Film-Review: „Once Upon A Time…In Hollywood“

von Quentin Tarantino

mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie

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Die analoge Filmprojektion ist so gut wie ausgestorben und wird heute als Wunschtraumerfüllung für Cinephile verkauft, Jahr für Jahr werden die Prognosen für die großen Leinwände dieser Welt immer pessimistischer und inhaltlich ist ohnehin nur noch relevant, was im Titel beziffert werden kann, während Netflix und Co. das Publikum mit dem Komfort der omnipräsenten Verfügbarkeit fesseln. Wie schön war es doch damals, als durch die Projektoren noch echtes Filmmaterial ratterte und Stars allein den Kauf des Tickets rechtfertigten. Doch diese Zeiten sind vorbei und es gibt nur noch wenig, was an alte Glanzzeiten erinnert und nur Wenige, die daran erinnern. Wie zum Beispiel Quentin Tarantino, der das Kino braucht wie das Kino auch ihn.

Seit „Reservoir Dogs“ von 1992 ist der US-Amerikaner eine fixe Größe in der Traumfabrik, den mehr denn je ein Kult umgibt, der dafür sorgt, dass er stets der wahre Superstar seiner Filme ist, ganz gleich wer dafür vor der Kamera stand. Und seine Liebe für Film und Kino ist nicht zu übersehen, denn darauf baut seit jeher seine Ästhetik auf: Clevere wie zahlreiche Zitate finden sich in seinen Werken, seien sie handwerklich-formaler oder auch inhaltlicher Natur. Ein Tarantino ist wie ein guter HipHop-Song – ein frisch erschaffenes Kunstwerk auf Basis von nostalgischen Samples, die er gekonnt und mir einer eigenen Vision zusammensetzt und denen er mitunter in ihrer finalen Form, so zum Beispiel bei „The Hateful 8“, eine edle 70mm-Projektion in ausgewählten (aber ehrlicherweise eher technisch überhaupt dazu fähigen) Kinos spendiert. Das Lichtspielhaus mag er zu zelebrieren, entweder so oder auch schick in Szene gesetzt wie in „Inglourious Basterds“, wo das Filmtheater im Zentrum des großen Showdowns steht. Die Beziehung zwischen dem Regisseur und der Vorführstätte seines Vertrauens wirkt geradezu symbiotisch – nur dort kommen seine Filme voll zur Geltung, das stellt er auch selbst sicher, und die Leinwände dieser Welt bieten ihm den im doppelten Wortsinn passenden Rahmen, während auch seine Fans schon lange wissen, dass es nur so und nicht anders geht und deshalb brav in die Säle strömen. Dass Tarantino eines Tages vom Zitieren zur Erzählung über das Filmemachen selbst wechselt, erscheint da wie der nächste logische Schritt, den er nun mit „Once Upon a Time…in Hollywood“ gegangen ist.

Darin geht es also um diesen sagenumwobenen Ort und die Menschen, die ihn bevölkern, angezogen von Träumen auf Zelluloid gebannt und stets auf dem Weg, den eigenen oder gar schon den nächsten zu verwirklichen. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ist so einer, sein Stuntman und Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt) ebenso. Gemeinsam feierten sie einst große Erfolge im Fernsehen mit Western, doch das Glück scheint ihnen abhandengekommen zu sein. Die Alternative lautet Italien, doch Dalton zögert und will sein Schicksal nicht ganz akzeptieren. Während Cliff eines Tages die falsche Tramperin mitnimmt, will es der einstige Held mit dem Dreh eines Serienpiloten noch einmal wissen und hofft, doch noch der Schublade des Fieslings zu entsteigen, in die er gepresst wird. Es ist das Jahr 1969 und neben Dalton wohnen nicht ganz unwichtig die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie) und der Regisseur Roman Polanski (Rafal Zawierucha) …

Röchelnd, rauchend und rotzend, sogar manchmal stotternd stapft besonders in der ersten Hälfte DiCaprio durch seine Szenen, als wäre er direkt vom Set zu „The Revenant“ ans nächste gestolpert. Der Megastar ist ein Event auf zwei Beinen und liefert als abgehalfterter Schauspieler einmal mehr eine formidable Darbietung zwischen herrlicher Tragikomik und der echten Verzweiflung des gekränkten, weil erfolglosen Talents. Ganz anders Pitt: Sein Cliff Booth ist ein selbstsicherer Mann, der gerne die Fäuste für sich sprechen lässt. Doch obwohl er, so zeigt sich bisweilen, immer kurz vorm Ausbruch steht, weiß er das unter einer Extraportion Coolness zu kaschieren – Brad Pitts Coolness wohlgemerkt, denn selten war jemand so mühelos lässig und doch für sich einnehmend wie er. Die Armada an prominenten Nebendarstellern, die mitunter nur kurz durchs Bild huschen, verkommt neben den beiden Hauptdarstellern beinahe zum selbstzweckhaften Gesichterraten für aufmerksame Filmfreunde.

Die bekommen wieder einmal eine ganze Menge geboten von Tarantino, denn selbstverständlich gibt es zahlreiche Querverweise auf die Popkultur und Filmwelt der abgebildeten Zeit. Doch wo sich die Einflüsse sonst in den Dienst seiner eigenen Ideen stellen und mit ihnen verschmelzen, verkommen sie durch seinen Blick in „Once Upon a Time…in Hollywood“ zur reinen Nostalgie-Romantik. Da dürfen natürlich nicht die analogen Spielsachen von damals fehlen, wie Plattenspieler oder portable Tonbandgeräte, augenzwinkernde, nachgestellte Interviews und Werbespots in schwarz-weiß gibt es auch und zu einem wie immer erlesenen Soundtrack wird viel durch ein beeindruckend zum Leben erwecktes Los Angeles von damals gefahren. Das ist alles schön und gut, wie bereits angeklungen phänomenal gespielt und wirklich toll inszeniert – sein Handwerk beherrscht Tarantino ohne jeden Zweifel. Langsame wie lange Kamerafahrten enthüllen Stück für Stück die Szenerie und nur unter der Führung eines Meisters wie ihm kann sich eine so mondäne Tätigkeit wie die Fütterung eines Hundes durch gewitzten Schnitt zu einem unterhaltsamen Dialog entwickeln. Beizeiten gibt es auch grandiose Szenen und Sequenzen: Das Gespräch zwischen DiCaprios Dalton und der kleinen, von Julia Butters gespielten Trudi wirkt zunächst herrlich komisch und offenbart doch rührende Seiten in beiden von ihnen. Cliffs Ausflug zu einer alten Westernkulisse wiederum ist eine Glanzleistung in punkto Spannungsaufbau.

