Film-Review: „Bad Boys For Life“

von Adil El Arbi und Bilall Fallah

mit Will Smith, Martin Lawrence

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1995 nahmen mit der Buddy-Actionkomödie „Bad Boys“ die Laufbahnen von gleich drei Personen mächtig an Fahrt auf: Regisseur Michael Bay legte damit seinen ersten Kinofilm vor, dem noch viele weitere, zumeist sehr einträgliche folgen sollten. Und die beiden Hauptdarsteller Will Smith und Martin Lawrence wurden in der Folge zu echten Stars. Insbesondere Smith etablierte sich damit zum „Leading Man“ für die große Leinwand und zündete eine beeindruckende Phase in seiner Karriere, die ihn zwischenzeitlich zum wohl größten Star der Traumfabrik machte.

2003 folgte dann noch „Bad Boys II“, aber anschließend war es lange ruhig. Nach 17 langen Jahren nun erscheint dieser Tage mit „Bad Boys For Life“ endlich der dritte Teil. Doch vieles hat sich verändert: Michael Bay saß nicht mehr auf dem Regiestuhl und Smith ist längst nicht mehr der ganz große Publikumsmagnet von damals und ob Lawrence jemals einer war, sei mal dahingestellt. Wird der neue Teil ihnen wieder Feuer unterm Hintern machen wie einst der Erstling? Oder wird es sich um eine Abschiedsvorstellung von zwei Schauspielern in einem Film handeln, nach dem nach so langer Zeit vermutlich kein Hahn gekräht hat? Das Publikum wird entscheiden – aber eines ist jetzt schon klar: Am Film soll es nicht scheitern.

Nach mehr als 25 Jahren als Polizisten auf den Straßen von Miami nagt der Zahn der Zeit so langsam auch an Mike Lowrey (Smith) und Marcus Burnett (Lawrence). Letzterer ist gerade Großvater geworden und auch Ersterer färbt sich heimlich den Bart. Für Marcus stehen deshalb alle Zeichen auf Ruhestand und eine gemütliche Zeit mit der Familie. Doch die große Pause muss noch warten, denn die Chefin eines großen Verbrechersyndikats entkommt aus dem Gefängnis und hat blutige Rache an Mike geschworen, der sie einst hinter schwedische Gardinen brachte. Mit Hilfe ihres Sohnes sollen nach und nach alle Personen getötet werden, die sie einst zu Fall brachten – und Mike soll bei jedem einzelnen Tod dabei sein. Für ihn und Partner Marcus heißt es deshalb schon bald: „Bad Boys For Life“.

Dass mit Michael Bay der Filmemacher der beiden Vorgänger nicht mehr dabei war, dürfte unter Fans für Skepsis gesorgt haben, ist er doch ein Garant zwar nicht für große Filmkunst, dafür aber zumindest für lautes, teures und poliertes Filmhandwerk. Seine Abwesenheit ist aber mehr Segen als Fluch: Der in cinephilen Kreisen „Bayhem“ genannte exzessive Inszenierungsstil wurde deutlich zurückgefahren, ebenso der typische Militärfetisch, Patriotismus und Sexismus. Der neue Teil ist weniger laut und deutlich kürzer als Teil 2 und trotz großer Explosionen konzentriert er sich doch stärker auf das Wesentliche.

Hin und wieder versuchen die beiden jungen Regisseure Adil El Arbi und Bilall Fallah trotzdem, ihren inneren Bay zu finden und auf die Leinwand zu bringen. Abgesehen von kleinen filmischen Zitaten macht sich das natürlich in erster Linie in der Action bemerkbar. Diese ist nicht besonders einfallsreich choreographiert oder inszeniert, wobei zumindest im großen Showdown einige kreative Momente wie zum Beispiel eine spielerische Kameraneigung aufblitzen. Dafür fällt sie angemessen blutig aus und sorgt insgesamt für ausreichende Schauwerte, um zumindest als zweckdienlich angesehen zu werden.

Dieselbe Hochglanzoptik wie Bay erreichen Arbi und Fallah in „Bad Boys For Life“ aber auch nicht und zudem sieht man das im Vergleich zum zweiten Teil geringere Budget ebenfalls deutlich. Das dürfte auch dafür gesorgt haben, dass gefühlt deutlich weniger Action vorkommt als im ohnehin schon völlig ausufernden zweiten Film und sogar der Erstling hat knapp die Nase vorn – im dritten Teil gibt es so wenig Action wie noch nie in der Filmreihe. Und das ist gut so.

Die Handlung wartet mit einer großen Überraschung in der Mitte auf, die so noch nicht angedeutet wurde und durchaus für Kontroversen sorgen könnte. Allerdings ist die durchaus stimmig mit der Figur, die davon betroffen ist und der Art und Weise, wie das Publikum sie kennengelernt hat. Der Plot wird zu Beginn noch recht holprig vorangetrieben, der Filmschnitt fängt sich allerdings mit der Zeit.

Die geringere Actiondosis lüftet indes den Schleier vom absoluten Herzstück von „Bad Boys For Life“: Will Smith und Martin Lawrence. Statt nur von einem Krawall oder Gag zum nächsten gejagt zu werden, schenkt ihnen das Skript ausgiebig Zeit und offenbart so mehr denn je zwei grundsympathische Typen, die über jede Menge gemeinsame Historie und Chemie verfügen, was sich emotional so sehr auszahlt wie noch in keinem der vorherigen Filme.

Natürlich necken sie sich immer noch zur Genüge, viele Sprüche landen auch punktgenau im Ziel und schließlich gehört das zur DNA der Reihe. Vortrefflich wird der Humor aber mit dem Drama in Einklang gebracht, wenn sie über Vater Zeit reden und über das mögliche Ende ihrer Zusammenarbeit. Dann schütten sich Mike und Marcus nicht nur ihre Herzen aus, sondern spielen sich auch Smith und Lawrence ihre Seelen aus dem Leib. Ihre Figuren entwickeln sich glaubhaft weiter, ohne das Publikum mit zu großen Veränderungen zu irritieren. Erwähnung finden sollte an dieser Stelle auch Joe Pantoliano als Captain Howard, der ebenfalls verhältnismäßig gefühlvolle weil reflektierte Momente bekommt – nebst seinen cholerischen Ausbrüchen. Die übrigen Darsteller punkten aber eher mit Körpereinsatz und nicht mit gelungenem Spiel.

Fazit: Mit Erfolg gesundgeschrumpft – „Bad Boys For Life“ bietet weniger Action, dafür Will Smith und Martin Lawrence die gebührende Bühne zum Glänzen im besten Teil der Reihe.

7/10

Die besten Filme 2019 – Platz 1

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Hier sind sie also: Meine absoluten Topfavoriten des Kinojahres 2019! Die Reihenfolge ist beliebig, aber nicht meine Wertschätzung für jeden einzelnen der hier genannten Beiträge, die mich zum Lachen brachten, schockierten oder zutiefst ergriffen.

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

Die gesamte „Drachenzähmen“-Reihe ist kommerziell sehr erfolgreich und dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass Hicks, Ohnezahn und Co. popkulturell unterm Radar fliegen – völlig unverdient, wie ich finde. Der letzte Teil bringt eine der schönsten, konstantesten und damit besten Filmtrilogien der jüngeren Vergangenheit zu einem würdigen Abschluss, indem noch einmal alle zentralen Figuren stimmig weiterentwickelt werden und sich der Kreis dann schließt. Bemerkenswert, wie viel erzählerische Sorgfalt in dieses Franchise, in die Figuren und ihre Beziehungen gesteckt wurde und was für ein audiovisuelles Vergnügen das doch zugleich ist. Aber wenn man nebst modernster Animationstechnologie auch noch Roger Deakins als visuellen Berater an Bord hat, dann kann das Ergebnis einfach nur besser aussehen als die Konkurrenz. Und die Musik erst von John Powell, die sich über alle drei Filme entwickelt hat und wahre Ohrwürmer an Melodien hervorgebracht hat. Ich bin mir sicher: Auch wenn Disney den öffentlichen Diskurs mit jedem neuen Wurf zu dominieren scheint, wird das Vermächtnis von „Drachenzähmen leicht gemacht“ noch sehr lange nachhallen.

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm

Ebenfalls eine Lanze brechen muss ich wieder einmal für Stop-Motion-Animation. Laika wurde dieses Jahr mit „Mister Link“ vorstellig, der technisch beeindruckte, aber erzählerisches Mittelmaß ablieferte. Nicht so die Macher bei Aardman in England: Mit dem zweiten „Shaun das Schaf“-Kinofilm haben sie sich wieder einmal selbst übertroffen und einen flotten, ideenreichen und letzten Endes geradezu makellosen Spaß auf die Leinwand gezaubert, der die Kleinsten genauso unterhalten wird wie große Sci-Fi-Fans.

