisse beeinflusst wurden. Nein, der Zweite Weltkrieg liefert nur das passende Tableau für eine Demonstration nolanscher Intelligenz, die er einem unter die Nase reibt, während er einen einzigen Klimax ohne Anfang abfackelt. Und noch etwas hinkt: Durch die Zeitebenen, die sich mitunter auch zu verschieben scheinen, gelingt es dem Film doch tatsächlich sich selbst zu spoilern. Welcher Film schafft denn bitte schön sowas?

Fazit: „Dunkirk“ ist im sprichwörtlichen Sinne formvollendetes, pures Kino – und seltsam leer.

6/10

Film-Review: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

OT: Valerian and the City of a Thousand Planets
von Luc Besson
mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Ethan Hawke

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Der wohl teuerste französische und sogar europäische Film aller Zeiten soll „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ sein und eins vorweg: Das sieht man dem Projekt auch wirklich an. Trotzdem ist es mit Sicherheit ein höchst risikovolles Unterfangen, denn es stehen knapp 200 Millionen € Produktionskosten auf dem Spiel. Ob sich diese bezahlt machen werden? Es darf ein wenig angezweifelt werden. Zwar ist Regisseur Luc Besson ein bekannter Name in der Filmwelt, aber sein Name alleine wird wohl kaum die Zuschauermassen ins Kino locken. Ebenso wenig wie seine Besetzung, denn Cara Delevingne ist meine Erachtens noch immer mehr It-Girl als Schauspielerin und Dane DeHaan ist ein großes Talent, aber leider noch weit davon entfernt, ein echter Star zu sein.

Aber selbst junge und frische Gesichter an Bord zu haben hilft nicht, wenn die Figuren, die sie spielen, blass bleiben. DeHaan spielt den titelgebenden, intergalaktischen Regierungsbeamten Valerian, der zusammen mit seiner Partnerin Laureline (Delevingne) in eine gefährliche Mission gerät, bei der mit der Zeit klar wird, dass jemand ein ganz falsches Spiel spielt. Wer die französische Comicvorlage nicht kennt (und ich gehe dreisterweise davon aus, dass das hierzulande die Meisten betreffen wird), kann bei Bessons Verfilmung keine nennenswerten Hintergründe zu den Figuren erwarten. Gleich von der ersten Sekunde an wird man lediglich mit einem zunächst nur einseitigen, romantischen Interesse Valerians an Laureline konfrontiert, die das mehr oder minder einzige Fundament ihrer filmischen Beziehung für die gesamte Laufzeit darstellt. Man spricht von Heirat, Liebe, man rettet sich gegenseitig – wirklich interessant wird das Duo zu keiner Sekunde. Da spielt es kaum eine Rolle, wer sich noch vor der Kamera tummelt: Clive Owen vermag noch ein wenig etwas zu reißen, Rihanna wird als pures Eyecandy verheizt. Ethan Hawkes kurzer, aber vollkommen entfesselter, genüsslich überspielter Auftritt hingegen macht ordentlich Laune. Aber was hilft das schon, wenn die zentralen Figuren egal bleiben.

Auch dramaturgisch und erzählerisch verzettelt sich Besson mit Fortschreiten der Handlung. Während es anfänglich noch relativ geradlinig zugeht und Interesse und Spannung dadurch aufrecht erhalten werden, weil man noch nicht weiß, wohin die Reise geht, verliert die Geschichte dann plötzlich ihren Fokus: Statt die Hautphandlung konsequent voranzutreiben, macht der Film einen riesen Schlenker zu einer Befreiungsmission, die nichts damit zu tun hat. Trotz aller Action hat man in der Phase das Gefühl, die Story komme nicht voran. Und wenn sie es dann doch tut, muss man am Ende ein wenig ernüchtert feststellen, dass nicht allzu viel an ihr dran ist, wenn mal wieder im finalen Akt in Dialogen alles noch mal ausgebreitet und erklärt werden muss.

Trotzdem: Man muss sich „Valerian“ im Kino anschauen – unbedingt sogar! Denn was Besson inhaltlich falsch macht, gleicht er mit überbordenem, visuellem Einfallsreichtum mehr als wieder aus. Selten gab es eine so bunte Welt auf der Leinwand zu bestaunen, die mit allergrößter Liebe zum Detail designt wurde und vor großen wie kleinen tollen Ideen nur so übersprudelt. Selbst wenn die Dramaturgie Hänger hat, man sitzt trotzdem gebannt und aufmerksam im Sessel, weil es im Sekundentakt etwas Neues zu entdecken gibt. Und das alleine bereitet jede Menge Freude. „Valerian“ ist unverschämt und leidenschaftlich fantasievoll, ein eskapistisches Bollwerk, mit dem, das muss man ihm zugute halten, nicht zwingend das nächste große Franchise aufgebaut werden muss. Und damit ist der Film in unserer heutigen Zeit ein rares Fundstück: Ein hoch budgetiertes und künstlerisch originelles und erfrischenderweise originäres Werk. Es bleibt wirklich zu hoffen, dass es sich rentiert, denn dieser Mut gehört belohnt, der finanzielle Erfolg wäre ein wichtiges Signal an die Filmindustrie für mehr neuartige Stoffe.