Und trotzdem stellt sich die Frage, was das alles soll. In Zeiten von 80er- und 90er-Nostalgiehysterie, die durch Filme und Serien wie „Mid90s“ oder „Stranger Things“ befeuert wird, mutet Tarantinos neuester Streich überraschend risikofrei an; man könnte sicher genau diesen Umstand als größte Überraschung auslegen. Doch so sehr die Liebe für das Filmemachen aus jeder Pore von „Once Upon a Time“ auch triefen mag, das Gefühl will nicht verschwinden, dass das auch schon alles ist im Großen und Ganzen. Doch Hollywood war schon unzählige Male Gegenstand von Kinofilmen – mal lustig, musikalisch, satirisch, kritisch. Und was Tarantino einzig dazu beizutragen hat, ist sein guter Name, so scheint es.

In der Light-Version übrigens: Die Zitate von früher waren stets Gegenstand einer eigenständigen, mitunter blutigen Geschichte, darüber drückte olle Quentin ja seine Filmliebe unter anderem aus. Nun also ein Film übers Filmen und sonst kaum etwas außer gewohnt coolen Typen und Gastauftritten von Stammschauspielern des Machers wie Michael Madsen oder Zoe Bell. „Once Upon a Time“ drückt aus, was Tarantino schon immer ausgedrückt hat, erzählt aber keine wirklich spannende, da recht ereignislose Geschichte und wirkt daher redundant im hochwertigen Œuvre. Mittendrin spaziert und tanzt Margot Robbie dann noch durch die Gegend als wandelnde falsche Fährte und auch wenn zumindest das Finale nach zweieinhalb Stunden den Blutdruck ein wenig erhöht, so stell dies nur einen müden letzten Versuch dar, das Publikum doch noch zu überraschen – ob das überhaupt wirklich gelingt oder ob der Effekt verpufft, weil Sharon Tate vielleicht doch nicht so geläufig ist beim großen Publikum, ist durchaus möglich.

Fazit: Komisch, toll gespielt und handwerklich wie immer versiert- und trotzdem ist „Once Upon a Time in Hollywood“ nicht viel mehr als ein Playback von Quentin Tarantino. Unterhaltsam und doch enttäuschend.

6/10

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Film-Review: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“

von Josh Cooley

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Bei Fortsetzungen dürften sich immer und immer wieder dieselben Fragen einstellen: Muss das denn sein? Ist das nötig? Macht das überhaupt Sinn? Die Kuh wird doch eh nur gemolken! Alles des Geldes wegen! Auch wenn die Filmgeschichte schon etliche Male bewiesen hat, dass Sequels künstlerisch ein Segen sein können, halten sich Vorurteile und Skepsis noch immer hartnäckig. Man kann es den Nörglern auch nicht verübeln, denn sicher gibt es für jede gute Fortführung zahllose schlechte Beispiele. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass man bei Disney-Pixar einen vierten „Toy Story“-Film produzieren möchte, durfte man jedenfalls stutzig werden. Ob das so eine gute Idee war?

Die Frage war sicherlich zunächst nicht ganz so einfach zu beantworten. Schließlich hat sich die Kreativschmiede im Animationsfilmsektor vor allem durch die konstant hohe Qualität seiner Werke ausgezeichnet – faule Eier wie die „Cars“-Reihe mal ausgenommen. Und wenn ein Studio eine gute Fortsetzung hinbekommt, dann auf jeden Fall Pixar, die besonders mit dem zweiten und dritten „Toy Story“-Film bewiesen haben, wie es richtig gemacht wird. Trotzdem blieb ein fader Beigeschmack, denn „Toy Story 3“ avancierte 2010 zum ersten Animationsfilm, der mehr als eine Milliarde US-Dollar weltweit einspielte – ein gigantischer Erfolg, der auch inhaltlich die Reihe zu einem perfekten Abschluss brachte. Die Saga schien beendet, also was sollte es denn überhaupt noch zu erzählen geben? Aber nach der Sichtung von „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ ist klar: Eine ganze Menge! Die anfängliche Skepsis weicht rasch einem wohligen Gefühl von Vertrautheit, der aufregenden Entdeckungen neuer Figuren und viel, sehr viel Gelächter.

Und darum geht es: Einst waren Woody, Buzz Lightyear und ihre Freunde die Spielsachen von Andy, aber mittlerweile gehören sie zu Bonnie. Das kleine Mädchen verfügt über eine grenzenlose Fantasie beim Spielen, doch leider lässt sie den alten Cowboy immer öfter im Schrank liegen. Macht aber nichts, denn für Woody zählt schlicht und ergreifend, dass Bonnie glücklich ist. Als sie aber eines Tages im Kindergarten aus einer Plastikgabel das neue Figürchen Forky bastelt, stellt das Woody vor eine ganz neue Herausforderung: Forky denkt nämlich, dass es seine Bestimmung ist, im Müll zu landen! Weil er aber Bonnies neuer Liebling ist, hat Woody auf einmal alle Plastikhände voll zu tun, Forky davon abzuhalten, in den nächsten Mülleimer zu hüpfen. Bei einem Trip im Wohnwagen passiert es und Forky entkommt und Woody macht sich alleine auf, den neuen Mitstreiter zurückzuholen. Auf ihrem Weg zurück landen sie in einem unheimlichen Antiquitätengeschäft, in dem die Puppe Gabby Gabby das Sagen hat und die Woody an den Kragen will. Doch ihre Reise hat auch etwas Gutes, denn das lange verschollen geglaubte Porzellinchen taucht wieder auf!

Möchte man sich einen kurzen Überblick über die Geschichte und technische Entwicklung der Computeranimationsfilme verschaffen, braucht man nur auf „Toy Story“ zu schauen: Der erste Teil von 1995 war seinerzeit der allererste vollständig am Computer produzierte Kinofilm und ist damit in die Geschichte eingegangen. Aus heutiger Sicht jedoch wirkt der Klassiker von damals ästhetisch gesehen einfach nur noch hässlich. Da erscheint es umso unglaublicher, wie sich die Reihe und zugleich ein ganzes Genre über die Jahre entwickelt haben und jetzt mit „Toy Story 4“ zu einem vorläufigen Höhepunkt kommen.

Die teure Rechenpower wurde jedenfalls gewinnbringend eingesetzt, denn der Film ist ein echter Hingucker und fährt gleich zu Beginn schwere, technische Geschütze auf: Eine Rettungsaktion im strömenden Regen zieht einen mit Action und Spannung sofort in den Bann, ebenso wie die beeindruckend real wirkenden Regentropfen, die auf den wirklichkeitsnah gestalteten Plastikoberflächen der lebendigen Spielsachen abperlen oder an ihnen herunterlaufen. Die Qualität und Detailfülle der Animation ist nicht mehr einfach nur noch als fotorealistisch zu bezeichnen – sie bekommt eine beinahe haptisch wirkende Erscheinung , denn es ist jetzt immer plausibler, dass Woody wirklich existiert und man ihn und seine Kameraden anfassen könnte.

Atemberaubende Technik will aber auch genutzt werden, um die Geschichte ansprechend in Szene zu setzen und auch in der Hinsicht punktet das Werk von Josh Cooley. Atmosphärische Bilder bei schlechtem Wetter, dynamische Kamerafahrten, die bei Actioneinlagen mitreißen und nicht verwirren, ein sich makellos anfühlender Schnitt – hier ist einfach exzellentes Filmemachen am Werk.

Die Oberfläche stimmt, aber wie sieht es darunter aus? Das Figurenensemble ist natürlich erneut die Hauptattraktion des Films. Das Wiedersehen mit den alten Bekannten wie Woody, Buzz, Jessie oder Slinky ist nach so langer Zeit schon ein Ereignis für sich und sie haben nichts von ihrem Charme und ihrer Chemie untereinander verloren und in der englischen Originalfassung fühlt man sich auch akustisch gleich wieder wie zu Hause, dank der Stimmen von so gestandenen Schauspielgrößen wie Tom Hanks, Tim Allen oder Annie Potts.

Zugleich gibt es eine ganze Reihe neue sprechende Spielsachen, die ihren Einstand in der Marke feiern, von denen man Forky besonders hervorheben muss: Als verwirrte Gabel bringt er den Plot erst so richtig in Gang, während allein seine improvisierte Erscheinungsform für permanentes Schmunzeln sorgt. Seine schiefe Mimik spiegelt perfekt seinen Geisteszustand, seine wackelige Art, sich auf seinen Stöckchen fortzubewegen, ist visuell pures Comedy-Gold.

Doch auch die anderen punkten mit ihren Eigenheiten: Der kanadische Teufelskerl Duke Caboom befindet sich stets in einem Zustand zwischen Größenwahn und Versagensängsten und profitiert im Original von Keanu Reeves‘ Stimme. Gabby Gabby hingegen wird als große Antagonistin eingeführt und ihre falsche Höflichkeit sowie ihre auch in Stresssituationen gefasste Art gepaart mit den typischen Gesichtszügen einer Puppe wirken einfach gruselig, dass sich selbst „Annabelle“ vor Angst in die Hosen machen würde – entsprechend reagierte die versammelte Journalistenschar in der Pressevorführung, weshalb die FSK-Freigabe durchaus überrascht. Abgerundet werden die Neubesetzungen von den Plüschtieren Ducky und Bunny, die von Keegan-Michael Key und Jordan Peele gesprochen werden und jede Menge Lacher für sich verbuchen können. Besonders wenn ihre Fantasie mit ihnen durchgeht, wird das Zwerchfell strapaziert.

Eine besondere Erwähnung verdient auch das Porzellinchen: Die war schon im allerersten „Toy Story“ dabei, doch im dritten Teil fehlte jedwede Spur von ihr. Nun erfährt man nicht nur, warum sie damals fehlte, sondern auch wie sie sich seitdem gewandelt hat. Die liebliche Schafshüterin von damals ist jedenfalls Geschichte, passend für das aktuelle Gesellschaftsklima präsentiert sie sich nun unabhängig, stark und abenteuerlustig, die Woody zeigt, wo es langgeht.

Die Figuren veranstalten insgesamt ein ziemlich buntes und schwer unterhaltsames Kuddelmuddel, doch möchte man ein kleines bisschen mäkeln, dann wirkt die Handlung zwischenzeitlich ein wenig orientierungslos. Einige erzählerische Schlenker bringen den Plot kaum voran, das Wiedersehen mit Porzellinchen, so sehr die Figur an sich sehenswert ist, hängt eine Spur zu sehr vom Zufall ab.

Insgesamt sind das aber sehr marginale Schönheitsfehler in einem Werk, das unter anderem davon erzählt, dass man sich nicht seinem Schicksal ergeben muss, sondern sich und sein Leben ändern kann und dass sich hinter dem Bösen oft genug auch nur eine verletzte Seele versteckt. Und wenngleich, wie erwähnt, der Handlung manchmal kurzzeitig die Puste auszugehen scheint – den Figuren tut das keinen Abbruch. Denn wenn nicht Witze gerissen werden, wirkt jede Interaktion beseelt und obwohl es sich eigentlich um künstliche Objekte handelt, so sehen sie sich mit echten Sorgen und schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert. Einmal mehr beweisen die Meister bei Pixar, dass am Ende des Tages, wenn jeder Lacher gelacht und das Publikum zur Genüge in Staunen versetzt wurde, die Gefühle im Mittelpunkt stehen.

Fazit: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!“ ist ein Film, den kaum einer gebraucht hat – und den man ab sofort nicht mehr missen möchte.

8/10

 

Bildnachweis: Disney Deutschland

Film-Review: „Men in Black: International“

von F. Gary Gray

mit Chris Hemsworth, Tessa Thompson, Liam Neeson

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Schicke, schwarze Anzüge, coole Sonnenbrillen, noch viel coolere Gadgets und Persönlichkeiten – und Außerirdische! Das sind, ganz grob zusammengefasst, die Zutaten der „Men in Black“-Filme, die seit 1997 in unregelmäßigen und teils großen Abständen die Kinozuschauer unterhalten haben. Die unsteten Intervalle haben der Reihe aber bislang keinen Abbruch getan, denn kommerziell sorgten sie bislang für klingelnde Kassen, was sicher auch an dem Hauptdarstellerduo Will Smith und Tommy Lee Jones lag. Mit „Men in Black 4: International“ kommt nun nach sieben Jahren ein weiterer Teil in die Lichtspielhäuser mit neuen Stars in den Hauptrollen. Ob die sich als würdige Nachfolger erweisen? Die Antwort fällt nicht ganz leicht – aber ganz sicher liefert das neueste Abenteuer jede Menge leicht bekömmlichen Spaß, der keinem wehtut und den man schneller wieder vergessen darf.

Vor einigen Jahren haben es die Agenten H (Chris Hemsworth) und High T (Liam Neeson) im Pariser Eiffelturm mit dem sogenannten „Hive“ aufgenommen und so die Welt vor dem Untergang bewahrt. Ein Meilenstein in der Geschichte der „Men in Black“, der sogar in einem Gemälde verewigt wurde. Mittlerweile hat es aber den Anschein, als würde sich H auf den Lorbeeren ausruhen und stattdessen lieber für Krawall sorgen – versehentlich natürlich. Doch als ihn eines Tages die neue Agenten-Anwärterin M (Tessa Thompson) aus dem Mittagsschlaf holt, ändert sich alles: Gemeinsam nehmen sie einen neuen Auftrag an, im Laufe dessen sie in den Besitz einer mächtigen Waffe kommen, hinter der natürlich auch andere Kreaturen sind. Die Hinweise verdichten sich, dass der „Hive“ zurück ist und ausgerechnet ein Maulwurf in den eigenen Reihen könnte die ganze Mission in Gefahr bringen…

Die „Men in Black“-Filme waren schon immer Komödien mit flotten Actioneinlagen, die stets mehr Spaß als Spannung vermittelt haben. Doch nachdem Barry Sonnenfeld die ersten drei Teile inszenierte, durfte man durchaus aufhorchen, als F. Gary Gray für den Regieposten verkündet wurde. Der hat nicht nur früh in seiner Karriere mit „Friday“ bewiesen, dass er lustig sein kann, sondern vor allem mit Werken wie „Gesetz der Rache“ und natürlich „Fast & Furious 8“ gezeigt, dass er auch für ordentlich Radau auf der Leinwand sorgen kann.

Seine jüngste Arbeit reiht sich in dieser Hinsicht nahtlos ein in die Marke – und das ist leider ein wenig enttäuschend: Schießereien mit futuristischen Laserkanonen gehören einfach zum Standardrepertoire Hollywoods und werden hier eigentlich nur in Form der extraterrestrischen Feinde variiert, die sich aber recht schnell wieder aus dem Staub machen oder rasch zu Staub zerfallen. Auch eine Verfolgungsjagd durch Marrakesch besticht trotz High-Tech-Gerät insgesamt durch Einfallslosigkeit; da reißt dann auch ein Sprung in luftige Höhen nicht mehr viel heraus.

Ein paar generische Prügeleien runden den faden Action-Eindruck ab und es ist schon erstaunlich wie haarsträubend zugleich, dass man sich nicht mehr hat einfallen lassen, zumal man das Gezeigte wirklich auch so ähnlich in den Vorgängern sehen konnte. Kreativere Choreographien oder Gadgets wären sicher wünschenswert gewesen. Stattdessen werden zum Beispiel in einer Sequenz nur immer größere, aber genauso langweilige Wummen aus den verschiedensten Winkeln eines Autos hervorgekramt. Genauso langweilig ist übrigens der überraschungsfreie Plot, der die Figuren immerhin zu exotischen Schauplätzen schickt.

Die prominente Darstellerriege bekommt indes unterschiedlich viel zu tun und kann deshalb nur schwankende Ergebnisse abliefern. Rückkehrerin Emma Thompson hat nur zwei Auftritte am Anfang und Ende, doch die Veteranin weiß auch aus diesen begrenzten Möglichkeiten ganz leicht noch etwas Amüsantes zu machen. Bei Rebecca Ferguson hingegen punktet eher die Kostümabteilung und Liam Neesons Figur wirkt, als hätte sie sich aus seinen Actionfilmen der jüngeren Vergangenheit wie „The Commuter“ verirrt, so grimmig wirkt sie.

Im Fokus stehen natürlich Chris Hemsworth und Tessa Thompson, die nach „Thor: Tag der Entscheidung“ und „Avengers: Endgame“ wieder gemeinsam zu sehen sind und in die Fußstapfen von Will Smith und Tommy Lee Jones treten. Hemsworth kann dabei als Agent H sein Charisma voll ausschöpfen, das zu jeder Sekunde die Leinwand erfüllt, den Film über weite Strecken trägt und das der Star mühelos an den Tag legt. Eine Wirkung, die von Thompson in der Form (noch) nicht ausgeht, weshalb ihre Darbietung neben ihrem Co-Star leider ein wenig verblasst. Dass sie über komödiantisches Talent verfügt, bewies sie nicht nur in „Thor“, sondern zeigt sie auch in den anfänglichen Minuten von „Men in Black“ in kleinen, augenzwinkernden Gesten. Leider bietet ihr das Drehbuch anschließend nur noch wenige Möglichkeiten, diese Fähigkeiten auszuspielen – eher wird sie im Kontrast zu Hemsworth als gewissenhafte Agentin positioniert, die sich dem Zeitgeist entsprechend in einer Männerdomäne behauptet. Dabei verkommt die Dynamik der Gegensätze zwischen den Hauptfiguren zu einer Light-Version von Smith und Jones, deren Aufeinandertreffen von einem optisch wie charakterlich extremeren und damit ultimativ lustigeren Kontrast geprägt war.

Der heimliche Star des Films ist allerdings Kumail Nanjiani. Dabei ist der Komiker pakistanischer Herkunft nicht einmal zu sehen, sondern in der englischen Fassung nur als Sprecher des winzigen Pawny zu hören. Der sieht nicht nur äußerst drollig aus, sondern sorgt dank Nanjianis Intonation und perfektem Timing regelmäßig für Lacher und ist so der ideale Sidekick für die Stars – da kann man nur hoffen, dass die deutsche Synchronisation gelingt.

Die Vielzahl an Wesen ist übrigens wieder ein Highlight für sich und wenn gleich mehrere im Bild auftauchen, weiß man gar nicht, wohin das Auge als erstes wandern soll und man kann sich nur wünschen, die Macher hätten genau so viel Fantasie in den Rest des Films investiert.

Fazit: Ein paar Lacher und viel öde Action – „Men in Black 4: International“ ist einfach egal.

5/10

 

 

Bildnachweis. Sony Pictures

Film-Review: „X-Men: Dark Phoenix“

von Simon Kinberg

mit Sophie Turner, Jessica Chastain, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, James McAvoy

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Superhelden und Comicverfilmungen bevölkern die Kinosäle dieser Welt und sorgen ein ums andere Mal für Furore an den internationalen Kinokassen: Aus dem Hause Disney/Marvel Studios werden Fans seit nunmehr elf Jahren vom MCU rund um Hulk oder Thor verwöhnt, DC/Warner spielen mit Werken wie „Wonder Woman“ und „Aquaman“ mit und Sony hält noch immer fest an den Rechten zu „Spider-Man“, den man ab und an verleiht. Doch wenn man zum Beginn der modernen Welle an solchen Filmen gehen will, kommt man zwangsläufig bei 20th Century Fox und ihren „X-Men“ heraus. Anfang der Nullerjahre legten sie mit einer Trilogie vor, es folgten Ableger und dann mit „X-Men: Erste Entscheidung“ 2011 die aktuelle Interpretation der ikonischen Figuren. „X-Men: Dark Phoenix“ ist der vierte Teil der Reihe, der vorläufige Abschluss der Kinoabenteuer um Magneto, Charles und Raven und ein neuer Höhepunkt im Franchise.  

Die Zeiten, in denen sich Menschen und Mutanten verfeindet gegenüberstehen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Stattdessen gelten die „X-Men“ als Helden, die sogar einen direkten Draht zum US-Präsidenten haben, der sie für besonders heikle Missionen rekrutiert. Als eines Tages eine Gruppe Astronauten im All verunglückt und ihre Leben auf dem Spiel stehen, sind sie natürlich wieder gefragt und der Professor (James McAvoy) schickt natürlich seine Schützlinge los – trotz der Bedenken von Hank (Nicholas Hoult) und Raven (Jennifer Lawrence). Bei dem riskanten Auftrag geht dann auch einiges schief und nur dank der Kräfte von Jean Grey (Sophie Turner), kann die Tragödie abgewendet werden. Dabei absorbiert sie allerdings eine unbekannte Kraft im Weltraum, die sich aber nun in ihr ausbreitet und ihr ungeahnte Kräfte verleiht – und die sie nur schwer unter Kontrolle bekommt… 

Auch in der „X-Men“-Reihe wird nicht mit beeindruckenden Effekten und großem, lautem Brimborium gegeizt. Doch auch wenn es in „Dark Phoenix“ entsprechende Schauwerte zu bestaunen gibt, so stellen die sich stets in den Dienst einer Geschichte, die erfrischend frei von unnötigem Ballast ist. Zu den bereits aus den Vorgängern bekannten Figuren wird eigentlich nur eine neue Hauptbösewichtin hinzugefügt, ein paar Nebenfiguren runden den Anteil frischer Gesichter ab. Aber im Kern bleibt das Spielfeld überschaubar, man konzentriert sich auf das Wesentliche.

Das kann man auch vom Skript an sich sagen: Wenige bis gar keine handlungstechnischen Schlenker werden gemacht, die Story wird geradlinig nach vorne getrieben und befindet sich permanent in Bewegung und jede einzelne Szene bringt entweder die Geschichte voran oder gewinnt den Figuren neue Nuancen ab. Nichts wird verschwendet, nichts fühlt sich überflüssig an in diesem Film, der den Schwung nach vorne permanent am Leben hält und so auch ununterbrochen für Interesse und Spannung sorgt.

Dabei gefällt auch der insgesamt ernsthafte Tonfall. Sehr vereinzelt und sehr verhalten vorkommender Humor kann nicht davon ablenken, wie düster – aber niemals trist – es doch zugeht. Bei „Dark Phoenix“ werden die Handlung, Figuren und ihre internen wie externen Konflikte vollends ernst genommen und das wird inszenatorisch zumeist klar und schnörkellos in toll geschriebenen und gespielten Szenen vermittelt. Dabei geben auch die Schauspieler Vollgas: Seien es Sophie Turner, Michael Fassbender, Nicholas Hoult oder James McAvoy – ihre Darbietungen sind allesamt sehr sehenswert und machen aus Simon Kinbergs Regiedebüt ein echtes Blockbuster-Drama.

A propos Kinberg: Dass der jetzt zum ersten Mal einen Film inszeniert hat, ist kaum zu glauben und man muss deshalb „Dark Phoenix“ zu den stärkeren, vielleicht sogar stärksten Erstlingsfilmen der jüngeren Vergangenheit zählen. Dramaturgisch überzeugt sein Werk, das auch actiontechnisch einiges zu bieten hat und sich längst nicht mit simplen Zerstörungsorgien zufriedengibt. Stattdessen gibt es Sequenzen, bei denen man wirklich das Gefühl hat, dass diese auch mit Hinblick auf die Fähigkeiten der Figuren durchdacht choreographiert wurden und in Bezug auf die raum-zeitliche Verortung des Geschehens auch recht übersichtlich ausgefallen sind.

Auffällig ist zudem die Musik: Diese hat der Meister Hans Zimmer beigesteuert und damit hat er „Dark Phoenix“ eine ganz neue und einzigartige Note verpasst, die im „X-Men“-Universum konkurrenzlos ist. Das beginnt schon am Anfang des Films, wenn das Hauptthema eingeführt wird und das einen dank verschiedener Variationen niemals loslässt, bis es zum großen Höhepunkt kommt. Der ist durchaus vollgestopft mit Computereffekten, was in den letzten Jahren bei anderen Filmen nicht jedem gefallen hat. Aber bei „Dark Phoenix“ gelingt der seltene Glücksfall, dass visueller Bombast tatsächlich mit großen Gefühlen Hand in Hand geht und beide Elemente in einem dann auch erzählerisch tollen Finale kulminieren – die Leinwand erstrahlt dann vor schönen Lichtern, wenn sich auch Jean Grey innerlich zu einer leuchtenden Figur wandelt. Großes Kino!

Ganz perfekt ist leider „Dark Phoenix“ nicht und möchte man dem Film etwas ankreiden, dann sind das doch die von Jessica Chastain gespielte Bösewichtin und ihre Handlanger. Bei all der Sorgfalt, die man in den meisten anderen Belangen an den Tag legt, wirkt doch deren Einführung und Motivation ein wenig schnell und oberflächlich abgehakt und deren wahren Kräfte und woher sie diese haben erschließt sich auch nicht zu 100 Prozent.

Aufmerksame Zuschauer werden zudem feststellen, dass ein im direkten Vorgänger „X-Men: Apocalypse“ angedeuteter Handlungsstrang, der Magneto und Quicksilver (Evan Peters) betrifft, überhaupt nicht thematisiert wird – was vielleicht keine so schlechte Idee war. Von Psylocke, die sich im vorherigen Teil klammheimlich aus dem Staub machte, fehlt ebenfalls jede Spur. Fans, die sich erhoffen, dass aber genau diese Elemente fortgeführt werden, dürften dann ein wenig enttäuscht aus dem Kinosaal kommen. Alle anderen aber dürfte der Film glücklich machen.

Fazit: Mit „X-Men: Dark Phoenix“ melden sich die Mutanten vorerst von der Leinwand ab – aber wie! Die Comicverfilmung lässt dank permanenter Spannung, toller Darsteller und einer emotionalen Handlung keine Wünsche offen.

8/10

 

Bildnachweis: 20th Century Fox

Film-Review: „Godzilla 2: King of the Monsters“

von Michael Dougherty

mit Millie Bobby Brown, Vera Farmiga, Kyle Chandler, Charles Dance, Ken Watanabe

GODZILLA KING OF MONSTERS

Seit den 50er-Jahren treibt nun schon Godzilla sein Unwesen. Zunächst strikt im japanischen Kino beheimatet, ist die wolkenkratzerhohe Naturgewalt mittlerweile in der Popkultur angekommen und macht auch in Trickfilmen oder Videospielen ganze Städte dem Erdboden gleich. Auch in Hollywood kennt man die Riesenechse und nachdem 1998 Roland Emmerich einen rückblickend eher misslungenen Versuch einer Adaption auf die Leinwand brachte, wagte man 2014 bei Warner einen erneuten Versuch. Mit dem schlicht „Godzilla“ betitelten Werk von Gareth Edwards fiel der Startschuss für ein eigenes filmisches Monster-Universum, dem nach „Kong: Skull Island“ nun mit „Godzilla 2: King of the Monsters“ der insgesamt dritte Teil folgt. Und Junge, Junge, macht dieses Spektakel einen Heidenspaß! 

Fünf Jahre sind mittlerweile vergangen, seit Godzilla gegen zwei MUTOs gekämpft hat und dabei unter anderem San Francisco zerstört wurde. Ein traumatisches Ereignis für die USA und die Welt, bei dem die Familie Russell einen tragischen Verlust hinnehmen musste. Die Familieneinheit ist mittlerweile zerbrochen und die Wissenschaftlerin Dr. Emma Russell (Vera Farmiga) und ihre Tochter Madison (Millie Bobby Brown) befinden sich bei einem Außenposten der Geheimorganisation Monarch, wo Emma ein selbst gebautes Gerät in Betrieb nehmen möchte, mit dem sie mit den Titanen dank bestimmter Frequenzen kommunizieren und sie so beeinflussen kann. Ihre Erfindung funktioniert – doch damit ruft sie längst nicht nur den fiesen Öko-Terroristen Jonah Alan (Charles Dance) auf den Plan. Weitere riesige Monster warten nur darauf, aus ihrem Tiefschlaf geweckt zu werden und die einzige Chance auf das Überleben der Menschheit ist der Star unter ihnen – Godzilla… 

Bei „Godzilla 2: King of the Monsters“ kann man getrost von zwei Figuren-Ensembles sprechen, von denen eines ganz klar das Spotlight für sich beansprucht: Die riesigen Kreaturen stehen natürlich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit und das nicht nur im Film selbst, sondern ganz sicher auch beim Kinopublikum. Aber liefert die Fortsetzung zum 2014er Vorgänger das ab, was der Titel verspricht? Zuvor konnte man durchaus die Kritik vernehmen, dass in „Godzilla“ einfach zu wenig von der Titelfigur zu sehen ist. Aber diesen Fehler macht Regisseur Michael Dougherty nicht – stattdessen hat er einige atemberaubende und gigantische Wrestling-Matches hergezaubert, die wahrlich keine Wünsche mehr offen lassen und die sich am Ende auch so sehr steigern, dass das Geschehen regelrecht übertrieben und albern wirkt – und das ist absolut positiv gemeint! Seit dem ersten „Pacific Rim“ gab es wohl keinen Film mehr, der solch eine kindliche Freude im (in diesem Falle) Mann hervorgerufen hat und der einem regelrecht „B-L-O-C-K-B-U-S-T-E-R“ entgegenbrüllt. Aber bei einem, wie ich ihn so taufe, „Super Sayan-zilla“ kann man auch nicht anders, als beglückt vor sich her zu kichern.

Dabei geben sich neben dem bekannten Godzilla mehrere weitere Monster die Klinke in die Hand, die zumindest in dieser neuen Version der Marke zum ersten Mal in Erscheinung treten: Mothra und Rodan sind mit von der Partie und natürlich auch King Ghidorah. Die Handlung konzentriert sich auf sie und Godzilla, viele weitere erhalten aber zumindest kurze und teils flüchtige Gastauftritte, wobei Fans schon mal ihre innere Lupe zücken sollten, um sie alle ausfindig zu machen.

Doughertys Inszenierung wird dabei den beeindruckenden Größen dieser Wesen überwiegend gerecht: Einstellungen, in denen sie nicht ansatzweise in den Bildrahmen passen, wechseln sich ab mit Totalen, in denen ihre wahren Dimensionen ersichtlich werden und in denen sie majestätisch und zugleich absolut furchteinflößend wirken. Dabei werden einige denkwürdige Bilder eingefangen, die man sich am liebsten ausdrucken und an die Wand hängen möchte – visuell wird also einiges an schweren und doch wunderschönen Geschützen aufgefahren. Die tristen Grautöne des Vorgängers gehören dabei der Vergangenheit an, stattdessen gibt es mitunter knallige Farben zu sehen.

Einen kleinen Wermuts(-regen-)tropfen gibt es aber dennoch zu beklagen, denn das Auftreten eines bestimmten Monsters geht stets mit ganz miesem Wetter einher. Und das heißt: Dunkle Wolken und viel Regen. Zu Beginn leidet dann doch die Übersichtlichkeit darunter; allerdings muss man Dougherty zugutehalten, dass er das Problem zwar nicht wegzaubern kann – das Phänomen wird im Film erklärt, ist also Teil der Erzählwelt -, dieses aber besonders im großen Finale ausreichend in den Griff bekommt, sodass man die große Zerstörungsorgie entspannt genießen kann.

Ein Wort noch zur Musik: Auch wenn diese Beschreibung heutzutage mehr als überstrapaziert ist – aber wenn sich Godzilla in all seiner Pracht erhebt und dabei das originale Theme zitiert wird, dann ist das verflucht noch mal episch!

Nein, es handelt sich hierbei nicht um ein neues Angebot beim allseits bekannten Fast-Food-Lieferanten und Filmfreunde wissen bereits, was das ist. Für alle anderen, ganz grob und schnell: Ein MacGuffin ist ein Objekt oder eine Figur mit der Funktion, in erster Linie die Handlung auszulösen und voranzutreiben. Bei „Godzilla 2“ stellt das Monster-Kommunikationsgerät einen MacGuffin dar, da sich der Plot besonders in der ersten Hälfte gefühlt ausschließlich darum dreht. In dieser Phase bekommt man den Eindruck, dass es sich in diesem Fall um einen eher faulen Drehbuchkniff handelt, der darüber hinaus dem von Charles Dance gespielten Fiesling Jonah Alan seine einzige Daseinsberechtigung im Film verleiht und der dann auch recht schnell wieder in den Hintergrund rückt. Wenn man ein wenig sarkastisch werden möchte, kommt einem auch vereinzelt der Gedanke in den Sinn, eigentlich „Godzilla zähmen leicht gemacht“ zu gucken.

Das wird allerdings von einigen der übrigen Menschenfiguren wieder wettgemacht und ganz besonders von der Familie Russell, die von Vera Farmiga, Millie Bobby Brown und Kyle Chandler verkörpert wird. Die liefern nicht nur tolle Darbietungen, sondern profitieren auch von einem Skript, das ihnen den emotionalen Kern des Films überlässt. Das gemeinsam erlebte, aber unterschiedlich verarbeitete menschliche Trauma steht im Zentrum ihres Handelns und sorgt so für einen starken Anker, um den herum sich auch all die grandiose Monster-Action entfalten darf, ohne dass die Menschen darin zum schmückenden Beiwerk verkommen und wodurch diverse Szenen auch eine zusätzliche Wirkung entfalten.

Die übrigen Nebendarsteller machen ihre Sache ordentlich, bekommen aber lange nicht so viel Gelegenheit, Eindruck zu hinterlassen – bis auf Ken Watanabe als Dr. Serizawa, der eine adäquat pathetische und tolle Szene spielen darf, die erzählerisch wie audiovisuell im Gedächtnis bleibt.

Fazit: Groß, größer, „Godzilla 2: King of the Monsters“!

8/10

 

Bildnachweis: Warner

Film-Review: „Aladdin“

von Guy Ritchie

mit Will Smith, Mena Massoud, Naomie Scott

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Disney ist auf Erfolgskurs: Nicht nur sind die Superhelden von Marvel und das „Star Wars“-Universum Erfolgsgaranten, auch mit Realverfilmungen alter Zeichentrickfilmklassiker scheffelt das Unternehmen mächtig viel Kohle. Werke wie „Cinderella“, „Die Schöne und das Biest“ oder „The Jungle Book“ sorgten schon für äußerst erfolgreiche Neuverwertungen der bekannten Stoffe und wenn diese Formel so gut läuft, warum also damit aufhören? Zahlreiche weitere Neuauflagen sind geplant, allein im Kinojahr 2019 werden am Ende drei solcher Filme gelaufen sein. „Dumbo“ flog bereits über die Leinwand, „Der König der Löwen“ wird im Juli mit seinem Gebrüll die Säle zum Beben bringen. Dazwischen werden Fans von „Aladdin“ beehrt, der auch 2017 eine ganz gute Figur macht.

In Agrabah schlägt sich der junge Aladdin (Mena Massoud) zusammen mit seinem Äffchen Abu mehr schlecht als recht durchs Leben. Auf der Straße erweist sich sein Talent als Langfinger als zweischneidiges Schwert, denn einerseits ergaunert er sich so Mittel, die ihm sein Überleben sichern, aber wenn er mal erwischt wird, kann es schon mal brenzlig werden. Als er aber eines Tages auf Jasmin (Naomi Scott) trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Sofort knistert es zwischen ihnen, aber um ihr Herz wirklich erobern zu können, müsste Aladdin schon ein echter Prinz sein. Wider Erwarten entpuppt sich allerdings der Plan des zwielichtigen Jafars (Marwan Kenzari) als versteckter Segen, denn so kommt der Dieb in den Besitz einer Lampe. Als Aladdin an ihr reibt, staunt er nicht schlecht, als ihm plötzlich Dschinni (Will Smith) erscheint. Und der erfüllt seinem Meister drei Wünsche… 

Guy Ritchie mutet spontan nicht wie die naheliegendste Wahl an, um einen Disney-Familienfilm zu inszenieren. Schließlich hat er sich einen Namen mit besonders launigen Gaunerkomödien gemacht, in denen weder ein Blatt vor den Mund genommen noch mit Gewalt gegeizt wird. Für „Aladdin“ hält er sich in der Hinsicht natürlich zurück und steckt seine Energie lieber in die detailverliebte Neuinterpretation der bekannten Geschichte. Dass Disney gerne klotzt, kommt ihm dabei sehr entgegen, denn die neue Regiearbeit macht ausstattungstechnisch einiges her. Die Sets und Kostüme sehen jedenfalls prunkvoll aus und sorgen für das perfekte Agrabah-Erlebnis.

Die visuellen Effekte sind insgesamt ganz ordentlich geraten. Tierische Protagonisten wie Abu oder Rajah, Jasmins Tiger, sehen überzeugend realistisch aus. In anderen Momenten jedoch werden einige Defizite deutlich: In einer kurzen Szene kann man Aladdin aus der Ferne dabei beobachten, wie er in der Dunkelheit vor den Palastwachen flüchtet. Die Sprünge, die er dabei vollführt, stammen aber sichtlich aus dem Computer und sehen technisch einfach scheußlich aus. Die Realisierung von Dschinni hingegen streift hin und wieder das sogenannte Uncanny Valley.

Die Erzählung folgt im Grunde genau denselben Stationen wie in der Vorlage – anders als zum Beispiel noch bei „Dumbo“ werden keine großen, neuen Handlungsblöcke eingeschoben oder nachgereicht. Doch wenn man mal den groben Verlauf außer Acht lässt, finden sich etliche Neuerungen gegenüber dem Original. Das fängt schon bei der Eröffnungssequenz an, die eine mittlerweile bestätigte Fantheorie aufgreift und macht auch nicht vor den Figuren an sich halt. Aladdin, Jasmin, Jafar – in kleinen Momenten und Dialogen werden neue Hintergründe bekannt, die so im Zeichentrickfilm noch nicht verbalisiert wurden. Und auch wenn sie am Ende des Tages die altbekannten Protagonisten bleiben, so erhalten sie dadurch geringfügig mehr Nuancen.

Fans des Originals werden also zu gleichen Teilen viel Vertrautes und Neues entdecken können und das setzt sich natürlich auch in der Musik fort. All die großen Hits von damals sind dabei und haben trotz neuer Interpreten nichts von ihrer Magie verloren. Ein neues Lied gibt es aber auch, das von Jasmin gesungen wird und in zwei Teile aufgeteilt wurde. Während der erste aber leider schnell wieder vorbei ist, entfaltet der zweite dafür eine umso größere emotionale Durchschlagskraft, die in diesem Moment besonders durch Naomi Scotts tolle Darbietung Sphären erreicht, wie man sie sogar bei Disney selten zu Gesicht bekam – da macht sich das Realfilmsetting mit echten Darstellern sogar richtig bezahlt, denn am Ende des Tages ist ein echtes Gesicht immer noch wirkungsvoller als ein gezeichnetes.

Viel wichtiger ist jedoch, was dieser Song sowohl innerhalb der Handlung als auch im Disney-Kontext darstellt: Jasmin war zwar zuvor schon eine Prinzessin, allerdings mehr auf dem Papier. Mit einer großen, eigenen Solonummer wird sie aber jetzt als echte Disney-Prinzessin geadelt, denn schließlich ist es ja ein beliebtes Motiv bei Filmen des Mäusekonzerns, das seine weiblichen Figuren einen zentralen Song zum Besten geben dürfen, in denen sie für sich selbst einstehen oder sich Mut machen – „Let it go“ lässt grüßen.

Diesen Moment hat sie sich auch redlich verdient und die Drehbuchautoren Ritchie und John August taten gut daran, ihr diese Möglichkeit zu geben, indem sie Jasmin ins 21. Jahrhundert gerettet haben. Zwar klang schon im Klassiker von damals an, unter welchen restriktiven Umständen sie lebt, die es ihr verbieten, frei für sich selbst und damit ihr Leben zu entscheiden und schon vorher versucht sie dagegen aufzubegehren. Ultimativ aber wurde ihr diese Verantwortung von den Herren der Schöpfung abgenommen. Doch die neue Jasmin will sich nicht einfach mit dem Recht auf romantische Liebe zufriedengeben – sie möchte anführen und ist davon überzeugt, dass sie das kann und mit ihrem Sololied kann sie letztendlich ihren Vater davon überzeugen. So darf sie am Ende ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Mena Massoud als Titelheld gibt ebenfalls eine insgesamt gute Darbietung und „Aladdin“ wird im Laufe der Spielzeit auch deshalb immer besser, weil die Chemie zwischen ihm und Scott nach einem eher hölzernen wie dramaturgisch holprigen Start an Substanz gewinnt. Die ganz große Nummer zieht aber erwartungsgemäß Will Smith als Dschinni ab. Bereits im Vorfeld musste er nach dem Erscheinen der ersten Bilder und Trailer massiv Kritik einstecken, aber war diese auch gerechtfertigt?

Eines muss man ihm jedenfalls lassen: Will Smith gibt absolut Vollgas in der Rolle! Das Energieniveau von Robin Williams‘ legendärer Sprechperformance im englischen Original des Trickfilms erreicht der Superstar spielend leicht und darüber hinaus bekommt er dank der zusätzlichen Laufzeit und dem Realfilmsetting nicht nur als Computerfigur, sondern auch als echter, menschlicher Darsteller jede Menge Momente, die er mit seinem bekannten Charme dominieren kann.

Trotzdem kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, hin und wieder doch nur Will Smith zu sehen – und nicht etwa eine komplett eigenständige Figur, die lediglich von ihm gespielt wird. Sein charakteristischer Tonfall oder sein mitunter leicht durchscheinender Slang verweisen stets auf den Star hinter der Rolle und nicht auf den Dschinni selbst. Da hatte es Williams damals als gezeichnete Figur natürlich leichter. Nimmt man noch eine große, ebenfalls von Smith angeführte Tanzszene am Ende und seinen Rapsong im Abspann dazu, droht Smiths Starpower durchaus „Aladdin“ zu überschatten. Andererseits ist aber die Präsenz von Smith vor der Kamera wiederum ein Segen, wenn er den Menschen nicht nur gibt, sondern am Ende auch wirklich menschlich wirken darf. Wenn Aladdin Dschinni am Ende von seinen Fesseln freiwünscht, dann wirkt dieser Moment eben dank Smiths Leistung sogar rührender als im Original. Sein Mitwirken bringt also Vor- und Nachteile mit sich und wird polarisieren.

Fazit: „Aladdin“ ist eine gelungene Realverfilmung des Trickfilmklassikers mit einer starken Jasmin und ein wenig zu viel Will Smith im Dschinni.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „John Wick: Kapitel 3“

von Chad Stahelski

mit Keanu Reeves, Halle Berry, Mark Dacascos

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Der dritte Teil einer Filmreihe sei in der Regel immer der schlechteste, heißt es sinngemäß nicht ganz unironisch in „X-Men: Apocalypse“. Und in der Tat, abgesehen von der ein oder anderen Ausnahme scheint tatsächlich schon seit langem ein entsprechender Konsens unter Filmfreunden vorzuherrschen. Von daher durfte man schon ein wenig skeptisch sein, als ein dritter „John Wick“-Film angekündigt wurde. Sind denn die Zutaten aus eleganten Ballereien und ruppigen Zweikämpfen nicht schon zu sehr vertraut, um noch interessant zu sein? Und ist nicht auch Hauptdarsteller Keanu Reeves langsam ein wenig zu alt, um derlei Szenen noch effektiv zu spielen? Nein und nochmals nein! „John Wick: Kapitel 3“, so der offizielle Titel, ist eine konkurrenzlose Tour de Force!

Die Handlung setzt dabei unmittelbar nach den Geschehnissen des zweiten Teils ein: John Wick (Reeves) bleiben nur noch wenige Minuten, bis die ihm gewährte Aufschubfrist abläuft und er dann für ein Kopfgeld von 14 Millionen US-Dollar zum Abschuss freigegeben wird. Schwer verwundet schleppt er sich durchs verregnete New York, um nur wenig später die ersten Wellen an Angreifern abzuwehren. Doch das kann kein Dauerzustand bleiben und in seiner Verzweiflung wendet sich John an eine alte Bekannte, die ihn außer Landes schaffen soll. Sein Ziel: Den mächtigsten Mann der internationalen Unterwelt ausfindig zu machen, um ihn um eine zweite Chance aufs Leben zu gewähren. Sein Ersuchen wird aber Opfer fordern – und in dieser Welt ist die einzig wahre Währung Blut… 

Mehrfach Szenenapplaus; Gelächter, nicht weil das Geschehen so lustig oder schlecht sei, sondern weil es den Verstand zum Explodieren bringt, Ausrufe der Begeisterung, Überraschung, auch des Ekels, Schweiß auf der Stirn dieses Autors – und das allein in den ersten fünf bis zehn Minuten. Regisseur Chad Stahelski vergeudet jedenfalls keine einzige Sekunde und wirft seinen Protagonisten gleich zu Beginn in ein Blutbad, mit dem andere Filme als Höhepunkt enden würden.

Dabei wird schnell klar: In „John Wick 3“ geht es schneller, kreativer und um ein Vielfaches härter zu als in den vorherigen zwei Teilen. Wenngleich das Werk dieses Tempo zugunsten der Erzählung nicht permanent hochhalten kann und muss, aber wann immer sich der Held bösen Buben konfrontiert sieht, fliegen die Fetzen – und dann werden reichlich Kehlköpfe zertrümmert, Knochen gebrochen und Köpfe zu Brei geschossen. Die schiere Menge an Leichen ist beeindruckend und darüber hinaus reicht es auch längst nicht mehr, effizient zu sein.

Stattdessen folgen einem Kopfschuss oftmals noch mindestens vier weitere in die gleiche Rübe und Messer werden wiederholt mit voller Wucht in die schon leblosen Körper gerammt. