Film-Review: „Die Unglaublichen 2“

Regie: Brad Bird

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Manchmal bewahrheitet es sich doch, dass endlich gut wird was lange währt. In den letzten Jahren traf das sicherlich auf „Mad Max: Fury Road“ zu, schließlich lagen zwischen George Millers Actionmeilenstein und dem direkten Vorgänger läppische 30 Jahre. Ganz so lange musste die Filmwelt nicht auf „Die Unglaublichen 2“ warten – es waren „nur“ 14 Jahre – trotzdem ist Brad Birds erneuter Ausflug in die Welt der Superhelden ein tolles Beispiel dafür, wie gut Fortsetzungen wirklich sein können, wenn man nur zur Genüge Liebe, Mühen und, ja, Zeit investiert.

So gar keine Zeit wird allerdings im Film selbst vergeudet, denn der startet genau da, wo der erste Teil aufgehört hat: Der Tunnelgräber greift die Stadt an und will diese terrorisieren und so ganz nebenbei Banken ausrauben. Zum Glück ist Familie Parr zur Stelle, um den Plan des Fieslings mit ihren Superkräften zu vereiteln. Die Öffentlichkeit ist allerdings nicht so erfreut über ihren heldenhaften Einsatz, schließlich geht dabei eine ganze Menge kaputt. Zum Glück tritt der Geschäftsmann Winston Deavor auf den Plan, der ein großer Fan von Superhelden ist und mit einer groß angelegten Kampagne dafür sorgen will, dass diese endlich wieder ganz legal die Menschheit beschützen dürfen. Im Zentrum dieser neuen Sympathie-Offensive soll Elastigirl stehen – sehr zum Leidwesen von Mr. Incredible, der auf einmal mit seiner Verantwortung als Vater konfrontiert wird. Doch volle Windeln von Baby Jack-Jack und die aus den Fugen geratende Gefühlswelt von Tochter Violetta sind bald die geringsten Sorgen der Parrs: Mit dem Screenslaver tritt eine neue Bedrohung auf und die ist mächtiger, als je ein Feind zuvor…

Was macht eine gute Fortsetzung aus? Ob es nun das eine Patentrezept gibt, ist fraglich, aber sicher sollte sie dem Zuschauer einerseits viel Vertrautes geben, an das dieser anknüpfen kann und andererseits diese bekannten Elemente um neue bereichern oder diese verbessern. In „Die Unglaublichen 2“ ist vieles bekannt und auch das Wissen darum wird vorausgesetzt: Besonders in der ersten halben Stunde und darüber hinaus wird auf Gegebenheiten und Ereignisse aus dem ersten Film Bezug genommen – wer also in den 14 Jahren dazwischen vergessen haben sollte, worum es noch mal ging, sollte sein Gedächtnis tunlichst auffrischen. Fans freuen sich jedenfalls über das Wiedersehen mit der im Mittelpunkt stehenden Familie und den spezifischen Figurendesigns. Mag sein, dass in der Zwischenzeit die technischen Möglichkeiten sehr viel weiter gekommen sind, aber durchaus erfreulich ist es, dass der Film diese gefühlt nur nebenher in der größeren Detailfülle demonstriert. Ansonsten fühlen sich beide Teile erstaunlicherweise wie aus einem Guss an, ohne den ersten künstlich auf- und den neuen Film abzuwerten.

„Die Unglaublichen“ war seinerzeit nicht nur ein grandioser Animationsfilm, eine lustige Komödie und ein Werk für die ganze Familie, sondern er war auch ein formidabler Actionfilm. Anhänger dürfte es sicher freuen, dass nun auch der zweite Teil in der Hinsicht genau da weitermacht und noch mal eine Schippe drauf legt: Wann immer es zur Sache geht, kann die animierte wie echte Konkurrenz einpacken. So rasant, atemberaubend und zugleich einfallsreich geht es selten im Mainstream-Actionkino zu, ein Großteil Hollywoods sollte beschämt sein, ausgerechnet von einem „Kinder“-film gezeigt zu bekommen, wie es geht. Schnelle Verfolgungsjagden sind mit dabei, ebenso wie suspense-geladene Momente, die fast schon wie aus einem Thriller wirken und beinahe zu intensiv für die ganz Kleinen sein könnten. Immer mit dabei: Die Superkräfte der Beteiligten, mit denen wieder äußerst kreativ umgegangen wird – die Actionsequenzen strotzen nur so vor neuen Ideen.

Das abgefackelte Feuerwerk wäre aber vollkommen nutzlos, wenn einem die Figuren in dessen Zentrum herzlich egal wären. Bird und sein Team taten aber verdammt gut daran, der im Vorgänger so behutsam aufgebauten Familie Parr mit all ihren familiären Problemen reichlich Zeit für zwischenmenschliche Momente einzuräumen. Hier zeigt sich dann eine weitere Ausnahmequalität des Films und insbesondere des Drehbuchs aus der Feder des Filmemachers selbst: Die Konflikte, sei es zwischen Bob und Helen oder mit Violetta und Dash, wirken nicht wie bloßes Alibi-Beiwerk und auch nicht wie eine Abfolge stumpfer Klischees. Tatsächlich haben die Dialoge und die darin transportierten Emotionen etwas sehr realistisches an sich, die Diskussionen und Streitgespräche der Eltern sind auch wirklich angemessen reif und klug – man kann stets die Argumente beider Seiten sehr gut nachvollziehen, was sowohl ihnen als auch dem Film selbst mehr Tiefe und emotionale Substanz verleiht. Während in vielen hochbudgetierten Spektakeln sicher die Action das Hautpverkaufsargument ist, bei „Die Unglaublichen 2“ begegnen sich Krawall und ruhige Momente auf absoluter Augenhöhe.

Mehr noch: Während im ersten Film Mr. Incredible den Helden auf eigener Mission geben durfte, darf dieses Mal Elastigirl den Ton angeben. Das mag ihr Ehemann nicht, der nicht nur mit seiner Rolle als Aufpasser der Kinder Probleme bekommt, sondern auch mit seinem männlichen Selbstverständnis. Er fühlt sich in seinem Ego definitiv gekränkt, seine Frau hingegen darf Karriere machen. Das ist natürlich nur eine sehr verkürzte Beschreibung der schwer unterhaltsam porträtierten Anspielungen auf moderne Geschlechterrollen, aber ganz sicher ist „Die Unglaublichen 2“ in der Hinsicht ein ungemein zeitgemäßer Film. Zeitlos hingegen sind nicht nur die Qualität der Action und die vielen humoristischen Einlagen, zu denen Baby Jack-Jack dieses Mal eine ganze Menge beitragen darf, sondern auch Violettas Reise von einer verunsicherten, dann zornigen und letztendlich selbstbewussten Teenagerin mit all den dazugehörigen Stolpersteinen auf dem Weg.