Fazit: „Valerian – Stadt der tausend Planeten“ ist bislang im Kinojahr 2017 der wohl schlechteste der Filme, bei denen sich jeder einzelne Cent für das Kinoticket ausnahmslos lohnt.

6/10

Film-Review: „Viral“

von Henry Joost, Ariel Schulman
mit Analeigh Tipton, Sofia Black-D’Elia

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Immer wieder gern gesehen im Horrorgenre: Die unheimliche, rätselhafte, aber in jedem Fall tödliche Epidemie. Ob es sich um ein Virus handelt oder sonstige Erreger, wer auch immer davon befallen wird, stirbt meist einen grauenvollen Tod oder verwandelt sich in eine Art Zombie. In „Viral“ geht es um einen wurmartigen Parasiten, der über das Blut übertragen wird und sich anschließend im Wirtskörper ausbreitet. Schon nach kurzer Zeit beginnt der Wurm, die Kontrolle über den Wirt zu übernehmen und ihn grausame Dinge machen zu lassen.

Davon ist im Film ein kleiner Vorort in den USA betroffen, wo sich die Krankheit rasend schnell ausbreitet. Mittendrin stecken auch die beiden Schwestern Emma (Sofia Black-D’Elia) und Stacey (Analeigh Tipton), die aufgrund der Geschehnisse dazu verdammt werden, in ihrem Haus auszuharren. Doch eines Nachts machen sie sich trotzdem zu einer Party auf. Mit verheerenden Folgen: Stacey wird infiziert und verwandelt sich langsam in ein immer hungrigeres und äußert aggressives Wesen. Und zunächst scheint es keine andere Wahl für Emma zu geben, als ihre eigene Schwester dem Schicksal zu überlassen…

Das Regieduo Henry Joost und Ariel Schulman bewies erst 2016 mit ihrem High-Tech-Thriller „Nerve“, das sie zwei durchaus talentierte Filmemacher mit einem ausgesprochenen Gespür für Stil sind. Audiovisuell machte der Film viel her und auch bei „Viral“ lässt sich trotz eines offenkundigen niedrigen Budgets erkennen, dass die beiden versucht haben, dem Werk optisch einen netten Anstrich zu verpassen. Die Bilder sehen oft wie geleckt aus und nicht selten gibt es zwar insgesamt nicht besonders auffällige, aber doch feine Kamerafahrten zu beobachten. Dadurch bekommt man den Eindruck, dass die Bilder sich in einem weichen Fluss befinden, die Kamera steht selten still.

Allerdings kann man hier bereits einen ersten Kritikpunkt nennen: Die Inszenierung erscheint makellos, aber auch zu glatt für einen kurzen, kleinen Horrorschocker. Das wäre aber dennoch nicht so schlimm, wenn „Viral“ außerordentlich spannend wäre oder seiner Prämisse etwas interessantes abgewinnen würde. Aber auch hier wird man weitestgehend enttäuscht. Mitunter wird es etwas eklig, wenn der Wurm sich in Großaufnahme unter der Haut windet, ansonsten beschränkt sich der Goregehalt weitestgehend auf ausgespucktes Blut. Und der Angstfaktor wird fast nie über einen simplen Jumpscare hinaus geschraubt. Stattdessen verpassten es die Macher, die zunehmende Bedrohung im Film auch mit einer sich stetig zuspitzenden Dramaturgie zu versehen. Ein Tritt auf das Gaspedal hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, doch wann immer in „Viral“ die Hölle losbricht, ist es nur wenig später auch wieder damit vorbei. Eine potenziell spannende Idee – Stichwort „Nest“ – wird zum Ende des Films nur noch kurz angerissen und auch nicht weiter intensiviert, was schade ist.

Die Darsteller, allen voran Analeigh Tipton und Sofia Black-D’Elia als Schwesternpaar, machen ihre Sache grundsolide, gerade mit Hinblick auf das, was ihnen an die Hand gegeben wird vom Drehbuch. Aber in den wenigen 86 Minuten, die der Film dauert, geht ihre an sich innige Beziehung kaum über Lippenbekenntnisse hinaus, sodass die der Geschichte eigentlich inhärente Tragik nur wenig Gewicht erhält.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass „Viral“ wie eine Fingerübung für Henry Joost und Ariel Schulman wirkt, mit der sie sich bei Laune gehalten haben. Der Streifen ist hübsch anzuschauen, aber für mehr als einen mäßig spannenden Gruselquickie reicht er nicht.

4/10

Film-Review: „Atomic Blonde“

von David Leitch
mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella

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Erst vor zwei Jahren stellte Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis, dass sie furiose Actionfilme locker bestreiten kann. Nun meldet sich die Oscarpreisträgerin mit einem neuen Film zurück, der ihr besonders körperlich so ziemlich alles abverlangt haben dürfte: „Atomic Blonde“.

Inszeniert wurde das Ganze von einer „John Wick“-Regiehälfte und zwar von David Leitch. Und wenn man sich mal vor Augen führt, dass sein Partner Chad Stahelski alleine „John Wick: Kapitel 2“ gedreht hat und Leitch bei „Blonde“ ebenfalls auf Solopfaden wandelte, muss man feststellen, dass Leitch der etwas talentiertere der beiden ist. Visuell verleiht er der in Berlin vor dem Mauerfall spielenden Handlung einen zwar kühlen, aber stylishen Anstrich, der durch geschmackvolle Farb-und Lichteinfälle immer wieder aufgelockert wird. Szenen in Hotel-oder Clubräumen werden bisweilen in Neonfarben getaucht, an anderer Stelle prügelt sich Theron schattenhaft mit einem Handlanger, während im Hintergrund eine Kinoleinwand bespielt wird.

Natürlich muss man an dieser Stelle auch die zahlreichen Actionszenen hervorheben. Leitch und sein Team taten gut daran, Prügeleien oder Schießereien stets übersichtlich und mit vergleichsweise wenig Schnitten zu filmen, wodurch das Gemetzel sich wunderbar vor dem Auge des Zuschauers entfalten kann. Ganz besonders deutlich wird es bei DER zentralen Actionsequenz nach etwas mehr als die Hälfte. Mehrere Minuten lang prügelt und ballert sich Theron durch ein Treppenhaus, verschanzt sich, macht dann weiter, flüchtet mit einem Schützling in ein Auto und fährt davon, die Verfolger dicht an ihren Fersen – und das geschieht alles ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt. Eine atemlose Sequenz, die grandios durchchoreographiert und auf allen Ebenen exzellent ausgeführt wurde. Die Kamera ist nah dran am Geschehen und schafft es trotzdem, alles im Blick zu behalten und die räumlichen Gegebenheiten, in denen sich die Action abspielt, stets klarzumachen. Und was Theron und ihre Stuntmänner veranstalten ist der helle Wahnsinn und, ja, auch sagenhaft gut gespielt. Wenn zum Ende der Sequenz alle Beteiligten schnaufen und taumeln meint man selbst die Erschöpfung zu spüren. Diese Sequenz sucht im Kinojahr 2017 bislang ihresgleichen und ist alleine das Eintrittsgeld wert.

Leider kann der Rest des Films nicht mithalten. Zwar ist die Besetzung mit Theron, James McAvoy, Sofia Boutella und John Goodman wirklich hochkarätig geworden, doch halbwegs interessante Figuren stellt niemand von ihnen dar. Hintergründe bleiben Fehlanzeige, die Persönlichkeiten bleiben nur grob skizziert und kühl. Und die Handlung ist regelrecht egal: Dass diese im Grunde eine einzige Rückblende ist und der Film deshalb in der Zeit vor- und zurückspringt, nimmt ihm einiges an Erzählfluss, aber auch ohne bliebe einfach nur eine typische Agentenscharade, bei der am Ende keiner mehr so genau weiß, wer hier wen hintergangen hat und eigentlich interessiert es auch nicht. Dass der Film dann auch noch gefühlt einige Minuten zu lang geraten ist, schafft da keine Abhilfe.

Fazit: Eigentlich wäre „Atomic Blonde“ nur ein mittelprächtiger, dezent langweiliger Film, wäre da nicht die starke Inszenierung und vor allem die bärenstarke Action. Für die oben erwähnte Sequenz gibt es außerdem einen Bonuspunkt. Wer also über die maue Story und blasse Figuren hinwegsehen kann, bekommt wenigstens tolle Krachermomente geboten.

6/10

Film-Review: „Planet der Affen: Survival“

OT: War For The Planet Of The Apes
von Matt Reeves
mit Andy Serkis, Woody Harrelson, Amiah Miller

Twentieth Century Fox's "War for the Planet of the Apes."

