Film-Review: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“

von Josh Cooley

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Bei Fortsetzungen dürften sich immer und immer wieder dieselben Fragen einstellen: Muss das denn sein? Ist das nötig? Macht das überhaupt Sinn? Die Kuh wird doch eh nur gemolken! Alles des Geldes wegen! Auch wenn die Filmgeschichte schon etliche Male bewiesen hat, dass Sequels künstlerisch ein Segen sein können, halten sich Vorurteile und Skepsis noch immer hartnäckig. Man kann es den Nörglern auch nicht verübeln, denn sicher gibt es für jede gute Fortführung zahllose schlechte Beispiele. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass man bei Disney-Pixar einen vierten „Toy Story“-Film produzieren möchte, durfte man jedenfalls stutzig werden. Ob das so eine gute Idee war?

Die Frage war sicherlich zunächst nicht ganz so einfach zu beantworten. Schließlich hat sich die Kreativschmiede im Animationsfilmsektor vor allem durch die konstant hohe Qualität seiner Werke ausgezeichnet – faule Eier wie die „Cars“-Reihe mal ausgenommen. Und wenn ein Studio eine gute Fortsetzung hinbekommt, dann auf jeden Fall Pixar, die besonders mit dem zweiten und dritten „Toy Story“-Film bewiesen haben, wie es richtig gemacht wird. Trotzdem blieb ein fader Beigeschmack, denn „Toy Story 3“ avancierte 2010 zum ersten Animationsfilm, der mehr als eine Milliarde US-Dollar weltweit einspielte – ein gigantischer Erfolg, der auch inhaltlich die Reihe zu einem perfekten Abschluss brachte. Die Saga schien beendet, also was sollte es denn überhaupt noch zu erzählen geben? Aber nach der Sichtung von „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ ist klar: Eine ganze Menge! Die anfängliche Skepsis weicht rasch einem wohligen Gefühl von Vertrautheit, der aufregenden Entdeckungen neuer Figuren und viel, sehr viel Gelächter.

Und darum geht es: Einst waren Woody, Buzz Lightyear und ihre Freunde die Spielsachen von Andy, aber mittlerweile gehören sie zu Bonnie. Das kleine Mädchen verfügt über eine grenzenlose Fantasie beim Spielen, doch leider lässt sie den alten Cowboy immer öfter im Schrank liegen. Macht aber nichts, denn für Woody zählt schlicht und ergreifend, dass Bonnie glücklich ist. Als sie aber eines Tages im Kindergarten aus einer Plastikgabel das neue Figürchen Forky bastelt, stellt das Woody vor eine ganz neue Herausforderung: Forky denkt nämlich, dass es seine Bestimmung ist, im Müll zu landen! Weil er aber Bonnies neuer Liebling ist, hat Woody auf einmal alle Plastikhände voll zu tun, Forky davon abzuhalten, in den nächsten Mülleimer zu hüpfen. Bei einem Trip im Wohnwagen passiert es und Forky entkommt und Woody macht sich alleine auf, den neuen Mitstreiter zurückzuholen. Auf ihrem Weg zurück landen sie in einem unheimlichen Antiquitätengeschäft, in dem die Puppe Gabby Gabby das Sagen hat und die Woody an den Kragen will. Doch ihre Reise hat auch etwas Gutes, denn das lange verschollen geglaubte Porzellinchen taucht wieder auf!

Möchte man sich einen kurzen Überblick über die Geschichte und technische Entwicklung der Computeranimationsfilme verschaffen, braucht man nur auf „Toy Story“ zu schauen: Der erste Teil von 1995 war seinerzeit der allererste vollständig am Computer produzierte Kinofilm und ist damit in die Geschichte eingegangen. Aus heutiger Sicht jedoch wirkt der Klassiker von damals ästhetisch gesehen einfach nur noch hässlich. Da erscheint es umso unglaublicher, wie sich die Reihe und zugleich ein ganzes Genre über die Jahre entwickelt haben und jetzt mit „Toy Story 4“ zu einem vorläufigen Höhepunkt kommen.

Die teure Rechenpower wurde jedenfalls gewinnbringend eingesetzt, denn der Film ist ein echter Hingucker und fährt gleich zu Beginn schwere, technische Geschütze auf: Eine Rettungsaktion im strömenden Regen zieht einen mit Action und Spannung sofort in den Bann, ebenso wie die beeindruckend real wirkenden Regentropfen, die auf den wirklichkeitsnah gestalteten Plastikoberflächen der lebendigen Spielsachen abperlen oder an ihnen herunterlaufen. Die Qualität und Detailfülle der Animation ist nicht mehr einfach nur noch als fotorealistisch zu bezeichnen – sie bekommt eine beinahe haptisch wirkende Erscheinung , denn es ist jetzt immer plausibler, dass Woody wirklich existiert und man ihn und seine Kameraden anfassen könnte.

Atemberaubende Technik will aber auch genutzt werden, um die Geschichte ansprechend in Szene zu setzen und auch in der Hinsicht punktet das Werk von Josh Cooley. Atmosphärische Bilder bei schlechtem Wetter, dynamische Kamerafahrten, die bei Actioneinlagen mitreißen und nicht verwirren, ein sich makellos anfühlender Schnitt – hier ist einfach exzellentes Filmemachen am Werk.