Midsommar

Der zweite Geniestreich von „Hereditary“-Regisseur Ari Aster ist inszenatorisch wieder exquisit geworden. Tolle und vielfältige Winkel, ein spannendes Spiel mit Tiefenschärfen und intensive Farben zeichnen diesen ungewöhnlichen Horrorfilm bei Tag ästhetisch aus, der darüber hinaus die vielleicht grauenhafteste Trennung eines Paares beschreibt. Florence Pugh hatte ein starkes Jahr 2019 und ziemlich sicher kann man „Midsommar“ zu eine ihrer Durchbruchsdarbietungen auf dem Weg zum echten Star gezählt werden. Und ach ja, Urlaub in Skandinavien ist vom Tisch – für immer.

Mid90s

Nostalgie ist ein starkes Gefühl. Doch während ich zum Beispiel bei „Star Wars“ das Gefühl habe, dass davon kaum noch etwas übrig ist, hat mich Jonah Hills Regiedebüt über ein paar Skaterboys komplett aus den Socken gehauen. Sein Film zitiert nicht einfach die 90er, sondern fühlt sich wirklich wie ein Zeitdokument an. „Mid90s“ schaut man sich nicht einfach mal so an – ich habe ihn regelrecht durchlebt.

Systemsprenger

Der Liebling der Berlinale 2019, da sind sich gefühlt wirklich alle darüber einig und auch ich stimme da gerne mit ein. Eine intensive Achterbahnfahrt der Gefühle, angetrieben von einer Tour-de-Force-Vorstellung der kleinen Helena Zengel, über ein spannendes Thema, das mir bis dato nicht bekannt war. Anstrengend, aber am Ende vollkommen lohnenswert.

Free Solo

Herzrasen und schwitzige Hände hatte ich im Saal – wenn ein Film eine körperliche Reaktion auslöst, ist das oft ein sehr gutes Zeichen. Und wenn man in der Doku „Free Solo“ einen Kletterer in luftigen Höhen ohne Absicherung begleiten darf, dann ist das verdammt noch mal spannender und aufregender als jeder Thriller.

Ad Astra

2019 war auch sein sehr gutes Jahr für Brad Pitt, der zu Recht jede Menge Lob für seine Darbietung in Quentin Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ kassierte. Doch viel mehr mochte ich „Ad Astra“. Nicht nur gibt Pitt darin eine fein nuancierte Leistung ab, die daran erinnert, was für ein toller Charakterdarsteller er ist. Trotz der polierten und kameratechnisch eindrucksvollen Blockbuster-Oberfläche besticht der Film für mich besonders durch eine intime Vater-Sohn-Geschichte, die über elterliche Schatten und ihr Vermächtnis nachdenkt.

Marriage Story

Wenn mit Adam Driver und Scarlett Johansson zwei sehr charismatische wie talentierte Schauspieler für Noah Baumbach die besten Darbietungen ihrer Karriere aus sich herausholen, dann kann ich innerlich nur Beifall klatschen. „Marriage Story“ seziert das Auseinanderbrechen einer Ehe mit aufmerksamen Beobachtungen und starken Leistungen, ist beizeiten überraschend komisch, aber am Ende immer sehr berührend, ohne eine einfache Lösung zu bieten. Ganz stark.

Der Leuchtturm

Auch Robert Eggers meldete sich zurück und schickte Robert Pattinson und Willem Dafoe auf eine einsame Insel mit titelgebendem Leuchtturm. Ästhetisch ist das skurrile wie verstörende Duett einfach zum Niederknien, darstellerisch rufen auch diese beiden Stars Karrierebestleistungen ab. Inhaltlich macht es der Film einem aber nicht zu leicht, es darf viel interpretiert werden. Aber ganz gleich, zu welchem Ergebnis man kommen mag, der Weg dorthin ist grandios anzuschauen.

Parasite

Auch so ein Liebling der Kritiker mit dem ich vollkommen d’accord bin. Kaum ein anderer Film schaffte in diesem Jahr so perfekt und zugleich so mühelos den Spagat zwischen Grips und viel, viel Spaß. Die Handlung ist flott, unterhaltsam und wendungsreich und gibt zusätzlich viel Denkstoff über soziale Ungleichheit.

The Irishman

Scorsese, De Niro, Pesci und Pacino.

The Report

Superspannender, ausführlich recherchierter und erzählter Politthriller über den Versuch der CIA, die eigenen Foltermethoden nach 9/11 zu vertuschen. Erneut ist Adam Driver ganz vorne mit dabei, aber auch die restliche Besetzung mit u. a. Annette Bening und Jon Hamm überzeugt voll. Ein meinem Eindruck nach völlig untergegangener Film, den aber jeder, der sich für solche Stoffe auch nur geringfügig interessiert, unbedingt nachholen sollte. Als Amazon-Produktion ganz leicht bei Prime zu sehen.

 

Bildnachweis: Universal Deutschland, MFA, Weltkino

Die besten Filme 2019 – Platz 2

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So, ihr wisst, wie es dieses Jahr läuft. Statt einer Liste gibt es 2019 drei mit den besten Filmen des Jahres. Hier sind die zweitbesten Filme des Jahres, die ich absolut sehenswert finde und die nur knapp an der Spitze vorbeigeschrammt sind.

Beale Street

Ein wunderschöner und romantischer Film von „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins, der zugleich voll politischer Energie ist – und damit im positiven Sinne auch an Spike Lee erinnert.

John Wick: Kapitel 3

Ist die Story zu dünn für die Laufzeit? Sicher. Aber handelt es sich auch um ein pures Actionmeisterwerk? Unbedingt! In punkto Inszenierung von Filmgewalt kann in Hollywood aktuell niemand Chad Stahelski und seinem Team das Wasser reichen und kein Superstar gibt vor der Kamera körperlich so viel Vollgas wie Keanu Reeves. Schweißtreibend, knallhart und einfallsreich – da gab es zu Recht auch Szenenapplaus in der Vorführung.

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!

Ich finde den deutschen Verleihtitel völlig missraten (sorry), aber abgesehen davon hat sich die neunjährige Wartezeit auf einen neuen „Toy Story“-Film mehr als gelohnt. Animationstechnisch atemberaubend und Pixar-üblich sehr ergreifend erzählt und umwerfend lustig. Insgesamt hat 2019 gezeigt, dass Fortsetzungen eine verdammt gute Sache sein können, wenn sie nur richtig gemacht werden.

They Shall Not Grow Old

Noch nie wurde die Vergangenheit so plastisch und realitätsgetreu zum Leben erweckt wie in Peter Jacksons Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg. Eine technische Meisterleistung, die den Schrecken von damals greifbar macht – da kann ich auch getrost drüber hinwegsehen, dass ich ohne Untertitel nur gefühlt die Hälfte verstanden habe (und das trotz solider Englischkenntnisse).

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Einer der schönsten und unverschämt romantischsten Filme des Jahres, ästhetisch eine Augenweide und phänomenal gespielt von Noémi Merlant und Adèle Haenel. Und dazu noch eine der tollsten Schlusseinstellungen des Jahres. Ich konnte lediglich nicht sehr viel mit dem Nebenhandlungsstrang um die Haushälterin anfangen. Ohne ein klarer Kandidat für die Top-Kategorie.

I Lost My Body

Dieser Netflix-Film ist eine wunderbare und nach wie vor dringend benötigte Erinnerung daran, dass die Welt des Animationsfilms aus weit mehr als nur Disney und die Minions besteht – und auch erwachsene Stoffe auf einmalige Weise zu erzählen weiß. Eine morbide Ausgangsidee, die aber eine rührende Geschichte über unsere eigene Vergangenheit, Altlasten und neue Chancen im Leben offenbart. Eine Perle.

The Farewell

Ich hatte zwischendrin minimale Probleme mit dem Erzähltempo. Aber abgesehen davon ist Lulu Wang ein einfühlsames Indie-Drama mit viel Herz und Humor gelungen, das über Herkunft, Identität, Tradition und Moderne reflektiert. Awkwafina empfiehlt sich als ernstzunehmende dramatische Schauspielerin, die Rolle ist definitiv ihr Durchbruch.

Shazam!

Heutzutage ist es schon wieder erfrischend, einfach mal wieder eine Origin-Story zu sehen – die im Übrigen zum Totlachen witzig ist und viel Herz hat. Selten so viel unbeschwerten Spaß gehabt wie mit „Shazam!“.

The Lodge

Teilweise rätselhafter, aber immer gnadenlos atmosphärischer Horrorthriller mit fiesen Twists, toller Ästhetik und einem kleinen, aber stark aufspielenden Ensemble, angeführt von Riley Keough. Und das Ende ist ein Schlag in die Magengrube. Mein Highlight des Fantasy Filmfests.

Booksmart

Caitlyn Dever und Beanie Feldstein sind ein urkomisches, dynamisches Duo in diesem famosen Regiedebüt von Olivia Wilde, das das Genre der derben Teeniekomödie auf ganz eigene Weise neu durchspielt.