Vor „Planet der Affen: Prevolution“ habe ich noch nie einen einzigen Film aus dem „Affen“-Franchise gesehen und auch den Film wollte ich mir damals zunächst nicht anschauen. Ich hielt es dummerweise für zu „affig“. Da sich mir dank meines Jobs im Kino die Möglichkeit bot, den Film umsonst anzuschauen, habe ich es trotzdem getan. Irgendetwas muss doch an dieser Reihe dran sein, dachte ich mir. Meine Güte, ich wurde eines Besseren belehrt. Begeistert verließ ich den Kinosaal und auch einige Jahre später beeindruckte mich der Nachfolger „Planet der Affen: Revolution“ über die Maßen. Nun habe ich bereits den dritten Teil sehen dürfen und eines steht jetzt schon für mich fest: Die „Affen“-Prequelreihe ist die vielleicht beste Filmtrilogie seit Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“.

In „Planet der Affen: Survival“ hat sich der Konflikt zwischen Menschen und Affen weiter zugespitzt und bei einer erneuten Auseinandersetzung müssen beide Seiten große Verluste hinnehmen. Doch dann wird eines Tages ein Attentat auf den Anführer der Affen Caesar verübt, das jedoch misslingt. Fortan sinnt er auf Rache und begibt sich auf eine Reise durch ein postapokalyptisches Land.

Matt Reeves saß erneut auf dem Regiestuhl und führt konsequent Geschichte, Stimmung und Figuren aus den vorangegangenen Teilen fort und spielt wieder einmal die ganz großen Stärken aus, die auch schon die anderen Filme so gut gemacht haben: Die Produktionswerte sind außerordentlich, es gibt große, aufwendige Sets, mitunter kracht es nur so in Gefechten und die Effekte sind wieder einmal allererste Sahne – typisches Blockbusterkino möchte man meinen. Doch all das Brimborium verkommt niemals zum Selbstzweck, sondern ordnet sich stets der Handlung und den darin Handelnden unter. Reeves und sein Team gelingt das Kunststück, auf allen Sinnesebenen zu beeindrucken und trotzdem in erster Linie höchst emotionale und intime Momente zu kreieren, die niemanden kalt lassen dürften. Auffällig ist dabei der starke Einsatz von Großaufnahmen der Gesichter, in denen sich dank der perfekten Performance-Capture-Technologie jede noch so kleine Regung ablesen lässt.

Weshalb die Technik auch ganz schnell in der Wahrnehmung des Films in den Hintergrund rückt. Dies ist die Geschichte von Caesar und seinen Affen und die Figuren sind allesamt komplex und mit allergrößtem Feingespür geschrieben, dass man die Reise mit ihnen intensivst durchlebt. Stille, intime Momente voller Mitgefühl, Wut und Trauer – weil Reeves viel Zeit in die Figuren und ihrer Ausarbeitung investiert, bekommen diese Gefühle auch tatsächlich das nötige Gewicht, das sie verdienen und weshalb sie umso wirksamer sind. Im Rahmen meiner Arbeit bekam ich schon vor einer Weile in London die Gelegenheit, die erste Stunde des Films vorab zu sehen. Das damals gezeigte Material war noch nicht fertiggestellt und an einigen Stellen waren unfertige visuelle Effekte zu sehen. Doch zu keiner Sekunde hat das gestört, weil eben alles andere einfach zu gut war und die Geschichte und die Figuren zu viel Tiefgang hatten.

Neben dem inszenatorischen Können von Reeves und der famosen technischen Umsetzung, haben natürlich die Darsteller einen enormen Anteil am Gelingen des Films. Die Affenbande wird dabei erneut von Andy Serkis angeführt, dem man so langsam wirklich einen Oscar gönnt für seine komplexe Darbietung als Caesar, die natürlich weit über das bloße Imitieren eines Affen hinausgeht. Ihm gegenüber steht der wie immer äußerst sehenswerte Woody Harrelson als Antagonist, der den ambivalenten Colonel mit Verve gibt. Erwähnen sollte man auch an dieser Stelle die kleine Amiah Miller, die als taubstummes Mädchen einen wichtigen Gegenpol zu den Affen und den anderen erwachsenen Menschen bildet. Anhand ihrer Interaktion mit den Primaten werden sowohl die Figur Caesar als auch zentrale Themen wie Mitgefühl, Verantwortung, Recht und Unrecht erörtert und Miller ist als dieser kleine menschgewordene Hoffnungsschimmer einfach bezaubernd. Zuguterletzt soll noch der kraftvolle Score von Michael Giacchino nicht unerwähnt bleiben, der den Film perfekt mit eingängigen Themen musikalisch untermalt.

Perfekt ist „Planet der Affen: Survival“ insgesamt zwar dann doch nicht, weil besonders in der zweiten Hälfte des Films das Skript einige Situationen zu sehr erzwingt, dass man sich schon mal fragen darf, wie das denn jetzt zustande gekommen ist. Trotzdem: Die Makel werden von den Vorzügen bei weitem übertroffen und so bleibt zu sagen, dass es sich hierbei um einen fulminanten dritten Teil der Reihe handelt.

9/10