Die Oberfläche stimmt, aber wie sieht es darunter aus? Das Figurenensemble ist natürlich erneut die Hauptattraktion des Films. Das Wiedersehen mit den alten Bekannten wie Woody, Buzz, Jessie oder Slinky ist nach so langer Zeit schon ein Ereignis für sich und sie haben nichts von ihrem Charme und ihrer Chemie untereinander verloren und in der englischen Originalfassung fühlt man sich auch akustisch gleich wieder wie zu Hause, dank der Stimmen von so gestandenen Schauspielgrößen wie Tom Hanks, Tim Allen oder Annie Potts.

Zugleich gibt es eine ganze Reihe neue sprechende Spielsachen, die ihren Einstand in der Marke feiern, von denen man Forky besonders hervorheben muss: Als verwirrte Gabel bringt er den Plot erst so richtig in Gang, während allein seine improvisierte Erscheinungsform für permanentes Schmunzeln sorgt. Seine schiefe Mimik spiegelt perfekt seinen Geisteszustand, seine wackelige Art, sich auf seinen Stöckchen fortzubewegen, ist visuell pures Comedy-Gold.

Doch auch die anderen punkten mit ihren Eigenheiten: Der kanadische Teufelskerl Duke Caboom befindet sich stets in einem Zustand zwischen Größenwahn und Versagensängsten und profitiert im Original von Keanu Reeves‘ Stimme. Gabby Gabby hingegen wird als große Antagonistin eingeführt und ihre falsche Höflichkeit sowie ihre auch in Stresssituationen gefasste Art gepaart mit den typischen Gesichtszügen einer Puppe wirken einfach gruselig, dass sich selbst „Annabelle“ vor Angst in die Hosen machen würde – entsprechend reagierte die versammelte Journalistenschar in der Pressevorführung, weshalb die FSK-Freigabe durchaus überrascht. Abgerundet werden die Neubesetzungen von den Plüschtieren Ducky und Bunny, die von Keegan-Michael Key und Jordan Peele gesprochen werden und jede Menge Lacher für sich verbuchen können. Besonders wenn ihre Fantasie mit ihnen durchgeht, wird das Zwerchfell strapaziert.

Eine besondere Erwähnung verdient auch das Porzellinchen: Die war schon im allerersten „Toy Story“ dabei, doch im dritten Teil fehlte jedwede Spur von ihr. Nun erfährt man nicht nur, warum sie damals fehlte, sondern auch wie sie sich seitdem gewandelt hat. Die liebliche Schafshüterin von damals ist jedenfalls Geschichte, passend für das aktuelle Gesellschaftsklima präsentiert sie sich nun unabhängig, stark und abenteuerlustig, die Woody zeigt, wo es langgeht.

Die Figuren veranstalten insgesamt ein ziemlich buntes und schwer unterhaltsames Kuddelmuddel, doch möchte man ein kleines bisschen mäkeln, dann wirkt die Handlung zwischenzeitlich ein wenig orientierungslos. Einige erzählerische Schlenker bringen den Plot kaum voran, das Wiedersehen mit Porzellinchen, so sehr die Figur an sich sehenswert ist, hängt eine Spur zu sehr vom Zufall ab.

Insgesamt sind das aber sehr marginale Schönheitsfehler in einem Werk, das unter anderem davon erzählt, dass man sich nicht seinem Schicksal ergeben muss, sondern sich und sein Leben ändern kann und dass sich hinter dem Bösen oft genug auch nur eine verletzte Seele versteckt. Und wenngleich, wie erwähnt, der Handlung manchmal kurzzeitig die Puste auszugehen scheint – den Figuren tut das keinen Abbruch. Denn wenn nicht Witze gerissen werden, wirkt jede Interaktion beseelt und obwohl es sich eigentlich um künstliche Objekte handelt, so sehen sie sich mit echten Sorgen und schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert. Einmal mehr beweisen die Meister bei Pixar, dass am Ende des Tages, wenn jeder Lacher gelacht und das Publikum zur Genüge in Staunen versetzt wurde, die Gefühle im Mittelpunkt stehen.

Fazit: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“ ist ein Film, den kaum einer gebraucht hat – und den man ab sofort nicht mehr missen möchte.

8/10

 

Bildnachweis: Disney Deutschland

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Film-Review: „Aladdin“

von Guy Ritchie

mit Will Smith, Mena Massoud, Naomie Scott

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Disney ist auf Erfolgskurs: Nicht nur sind die Superhelden von Marvel und das „Star Wars“-Universum Erfolgsgaranten, auch mit Realverfilmungen alter Zeichentrickfilmklassiker scheffelt das Unternehmen mächtig viel Kohle. Werke wie „Cinderella“, „Die Schöne und das Biest“ oder „The Jungle Book“ sorgten schon für äußerst erfolgreiche Neuverwertungen der bekannten Stoffe und wenn diese Formel so gut läuft, warum also damit aufhören? Zahlreiche weitere Neuauflagen sind geplant, allein im Kinojahr 2019 werden am Ende drei solcher Filme gelaufen sein. „Dumbo“ flog bereits über die Leinwand, „Der König der Löwen“ wird im Juli mit seinem Gebrüll die Säle zum Beben bringen. Dazwischen werden Fans von „Aladdin“ beehrt, der auch 2017 eine ganz gute Figur macht.