Möchte man „Die Unglaublichen 2“ noch etwas ankreiden, dann dass über weite Strecken der Plot zweigleisig abläuft. Während Elastigirl auf spannende Abenteuer geht, werden diese immerzu unterbrochen von Bob und den Kindern. Die lockern zwar das Geschehen immer wieder und notwendigerweise auf, aber zumindest aus dramaturgischer Sicht kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der eine Handlungsstrang den anderen mit seinen Einschüben ausbremst. Besonders fällt das in der Episode mit Modedesignerin Edna auf – ihr Auftritt fühlt sich so an, als wäre er wirklich nur dazu da, um sie im Film unterzubringen. Und wo wir schon bei Mäkeln sind: Der Screenslaver ist als Bösewicht leider auch nicht so eindrücklich wie damals noch der inbrünstig diabolische Syndrom. Aber tut das dem allgemeinen Vergnügenen irgendeinen Abbruch? Auf keinen Fall!

Fazit: Was für ein Sequel! „Die Unglaublichen 2“ punktet mit denselben Qualitäten des Vorgängers, ohne jemals in eine faule Wiederholung zu driften und ergänzt den Vorgänger um die stimmige Weiterentwicklung der Figuren und noch mehr satte Action. Das lange Warten hat sich gelohnt! Und wenn nach all der Zeit so etwas bei rumkommt, möchte man gerne noch mal 14 Jahre bis zum nächsten Teil warten.

9/10

 

Bildnachweis: Disney

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Film-Review: „Under The Silver Lake“

Regie: David Robert Mitchell
mit Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace

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Oft genug gebraucht es nur eines einzigen Films, um sich aus dem Nichts ins kollektive Gedächtnis der Filmwelt zu katapultieren und festzukrallen. Genau das ist David Robert Mitchell 2014 mit seiner Indie-Horrorperle „It Follows“ geglückt, die noch immer als einer der wegweisendsten Genrebeiträge der jüngeren Vergangenheit gilt. Die Erwartungen an seinen Nachfolger dürften dementsprechend hoch gewesen sein – aber kann das nun erschienene Werk ihnen auch gerecht werden?

Sam (Andrew Garfield) bekommt nicht sehr viel mehr im Leben auf die Reihe als alte Videospiele zu spielen und ansonsten in den Tag hineinzuleben. Als er eines Tages auf seinem Balkon sitzt, bemerkt aber eine neue Nachbarin, die ihn mit ihrer Schönheit sofort in ihren Bann zieht. Sam muss sie kennenlernen! Tatsächlich knistert es zwischen ihnen ganz gewaltig, aber nur wenig später ist die hübsche Sarah (Riley Keough) wie vom Erdboden verschluckt. Was ist passiert? Die Frage lässt Sam nicht los und so begibt er sich auf eine abenteuerliche Suche durch die Glitzerwelt Hollywoods…

Gleich zu Beginn von „Under The Silver Lake“ fällt ein Eichhörnchen vom Baum, knallt auf den Boden und noch während es in seinen eigenen Eingeweiden dahinsiecht, guckt es Sam und den Zuschauer hilfesuchend und verzweifelt an. Damit ist auch schon klargestellt, dass man sich in den nächsten zweieinhalb Stunden auf jede Menge gefasst machen muss. In der Tat quillt das Werk nur so über vor lauter skurriler Ideen und Situationen und es vergeht kaum eine Szene, in der man nicht ein wenig schmunzeln oder sich irritiert am Kopf kratzen kann. Permanent erwischt es einen auf dem falschen Fuß, weil immer etwas geschieht, gesagt oder gezeigt wird, das ein wenig neben der Spur ist. Eine Sexszene gleich am Anfang illustriert den absurden Ton zusätzlich zum toten Nager ganz eindrücklich: Sam und eine sich verprostituierende Schauspielerin sind im Bett zugange, als sie zunächst anfangen, über das Poster von Kurt Cobain zu reden. Nebenbei laufen im Fernsehen die Nachrichten, in denen ein Milliardär als vermisst gemeldet wird und die zutiefst besorgten Angehörigen in die Kamera schauen – just in diesem Moment kommt Sam zum Orgasmus. Betretene Mienen, eine verschollene Person, ein toter Rocker und wilder Sex – was für eine Mischung.

Eingebettet werden die Episoden in stilsichere Bilder und einen pompösen und nostalgisch anmutenden Soundtrack und beide Elemente machen keinen Hehl daraus, dass sie Klassiker des Thrillergenres zitieren und überhaupt trotz des Gegenwartssettings ein Kinogefühl der 60er-Jahre heraufbeschwören. Zugleich ist „Under The Silver Lake“ eine einzige Popkulturabfahrt voller mehr oder weniger versteckter Anspielungen, die sicher ein Fest für aufmerksame Nerdaugen sein dürften.

Der springende Punkt ist allerdings, dass die Einzelteile zwar alle in sich stimmig erscheinen, sie aber nur durch eine betont konfuse Handlung zusammengehalten werden, die ganz sicher das Publikum spalten wird. Ein Hundemörder, eine menschliche Eule, Verschwörungstheorien, versteckte Botschaften, eine Rockband und ein Kult – das Drehbuch ist vollgestopft mit Dingen, die aber ultimativ auch über die enorme Laufzeit nur wenig Sinn ergeben wollen und mitunter auch völlig im Sand verlaufen. Wer versuchen möchte, allen Handlungsdetails auch wirklich zu folgen, wird spätestens nach der Hälfte die weiße Flagge hissen müssen. Diese Verwirrung hat sicherlich Methode und muss auch sicher nicht zur Gänze dechiffriert werden, jedenfalls nicht auf Anhieb, was durchaus an Filme wie „Mulholland Drive“ von David Lynch erinnern lässt. Lynch jedoch ist meisterlich darin, trotz aller Rätsel für permanente Unruhe und Anspannung zu sorgen und dafür ist sich „Under The Silver Lake“ wohl eine Spur zu cool. Dafür gibt es einige treffsichere, satirische Beobachtungen zur Funktionsweise der Traumfabrik, die ihren eigenen Nachwuchs in fremde Betten schickt und ansonsten unter sich begräbt mit der Hoffnung, doch noch mal ein Star zu werden.

Fazit: Über die vollen 140 Minuten kommen letztendlich jede Menge unterhaltsamer und handwerklich gekonnt inszenierter Einzelmomente zusammen, die einen lange genug bei der Stange halten und auch weitestgehend über die verworrene Handlung hinwegtrösten. Wer Schrägheit über Kohärenz stellt und wild wuchernde Ideen zu schätzen weiß, wird bei „Under The Silver Lake“ auf seine Kosten kommen.