 

Bildnachweis: Alamode, DCM, Disney Deutschland

Die besten Filme 2019 – Platz 3

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Wieder einmal geht ein weiteres Kinojahr zu Ende und zwar eines, das reich war an vielfältigen Höhepunkten, die alle auf ihre ganz eigene Weise den Eintritt und die investierte Zeit wert waren. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um hochbudgetierte Spektakel, Werke aus Europa oder Asien, animierte Filme, Arthouse, Drama oder Komödie handelte. Sie alle waren auf ihre Weise toll – und deswegen wird es Zeit, sie noch einmal zu feiern.

Doch wie soll man mit der Fülle an Werken, die man auch an dieser Stelle erneut weiterempfehlen möchte, umgehen? Entweder man sortiert radikal aus und / oder verschiebt alles, was es nicht in die Bestenliste schafft, in die „lobenden Erwähnungen“. Oder man pfeift einfach drauf. Ich für meinen Teil lasse mich dieses Jahr von der NBA-Berichterstattung inspirieren: Schon oft konnte ich im Vorfeld einer neuen Saison der US-Basketballprofiliga eine Auflistung der Teams in drei Kategorien wahrnehmen: Die Spitze, das Mittelfeld und die Abgehängten.

So ähnlich möchte es ich auch machen – nur dass meine Kategorien Treppchenplätze sind, auf denen sich dann halt mehrere Titel tummeln dürfen. Kapiert? Na dann, auf geht’s mit meiner Auswahl der drittbesten Filme 2019!

 Cold War – Der Breitengrad der Liebe

 Manchmal ist es vollkommen ausreichend, mal seine Augen zu verwöhnen und sich einen Film wirklich „anzuschauen“. In der Hinsicht erlebt man bei „Cold War“ den filmästhetischen Himmel auf Erden, bei dem das Traumduo aus Regisseur Pawel Pawlikowski und Kameramann Lukasz Zal (beide stellten schon den ebenfalls betörend aussehenden Film „Ida“ auf die Beine) wieder zusammengearbeitet hat. Visuell einer der schönsten Filme, die ich 2019 im Kino sah (wenngleich er eigentlich schon 2018 in deutschen Kinos anlief).

Creed II

Wer die Erwartungen an (zwar auch vorhandene) spannende Boxkämpfe etwas herunterschraubt, wird wie schon beim Vorgänger mit einem einfühlsamen Drama belohnt, das nicht nur der neuen Generation an Faustkämpfern, sondern vor allem den alten Haudegen viel Zeit einräumt und ihnen trotz aller menschlichen Makel auch Würde verleiht. Beide „Creed“-Filme zeigen besonders, dass Sylvester Stallone ein formidabler Schauspieler ist, wenn er denn nun will. Und dass er seine eigenen Franchises erfolgreich auch im Alter fortführen kann – anders als „Rambo“.

Gully Boy

 Gesehen bei der Berlinale 2019. Indischen HipHop hatte ich bislang noch nicht auf dem Schirm, aber seit „Gully Boy“ weiß ich, dass die Szene dort drüben sehr lebendig sein muss. Ihn als indischen „8 Mile“ zu beschreiben, ist durchaus zutreffend und doch lange nicht ausreichend. Ein mitreißender Film, der auch sorgfältig auserzählt ist.

Vice – Der zweite Mann

 Christian Bale ist immer ein Hingucker, ganz besonders spindeldürr oder wie hier, fett und mit Halbglatze. Dazu kommen ein beißend satirischer Ton und starke Nebendarsteller. Tolle Unterhaltung.

Normal

 Was ist typisch männlich, was stereotyp weiblich? Dokumentarfilmerin Adele Tulli schaut in ihrem Berlinale-Beitrag ganz genau mit der Kamera und in teils atmosphärischen Einstellungen hin und lässt alltägliche Situationen für sich sprechen. Tulli kommentiert nicht, doch die klug ausgewählten und montierten Impressionen laden zur Reflexion ein.

Birds of Passage

 Ein Gangster-Epos, das aber mit der filmischen Sensibilität des Arthouse-Weltkinos erzählt und inszeniert wurde. Tolle Bilder veredeln eine ruhig voranschreitende Handlung, die darüber hinaus interessante Einblicke in die Kultur der Wayuu gibt.

Godzilla II: King of the Monsters

 Richtig gelesen: Dämliches, lautes Monster-Haudraufkino auf der Liste der besten Filme des Jahres? Ab-so-lut! Infantiler Spaß in gigantischen Ausmaßen sei hier gestattet, bei dem man überraschend tolle visuelle Momente bestaunen darf. So manch eine Einstellung in dem Film wirkt auf der Stelle ikonisch und das hat „King of the Monsters“ vielen anderen, erfolgreicheren Blockbustern 2019 voraus. Ansonsten liefert der Film einfach genau das ab, was der Titel verspricht – königlich viel Spaß im XXL-Format.

High Life

 Robert Pattinson im All, eine durch und durch durchdrehende Besatzung, eine unfassbar gespielte Masturbationsszene mit Juliette Binoche, eines der schönsten Enden des Jahres und Futter fürs Hirn auch nachdem das Licht wieder angegangen ist. „High Life“ hat für mich Klick gemacht, als ich gedankenversunken und mit ruhiger Filmmusik auf den Ohren den nächtlichen Irrsinn auf Hamburgs Reeperbahn beobachtet habe. Stark.

Vox Lux

 Eine starke, sträflich übersehene Performance von Natalie Portman und ein souverän inszeniertes Stück Showbiz-Kritik.

A Rainy Day in New York

Nein, ich bin kein großer Woody-Allen-Fan und kenne nur ein paar wenige seiner eher zeitgenössischen Filme der letzten sechs bis sieben Jahre. Nein, ich denke noch nicht, dass er immer wieder denselben Film macht und nein, es spielt beim Gucken keine Rolle, was über ihn alles so erzählt wird. „A Rainy Day in New York“ war einfach nur ein lockerer, mühelos und perfekt unterhaltsamer Film für einen verregneten Tag in Hamburg.

Die Eiskönigin 2

 Kristen Bell und „The Next Right Thing“ klopfen mein eiskaltes Herz einfach windelweich, bis es die Fühler ausstreckt und die nächstbeste Person fest drücken will. Sicherlich nicht makellos, aber eine Verbesserung zum sehr formelhaften Vorgänger.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance

Ein im Kern recht konventionelles Biopic, das aber stark gespielt und noch stärker inszeniert wurde. Die Rennszenen sind dank des perfekten Schnitts richtig mitreißend und atemlos geraten.

 

Bildnachweis: Warner Deutschland, MFA

Die schlechtesten Filme 2019

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Insgesamt bin ich verdammt glücklich mit dem Kinojahr 2019 und das obwohl ich so wenige Filme gesehen habe wie seit 2013 nicht mehr. Aber zu jedem Knaller gehört auch leider die ein oder andere Gurke, von denen ich hier zumindest einigen (bei weitem nicht allen) meine eigentlich unverdiente Aufmerksamkeit schenken möchte. Die Anzahl ist völlig beliebig, ebenso die Reihenfolge und reflektiert und seriös formulieren wollte ich auch nicht – ich mein, wozu sich die Mühe für Scheiße machen. Ihr seid hiermit vorgewarnt!

Blood Fest

Gesehen bei den Fantasy Filmfest White Nights. Ich find es jedes Mal aufs Neu unerklärlich, wie man eine blutige Horrorkomödie in Sand setzen kann. Aber es geht – big time! Langeweile, keine frischen Ideen, unsympathische und dämliche Figuren. Meh.

Alita: Battle Angel

Ein „pseudo-guter“ Film. Teure Optik, aber im Kern eine hohle, grobschlächtige Erzählung, bei der ich bei jedem emotionaleren Storybeat vor meinem geistigen Auge gesehen habe, wie jemand wieder einen Kasten auf der To-Do-List abhakt. Für mich einer der am meisten überbewerteten Filme der jüngeren Vergangenheit, der seltsamerweise eine große Fangemeinde gefunden hat. Schade – Hollywood, lass einfach in Zukunft die Finger von Mangas!

The Kindness of Strangers

Der Eröffnungsfilm der Berlinale ist ein naives, brechreizinduzierendes Loblied auf Gutmenschen. Wow, ich kling gerade wie ein rechter Populist! Aber ein Film, der so wohlwollend und positiv sein möchte und alle Konflikte durch ein wenig Nächstenliebe in der Luft verpuffen lässt, ist einfach nur langweilig.

Flatland

Berlinale 2019. Darf man einen Film eigentlich heutzutage scheiße finden, selbst wenn seine Intention ganz klar die richtige ist? Ich für meinen Teil sage: Verflucht, ja! „Flatland“ ist ein pures Politikum oder wäre es zumindest – aber ein unsagbar schlechter Film, furchtbar inszeniert, gespielt und erzählt. Nein, das sicherlich geringe Budget ist kein Argument.