In Agrabah schlägt sich der junge Aladdin (Mena Massoud) zusammen mit seinem Äffchen Abu mehr schlecht als recht durchs Leben. Auf der Straße erweist sich sein Talent als Langfinger als zweischneidiges Schwert, denn einerseits ergaunert er sich so Mittel, die ihm sein Überleben sichern, aber wenn er mal erwischt wird, kann es schon mal brenzlig werden. Als er aber eines Tages auf Jasmin (Naomi Scott) trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Sofort knistert es zwischen ihnen, aber um ihr Herz wirklich erobern zu können, müsste Aladdin schon ein echter Prinz sein. Wider Erwarten entpuppt sich allerdings der Plan des zwielichtigen Jafars (Marwan Kenzari) als versteckter Segen, denn so kommt der Dieb in den Besitz einer Lampe. Als Aladdin an ihr reibt, staunt er nicht schlecht, als ihm plötzlich Dschinni (Will Smith) erscheint. Und der erfüllt seinem Meister drei Wünsche… 

Guy Ritchie mutet spontan nicht wie die naheliegendste Wahl an, um einen Disney-Familienfilm zu inszenieren. Schließlich hat er sich einen Namen mit besonders launigen Gaunerkomödien gemacht, in denen weder ein Blatt vor den Mund genommen noch mit Gewalt gegeizt wird. Für „Aladdin“ hält er sich in der Hinsicht natürlich zurück und steckt seine Energie lieber in die detailverliebte Neuinterpretation der bekannten Geschichte. Dass Disney gerne klotzt, kommt ihm dabei sehr entgegen, denn die neue Regiearbeit macht ausstattungstechnisch einiges her. Die Sets und Kostüme sehen jedenfalls prunkvoll aus und sorgen für das perfekte Agrabah-Erlebnis.

Die visuellen Effekte sind insgesamt ganz ordentlich geraten. Tierische Protagonisten wie Abu oder Rajah, Jasmins Tiger, sehen überzeugend realistisch aus. In anderen Momenten jedoch werden einige Defizite deutlich: In einer kurzen Szene kann man Aladdin aus der Ferne dabei beobachten, wie er in der Dunkelheit vor den Palastwachen flüchtet. Die Sprünge, die er dabei vollführt, stammen aber sichtlich aus dem Computer und sehen technisch einfach scheußlich aus. Die Realisierung von Dschinni hingegen streift hin und wieder das sogenannte Uncanny Valley.

Die Erzählung folgt im Grunde genau denselben Stationen wie in der Vorlage – anders als zum Beispiel noch bei „Dumbo“ werden keine großen, neuen Handlungsblöcke eingeschoben oder nachgereicht. Doch wenn man mal den groben Verlauf außer Acht lässt, finden sich etliche Neuerungen gegenüber dem Original. Das fängt schon bei der Eröffnungssequenz an, die eine mittlerweile bestätigte Fantheorie aufgreift und macht auch nicht vor den Figuren an sich halt. Aladdin, Jasmin, Jafar – in kleinen Momenten und Dialogen werden neue Hintergründe bekannt, die so im Zeichentrickfilm noch nicht verbalisiert wurden. Und auch wenn sie am Ende des Tages die altbekannten Protagonisten bleiben, so erhalten sie dadurch geringfügig mehr Nuancen.

Fans des Originals werden also zu gleichen Teilen viel Vertrautes und Neues entdecken können und das setzt sich natürlich auch in der Musik fort. All die großen Hits von damals sind dabei und haben trotz neuer Interpreten nichts von ihrer Magie verloren. Ein neues Lied gibt es aber auch, das von Jasmin gesungen wird und in zwei Teile aufgeteilt wurde. Während der erste aber leider schnell wieder vorbei ist, entfaltet der zweite dafür eine umso größere emotionale Durchschlagskraft, die in diesem Moment besonders durch Naomi Scotts tolle Darbietung Sphären erreicht, wie man sie sogar bei Disney selten zu Gesicht bekam – da macht sich das Realfilmsetting mit echten Darstellern sogar richtig bezahlt, denn am Ende des Tages ist ein echtes Gesicht immer noch wirkungsvoller als ein gezeichnetes.

Viel wichtiger ist jedoch, was dieser Song sowohl innerhalb der Handlung als auch im Disney-Kontext darstellt: Jasmin war zwar zuvor schon eine Prinzessin, allerdings mehr auf dem Papier. Mit einer großen, eigenen Solonummer wird sie aber jetzt als echte Disney-Prinzessin geadelt, denn schließlich ist es ja ein beliebtes Motiv bei Filmen des Mäusekonzerns, das seine weiblichen Figuren einen zentralen Song zum Besten geben dürfen, in denen sie für sich selbst einstehen oder sich Mut machen – „Let it go“ lässt grüßen.

Diesen Moment hat sie sich auch redlich verdient und die Drehbuchautoren Ritchie und John August taten gut daran, ihr diese Möglichkeit zu geben, indem sie Jasmin ins 21. Jahrhundert gerettet haben. Zwar klang schon im Klassiker von damals an, unter welchen restriktiven Umständen sie lebt, die es ihr verbieten, frei für sich selbst und damit ihr Leben zu entscheiden und schon vorher versucht sie dagegen aufzubegehren. Ultimativ aber wurde ihr diese Verantwortung von den Herren der Schöpfung abgenommen. Doch die neue Jasmin will sich nicht einfach mit dem Recht auf romantische Liebe zufriedengeben – sie möchte anführen und ist davon überzeugt, dass sie das kann und mit ihrem Sololied kann sie letztendlich ihren Vater davon überzeugen. So darf sie am Ende ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Mena Massoud als Titelheld gibt ebenfalls eine insgesamt gute Darbietung und „Aladdin“ wird im Laufe der Spielzeit auch deshalb immer besser, weil die Chemie zwischen ihm und Scott nach einem eher hölzernen wie dramaturgisch holprigen Start an Substanz gewinnt. Die ganz große Nummer zieht aber erwartungsgemäß Will Smith als Dschinni ab. Bereits im Vorfeld musste er nach dem Erscheinen der ersten Bilder und Trailer massiv Kritik einstecken, aber war diese auch gerechtfertigt?