6/10

 

 

Bildnachweis: Weltkino

Film-Review: „Predator – Upgrade“

Regie: Shane Black

mit: Boyd Holbrook, Olivia Munn, Jacob Tremblay

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Er ist hässlich und tödlich und seit 1987 nicht mehr aus der Filmgeschichte wegzudenken: Die Rede ist natürlich vom Predator, der im gleichnamigen Actionfilm jeden einzelnen Muskel von Arnold Schwarzenegger beanspruchte. Seitdem ist der außerirdische Jäger im Kino, in Comics und Videospielen zuhause, stets auf der Suche nach der nächsten Jagdtrophäe. Auf insgesamt fünf Kinoeinsätze kommt er, wobei er sich zweimal mit dem legendären Alien angelegt hat und nun bekommt er es mit seinem bislang stärksten Gegner zu tun – einer aufgemotzten Version seiner selbst, dem „Predator – Upgrade“:

In Mexiko fällt eines Tages ein Raumschiff vom Himmel, das umgehend vom sich in der Nähe befindenden Scharfschützen Quinn (Boyd Holbrook) inspiziert wird. Der schnappt sich kurzerhand einige Teile aus dem Wrack, ohne auch nur den geringsten Schimmer davon zu haben, was er damit anrichtet. Denn nur wenig später ist ihm ein Exemplar einer außerirdischen Rasse auf den Fersen, das seine Sachen unbedingt wiederhaben will. Wenn es doch nur bei diesem einen Problem bliebe…

Für „Predator – Upgrade“ nahm Shane Black auf dem Regiestuhl Platz und in gewisser Weise schließt sich hier der Kreis: Denn Black stand einst beim allerersten Film im Franchise selbst vor der Kamera und war sogar das erste Todesopfer aus Arnies Truppe. Nun hat er also das Kultmonster in Szene gesetzt – aber ist ihm das Unterfangen auch gelungen?

Black weiß jedenfalls, wie man „Fanservice“ buchstabiert, denn auf Anhänger des Predators warten einige Anspielungen auf die vorangegangenen Filme in Form von Bildern, Zitaten und auch der Musik. Zudem ist es eine große Stärke seines Films, dass er auch seinen allseits beliebten Dialogwitz hat einfließen lassen. Besonders zu Beginn, wenn Quinn und seine neuen Freunde aufeinandertreffen, werden Sprüche am laufenden Band geklopft, als gäbe es keinen Morgen mehr. In den Szenen trumpft das Ensemble, dem unter anderem auch Thomas Jane („Punisher“), Trevante Rhodes („Moonlight“) und Keegan-Michael Key („Keanu“) angehören, voll auf. Die Chemie stimmt untereinander einfach und wenngleich die Figuren insgesamt recht grob und klischeehaft angelegt wurden, so füllen die Darsteller sie mit komödiantischem Talent zur Genüge mit Leben. Anders als zum Beispiel die ballernden Söldner im 2010er „Predators“ kann man für diese Gruppe wirklich ein paar Sympathien entwickeln.

Mitunter driftet aber alles arg ins Alberne, was ein zweischneidiges Schwert ist. Während vom Humor vor allem die Figuren profitieren, nehmen andere lustige Elemente dem Film eine gehörige Portion Intensität, was manchmal ganz nah an der Grenze zur Selbstparodie gerät (Stichwort: Hunde). Dabei sind einige frühe Actionszenen durchaus intensiv geraten, wenn vor allem die haushohe Überlegenheit des Titelmonsters effektiv zur Schau gestellt wird. Insgesamt ist „Predator – Upgrade“ aber der mit Sicherheit humorvollste Eintrag in der Filmreihe, dessen Spaßeinlagen ein wenig übers Ziel hinausschießen. Für langjährige Fans dürfte das gewöhnungsbedürftig sein, gaben sich die bisherigen Filme doch vergleichsweise ernst und düster. Dafür frohlocken die über einen angemessenen Härtegrad, den man nach Bekanntwerden der FSK 16 nicht in der Form erwartet hätte. Hier fliegen wortwörtlich die Fetzen!

Unter einem großen Manko leidet „Predator – Upgrade“ aber auch aus handwerklicher Sicht, denn leider ist Shane Blacks Werk einfach nicht besonders gut inszeniert. Man könnte es sicher auch dem Drehbuch ankreiden, dass sich circa 90 Prozent des Films in der Nacht abspielen, aber nichtsdestotrotz sollte doch für vernünftig ausgeleuchtete Szenen gesorgt sein. Doch viel zu oft läuft die Action im Dunkeln ab. Die Lichtarmut und ein teils verwirrender Schnitt sorgen nicht nur einmal dafür, dass man die Orientierung in Bezug auf den Handlungsablauf und der räumlichen Verortung verliert – wer hat gerade wie und wo etwas gemacht? Bei „Predator – Upgrade“ sind das legitime Fragen, die aber eigentlich gar nicht erst aufkommen dürften.

Fazit: Insgesamt ist „Predator – Upgrade“ der beste Beitrag zum Franchise seit 1987, was allerdings mehr über die mittelmäßige Qualität der anderen Teile aussagt, als über die Vorzüge dieses Films. Shane Black hat einen witzigen und damit unterhaltsamen Film mit deutlichen inszenatorischen Defiziten gemacht und man wird das Gefühl nicht los, dass die Zeit gekommen ist, den interstellaren Trophäensammler endgültig in den Ruhestand zu schicken.

5/10

 

Bildnachweis: Fox

Film-Review: „Hereditary“

Regie: Ari Aster
mit Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff

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Es müssen nicht immer die Reißer aus dem Hause Blumhouse sein oder besonders blutrünstige Trashgranaten, um im Horrorfilmgenre Aufmerksamkeit zu erregen. In den letzten Jahren sorgten vermehrt Beiträge aus dem Indiefilmbereich für reichlich Gesprächsstoff: Filme wie „Der Babadook“, „It Follows“ oder „The Witch“ wurden zu echten Kritikerlieblingen, die nicht nur die Herzrate in die Höhe schnellen ließen, sondern auch Kopf und Seele von Cinephilen positiv beanspruchten. Auch „Hereditary“ von Ari Aster ist ein vergleichsweise kleines Projekt – mit ganz großen Qualitäten.

Nach dem Tod ihrer Mutter scheint das Leben von Annie (Toni Collette) und ihrer Familie ganz normal weiterzugehen. Doch dann häufen sich immer häufiger seltsame Vorkommnisse, die irgendwie mit dem Tod ihrer Mutter und Annies Tochter Charlie (Milly Shapiro) zusammenhängen. Als es dann zu einem tragischen Unfall kommt, wird wirklich klar, dass übernatürliche Kräfte am Werk sein müssen, die drauf und dran sind, die Familie in den Abgrund zu stürzen…

Mit einer Laufzeit von knapp 130 Minuten dürfte „Hereditary“ zu den etwas längeren Vertretern im Horrofilmgenre zählen. Doch obwohl man diese Länge durchaus spürt, kommt sie dem Werk doch sehr zugute: Aster hat jedenfalls keine Eile und erliegt nicht dem Zwang vieler Kollegen, gleich Vollgas geben zu müssen und einen Jumpscare nach dem anderen abzufeuern. Zwar etabliert er schon von Anfang an eine unheimliche Atmosphäre – tut aber gut daran, diese anschließend nur langsam, subtil und beständig zu verdichten. So entsteht ein Gefühl permanenten Unbehagens, das einen unentwegt begleitet und sich wie ein diffuser Schleier über den Film legt. Man kann sich einfach nie wirklich sicher sein, das Grauen kommt bestimmt und wird mit aller Härte zuschlagen, aber die Frage nach dem „Wann?“ wird nur sehr spärlich und unzuverlässig beantwortet.

Auf diese Weise werden auch über die meiste Zeit Konventionen des Horrorfilms angerissen und unterlaufen. Durch die eigenen Sehgewohnheiten ist man auf bestimmte inszenatorische Mechanismen konditioniert, mit denen dann gespielt werden kann. Aber immer, wenn man zum Beispiel den nächsten todsicheren Schock ausgemacht haben will, wird die Erwartung einfach nicht erfüllt. Und zwar beinahe nie!

Langweilig ist „Hereditary“ aber dadurch trotzdem nicht. Das verhältnismäßig langsame Erzähltempo nutzt Regisseur Aster, um die im Zentrum stehende Familie und das Verhältnis ihrer einzelnen Mitglieder untereinander genauestens unter die Lupe zu nehmen. Dabei werden insbesondere Themen wie Schuld, Trauer und deren Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen und der Gruppe ausführlich beleuchtet. Der Horror im Film manifestiert sich nicht nur im klischeehaften Übernatürlichen, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Schuldzuweisungen, Ängste und das Gefühl, ungeliebt und ungewollt zu sein, können ebenso grausam sein wie ein Dämon, der sein Unwesen treibt.

Auch formal überzeugt „Hereditary“ auf ganzer Linie: Die Kameraarbeit ist äußerst elegant, voller vieler kleiner Einfälle und wartet darüber hinaus mit einer ungewöhnlichen Anzahl an Halbtotalen in Innenräumen auf, die die Protagonisten stets verloren und immer im Kontext des gesamten abgebildeten Raumes zeigen. Und wie man es von Horrorfilmen gewohnt ist, spielt auch die Tonspur eine überragende Rolle. Den Score kann man vielleicht etwas penetrant finden, aber insgesamt unterstreicht er die andauernde, rätselhafte Anspannung. Und, so viel sei verraten, das Geräusch vom Zungeschnalzen dürfte schon jetzt als eines der einprägsamsten und gruseligsten im Filmjahr 2018 gelten.

Was „Hereditary“ zusätzlich von der Konkurrenz abhebt, ist der Raum für Interpretationen: Gleich die allererste (famose!) Einstellung des Films legt eine zusätzliche, symbolische Lesart des Films und vielleicht auch einen einzigartigen Perspektivwechsel nahe. Statt das Geschehen als weltlich zu betrachten mit übernatürlichen Phänomenen von außerhalb, könnte man auch alles von außen sehen, aus einer alternativen, vielleicht auch höheren, universelleren Dimension. Alles, was sich in unseren Leben abspielt, ist nämlich genau das – ein (Trauer-)Spiel, in dem als Horror empfunden wird, was auf der anderen Seite der Bühne womöglich vollkommen normal ist. Bis zu einem gewissen Grad könnte das auch auf das Finale zutreffen, aber dieses geht sicher noch einen Schritt weiter und wird ganz bestimmt viele Fragen hinterlassen und Zuschauer vor den Kopf stoßen.

Perfekt ist „Hereditary“ leider bei allen Stärken trotzdem nicht. Obwohl der Film weitestgehend vermeidet, wie die meisten anderen Genrevertreter zu sein, so macht er zum Ende hin doch ein paar zu deutliche Zugeständnisse an seine Horrorwurzeln, ohne die er doch bis dato wunderbar ausgekommen war. Dann wird es doch noch laut und polternd, fliegt durch die Gegend, was eigentlich nicht fliegen sollte, schauen noch ein paar mehr geisterhafte Erscheinungen vorbei, als vorher schon. Und auch die Darbietungen einiger Darsteller sind beizeiten zwiespältig: Toni Collette in der Hauptrolle der Annie taumelt nämlich die ganze Spielzeit über auf dem extrem schmalen Grat zwischen grandioser Schauspielleistung, wie man sie von ihr als gestandene Charaktermimin kennt, und Overacting. In einem Moment rastet sie aus und ist furchteinflößender als der gesamte restliche Film, aber nur wenig später fragt man sich, ob nicht etwas weniger Drama auch gut gewesen sein könnte. Und auch Alex Wolff gibt Sohnemann Peter überzeugend verzweifelt und zunehmends kaputt – bis er anfängt zu weinen. Das manche darstellerischen Momente unfreiwillig komisch wirken können, bewiesen einige Lacher in der Pressevorführung.

Fazit: „Hereditary“ reiht sich ein in die Riege starker Horrorfilme des modernen Independent-Kinos, die formal brillieren und inhaltlich keine Kompromisse eingehen. Hier halten sich Grusel, Grips und Drama perfekt die Waage.

8/10

 

Bildnachweis: A24

Film-Review: „Deadpool 2“

Regie: David Leitch
Mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz

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Der erste „Deadpool“-Film mauserte sich 2016 zum erfolgreichsten R-Rated-Film aller Zeiten mit einer geradezu unverwechselbaren Mischung aus derbem und doch augenzwinkerndem Meta-Humor, Gewalt, nostalgischem Soundtrack und der Tatsache, dass auch das auf einer Comicvorlage von Marvel basiert. Nun kommt die unvermeidliche Fortsetzung in die Kinos, in der an die etablierten Qualitäten des Vorgängers direkt angeknüpft werden soll.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) alias Deadpool ist jetzt auch international unterwegs und macht weltweit böse Buben dem Erdboden gleich. Als er bei einem seiner Streifzüge in der Heimat jedoch einen Fiesling entkommen lässt, entwickelt sich diese Entscheidung nur wenig später zu einem Bumerang mit tragischen Folgen. Einen Schicksalsschlag später muss er sich nicht mehr mit einer Trauer und dem Wohlwollen von Colossus (Stefan Kapicic) herumplagen. Plötzlich taucht noch der schwer bewaffnete Cable (Josh Brolin) auf, der Jagd auf den jungen Mutanten Russell (Julian Dennison) macht. Aber woher kommt Cable eigentlich und warum will er ausgerechnet einen kleinen Jungen aus dem Verkehr ziehen?

Für „Deadpool 2“ übernahm David Leitch („John Wick“, „Atomic Blonde“) die Regie und in seinen besten Actionmomenten ist sein Einfluss wirklich zu sehen. Der Miteigentümer der Action-Design-Schmiede 87Eleven und langjährige Stunt-Coordinator weiß ganz genau, wie man es am besten auf der Leinwand krachen lässt und in dieser Hinsicht ist sein Sequel dem Vorgänger deutlich überlegen. Besonders die Kämpfe zwischen dem Titelhelden und Cable sind angenehm druckvoll choreographiert und weitestgehend übersichtlich inszeniert. Wenn allerdings das Spektakel überhandnimmt, wird man einmal mehr mit eher durchschnittlichen Effekten aus dem Computer konfrontiert.