Searching Eva

Genervt von der ganzen Selbstdarstellung in den sozialen Medien? Wie wäre es mit Selbstinszenierung im Kino in Form einer Doku in Spielfilmlänge über Selbstinszenierung und Selbstfindung im Netz? Genau. Zugezogenes Hipster-Girlie in Berlin verdingt sich als Sexarbeiterin, spritzt sich Heroin und gibt sich Instagram hin. Ein Porträt das beispielhaft steht für eine ganze Generation? Ich hoffe nicht. Ansonsten wäre das hier der Horrorfilm des Jahres! Viel zu oberflächlich, unfassbar eingebildet – das Subjekt oder der Film? Ich denke beides.

Captain Marvel

Inszenatorisch so 08/15 wie ein Comic-Blockbuster heutzutage nur sein kann. Ästhetisch einfallslos, mitunter sogar im wahrsten Sinne des Wortes unterbelichtet, aber heyyyyy, ironischer Einsatz cooler 90er-Jahre-Musik im Showdown, das ist doch cool, oder? Dazu die größte Fehlbesetzung überhaupt in Brie Larson, die ich bis dahin sehr mochte („Raum“, „Short Term 12“, „Schloss aus Glas“ – alles tolle Filme mit wunderbaren Darbietungen von ihr), die aber völlig überfordert ist mit der Titelrolle. Aber posieren wie ein Wandschrank, das kann sie.

Hellboy – Call of Darkness

Ich gestehe: Beim Finale mit den Höllenkreaturen hab ich vor Vergnügen ein wenig gekichert – die Designs haben mir alle durchweg gefallen, die sehr kurze aber hyperbrutale Splatterabfahrt war eine Mordsgaudi für mich – ahh, endlich wieder ein hemmungsloses Gemetzel! Nur war’s das leider schon an persönlichen Highlights. Der Rest nervt unfassbar mit lauten, hektischen, leeren Dialogen, wilder und konfuser Inszenierung und mauen Effekten.

Lloronas Fluch

Wie oft wollen die Macher des „Conjuring“-Universums denn noch denselben Film mit denselben Jump Scares machen?

Men in Black: International

Ich glaube, diese Liste ist jetzt schon länger, als ich gedacht hätte, aber ich komme wohl ein wenig in Fahrt. So überflüssig, wie ein Sequel heutzutage nur sein kann – immerhin sorgt Kumail Nanjiani in seiner Sprechrolle für ein paar Schmunzler.

Der König der Löwen

Klar habe ich im Vorfeld Bilder und Trailer gesehen, aber trotzdem wollte ich mir das auch in voller Länge geben, um dann wirklich darüber urteilen zu können, ob dieser photorealistische Ansatz überhaupt funktioniert. Überraschung: Tut er nicht. Dieser Film ist der vielleicht schlimmste von allen, weil er ein völlig falsches Signal an alle Verantwortlichen aussendet, die sich durch den Erfolg ja nur darin bestätigt sehen werden, diese furchterregende, potthässliche wandelnde Leiche von einem Film auf die Menschheit losgelassen zu haben – die sogleich mit ihren Banknoten gewedelt hat. Ein Armutszeugnis auf allen Seiten.

Synonyms

Die internationale Kritik mag ihn. Ich nicht. Hässlich anzuschauender Film über ein asoziales Arschloch ohne weitere Charaktereigenschaften, Motivation und Entwicklung. Arthouse at ist worst.

Terminator: Dark Fate

Die filmgewordene Verschlimmbesserung eines ohnehin schon darbenden Franchises. Was viele vergessen: Tim Millers „Deadpool“ war schon mau inszeniert, dank ekligem, grauen Color Grading und einfallsloser Action. Der Film hatte einen guten Vorspann und Ryan Reynolds auf seiner Seite. Aber Miller hat es einfach nicht drauf und „Terminator: Dark Fate“ unterstreicht das erneut. Ein Werk, das mitunter das Vermächtnis der Marke der Lächerlichkeit preisgibt.

Halloween Haunt

Proletenhafte Machos und Tussis, die immerzu quasseln, das Handy zücken, was auch immer – ich hasse sie und möchte ihnen im Kino am liebsten die Schädel von hinten eintreten. Aber bei diesem Film hat es mir herzlich wenig ausgemacht. Hmmmmm.

Midway

Es gibt grandiose Kriegsfilme. Und spannende oder spaßige Videospiele mit Kriegsthematik. Aber ein Kriegsfilm, der aussieht wie ein Videospiel, weil die Effekte so mies sind? Nein. Einfach. Nein.

(„Cats“ habe ich übrigens noch nicht gesehen, als ich diesen Text verfasst habe.)

 

Bildnachweis: Disney Deutschland, Fox Deutschland

Film-Review: „Die Eiskönigin 2“

von Chris Buck und Jennifer Lee

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Prinzessinnen, Märchen und Magie, lustige wie niedliche Sidekicks, zahlreiche Ohrwürmer – die Disney-Formel hat sich über Jahrzehnte hinweg insbesondere im Animationsfilmsektor bewährt und erreichte 2013 mit „Die Eiskönigin“ kommerziell den bisherigen Höhepunkt: Kein animierter Spielfilm war je zuvor so erfolgreich und wenn man die bisweilen kontrovers diskutierte Einordnung der „König der Löwen“-Neuverfilmung in derselben Kategorie außer Acht lässt, dann steht der Rekord bis heute. Nun aber könnte er endlich wackeln, denn mit „Die Eiskönigin 2“ kommt jetzt die Fortsetzung in die Kinos. Ob es reichen wird für die neue Bestmarke? Das Publikum wird entscheiden – aber künstlerisch hätten es die Macher durchaus verdient.

Es herrscht Harmonie im Königreich Arendelle, das Elsa als friedliche Königin regiert. Sie und ihre Freunde verbringen eine schöne Zeit miteinander, wobei Kristoff den nächsten großen Schritt in seiner Beziehung mit Anna wagen möchte. Doch eines Tages hört Elsa eine unbekannte Stimme eine Melodie summen. Doch woher kommt sie und warum kann nur Elsa sie hören? Auf der Suche nach dem Ursprung landen sie und die anderen in einem magischen Wald, der ein großes Geheimnis über Elsas und Annas Vergangenheit birgt und das Schicksal von ganz Arendelle für immer verändern wird …

Es verwundert schon lange nicht mehr und soll an dieser Stelle nur fix abgehakt sein: Ja, „Die Eiskönigin 2“ sieht technisch einfach toll aus, Animationen auf dem neuesten Stand der Technik werden präsentiert, aber das erwartet man mittlerweile von einem Studio, das über entsprechend viel Geld besitzt, um von Film zu Film die Rechenpower permanent nach oben zu treiben.

Der Grund aber, weshalb man das neue Werk der zurückkehrenden Filmemacher Chris Buck und Jennifer Lee wirklich mit den Augen genießen kann und soll, ist die Inszenierung. Der erste Teil ist in der Hinsicht zwar routiniert und souverän, doch grade rein filmästhetisch bleibt wenig im Gedächtnis. Umso mehr fällt dem cinephilen Auge auf, dass nun in der Fortsetzung vereinzelt Bilder kreiert wurden, die ein echtes Gespür für tolle Bildgestaltung spüren lassen und sich so wohltuend vom Mainstream- und Blockbuster-Einerlei abheben.

Doch kaum einer wird den Film einzig der schicken Optik wegen schauen wollen – wie geht es mit den beliebten Figuren weiter? In „Die Eiskönigin 2“ werden einige zentrale Fragen des Vorgängers endlich beantwortet und es wird keine Zeit damit verschwendet, klarzumachen wohin die Reise geht. Woher hat Elsa nun ihre Kräfte? Und was war das Ziel ihrer Eltern? Fans können sich jedenfalls auf einige spannende Enthüllungen gefasst machen – und auf eine insgesamt trübere Stimmung: Gleich zu Beginn wird im Herbstlaub über das Älterwerden gesungen, ein feiner Hauch von Melancholie schwebt über der Szenerie.

Der Weg zu den großen Wendungen der Handlung geizt zudem konsequenterweise nicht mit dramatischen Momenten und Phasen, die dem Film einen insgesamt düstereren Anstrich verleihen, bei dem kein Auge trocken bleiben dürfte. Wenn sich Elsa, Anna und Olaf zwischendrin am Tiefpunkt befinden, dann ist das keine erzählerische, weil formel- und klischeehafte Behauptung, sondern es fühlt sich tatsächlich so an. Während der Vorgänger dramaturgisch durchaus gröber ablief, fühlt sich der Plot von „Die Eiskönigin 2“ runder an; diverse Szenen entfalten eine stärkere Wirkung, weil sie mehr ausgekostet werden.

In diesem Zusammenhang spielen auch die vielen Lieder wieder eine große Rolle. Neue Songs wurden komponiert, die erneut viel Ohrwurmpotenzial versprühen, wobei gleich einige als Konkurrenten zum Megahit „Let it go“ in Stellung gebracht wurden. Ob sie dem Ausnahmesong von damals das Wasser reichen können, muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Viel wichtiger für den Film ist jedoch, dass die Gesangseinlagen besser als zuvor konkret in die Handlung eingebettet wurden. Während der Musiknummern wird oftmals der Plot weiter vorangetrieben, womit die Geschichte von ihnen profitiert. Dadurch wirken die Lieder weniger vom Rest des Geschehens isoliert, sondern entfalten sogar noch bisweilen eine dramatischere Wirkung.

Natürlich ist nicht alles so finster, wie man jetzt denken könnte – es handelt sich immer noch um einen Disney-Familienfilm und der liefert auch zur Genüge Spaß und Niedlichkeiten ab, wie man es erwartet. Schneemann Olaf glänzt dabei wieder einmal als urkomischer Sidekick, hat die meisten Lacher auf seiner Seite und sorgt so für ein oft dringend benötigtes Gegengewicht zu den inhaltlichen Entwicklungen. Allerdings reicht er auch zur Genüge – dass sich in der Mitte des Films noch eine weitere „Witzfigur“ hinzugesellt, ist völlig unnötig. Die mag zwar sehr putzig sein und wird viele Fans finden, da sie aber nicht sehr viel Screentime erhält, ist sie ultimativ überflüssig und ganz offensichtlich das Ergebnis von kühlem Disney-Geschäftskalkül.

Als weiteren Makel muss man auch den Nebenhandlungsstrang um Kristoff und Anna nennen. Der hat nämlich mit der restlichen Handlung nichts zu tun und wird sogar über weite Strecken völlig ignoriert und dient lediglich dazu, Kristoff überhaupt eine erzählerische Daseinsberechtigung zu geben. Der Blondschopf wird an einem gewissen Zeitpunkt regelrecht aus dem Film gekegelt und darf erst wieder in Erscheinung treten, wenn er gebraucht wird. Zum Glück beschränkt sich dafür die Anwesenheit der Steintrolle auf nur eine kurze Szene, in der sie mal wieder für eine kurze Erklärung da sind, weil sie ja offenbar zu jederzeit über alles einfach so Bescheid wissen. Das sind allerdings alles in allem kleinere Mäkel, die den positiven Gesamteindruck kaum schmälern.

Fazit: Anna, Elsa und Co. sind zurück – und wie! „Die Eiskönigin 2“ bietet jede Menge tolle Unterhaltung für die ganze Familie und erzählt dabei eine sogar spannendere Geschichte als vorher.

8/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „The Irishman“

von Martin Scorsese

mit Joe Pesci, Robert De Niro, Al Pacino

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Wer wünscht sich als Cinephiler denn nicht, diesen oder jenen Klassiker im Kino gesehen zu haben, als er damals ganz neu herauskam? Egal ob zum Beispiel „Vom Winde verweht“, „Der Weiße Hai“ oder, noch vergleichweise jung, „Schindlers Liste“? In Zeiten von Blu-rays in 4K-Auflösung und Streamingdiensten mag es eher ungewöhnlich erscheinen, wenn man einen Meilenstein der Filmgeschichte überhaupt noch nicht gesehen hat. Aber das erstmalige Erlebnis auf der großen Leinwand, wenn das entsprechende Werk ganz frisch ist – das ist für unsereins doch wie ein winzig kleines Stück Weltgeschichte, dem man quasi „live“ beiwohnen darf. Umso privilegierter sollte man sich fühlen, wenn man denn tatsächlich einen solchen Film zum genau richtigen Zeitpunkt so sehen konnte, wie es vom Macher intendiert war. Dieses Privileg bekommen Kinogänger dieser Tage für kurze Zeit mit „The Irishman“, dem neuen Film von Martin Scorsese.

Der hat in der jüngeren Vergangenheit vor allem mit Leonardo DiCaprio für Aufsehen gesorgt, mit Beiträgen wie „The Aviator“, „The Departed“ oder „The Wolf of Wall Street“. Unvergessen bleiben aber auch seine Verdienste im Gangsterfilmgenre mit unter anderem „GoodFellas“ oder „Casino“. Überhaupt: Denkt man an die italienische Mafia im Film, fallen einem ohnehin nur Scorseses Meilensteine und Francis Ford Coppolas „Der Pate“-Trilogie auf Anhieb ein – so monumental thront deren Schaffen über dem Rest. Mit „The Irishman“ kehrt Scorsese zurück zu den Mobstern, denen er erneut ein filmisches Denkmal geschaffen hat, das aber trotz jeder Menge Witz und Coolness auch überraschend melancholisch reflektiert daherkommt.

Für Frank Sheeran (Robert De Niro) ist die Zeit zum großen Rückblick gekommen. In einem Altenheim sitzend sinniert er über sein Leben nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere über seine enge Verbindung zur italienischen Mafia. Insbesondere zu Russell Bufalino (Joe Pesci) pflegte Frank eine langjährige Freundschaft wie Geschäftsbeziehung, die ihm nicht nur jede Menge Geld und ein gutes Leben sicherte, sondern ihm auch den Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) vorstellte. Schon bald begann Frank auch für ihn zu arbeiten. Doch dann begann Hoffa Dinge zu tun und zu sagen, die Bufalino und der Mafia ein Dorn im Auge waren. Frank, beiden Parteien loyal ergeben, stand auf einmal zwischen den Fronten …

Mit Joe Pesci drehte Scorsese vor „The Irishman“ schon mehrmals, spielte er doch in Klassikern wie „Wie ein wilder Stier“, „GoodFellas“ und „Casino“ mit. Für „GoodFellas“ gewann er sogar den Oscar als Bester Nebendarsteller und nun ist er für den Regisseur aus seinem Ruhestand zurückgekehrt – abgesehen von einer Sprechrolle und einem Werbespot war Pesci seit 2010 nicht mehr als Schauspieler aktiv. In früheren Rollen bei Scorsese trat er gerne mal als tödlicher Choleriker auf, doch der Zorn ist einem insgesamt in sich ruhenden, nuancierten, aber unterschwellig bedrohlichen Spiel gewichen, das perfekt zum alternden Gangster in diesem Epos passt.

An seiner Seite ist nach langer Zeit auch Robert De Niro wieder in einem Scorsese-Film zu sehen. Bevor der Filmemacher DiCaprio als neue Muse für sich entdeckte, bekleidete der Edelmime diese Rolle. Gemeinsam drehten sie neben den bereits genannten Titeln unter anderem auch „Hexenkessel“, „Taxi Driver“ oder „Kap der Angst“ und schrieben so Filmgeschichte als eines der ohne jeden Zweifel besten Regie-Schauspieler-Duos überhaupt. Seit einigen Jahren wurden aber kritische Stimmen immer lauter, die sich besonders an De Niros zweifelhafter Rollenwahl ausließen – echte Qualität suchte man bei den vielen Komödien, durchschnittlichen Actionthrillern und sogar einigen Direct-to-DVD-Beiträgen vergeblich. Doch mit „The Irishman“ liefert er seine beste Darbietung seit langer Zeit ab. Trotz der vielen, zum Teil grandiosen anderen Darsteller ist das am Ende doch ganz alleine Franks Geschichte und damit auch De Niros Film, den er meisterlich auf seinen Schultern trägt. Dabei darf er ein breites Spektrum an Emotionen spielen und brilliert besonders im Schlussakt mit einem komplexen und äußerst einfühlsamen Spiel aus Selbstreflexion, Trauer und Reue.

Abgerundet wird das Hauptdarstellertrio von Al Pacino, der als Michael Corleone in den „Pate“-Filmen oder als Tony Montana in „Scarface“ ebenfalls schon vor langer Zeit zur Genre-Koryphäe geworden ist und erstaunlicherweise bislang noch nie mit Scorsese zusammengearbeitet hat, wenn man bedenkt, dass beide große Erfolge mit Gangsterstoffen feiern konnten. Nun gibt er bei „The Irishman“ sein Debüt im Œu­v­re des Meisters und legt besonders zu Beginn seiner Leinwandzeit mit Wutausbrüchen und flammenden Reden richtig los – ganz so wie man ihn kennt. Beeindruckend ist er aber besonders dann, wenn er kontrollierter auftritt und seine schiere, respekteinflößende Leinwandpräsenz für sich arbeiten lässt.

„The Irishman“ wird von diesen drei Schauspielschwergewichten mühelos getragen, aber auch das übrige Ensemble ist exquisit besetzt, mit kurzen Auftritten von Leuten wie Harvey Keitel, Bobby Cannavale, Ray Romano oder Anna Paquin.