Eines muss man ihm jedenfalls lassen: Will Smith gibt absolut Vollgas in der Rolle! Das Energieniveau von Robin Williams‘ legendärer Sprechperformance im englischen Original des Trickfilms erreicht der Superstar spielend leicht und darüber hinaus bekommt er dank der zusätzlichen Laufzeit und dem Realfilmsetting nicht nur als Computerfigur, sondern auch als echter, menschlicher Darsteller jede Menge Momente, die er mit seinem bekannten Charme dominieren kann.

Trotzdem kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, hin und wieder doch nur Will Smith zu sehen – und nicht etwa eine komplett eigenständige Figur, die lediglich von ihm gespielt wird. Sein charakteristischer Tonfall oder sein mitunter leicht durchscheinender Slang verweisen stets auf den Star hinter der Rolle und nicht auf den Dschinni selbst. Da hatte es Williams damals als gezeichnete Figur natürlich leichter. Nimmt man noch eine große, ebenfalls von Smith angeführte Tanzszene am Ende und seinen Rapsong im Abspann dazu, droht Smiths Starpower durchaus „Aladdin“ zu überschatten. Andererseits ist aber die Präsenz von Smith vor der Kamera wiederum ein Segen, wenn er den Menschen nicht nur gibt, sondern am Ende auch wirklich menschlich wirken darf. Wenn Aladdin Dschinni am Ende von seinen Fesseln freiwünscht, dann wirkt dieser Moment eben dank Smiths Leistung sogar rührender als im Original. Sein Mitwirken bringt also Vor- und Nachteile mit sich und wird polarisieren.

Fazit: „Aladdin“ ist eine gelungene Realverfilmung des Trickfilmklassikers mit einer starken Jasmin und ein wenig zu viel Will Smith im Dschinni.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Avengers: Endgame“

von Joe und Anthony Russo

mit Robert Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson

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Es ist so etwas wie ein ungeschriebenes Naturgesetz: Egal ob Solokünstler oder Band, wenn Musiker erst einmal einige Hits in die Charts gebracht und ihre Karrieren ein paar Jahre auf dem Buckel haben, wird es in aller Regel Zeit für eine kleine Werkschau. Für gewöhnlich firmiert das dazugehörige Projekt als „Greatest Hits“-Album und beinhaltet die tollsten Songs des Acts, mitunter in einer neuen Tonabmischung und oft genug gibt es als zusätzlichen Kaufanreiz noch den einen oder anderen neuen Song, Remix, eine tolle Verpackung oder was auch immer sich die Marketingabteilung sonst so einfallen lässt. Für die Fans ist dann die perfekte Gelegenheit gekommen, über die vergangenen Jahre zu sinnieren und die besten Momente noch einmal aufleben zu lassen. Mit „Avengers: Endgame“, dem heiß ersehnten Höhepunkt und Finale der kürzlich so getauften „Infinity Saga“, bringt Marvel nun gewissermaßen sein eigenes „Greatest Hits“-Album in die Kinos.

Erneut steht die ursprüngliche Konstellation der titelgebenden Superhelden im Mittelpunkt: Nach den Ereignissen aus „Infinity War“ müssen nebst anderen vor allem Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Hulk (Mark Ruffalo), Thor (Chris Hemsworth) und Black Widow (Scarlett Johansson) mit den Folgen von damals ringen. Superfiesling Thanos (Josh Brolin) hat bekanntlich die Hälfte aller Lebewesen im Universum ausgelöscht und zunächst scheint es keinen Weg zu geben, ihre verlorenen Kameraden zurückzuholen. Doch als eines Tages Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) an der Tür klingelt, wendet sich das Blatt…

Die Rächer sind doch schon ein wenig wie eine Band: Jedes Mitglied bringt verschiedene Vorzüge und Eigenheiten in die Gruppe ein, es gibt Soloprojekte und natürlich die Gruppenalben – also die bisherigen „Avengers“-Filme. „Endgame“ stellt aber wie erwartet eine Zäsur innerhalb des MCU dar, nach der nichts mehr so sein wird wie vorher. Da erscheint es schon ganz sinnvoll, dass die Handlung nicht nur vorangetrieben wird, sondern unterdessen auch viel Zeit für mehrere Blicke zurück innerhalb der jetzt elfjährigen MCU-Historie aufgebracht wird – „Spiel’s noch einmal, Sam“ könnte man glatt den Eindruck bekommen, mögen einige Evergreens wieder aufgelegt werden. Zahlreiche Figuren und Stars, die man mitunter mehrere Jahre nicht mehr in dieser Comicwelt gesehen hat, geben sich dann überraschend die Klinke in die Hand für kurze Auftritte und es wird eine Reise durch verschiedene Filme gemacht: Der erste „Avengers“-Film zum Beispiel oder „Guardians of the Galaxy“. Vertraute Gesichter und bekannte Szenen werden zitiert oder mit neuen Blickwinkel präsentiert, was für zahlreiche Déjà-vus beim Publikum sorgen wird.

Das mag in der Summe ein ganz toller Fan-Dienst sein, aber erzählerisch wie dramaturgisch mutiert das Werk der Gebrüder Russo beizeiten zu einem ziemlichen Kuddelmuddel: Bis auf einige kurze Momente ist das gefühlt erste Drittel erstaunlich zurückhaltend und wirkt für Blockbuster-Verhältnisse fast schon wie ein pathetisches Drama, weshalb der hin und wieder eingestreute Humor so fehl am Platz wirkt wie noch nie im Marvel-Universum. Wenn der Plot dann so richtig in die Gänge kommt, kann es ein wenig verworren werden – und fast schon ein wenig willkürlich. Ein Problem, mit dem auch der ansonsten epische und wirklich imposante Showdown zu kämpfen hat.

Das Finale erweist sich dabei nicht nur der großen Auseinandersetzung mit Thanos als würdig, sondern auch dem Marvel Cinematic Universe als solchem: Hier kulminieren bildgewaltig alle vorherigen 21 Filme in einer großen Sequenz, die viel Krach macht, auch inszenatorisch jede Menge zu bieten hat und auch einige Überraschungen parat hält. In diesem Moment ist man fast dazu geneigt, dem Film die vorherigen Makel vollends zu verzeihen, wenn dabei nicht wieder einige neue Fragezeichen aufkommen würden. Da verschwindet dann eine Figur nach kurzem Auftritt für fast die gesamte Laufzeit, nur um dann urplötzlich Deus-ex-Machina-artig zu Hilfe zu eilen, ohne weitere nennenswerte Beiträge zum Gesamtgeschehen. Eine andere wiederum erweist sich plötzlich als so mächtig, dass sie die zuvor erwähnte Figur eigentlich zur Gänze überflüssig machen würde, wenn das Drehbuch sie nur ließe.

Am Ende dürfen dann aber die Taschentücher herausgekramt werden. Die „Infinity Saga“ geht dramatisch zu Ende, der dann einsetzende Pathos ist nach all den Jahren wohlverdient und der Situation nur angemessen. Auch wenn vieles schon auf die Zukunft hinweist, so wird doch erst einmal in „Endgame“ ein Schlussstrich gezogen – konsequenterweise gibt es dann auch, so viel sei verraten, weder eine Mid- noch Post-Credit-Szene.

Fazit: „Avengers: Endgame“ bietet einen nicht ganz runden Weg zu einem imposanten und äußerst emotionalen und ultimativ befriedigenden Finale – das Warten hat sich gelohnt.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“

Regie: Rich Moore, Phil Johnston

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Vor sechs Jahren hatte der titelgebende Fiesling endgültig die Nase gestrichen voll gehabt vom Bösesein und heraus aus seinen Bemühungen, einmal der Held zu sein, kam „Ralph reichts“. Das Disney-Animationsabenteuer war durch seinen erfrischenden Videospielhallenschauplatz für Mainstreamfilmverhältnisse eine einzige popkulturelle Abfahrt voller Anspielungen auf Gaming-Klassiker. Die circa 471 Millionen US-Dollar Einspiel an den weltweiten Kinokassen muss man allerdings im Anbetracht des Budgets von 165 Millionen und anderen Disney-Erfolgen wie „Die Eiskönigin“, die über eine Milliarde umgesetzt haben, als verhältnismäßig durchschnittlich einstufen. Trotzdem kommt jetzt mit „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“ die Fortsetzung in die Kinos, die den Handlungsort dieses Mal ins große, weite Internet verlagert.

Ralph und Vanellope geht es eigentlich ganz gut – besonders der Hüne hat es sich in seiner Routine gemütlich gemacht und kann sich kein anderes Leben vorstellen, als der immer gleiche Ablauf in seinem Spiel „Fix it Felix, Jr.“. Seine kleine Kumpanin hingegen sehnt sich nach was Neuem, worauf hin Ralph kurzerhand einen beherzten Versuch unternimmt, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ist ihr Rennspiel „Sugar Rush“ kaputt! Das Lenkrad, mit dem die Spieler die Autos steuern, ist defekt und wenn nicht bald ein neues herbeigezaubert wird, war’s das! Zum Glück hat der Spielhallenbetreiber kurz zuvor einen WLAN-Router installiert und so geht es für Ralph und Vanellope ins Internet, um bei eBay das so dringend benötigte Zubehör ausfindig zu machen.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger ist natürlich das neue Internet-Setting, das ja auch im Titel bereits anklingt. Für das Jahr 2018, in Zeiten von viralen Memes, Katzenvideos und Instagram, scheint es nur logisch und konsequent zu sein, den Handlungsort dorthin zu verfrachten. Mit Blick auf die digitalen Protagonisten macht dieser Schritt ebenfalls Sinn, schließlich können die nicht ewig in der immer gleichen Zockerhöhle verbleiben, oder? Das Internet bietet an sich endlose erzählerische Möglichkeiten und aktuelle Anknüpfungspunkte an die im Vorgänger etablierte Gaming-Kultur. Bedauerlicherweise kommt aber Spielen eine eher untergeordnete Rolle zu: Zwar halten sich Ralph und Vanellope auch über weite Strecken in einem Online-Rennspiel auf, wahre Zockerfreunde suchen aber vergeblich nach Referenzen auf aktuelle, echte Titel. Videospiele sind nur noch Locations, in denen Szenen stattfinden können, thematisch aber werden sie nicht mehr näher beackert. Das muss auch nicht sein, eine Wiederholung des Erstlings wäre sicher nicht ratsam gewesen. Ein paar frischere Easter Eggs zu ihnen wären aber bestimmt nicht verkehrt.

Vanellope und insbesondere Ralph gehören einer eher älteren Spielegeneration an und wenn sie das World Wide Web zum ersten Mal betreten, wird wenig überraschend die alte Trope der Alten, die vom Fortschritt völlig überwältigt werden, aufgemacht. Das mag man kennen, aber auch im Bezug auf das Verhältnis On-/Offline ist „Chaos im Netz“ nicht der erste Film, der das thematisiert – spontan kann einem da unter anderem der verkappte Google-Werbefilm „Prakti.com“ mit Owen Wilson und Vince Vaughn in den Sinn kommen.

Auch die knallbunt animierte Darstellung einer digital erzeugten Welt und ihrer internen Mechanismen sowie ihre Beziehung zur realen Welt lässt an Werke der jüngeren Vergangenheit wie „Ready Player One“ und „Emoji – Der Film“ denken. Besonders Letzterer scheint dem neuen Disney-Film wie ein Ei dem anderen zu ähneln, von daher wirkt „Ralph reichts 2“ zunächst erstaunlich unoriginell.

Disney wäre allerdings nicht der große Konzern, wie wir ihn heute kennen, wenn die Verantwortlichen dahinter nicht auch aus allseits Bekanntem etwas Tolles zaubern könnten: In der Tat mögen die Parallelen mit anderen Filmen durchaus vorhanden sein, aber die Regisseure Phil Johnston und Rich Moore setzen die Ideen schlicht und ergreifend besser um.

Da zeigt sich dann auch das wahre Genie der Macher, denn die extrem kreative Umsetzung verschiedener Aspekte wie zum Beispiel einer Suchmaschine inklusive Autovervollständigung oder von eBay ist einfach zum Brüllen komisch und dennoch voll auf den Punkt gebracht. Dabei werden die unterhaltsamen wie auch weniger erfreulichen Aspekte der Internetnutzung aufgegriffen und so pointiert durch den Kakao gezogen, dass bei all den Lachern auch genügend Denkanstöße zu unserem virtuellen Konsum mitgeliefert werden.

So wirklich auf die Spitze wird es aber spätestens dann getrieben, wenn die Hauptfiguren die Webseite „Oh My Disney“ ansteuern, denn dann wird ein wahres Metawitz-Feuerwerk abgewackelt. Die schiere Fülle an augenzwinkernden, selbstironischen und selbstreferenziellen Gags ist absolut schwindelerregend und kulminiert in der in den Trailern schon angedeuteten Szene mit den Disney-Prinzessinnen und einer schrägen Musical-Nummer. Für einen kurzen Moment scheint sich der übermächtige Mäusekonzern selbst demontieren zu wollen.

Die vielen Gags halten einen permanent bei der Stange, erzählerisch braucht aber „Chaos im Netz“ ein wenig, um wirklich Fahrt aufzunehmen. Zu Beginn wird natürlich viel Zeit auf die Etablierung des Netzes als Schauplatz verwendet und trotz einiger toller Sequenzen, wie zum Beispiel einer aufregenden Autoverfolgungsjagd, scheint zunächst alles nur auf eine einzige, turbulente Hatz nach dem Lenkrad (und dem dafür benötigten Geld) hinauszulaufen.

Erst spät zeichnen sich auch wirkliche Figurenkonflikte ab, die dann doch noch für die so Disney-typischen, rührenden Momente sorgen. Ihre Wirkung verfehlen diese ja für gewöhnlich nie, aber im Vergleich zu anderen Werken konnte sich der Autor dieser Zeilen des Eindruckes nicht erwehren, dass man sich hier die Tränen ein wenig leichter verdienen möchte – es scheint ein wenig so, als würde einfach zu wenig auf dem Spiel stehen.

Fazit

Der Schauplatz von „Ralph reichts 2“ ist nicht neu, die Umsetzung strotzt allerdings nur so vor Einfallsreichtum und die vielen (Meta-)Gags sorgen für Atemnot vor lauter Lachen. Da kann man auch über die kleinen, erzählerischen Defizite hinwegsehen.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Die Unglaublichen 2“

Regie: Brad Bird

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Manchmal bewahrheitet es sich doch, dass endlich gut wird was lange währt. In den letzten Jahren traf das sicherlich auf „Mad Max: Fury Road“ zu, schließlich lagen zwischen George Millers Actionmeilenstein und dem direkten Vorgänger läppische 30 Jahre. Ganz so lange musste die Filmwelt nicht auf „Die Unglaublichen 2“ warten – es waren „nur“ 14 Jahre – trotzdem ist Brad Birds erneuter Ausflug in die Welt der Superhelden ein tolles Beispiel dafür, wie gut Fortsetzungen wirklich sein können, wenn man nur zur Genüge Liebe, Mühen und, ja, Zeit investiert.

So gar keine Zeit wird allerdings im Film selbst vergeudet, denn der startet genau da, wo der erste Teil aufgehört hat: Der Tunnelgräber greift die Stadt an und will diese terrorisieren und so ganz nebenbei Banken ausrauben. Zum Glück ist Familie Parr zur Stelle, um den Plan des Fieslings mit ihren Superkräften zu vereiteln. Die Öffentlichkeit ist allerdings nicht so erfreut über ihren heldenhaften Einsatz, schließlich geht dabei eine ganze Menge kaputt. Zum Glück tritt der Geschäftsmann Winston Deavor auf den Plan, der ein großer Fan von Superhelden ist und mit einer groß angelegten Kampagne dafür sorgen will, dass diese endlich wieder ganz legal die Menschheit beschützen dürfen. Im Zentrum dieser neuen Sympathie-Offensive soll Elastigirl stehen – sehr zum Leidwesen von Mr. Incredible, der auf einmal mit seiner Verantwortung als Vater konfrontiert wird. Doch volle Windeln von Baby Jack-Jack und die aus den Fugen geratende Gefühlswelt von Tochter Violetta sind bald die geringsten Sorgen der Parrs: Mit dem Screenslaver tritt eine neue Bedrohung auf und die ist mächtiger, als je ein Feind zuvor…

Was macht eine gute Fortsetzung aus? Ob es nun das eine Patentrezept gibt, ist fraglich, aber sicher sollte sie dem Zuschauer einerseits viel Vertrautes geben, an das dieser anknüpfen kann und andererseits diese bekannten Elemente um neue bereichern oder diese verbessern. In „Die Unglaublichen 2“ ist vieles bekannt und auch das Wissen darum wird vorausgesetzt: Besonders in der ersten halben Stunde und darüber hinaus wird auf Gegebenheiten und Ereignisse aus dem ersten Film Bezug genommen – wer also in den 14 Jahren dazwischen vergessen haben sollte, worum es noch mal ging, sollte sein Gedächtnis tunlichst auffrischen. Fans freuen sich jedenfalls über das Wiedersehen mit der im Mittelpunkt stehenden Familie und den spezifischen Figurendesigns. Mag sein, dass in der Zwischenzeit die technischen Möglichkeiten sehr viel weiter gekommen sind, aber durchaus erfreulich ist es, dass der Film diese gefühlt nur nebenher in der größeren Detailfülle demonstriert. Ansonsten fühlen sich beide Teile erstaunlicherweise wie aus einem Guss an, ohne den ersten künstlich auf- und den neuen Film abzuwerten.

„Die Unglaublichen“ war seinerzeit nicht nur ein grandioser Animationsfilm, eine lustige Komödie und ein Werk für die ganze Familie, sondern er war auch ein formidabler Actionfilm. Anhänger dürfte es sicher freuen, dass nun auch der zweite Teil in der Hinsicht genau da weitermacht und noch mal eine Schippe drauf legt: Wann immer es zur Sache geht, kann die animierte wie echte Konkurrenz einpacken. So rasant, atemberaubend und zugleich einfallsreich geht es selten im Mainstream-Actionkino zu, ein Großteil Hollywoods sollte beschämt sein, ausgerechnet von einem „Kinder“-film gezeigt zu bekommen, wie es geht. Schnelle Verfolgungsjagden sind mit dabei, ebenso wie suspense-geladene Momente, die fast schon wie aus einem Thriller wirken und beinahe zu intensiv für die ganz Kleinen sein könnten. Immer mit dabei: Die Superkräfte der Beteiligten, mit denen wieder äußerst kreativ umgegangen wird – die Actionsequenzen strotzen nur so vor neuen Ideen.

Das abgefackelte Feuerwerk wäre aber vollkommen nutzlos, wenn einem die Figuren in dessen Zentrum herzlich egal wären. Bird und sein Team taten aber verdammt gut daran, der im Vorgänger so behutsam aufgebauten Familie Parr mit all ihren familiären Problemen reichlich Zeit für zwischenmenschliche Momente einzuräumen. Hier zeigt sich dann eine weitere Ausnahmequalität des Films und insbesondere des Drehbuchs aus der Feder des Filmemachers selbst: Die Konflikte, sei es zwischen Bob und Helen oder mit Violetta und Dash, wirken nicht wie bloßes Alibi-Beiwerk und auch nicht wie eine Abfolge stumpfer Klischees. Tatsächlich haben die Dialoge und die darin transportierten Emotionen etwas sehr realistisches an sich, die Diskussionen und Streitgespräche der Eltern sind auch wirklich angemessen reif und klug – man kann stets die Argumente beider Seiten sehr gut nachvollziehen, was sowohl ihnen als auch dem Film selbst mehr Tiefe und emotionale Substanz verleiht. Während in vielen hochbudgetierten Spektakeln sicher die Action das Hautpverkaufsargument ist, bei „Die Unglaublichen 2“ begegnen sich Krawall und ruhige Momente auf absoluter Augenhöhe.

Mehr noch: Während im ersten Film Mr. Incredible den Helden auf eigener Mission geben durfte, darf dieses Mal Elastigirl den Ton angeben. Das mag ihr Ehemann nicht, der nicht nur mit seiner Rolle als Aufpasser der Kinder Probleme bekommt, sondern auch mit seinem männlichen Selbstverständnis. Er fühlt sich in seinem Ego definitiv gekränkt, seine Frau hingegen darf Karriere machen. Das ist natürlich nur eine sehr verkürzte Beschreibung der schwer unterhaltsam porträtierten Anspielungen auf moderne Geschlechterrollen, aber ganz sicher ist „Die Unglaublichen 2“ in der Hinsicht ein ungemein zeitgemäßer Film. Zeitlos hingegen sind nicht nur die Qualität der Action und die vielen humoristischen Einlagen, zu denen Baby Jack-Jack dieses Mal eine ganze Menge beitragen darf, sondern auch Violettas Reise von einer verunsicherten, dann zornigen und letztendlich selbstbewussten Teenagerin mit all den dazugehörigen Stolpersteinen auf dem Weg.

Möchte man „Die Unglaublichen 2“ noch etwas ankreiden, dann dass über weite Strecken der Plot zweigleisig abläuft. Während Elastigirl auf spannende Abenteuer geht, werden diese immerzu unterbrochen von Bob und den Kindern. Die lockern zwar das Geschehen immer wieder und notwendigerweise auf, aber zumindest aus dramaturgischer Sicht kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der eine Handlungsstrang den anderen mit seinen Einschüben ausbremst. Besonders fällt das in der Episode mit Modedesignerin Edna auf – ihr Auftritt fühlt sich so an, als wäre er wirklich nur dazu da, um sie im Film unterzubringen. Und wo wir schon bei Mäkeln sind: Der Screenslaver ist als Bösewicht leider auch nicht so eindrücklich wie damals noch der inbrünstig diabolische Syndrom. Aber tut das dem allgemeinen Vergnügenen irgendeinen Abbruch? Auf keinen Fall!

Fazit: Was für ein Sequel! „Die Unglaublichen 2“ punktet mit denselben Qualitäten des Vorgängers, ohne jemals in eine faule Wiederholung zu driften und ergänzt den Vorgänger um die stimmige Weiterentwicklung der Figuren und noch mehr satte Action. Das lange Warten hat sich gelohnt! Und wenn nach all der Zeit so etwas bei rumkommt, möchte man gerne noch mal 14 Jahre bis zum nächsten Teil warten.

9/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Coco – Lebendiger als das Leben!“

von Lee Unkrich, Adrian Molina

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Dank modernen Klassikern, Meisterwerken und Kritikerlieblingen wie der „Toy Story“-Trilogie, „Die Monster AG“, „WALL-E“, „Oben“ oder „Alles steht Kopf“ hat sich die Animationsfilmschmiede Pixar den Ruf eines der besten und kreativsten Studios in diesem Segment gesichert und das durchaus zurecht. Trotzdem beträgt die Volltrefferquote bei weitem nicht 100%. Die „Cars“-Filme beispielsweise sind zwar recht erfolgreich, von der Kritik wurden sie allerdings vergleichsweise moderat aufgenommen und „Arlo & Spot“ ging sogar kommerziell baden. Nun steht mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ das nächste Werk in den Startlöchern.

Und dieses Mal hat man sich ganz der mexikanischen Kultur und insbesondere dem „Tag der Toten“ verschrieben. Der junge Miguel möchte einmal ein großer Musiker werden und will es seinem verstorbenen Idol Ernesto de la Cruz gleichtun. Damit ist er aber der einzige in seiner Familie, der überhaupt etwas für schöne Töne übrig hat – alle anderen glauben aufgrund ihrer Geschichte, dass Musik etwas Schädliches ist. Doch Miguel gibt nicht auf und eines Abends begibt er sich zum Grab von de la Cruz, um sich dessen alte Gitarre „auszuborgen“. Doch dabei geschieht etwas Unvorstellbares: Plötzlich ist er nicht mehr in der normalen Welt, sondern im Reich der Toten. Dort trifft er nicht nur auf seine Vorfahren, sondern er könnte auch de la Cruz endlich treffen. Doch die Zeit drängt, denn wenn die Sonne wieder aufgeht, bleibt Miguel für immer in der Totenwelt gefangen…

Es wird immer wieder bei modernen Animationsfilmen aus dem Computer erwähnt: Der technische Aspekt der Umsetzung. Ist diese auf der Höhe der Zeit? Wie gut sieht der Film gemessen an den heutigen Standards aus? Bei Filmen aus dem Hause Pixar muss man sich in der Hinsicht nie Sorgen machen, die sehen immer prächtig aus, die Qualität ihrer Animationen sucht stets ihresgleichen. Aber ein Qualitätskriterium sollte das alleine schon lange nicht mehr sein. Technische Stärke sollte nur dann eine Rolle spielen, wenn sie im Dienste fantastischer Ideen steht, ansonsten verkommt sie zum reinen Selbstzweck. Und während sich die verschiedenen großes Studios gegenseitig in der Hinsicht zu überbieten versuchen, müssen nicht zwangsläufig auch erinnerungswürdige Impressionen dabei entstehen.

Anders als in anderen Werken Pixars ist die Anzahl der visuell beeindruckenden Momente in „Coco“ relativ rar gesät. Klar, alles strotzt scheinbar nur so vor Details und knalligen Farben. Aber mittlerweile kennt man das zur Genüge aus diesem Genre. Wirklich im Gedächtnis bleiben tut jedoch nur die spektakulär in Szene gesetzte Brücke aus unzähligen Blättern, die die Welt der Toten mit der der Lebenden verbindet und bei der man glaubt, jedes einzelne Blatt erkennen zu können. Die Totenwelt selbst sieht zwar äußerst lebendig aus, aber abgesehen davon, dass diese von allerlei Skeletten bevölkert wird, bleiben echte interessante Ideen aus.

Dies setzt sich leider auch beim Humor fort: Ein wenig zu oft verlässt man sich auf den schnell überstrapazierten visuellen Gag des in sich zusammenfallenden Skeletts und mit dem Hund Dante hat man dem Film auch noch einen generischen tierischen Sidekick wie aus dem Disney-Einmaleins spendiert, der am Ende alles andere als lustig ist, sondern eher nervt. Die Handlung selbst verläuft in recht vertrauten Bahnen und selbst ihre Überraschungen hat man anderswo schon besser ausgeführt gesehen. Lediglich beim Ende verdient sich „Coco“ große Emotionen. Doch bis dahin wird man das Gefühl nicht los, einen Pixar-Film auf Autopiloten zu sehen: Das ist alles grundsolide und kurzweilig und immer noch besser als Vieles, was die unmittelbare Konkurrenz so veranstaltet. Aber gemessen am guten Ruf und der hohen Messlatte, die man an einem Pixar-Film legt, ist das einfach nicht genug.

Fazit: Mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ liefern die Macher von Pixar einen nur erstaunlich soliden Film ab, der wirkt, als wäre er routiniert und ohne allzu große kreative Anstrengungen aus dem Handgelenk geschüttelt worden. Vollkommen ausreichend, aber das können sie viel besser.

6/10