Doch wie so manch andere Filme auch krankt „Deadpool 2“ an seiner eigenen zur Schau getragenen Coolness und dem Fehlen einer echten Gefahr: Sobald ein perfekt ausgewählter Song in einer noch so dramatisch aussehenden Actionsequenz zum Einsatz kommt, gibt es auch in diesem Film nichts, einfach gar nichts mehr, was jedwede Form von Anspannung seitens des Zuschauers rechtfertigen würde. Hier wie auch zum Beispiel bei „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ entsteht dadurch sofort eine ironische Brechung des Gezeigten – für die Figuren geht’s zwar um Leben und Tod, aber eigentlich ist das alles nicht so schlimm, wie es aussieht, so scheint man vermitteln zu wollen.

Stattdessen gibt es noch den x-ten dämlichen Spruch Richtung Publikum, eine weitere Anspielung, die über die Grenzen der filmischen Realität hinaus auf ihr artifizielles Konstrukt verweist und Flüche im Sekundentakt. Die „Deadpool“-Filme wollen so dringlich frech und unangepasst sein, dass man nach dem Schmunzeln – und zugegebenermaßen, man schmunzelt viel – nur noch das Gefühl hat, dass sich da jemand oder etwas aufs penetranteste anbiedern möchte. Der Humor verfügt dabei über keine nennenswerte Halbwertszeit und fällt der einmal weg, offenbart sich ein erneut sehr abgedroschener und mitunter holpriger Plot, der an „Terminator“ erinnert und dem Helden dieses Mal jede Menge Emotionen und Mitgefühl entlockt. Das mag mit dem bis dahin aufgebauten Bild der Figur nicht stimmig zusammengehen und einige furchtbar lange und enorm kitschige Szenen mit Billo-Moral zieht das auch noch nach sich. Die Abspannsszene jedoch, die funktioniert so losgelöst vom Rest des Films einfach vorzüglich.

Man darf allerdings gespannt auf die Zukunft sein, denn am Ende scheint sich eine neue Truppe gefunden zu haben, die aus einigen interessanten Mitgliedern besteht. Neuzugang Josh Brolin überzeugt übrigens als Cable mit seiner schieren Leinwandpräsenz. Mit ordentlich antrainierter Muskelmasse und tiefer Stimme ist er in fast jeder seiner Szenen die absolute Autorität und außerdem ist seinem Cable eine ebenfalls tragische Hintergrundgeschichte vergönnt, die im Spiel von Brolin (und dessen Gesicht) viel glaubwürdiger, fühlbarer und damit besser kanalisiert wird als bei Deadpool. Von den weiteren Nebendarstellern spielt sich außerdem Zazie Beetz als Domino ins Gedächtnis, die mit lässigem Selbstbewusstsein einige Szenen stiehlt.

Ryan Reynolds kommt indes die undankbare Aufgabe zu, das tonale Ungleichgewicht, das im Film in erster Linie von seiner Figur ausgeht, zu stemmen, wogegen er sich nach Kräften abmüht. Aber vielleicht ist auch einfach nur die Vorstellung eines gebrochenen, traurigen Deadpools, der später sein ganz großes Herz für sich neu entdeckt, wie ein seltsames Paradoxon, bei dem man mitunter nicht so recht weiß, ob das ernst oder wieder einmal ach so ironisch gemeint ist – besonders am Ende ist man nur noch irritiert.

Fazit: „Deadpool 2“ wird weder besonders viele neue Fans gewinnen, noch alte abschrecken können. Die bewährten Zutaten sind alle da und sorgen vermengt für einige Kurzweil und viele Lacher ohne nennenswerte emotionale Substanz. Dazu fühlt sich der Film zu unentschlossen zwischen zwei gegensätzlichen Polen an.

5/10

 

Bildnachweis: 20th Century Fox

Film-Review: „Early Man“

Regie: Nick Park

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„Wallace & Gromit“ oder „Shaun das Schaf“ – das britische Filmstudio Aardman Animations hat schon einige weltbekannte Marken hervorgebracht und einige Oscars eingeheimst für ihre Stop-Motion-Filme. Mit „Early Man“ steht nun das nächste Werk an, für das wieder einmal Nick Park verantwortlich zeichnet.

Die Steinzeit: Dug, sein Wildschweinkumpel Hognob und der Rest des Stammes verbringen friedlich ihr Leben im üppig bewaldeten Tal, immer auf der Jagd nach dem nächsten Kaninchen. Doch eines Tages wird ihr idyllisches Leben von der nächsten Stufe in der Menschheitsgeschichte bedroht – dem Bronzezeitmenschen! Mit seinen überlegenen Gerätschaften und Waffen fällt er ins Tal und vertreibt Dug und seine Freunde. Doch der will nicht so leicht aufgeben und fordert Lord Nooth und sein Regime heraus – zu einem Fußballspiel um die Zukunft des Tales!

Das Feld der Filmanimation ist vielfältig und doch kann man ziemlich sicher behaupten, das gegenwärtig computergenerierte Bilder den Mainstream fest im Griff haben – Disney/Pixar, Dreamworks, Universal, „Minions“ und Co., sie alle dominieren an den Kinokassen und selbst kleinere Produktionen schwören auf Rechenpower. Im Stop-Motion-Bereich haben sich in den letzten Jahren besonders Laika („Kubo – Der tapfere Samurai“, „Paranorman“) und eben Aardman hervorgetan. Doch vielmehr scheint es nicht zu geben, was international Aufmerksamkeit erregt. Schon alleine deshalb, und weil in derlei animierten Bildern immer eine Menge mühseliger Handarbeit steckt, muss man einen neuen Film wie „Early Man“ schon aus Prinzip ganz besonders warmherzig empfangen. Und zweifelsohne gilt erneut: Der Film sieht toll aus, die Animationen sind gelungen und strotzen nur so vor Details.

Aber am Ende des Tages sind all die verschiedenen Modi des Filmemachens doch zumeist eher kosmetischer Natur – was kann denn die Geschichte? Und leider überzeugt „Early Man“ in diesem Punkt eher weniger. An familienfreundlicher Unterhaltung möchte man vielleicht nicht die gleichen Maßstäbe setzen wollen wie an ein philosophisches Arthouse-Drama. Dennoch ist die Handlung rund um den Steinzeit-Fußball arg seicht ausgefallen. Die klassische Story vom Underdog verläuft hier so geradlinig und vorhersehbar wie auf Schienen ab, dass man bisweilen nur noch ungeduldig darauf wartet, wann denn endlich dieser oder jener Moment eintritt, den man schon seit den ersten Minuten antizipiert hat. Starke emotionale Momente kann das Drehbuch ebenfalls nicht vorweisen – außer jenen vielleicht, die einem erfundenen Fußballspiel innewohnen könnten (Stichwort: Elfmeter). Was bleibt sind einige Schmunzler und handwerklich grandios in Szene gesetzte, äußerst charmante Langeweile.

Fazit: Nett.

5/10

 

Bildnachweis: StudioCanal

Film-Review: „Ingrid Goes West“

Regie: Matt Spicer
mit Aubrey Plaza, Elizabeth Olsen
Deutsche Heimkino-VÖ: 20. April 2018

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Schöne neue Welt: Man muss es eigentlich gar nicht mehr erwähnen, wie das Internet und insbesondere Soziale Medien unsere alltägliche Kommunikation und Wahrnehmung voneinander prägen. Durch unsere Profile auf diversen Plattformen werden wir zu Pseudokünstlern und Profis der Selbstvermarktung und geben vor, reicher, schöner, einfach besser zu sein als der Nachbar. Logisch, dass sich das Kino diesem Phänomen schon mehrmals angenommen hat und mit Matt Spicers Spielfilmregiedebüt „Ingrid Goes West“ wird ihm ein tragikomischer Stalkerdreh verpasst.

Ingrid (Aubrey Plaza) hat erst vor kurzem ihre Mutter verloren und ist anschließend bei einer Hochzeit ausgerastet. Deshalb findet sie sich wenig verwunderlich in psychiatrischer Behandlung wieder, aber als sie diese erfolgreich abschließt, ist das erst der Beginn einer folgenschweren Reise. Als die einsame Frau eines Tages in einem Magazin blättert und Taylor (Elizabeth Olsen) sieht, ist es um sie geschehen: Ingrid will unbedingt ihre Freundin werden, koste es was es wolle. Mit dem Erbe ihrer Mutter zieht sie ins sonnige Kalifornien und kommt ihrem Ziel schon bald sehr nahe…

Die Feststellung, dass das Netz und Seiten wie Facebook und Instagram nicht nur Vorteile haben, sondern auch Ursprung elendig vielfältiger virtueller wie realer Probleme ist, dürfte mittlerweile niemanden mehr überraschen. Von daher gewinnt auch „Ingrid Goes Plaza“ mit seiner deutlich kritischen Haltung keinen Innovationspreis. Wie der Film diese Erkenntnis vermittelt, steht allerdings schon wieder auf einem anderen Blatt geschrieben. Wie zu erwarten war, dominieren in den ersten Filmminuten Impressionen von Instagram das Filmbild, während Ingrid sich durch zahlreiche Updates scrollt. Die aus Einsamkeit und mentaler Labilität resultierende Obsession fängt Spicer wunderbar ein – indem er vor allem die extrem stark aufspielende Aubrey Plaza zur Genüge ins rechte (und doch verquere) Licht rückt.

Dieser Film gehört einzig ihr, wird die Geschichte doch ausschließlich aus ihrer Sicht erzählt, und Plaza dürfte mit Sicherheit eine der stärksten Darbietungen ihrer Karriere abliefern. Für ihre Ingrid sind die im Netz verbreiteten, unechten, gnadenlos oberflächlichen Eitelkeiten alles, was sie noch hat und Plaza gibt sie zu gleichen Teilen verzweifelt, eiskalt kalkulierend, mit einer Prise ihres unvergleichlichen komödiantischen Talents. Bei „Ingrid Goes West“ darf so mitunter gelacht werden, doch die meiste Zeit erschaudert man ein wenig vor der geballten und irgendwie doch psychologisch nachvollziehbar dargelegten Erbärmlichkeit, die die Titelfigur an den Tag legt. Da geht man auch schon mal eine Beziehung ein, nur weil diese vor den ach so coolen Freunden mit Traumleben in der Timeline glänzen kann. Und überhaupt dienen echte menschliche Verbindungen als Accessoires für den virtuellen Status, den man sich ausdrucken und einrahmen kann.

Die Hauptfigur ist also toll und wunderbar und mitleiderregend gestört – schade, dass Spicer und Co-Autor David Branson Smith nicht genügend Vertrauen in sie hatten. Ingrids Macken alleine würden schon zur Genüge dafür sorgen, dass die Ereignisse in der Geschichte eskalieren, doch als einer der finalen Katalysatoren für ihr Scheitern wurde mit Nicky (Billy Magnussen) eine unnötig überkandidelte, den Bogen überspannende Figur ins Skript geschrieben, derer es in der Form kaum gebraucht hat. Als penetrant-hyperaktives Arschloch wirkt er unpassend überzeichnet, was ihn beinahe zur einer Karikatur werden lässt, auch dann, wenn um ihn herum reichlich Klischees zu falschen It-Girls abgefeuert werden. Nicky wird in nur wenigen Minuten zu einem nervigen Störfaktor, der letztendlich nur einem einzigen Zweck innerhalb der Geschichte dient. Die Zuspitzung der Ereignisse durch ihn wirkt dadurch leider recht erzwungen.

Insgesamt bleibt aber ein positiver Gesamteindruck von „Ingrid Goes West“, denn das Thema bleibt dafür einfach nach wie vor viel zu relevant und die Darsteller liefern ab.

Fazit: „Ingrid Goes West“ wird von einer bärenstarken Aubrey Plaza getragen und zeigt punktgenau auf tragikomische Weise, dass man das inszenierte Leben im Netz nur schwer wahrmachen kann – man aber umgedreht sein echtes Leben wiederum zur Hölle machen kann, wenn man Verrückten so Zugang zu seiner Welt schafft. Das mag nicht neu sein, aber man kann einfach nicht oft genug drauf hinweisen.

7/10

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Bildnachweis: Universum Film GmbH

Film-Review: „A Quiet Place“

Regie: John Krasinski
mit Emily Blunt, John Krasinski

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Warum denn immer dicke Drehbücher mit ellenlangen Dialogen verfassen, wenn es auch viel einfacher geht? Manchmal reicht nur eine simple Idee, eine interessante Prämisse, die gekonnt und konsequent durchexerziert wird, um einen unterhaltsamen Film abzuliefern. Und genau das hat Regisseur und Hauptdarsteller John Krasinski mit „A Quiet Place“ getan.

Keiner weiß, woher sie kommen und was genau sie sind. Aber Außerirdische haben eines Tages die Welt angegriffen und alles zerstört. Die Überlebenden versuchen, sich in dieser neuen Zeitrechnung zurecht zu finden. Und eigentlich können sie auch ein relativ unbeschwertes Leben führen. Die einzige Bedingung: Sie müssen mucksmäuschenstill sein. Denn die Invasoren aus dem All hören extrem gut und greifen jede Geräuschquelle an, die ihnen nicht in den Kram passt…

Die Spielregeln sind schnell etabliert, dafür sorgt eigentlich schon der Filmtitel: Die von Emily Blunt, John Krasinski und anderen gespielten Protagonisten müssen möglichst still ihr Dasein fristen, ansonten locken sie grässliche Kreaturen an, die mit ihren Klauen alles in Stücke reißen. Aus der simplen Idee wird aber im Film wirklich beinahe alles herausgeholt, was in einem raumzeitlich begrenzten Rahmen und bei kurzer Spielzeit möglich ist: Die gesprochene Sprache fällt fast vollständig weg, stattdessen behelfen sich die Figuren mit Gebärdensprache und Mimik, während inszenatorisch visuelles Storytelling, Vorwegnahmen, ein präziser Schnitt und ein starker Soundteppich für einen maximalen Effekt sorgen.

Es ist erstaunlich, aber die Grundidee des Films sorgt für ein unterbewusst anderes Sehen. Die Exposition wird nicht ausufernd verbal abgehandelt, wie man es schon in unzähligen Filmen erlebt hat, stattdessen werden nahezu alle Informationen über das Bild vermittelt. Als Zuschauer blickt man dann umso konzentrierter auf die Leinwand und saugt jede Einstellung intensiv auf, so das subjektive Gefühl. Akustisch hingegen sorgt das große Schweigen im Anbetracht der Bedrohung für eine permanente Anspannung: Normalerweise verweisen Horrorfilme mit Stille auf den nächsten lauten Jumpscare. Aber wenn es die ganze Zeit ruhig und leise ist, dann sind sie weniger gut zu antizipieren, der plötzlich eintretende Schock auf der Tonspur wirkt umso gewaltiger.

In Bezug auf den Schrecken wird bei „A Quiet Place“ permanent an der Intensität geschraubt, immer neue Situationen ergeben sich aus der vorherigen, die auch noch zumeist in Bezug auf die Idee sehr schlüssig erscheinen. Doch eben weil man die Regeln der Filmwelt kennt, kann man noch besser mitfiebern, da man oftmals versteht, dass sich die Figuren in schier ausweglose Fallen manövrieren, aus denen nur schwer ein Entkommen ist, ohne dass es allzu erzwungen wirkt. Trotzdem kann auch ein so sorgfältig ausgearbeiterer Film nicht ohne kleinere Mäkel, von denen sich insbesondere der Einsatz eines „Gegenmittels“ hervortut, der ein wenig zu beliebig wirkt, obwohl auch dieses nicht ganz an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Erfreulicherweise wird bei all dem fabrizierten Terror die im Mittelpunkt stehende Familie in der Geschichte nicht zu einem Haufen farbloser Figuren degradiert. Krasinski widmet ihnen besonders in der ersten Filmhälfte viel Zeit und etabliert ihre Beziehungen untereinander auf rührende Weise. Gleichzeitig porträtiert er das Leben in Stille ausgiebig und stößt Gedanken über den plötzlichen Wegfall der gesprochenen Sprache und seinen Folgen an, dass man gerne zu dem Schluss kommen möchte: Eigentlich quasseln wir alle viel zu viel. All dies ist im Anbetracht der Tatsache, dass der Film ohne viel Kontext auskommt, durchaus eine Leistung. Warum die Welt so ist, wie sie ist, wird kaum erklärt – also woher die Aliens kommen und was ihre Motivation ist – und ebenso erfährt man nichts über die Personen vor den Geschehnissen im Film. Doch ihre Liebe und Zuneigung füreinander ist nicht einfach nur ein Klischee, sondern wirklich spürbar, die fantastischen Darsteller haben daran einen enormen Anteil.

Fazit: „A Quiet Place“ hat eine einfache, aber interessante Idee und tut verdammt gut daran, sich auch an sie zu halten. Ein höchst effektiver Ritt, der einen in seinen besten Momenten vor lauter Anspannung mit offenem Mund starren lässt und damit sprachlos macht.

8/10

 

Bildnachweis: 2017 Paramount Pictures. All Rights Reserved. / Jonny Cournoyer

Film-Review: „Pacific Rim 2: Uprising“

Regie: Steven S. DeKnight
mit John Boyega, Scott Eastwood, Charlie Day

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Riesige Roboter kämpfen gegen riesige, aus dem Meer emporsteigende Monster aus einer anderen Dimension – 2013 ließ Regisseur Guillermo del Toro mit seinem Actionkracher „Pacific Rim“ reihenweise Erwachsene wieder zum Kind werden, die sich einfach ganz unschuldig an dem gigantomanen Gekloppe ergötzen durften. Nun steht die Fortsetzung „Pacific Rim 2: Uprising“ in den Startlöchern, auf dem Regiestuhl nahm dieses Mal Steven S. DeKnight Platz. Ob seine Arbeit dem Vorgänger gerecht wird?

Jake Pentecost (John Boyega) sollte eigentlich in die ziemlich großen Fußstapfen seines Vaters Stacker treten, der sich einst im Kampf gegen die Kaiju geopfert hat. Doch daran hat er nicht das geringste Interesse und stattdessen schlägt er sich als Dieb und Dealer von Hehlerware durch. Seine zweifelhafte Karriere findet aber ein jähes Ende, als eine neue und bislang nie dagewesene Bedrohung die Menschheit angreift. Und auf einmal sind die Kaiju nicht mehr das einzige Problem auf der Erde. Jake hat keine andere Wahl, als seiner wahren Berufung doch noch zu folgen: Jägerpilot sein!

Der Vorgänger war schon kein Geniestreich und geht auch ganz sicher nicht in die Annalen der Filmkunst ein, aber ein souveränes Stück Actionkino im ganz großen Maßstab war „Pacific Rim“ allemal, das bei all dem Krawall trotzdem Stilbewusstsein und ein Herz für seine diversen (und teils überkandidelten) Figuren bewies. Gute Voraussetzungen für ein Sequel also, um darauf aufzubauen. Die Produktionsgeschichte zu „Uprising“ geriet jedoch ziemlich kompliziert, zwischenzeitlich galt das Projekt sogar als eingestampft und nicht weniger als vier Drehbuchautoren werden in den Credits genannt. Das Chaos macht sich leider auch im fertigen Film bemerkbar.

Denn der inhaltliche Fokus erscheint beim Schauen ziemlich unstet zu sein, weshalb man am Ende den Eindruck bekommt, dass viele Aspekte in der Story letztendlich dafür gesorgt haben, dass zu wenig Zeit auf das verwendet wird, was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte: Kämpfe zwischen Robotern und Monstern und mittendrin vernünftig aufgebaute Figuren. Doch aus den vielen neuen und bekannten Protagonisten kann sich eigentlich nur John Boyega dank seines Charismas wirklich nach vorne spielen – trotz scheußlicher und abgedroschener Dialogzeilen, gegen die dann Leute wie Scott Eastwood oder auch Newcomerin Cailee Spaeny nur wenig überzeugend ankommen. Dafür wird man mit vermeintlicher Kritik zum Einsatz von Drohnen konfrontiert oder mit einer angedeuteten Dreiecksbeziehung, die Fremdscham erzeugt und Mitleid für Schauspielerin Adria Arjona.

Darüber hinaus gibt es auch gefühlt viel mehr von den beiden verrückten Wissenschaftlern Gottlieb (Burn Gorman) und Geiszler (Charlie Day) zu sehen. Doch während sie noch im Vorgänger als Comic Relief eingesetzt wurden und in der Funktion auch wohldosiert zum Einsatz kamen, sind ihre Auftritte im zweiten Teil vor allem eines: nervig. Das mag einerseits mit der zugenommenen Screentime zusammenhängen, die sie eben mit noch mehr komödiantischem und wenig lustigen Overacting zu füllen wissen. Zum anderen geht es auch um ihre Figuren selbst, denn insbesondere Geiszler muss für jede Menge peinliche Momente herhalten, die bei dem ach so lustigen Versuch, chinesisch zu sprechen, erst anfangen. Die irre Entwicklung seiner Figur setzt dem Ganzen noch die Krone auf, aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Fatalerweise kommen ausgerechnet die Hauptantagonisten des ersten Teils in dem durchaus wirr erzählten Plot dieses Mal zu kurz und das sind die Kaiju, diese Monster so hoch wie Wolkenkratzer, die alles zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt. Ihre Auseinandersetzungen mit den erneut ziemlich coolen Jaegern (die auch wieder sehr coole Namen tragen – wer lässt die sich eigentlich einfallen?) sind doch eigentlich das Aushängeschild der Filme, der Grund, weshalb man ein Kinoticket kaufen geht. Unverzeihlich jedoch ist, dass sie bis zur finalen Schlacht nur eine untergeordnete Rolle in „Uprising“ spielen. Klar, ihre Präsenz ist jederzeit spürbar, aber wirklich eingreifen tun sie die meiste Zeit nicht. Stattdessen wird man mit kurzen Rückblenden, Simulationen, Grafiken oder Kurzauftritten fernab des hauptsächlichen Geschehens vertröstet.

Und wenn es dann endlich zur Sache geht, so wird man das Gefühl nicht los, dass der Film ein wenig zu sehr kompensieren muss, dass die Scharmützel sich zuvor eher auf Jaeger-gegen-Jaeger-Action konzentriert haben (die ist übrigens ganz solide – aber mal ehrlich, wer wollte das schon sehen?). Gleich drei Kaijus treten dann gegen vier Riesenroboter an, erwartungsgemäß folgt eine einzige Materialschlacht, die aber in ihrem tumben Exzess zwar auf den ersten Blick den Vorgänger in den Schatten zu stellen scheint, aber zugleich und zu diesem späten Zeitpunkt nur noch ermüdet. Das aufrichtige Interesse an dem Film wurde jedenfalls schon vorher verspielt. Dass die tollen Neonlichter und die allgemein starken Farben des Erstlings komplett abhanden gekommen sind, macht die Schmach perfekt, visuell ist der zweite „Pacific Rim“ einfach eine ganze Spur hässlicher geraten.

Fazit: „Pacific Rim 2: Uprising“ hat in vielerlei Hinsicht mehr, nur nicht mehr von dem, was man wirklich sehen will.

4/10

 

Bildnachweis: Universal Pictures International France

Film-Review: „What Walaa Wants“

Regie: Christy Garland

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Früher dachte ich bei Dokumentarfilmen immer zunächst einmal an staubtrockene Lehrfilmchen, denen es besonders im Vergleich zu Spielfilmen an wirklich aufregenden cineastischen Stilmitteln fehlte, an einer spannenden Dramaturgie oder dergleichen. Doch seitdem, so der subjektive Eindruck, sind Dokus sehr weit gekommen: Obwohl sie sicher noch immer in erster Linie die Welt, so wie sie ist, abbilden sollen und wollen, Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen, sind sie zugleich unterhaltsamer als je zuvor. Einfach nur abgebildet wird nicht mehr, stattdessen gibt es richtige Geschichten zu erzählen. „What Walaa Wants“ ist ein gutes Beispiel von der Berlinale 2018 dafür, dass eine Doku zugleich auch ein sehr guter Coming-of-Age-Film sein kann.

In den Palästinensischen Autonomiegebieten lebt die Teenagerin Walaa, deren Mutter schon seit Jahren in israelischer Haft sitzt. An einem solchen Ort und mit solch einem besonderen Familienhintergrund ist es kein Wunder, dass sie nicht wie die meisten Mädchen ist. Die aufmüpfige und selbstbewusste Walaa möchte jedenfalls nichts vom Heiraten und Kinderkriegen wissen, stattdessen will sie unbedingt Polizistin werden. Doch die Ausbildung ist hart und schon bald muss sie erkennen, dass sie mit ihrer Art ihrem Traum nicht so leicht näher kommen kann…

Über fünf Jahre begleitete Filmemacherin Christy Garland ihr Subjekt in einer der polistisch brisantesten Gegenden der Welt, wo auch die Präsenz von Schussgeräuschen nicht besonders außergewöhnlich ist. Dabei sind sie und ihr Team Walaa stets ganz dicht auf den Fersen, wodurch ein spannendes Porträt einer jungen Frau entsteht, die unter schweren Bedingungen aufwächst. Durch den recht großen Zeitraum, vom 15. bis zum 20. Lebensjahr Walaas, dürfte sicher eine Fülle an Filmmaterial zusammengekommen sein. Dieses wurde zu einer rührenden Geschichte über eine aufmüpfige Außenseiterin auf dem Weg zum Erfolg und zu persönlicher Reife montiert. Die Entwicklung bei der Protagonistin wird im Laufe der Spielzeit immer deutlicher und fast wähnt man sich ein wenig an „Boyhood“ erinnert, wenngleich ohne ähnlich große, optische Veränderungen seitens der Hauptperson. Die trägt den Film übrigens ohne große Mühen – Walaa ist zumeist energisch, laut und lustig und hat schnell die Sympathien der Zuschauer auf ihrer Seite.

Eines sollte man sich allerdings immer vor Augen führen: Dies ist die Geschichte eines einzelnen palästinensischen Mädchens. Demzufolge lässt der Film auch nur ihre Sicht der Dinge zu, eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt darf man jedenfalls nicht erwarten. Diese Einseitigkeit mag durchaus problematisch sein und sollte unbedingt ins richtige Licht gerückt werden, vor allem, wenn der Film von Jugendlichen gesehen wird. Denn die soll der Film in erster Linie ansprechen (der Film lief in der Kinder-und Jugendsektion der Berlinale „Generation“) und als Jugendfilm, der eben von einer jungen Protagonistin erzählt, funktioniert er auch sehr gut. Solange man also für sich selbst die richtige, relativierende Distanz aufbringt, kann man sich an dem Ergebnis auch wirklich erfreuen.

Fazit: „What Walaa Wants“ liefert einen authentischen Einblick ins Leben in den Palästinensischen Autonomiegebieten und erzählt zugleich eine rührende Coming-of-Age-Geschichte mit einer starken Protagonistin im Mittelpunkt.

9/10

Bildnachweis: Christy Garland