Das richtige Talent konnte Scorsese vor der Kamera versammeln, aber es war an ihm, dieses auch gekonnt durch die Geschichte zu führen, die wahrlich epische Ausmaße annimmt: Über mehrere Jahrzehnte erstreckt sich die Handlung, mit mal mehr mal weniger ersichtlichen Zeitsprüngen. Stolze 210 Minuten dauert „The Irishman“ – dreieinhalb Stunden, vor denen man besser kaum bis nichts trinken und unbedingt aufs Klo gehen sollte. Kurioserweise findet sich im Film selbst ein kurzer Monolog genau zum Thema Harndrang zum falschen Zeitpunkt, als ob Drehbuchautor Steven Zaillian schon wusste, wie umfangreich sein Skript werden würde.

Wer aber durchhält, wird durch eine brillant inszenierte Erzählung geschickt, die auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei werden sogleich Erinnerungen an frühere Meisterwerke Scorseses wach: Längere Tracking-Shots und ein gefühlt butterweicher Schnitt, dazu zwielichtige Gestalten, die auf recht amüsante Art Kriminelles aushandeln, ein insgesamt flottes Tempo – langweilig wird einem nicht und das Geschehen unterhält insgesamt so gut, dass sich die immense Laufzeit deutlich kürzer anfühlt. Dabei wähnt man sich schon in einem neuen „GoodFellas“ und nostalgisch wird es deshalb nicht nur wegen der im Film dargestellten Epoche.

Über weite Strecken wirkt „The Irishman“ so, als hätte sich Scorsese einfach auf alte Stärken berufen und wieder das gemacht, was er so gut kann wie kein zweiter. Das alleine rechtfertigt die investierte Zeit. Die Handlung beleuchtet dabei aber nicht nur den Werdegang Franks als Gangster, sondern verortet das organisierte Verbrechen mitten im Herzen der modernen US-amerikanischen Geschichte – inklusive der Ermordung Kennedys.

Mit „The Irishman“ entfernt sich Martin Scorsese jedoch von der coolen Glorifizierung der Mafia, wie sie zuvor noch vorkam. Stattdessen wirft er einen kritischen und dann auch bitteren Blick auf das Leben als Vollzeitgangster. Da ist zum Beispiel Franks Tochter Peggy (Anna Paquin), die von klein auf ihren Vater und Russell genauestens und skeptisch beäugt, was sich auch im Erwachsenenalter fortsetzt. Viel Zeit bekommt sie nicht zugesprochen, aber die zählt und ihre stechenden Blicke fallen ein ums andere Mal deutlich auf. Blicke, die selbst gestandene Mobster vor Herausforderungen stellen – und symbolisch für eine Gesellschaft stehen, die dem Treiben zusieht, es aber nicht aufhalten kann, während die Unterwelt wiederum um ihre Akzeptanz wirbt, sie regelrecht erkaufen möchte.

Anders als zuvor erzählt Scorsese die Leben seiner Protagonisten dieses Mal auch wirklich zu Ende und sieht von ausufernden Gewaltorgien ab. Klar, die ein oder andere Erschießung oder Erdrosselung darf insgesamt nicht fehlen, aber den wirklich spektakulären Abgang dürfen die Hauptfiguren nicht machen. Nachdem alle Macht gehortet und jeder Geldschein gezählt wurde und das Gesetz doch noch durchgegriffen hat, bleibt nichts mehr vom alten Glanz übrig. Stattdessen bleiben nur unbeantwortete Fragen, warum und wie man denn sein eigenes Leben so dermaßen verwirken konnte, dass sich die eigene Familie abwendet und man deshalb seinen Lebensabend in Einsamkeit fristen muss. An diesem Punkt entwickelt sich „The Irishman“ im letzten Abschnitt zu einem zutiefst berührenden wie bitteren Porträt über das Älterwerden und die Bewertung des eigenen Lebens. Ein konsequentes und stilles Ende einer lauten Existenz, das zum Schluss noch einmal die erzählerische Breite dieses Werks unterstreicht, mit dem sich alle Beteiligten, aber insbesondere Scorsese, Pacino, De Niro und Pesci eindrucksvoll zurückmelden.

Fazit: „The Irishman“ ist ein Meisterwerk und – Netflix hin oder her – ganz, ganz großes Kino.

9/10

 

Bildnachweis: Netflix

Film-Review: „Der Leuchtturm“

von Robert Eggers
mit Robert Pattinson, Willem Dafoe

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Es ist ein beliebtes und immer wiederkehrendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn man auf einer einsamen Insel stranden würde? Welche Gegenstände hätte man gerne bei sich und vor allem, welchen Menschen möchte man an seiner Seite haben? So manch einer wird da länger überlegen müssen als andere, aber nicht so Robert Pattinson und Willem Dafoe in „Der Leuchtturm“. Die beiden Mimen haben überhaupt keine Wahl und treten gemeinsam den beschwerlichen Leuchtturm-Wachdienst an, der sie wochenlang aneinanderschweißen wird. So wirklich kennen sie sich noch nicht, aber schon bald werden sie es ein wenig zu sehr tun. Rosige Aussichten, aber mit sehr viel mehr Dornen als Blüten.

Das wird wahrlich kein Zuckerschlecken, weder für die Protagonisten noch für die Kinogänger. Immerhin sieht der zweite Langfilm von Robert Eggers einfach betörend aus: Sein Stammkameramann Jarin Blaschke goss den „Leuchtturm“ in schaurig-schöne, schwarz-weiße Gemälde, die immens zur unwirtlichen wie oft auch unwirklichen Atmosphäre beitragen und im Kinojahr 2019 ihresgleichen suchen. Dazu kommt eine unheimliche Geräuschkulisse, auf der sich besonders ein lautes, regelmäßig einsetzendes Nebelhorn hervortut. Zusammen erzeugen die audiovisuellen Elemente ein beklemmendes Gefühl an einem alptraumhaften Ort, irgendwo am Ende von Raum und Zeit.

Dort sitzen also Pattinson (er war nie besser!) und Dafoe (gewohnt meisterlich) als Ephraim Winslow und Thomas Wake fest und hocken aufeinander herum. Das fast schon kammperspielartige Werk konzentriert sich voll und ganz auf die beiden Hauptdarsteller, aber nun gut, ist ja sonst niemand da auf diesem nassen Fleckchen Erde. Schnell wird klar, dass Wake als älterer und erfahrener der beiden auch das Sagen hat und Winslow alsbald nicht nur Befehle erteilt, sondern regelrecht schikaniert. Dabei prallen auch ihre grundverschiedenen Charaktere aufeinander: Der laute und forsche Wake möchte sich zum Abendessen immer besaufen, der junge Winslow hingegen wirkt zunächst schüchtern und stößt nur widerwillig an.

Doch je mehr Zeit vergeht, desto intensiver werden die Interaktionen zwischen beiden. Wo anfänglich Wake das eindeutige Alphamännchen darstellt, nimmt Winslows Selbstvertrauen immer mehr zu – damit ist das Ticket eingelöst für einen langsamen, unaufhaltsamen Abstieg in den Wahnsinn, bei dem die Dynamik zwischen beiden Männern ein ums andere Mal auf den Kopf gestellt wird. Ein immer lauter werdendes, mal verbal und dann öfter auch körperlich ausgetragenes Gerangel um Macht und Autorität entfaltet sich, mit gelegentlichen Pausen volltrunkener und tragischerweise nur vorübergehender Verbrüderung und ja – auch der ein oder andere Furz darf nicht fehlen, wie bei echten Männern halt. Je stürmischer das Wetter, desto ungehaltener werden Wake und Winslow, beschimpfen und brüllen sich an, um dann wieder im Suff im Kreis umherzutanzen als gäbe es keinen Morgen.

Dabei wird Winslow zwischendrin auch von verstörenden Vorkommnissen und Visionen geplagt, deren Bedeutungen sich zunächst nicht vollends erschließen mögen. Doch etwas liegt im Argen, tief in ihm drinnen. Und während sich er und Wake auf einer Abwärtsspirale befinden, schaukeln sich zugleich urtypische männliche Manierismen hoch, als würden sie die bevorstehende Katastrophe bedingen und dann noch zusätzlich befeuern. Höchst ästhetisch in Szene gesetzt werden die Figuren immer primitiver, fallen in urtümliche Instinkte und Triebe zurück und kämpfen letztendlich um das Recht auf ein flüchtiges Glück. Nur um dieses zu behalten oder zu erlangen, dafür sind sie bereit sich gegenseitig zu zerfleischen; ein Streben nach dem Licht, das einen aber sogleich wieder zurückstößt und das eigene auszuknipsen vermag. Wer sich aufrappelt, kann ja das Spiel von neuem beginnen.

Gewalt und Geilheit – willkommen im ewigen Fegefeuer der eigenen Männlichkeit. Als Ausweg bleibt da nur der Tod. Den Möwen läuft schon das Wasser in ihren Schnäbeln zusammen.

9/10

 

Bildnachweis: Universal Germany

Film-Review: „Terminator: Dark Fate“

von Tim Miller

mit Arnold Schwarzenegger, Linda Hamilton, Mackenzie Davis, Gabriel Luna

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Ich komme wieder!“ Dieser Satz rangiert in der Liste der berühmtesten Filmzitate vermutlich irgendwo zwischen „Ich mache ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können“ und „Wir brauchen ein größeres Boot“ und ganz sicher noch vor „Hasta la vista, Baby!“ Gesprochen hat ihn Arnold Schwarzenegger 1984 als Cyberdyne Systems Modell 101 in James Camerons Überklassiker „Terminator“ – und der Rest ist bekanntlich Geschichte. Naja, „Rest“. Während „Terminator 2“ ebenfalls noch Filmgeschichte schrieb, hüllt man heutzutage über die drei nachfolgenden Filme im Franchise gerne mal den Mantel des Schweigens. Also warum sie nicht gleich ignorieren und es einfach besser machen? Es ist schwer, Regisseur Tim Miller und Produzent James Cameron eine gewisse Hybris abzusprechen, aber nun denn, sie haben halt mit „Terminator: Dark Fate“ den neuen offiziellen dritten Teil gemacht. Und mein Gott, wären sie, Linda Hamilton und Arnie ja nie wiedergekommen.

Dabei fängt alles recht vielversprechend an: Der Film öffnet mit einigen Aufnahmen aus „T2“, die Linda Hamilton anno 1991 zeigen. Wenig später wird auf eine grandiose Einstellung geschnitten, vielleicht eine der tollsten, die man im Kinojahr 2019 zu Beginn eines US-Blockbusters sehen konnte, wenn die Kamera Sand an einem Strand in einer Großaufnahme zeigt und dabei einfängt, wie das Wasser immer wieder drüber gespült wird. Nach und nach legt es einen Totenschädel frei, bevor die Kamera langsam hochfährt und ohne Schnitt den D-Day der Zukunft offenbart – großes Kino. Auf diesem inszenatorischen Level wäre „Dark Fate“ wohl ein Meisterwerk geworden, doch die Ernüchterung in Form der trendigen digitalen Verjüngungskur und einem haarsträubenden Logikloch folgt sogleich. Immerhin ist Arnie mit Knarre und Sonnenbrille zu sehen, also der Fanservice geht gleich von Anfang an in die Vollen.

In der Tat, wer „Terminator 2“ liebte, wird beim sechsten Film der Reihe durchaus auf seine Kosten kommen, zumindest oberflächlich: Arnie ist natürlich wieder da und dieses Mal schaut eben auch Linda Hamilton als Sarah Connor vorbei. Es gibt zahlreiche filmische Anspielungen und Zitate auf den legendären Vorgänger und Gabriel Luna gibt als Bösewicht alles als Robert-Patrick-Imitation. Sein Rev-9 ist der neueste heiße Scheiß im Zeitreiseroboter-Katalog und kann sich sogar in zwei Mördermaschinen aufteilen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, wieder nur eine weitere Variante des T-1000 zu sehen – und eigentlich wünscht man sich die furchtbar kalten Augen von Patrick direkt zurück.

Die Actionsequenzen sind nur solide inszeniert und rufen jede Menge Erinnerungen hervor: Lastwagen- und Helikopterverfolgungen, eine Flüssigmetallblechbüchse, die an einem Wagen hängend über die Straße geschliffen wird und so weiter. Hat man alles schon mal gesehen, nur übersichtlicher. Dafür gibt es noch mehr CGI-durchtränkte Momente, in denen die Figuren wilde und / oder luftige Manöver durchführen, als hätten sie das Marvel-Superhelden-Upgrade installiert bekommen. Das wird offenbar seitens der Macher als Intensivierung der Action angesehen, ist aber ultimativ nur typisch langweiliges, einfallsloses Geplänkel der Gegenwart. Von der im Vorfeld angepriesenen Härte fehlt auch jede Spur, zumal dann doch zumeist Metall gegen Metall kämpft. Die Sequenz in einem abstürzenden Flugzeug bei dadurch vorhandener Schwerelosigkeit ist aber definitiv ein positives Highlight des Films, das wiederum die übrigen Versäumnisse umso schmerzhafter aussehen lässt.

Erzählerisch muss man anerkennend betonen, dass sich das Action-Spektakel besonders in der ersten Hälfte durchaus jede Menge Zeit für ruhige und kontemplative Momente nimmt, um die Figuren vorzustellen. Das ist durchaus im Geiste von „Terminator 2“, der in der Hinsicht reich an Themen und Überlegungen ist und spürbar viel Liebe für die Figuren offenbart, die während ihrer Reise bedeutsame Beziehungen miteinander eingehen. In „Dark Fate“ wird dieser Versuch ebenfalls unternommen, doch das Vorhaben scheitert tragisch. John Connor ist in „T2“ so sehr Outlaw, wie ein Teenager es nur sein kann, mit einer scheinbar verrückten Mutter, ohne Vater und bei Pflegeeltern lebend. Im T-800 findet er mit der Zeit einen Freund und letztendlich auch so etwas wie einen Ersatzvater, während Sarah Connor in ihm alsbald einen respektablen Mitstreiter sieht.

In „Dark Fate“ sind über weite Strecken wieder drei verschiedene Personen auf der Flucht – wie zuvor ein junges Zielobjekt, Schutz und wieder Sarah. Ganz der modernen Zeit entsprechend (so manch böse Zunge möchte sicher an dieser Stelle „anbiedernd“ sagen), handelt es sich dieses Mal um drei Frauen, die aufeinander achtgeben. Statt Patchworkfamilie jetzt also das Matriarchat (oder doch eher das gleichgeschlechtliche Frauenpaar), denn „the future is female“, wie der Film in seinem sehr wenig subtilen Subtext in einem Schlüsselmoment regelrecht hinausposaunt. Schnell noch Teile der Handlung nach Mexiko verlegt, damit den Grenzstreit mit den USA und illegale Einwanderung abgegriffen und schon hat man einige beliebte politische Themen des Tages erfolgreich eingebaut. Sie allein machen den Film weder besser noch schlechter, aber sie werden vom Drehbuch im Stich gelassen, das keine klaren Anstalten macht, sie zur Genüge emotional zu füttern, weswegen sie am Ende doch nur wie faule Zugeständnisse an den Zeitgeist dastehen. Ob das alleine ausreicht? Das ist wohl eine andere Diskussion.

Diese Frauen gehen längst nicht so tiefe Beziehungen ein wie zuvor John und sein Beschützer, weshalb besonders am Ende die emotionale Glaubwürdigkeit verpufft. Die vielen Dialogszenen zuvor wirken vor diesem Hintergrund eher vergeudet und dienen ohnehin mehr der Exposition als der Etablierung der Figuren und der Bindung der Zuschauer an sie. Viel Mitgefühl für die Protagonisten ist also nicht gefordert, emotional fühlt sich das Werk damit ungleich leerer an als der zweite Teil.

Aber was ist mit Sarah Connor? Linda Hamiltons Rückkehr zur Filmreihe wird als einer der ganz großen Clous von „Dark Fate“ vermarktet und sicher auch zu Recht: Mit ihrer Darbietung in „T2“ ging sie in die Annalen der toughen und tollen Frauenfiguren der Filmgeschichte ein, die sich eine Nennung im selben Atemzug mit Sigourney Weavers Ellen Ripley aus dem „Alien“-Franchise verdient hat. Connors Entwicklung in den ersten beiden Filmen war beachtlich und doch glaubwürdig und auch mit Muckis und Knarren im Anschlag schienen stets Verletzlichkeit und Fürsorge für ihr Umfeld durch. Diese Sarah war hart aus purer Notwendigkeit und Verzweiflung und rang dabei mit ihrer eigenen Menschlichkeit.

Die neue Sarah wiederum ist beinahe eine Karikatur der abgebrühten Lady, die schon alles gesehen hat und jetzt von Tim Miller fast nur noch als coole, dauerfluchende Sau in Szene gesetzt wird. Statt einem echten, komplexen Charakter wirkt sie jetzt wie aus einem Baukasten für Actionfilmfiguren. Für Hamilton war es sicher ein Heidenspaß, sie wieder zu spielen, aber der Zuschauer und erst recht der Fan gewinnt kaum etwas. Zumal sie vom Skript eine hanebüchene Motivation erhält, die auch noch weiter Fragen zur inneren Logik des Films aufwerfen.

Apropos Logik: Da ist ja noch Arnie im Film, dessen pure Anwesenheit inhaltlich absolut lächerlich und sinnfrei ist und dessen Hintergrundgeschichte den Grenzen der (unfreiwillig?) komischen Selbstdemontage gefährlich nahekommt, sie vielleicht überschreitet. Seine Teilnahme wirkt eher wie eine traditions- und pflichtbewusste Dreingabe, aber immerhin ist die Altes-Ehepaar-Dynamik mit Hamilton moderat amüsant.

Fazit: „Terminator: Dark Fate“ ist ein sehr bemühter Film, aber am Ende nur „Terminator 2“ in sehr schlecht. Er komme nicht mehr wieder, sagt Arnie an einer Stelle sinngemäß – und man kann nur hoffen, dass das stimmt.

4/10

 

Bildnachweis: Fox Deutschland

Film-Review: „Joker“

von Todd Phillips

mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz

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„The Dark Knight“ von 2008 entwickelte sich zum Megahit, der ganz besonders von Heath Ledger als Batman-Widersacher Joker profitierte. Für seinen Film legte Regisseur Christopher Nolan die Figur als etwas „Absolutes“ an, ohne konkrete Herkunftsgeschichte. In gewisser Weise macht das den neuen Film „Joker“ von Todd Phillips zum Anti-„Dark Knight“. Auseinandersetzungen mit dem Helden im Fledermauskostüm gab es in den vergangenen Jahrzehnten zur Genüge in Film, Fernsehen und natürlich in den Comics zu sehen. Doch mit Hilfe von Joaquin Phoenix in Topform bekommt der Kultbösewicht eine eigene Origin-Story für die große Leinwand spendiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und Phoenix wird sicher in der kommenden Awards-Saison ein ganz großes Wörtchen mitzureden haben.

Auf den Straßen des Big Apple verdient sich ein Mann seine Brötchen, indem er als Clown verkleidet ein Werbeschild schwingt. Sein Name: Arthur Fleck. Arthur träumt davon, eines Tages als Komiker ganz groß rauszukommen, doch bis dahin muss er bei seiner Mutter leben und an seinem Material feilen. Doch das Leben, das vor seiner Haustür auf ihn wartet, schlägt ihn wortwörtlich mehr als nur einmal zu Boden. Eines Tages aber trifft Arthur eine verheerende Entscheidung, die ihn auf die Überholspur zum größten Kriminellen des ganzen Landes schickt …

Der „absolute“ Joker hat als Antithese zu Batman immer recht gut funktioniert, die nebulöse bis gar nicht vorhandene Vergangenheit betonte das Mysterium, das ihn umwehte. Ob die Verfilmung einer Ursprungsgeschichte überhaupt notwendig war, ist natürlich eine legitime Frage. Doch das Ergebnis ist insgesamt gut genug, um sein Dasein zu rechtfertigen. Zuschauer sollten aber nicht den Fehler begehen, im Kopf „Joker“ als Origin-Story auf alle anderen bestehenden wie noch nachfolgenden Iterationen anzuwenden – nicht nur würde man schnell zu Logikproblemen kommen, sondern man würde den jeweiligen Interpretationen der Figur nicht gerecht werden. Zum Beispiel würde man so Nolans Intention bei „The Dark Knight“ den Boden unter den Füßen wegziehen, die Wirkung würde im Nachhinein ganz anders sein. Folgerichtig ist der neue Film auch nicht im DCEU mit Titeln wie „Suicide Squad“ oder „Justice League“ verankert, sondern ein für sich stehendes Werk.

Der erzählerische Ansatz hat natürlich einen anderen Effekt auf die Wahrnehmung der Figur und auch auf ihr Gebaren. Ob im Kino oder in Serien, der Joker präsentierte sich stets als das vollkommen nach außen gerichtete, unkontrollierbare Chaos. Doch Regisseur Phillips, sein Co-Drehbuchautor Scott Silver und Hauptdarsteller Phoenix gehen den umgekehrten Weg des inneren Seelenkonfliktes. Das macht die sonst so überzeichnet wirkende Figur menschlich greifbar. Für den an sich netten Loser Arthur kann man wirklich Mitleid entwickeln, sein Abstieg in den Wahnsinn wirkt vor diesem Hintergrund besonders tragisch. Ungeachtet der offensichtlichen (und kritisierten) Parallelen zu „The King Of Comedy“ und „Taxi Driver“ von Martin Scorsese, funktioniert „Joker“ als eigenständiges Porträt eines einsamen Mannes, der durch äußere Einflussfaktoren in den Abgrund getrieben wird.

Mit der Entscheidung, diverse Merkmale auf konkrete Verletzungen und Traumata zurückzuführen, haben die Macher den Joker aber ein wenig zu sehr geerdet. Markenzeichen der meisten Darstellungen ist eine verrückte Lache, die den völlig durchdrehenden Verstand unterstreicht, doch in „Joker“ wird ein Vorfall aus Arthurs Kindheit als Erklärung herangezogen. Seitdem muss er unbeabsichtigt immer wieder Lachen, kontrollieren kann er es nicht. Das Symptom des Wahnsinns ist jetzt ein entmystifizierendes, körperliches Problem, das im seltsamen Kontrast zur restlichen Entwicklung steht und das ein paar Mal zu oft wiederholt wird, dass es durchaus das Potenzial zum Nerven entwickelt – gewollt oder ungewollt.

Ganz ohne Batman bzw. Bruce Wayne kommt zudem auch „Joker“ nicht aus: Dass die Figur zwangsläufig in derselben Welt lebt wie der Superheld, ist zwar selbstverständlich. Die konkreten Bezüge, die auf den späteren Verbrechensbekämpfer von Gotham City genommen werden, überraschen aber doch in ihrer Vielzahl und Ausführlichkeit. Dabei wird unter anderem auch ein Aspekt seiner Origin-Story zum x-ten Mal durchgekaut – dieses Mal wird sie als konkrete Folge von Jokers Handeln interpretiert.

Es wirkt ein wenig so, als wollte sich Warner dadurch die Option offenhalten, aus „Joker“ ein eigenes filmisches Universum zu machen. Erzählerisch würde der Film aber nicht drunter leiden, wenn sich die Verweise auf Bruce auf ein Minimum beschränken würden oder gar nicht erst vorhanden wären – schließlich soll es immer noch in erster Linie um den Joker gehen. Inhaltlich wirkt die Präsenz der Wayne-Familie sogar eher wie eine unnötige Abzweigung, die am Ende des Tages eher Fantheorien befeuert, als dem Film an sich wirklich dienlich zu sein.

Wenngleich sich einige erzählerische Stolpersteine in „Joker“ finden lassen, so werden sie doch von der ersten Sekunde an von Joaquin Phoenix überstrahlt. Der Edelmime überrascht zunächst mit einer physischen Transformation, die glatt Christian Bales Handbuch für Schauspieler-Radikal-Diäten entsprungen sein könnte. Nachdem er noch 2017 in „A Beautiful Day“ als traumatisierter Veteran einschüchternde körperliche Präsenz mit Masse und breitem Kreuz an den Tag legte, ist sein Anblick jetzt richtig schockierend: Beinahe nur noch aus Haut und Knochen bestehend läuft er durch jede Szene und in manchen Momenten wirkt seine Statur richtig gruselig, wenn sich zum Beispiel jeder einzelne Rückenwirbel durch die dünne Haut abzeichnet.

Doch Phoenix‘ Darbietung geht weit über seine reine Erscheinung mit oder ohne Clownsschminke im Gesicht hinaus. Wenn er wieder unkontrolliert lacht, sprechen seine gequälten Augen Bände und lassen tief in die gebeutelte Seele von Arthur Fleck blicken. Und der in ihm aufkeimende und letztendlich eskalierende Zorn ist auch deshalb so tragisch, weil Phoenix seine Figur nie als Bösewicht spielt, sondern als Opfer der ihn umgebenden Umstände. Das macht den ganz großen Reiz seiner Interpretation auch aus: So abscheulich seine Taten werden, möchte man ihm mit größtem Mitgefühl begegnen. Zumindest darstellerisch ist jedweder Hype gerechtfertigt und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Phoenix nicht zumindest die ein oder andere Auszeichnung erhält.

Geadelt wird „Joker“ noch von einer stilsicheren Inszenierung der schmutzigen Straßen Gothams, die Chef-Kameramann Lawrence Sher in gekonnten Totalen und Halbtotalen einfängt und die er in atmosphärisches und mitunter unwirklich anmutendes Licht eintaucht. Dazu ertönen die unheilvollen Klänge von Hildur Guðnadóttirs Partitur. Die Isländerin und ehemalige Kollaborateurin vom mittlerweile verstorbenen Jóhann Jóhannsson schrieb einen insgesamt sehr stimmungsvollen Score, der allerdings beizeiten zu dick weil zu laut aufträgt – weniger wäre durchaus mehr gewesen.

Fazit: Trotz kleiner Schwächen hat der „Joker“ das letzte Lachen in diesem stark gespielten und sehenswerten Abstieg ins Chaos.

7/10

 

Bildnachweis: Warner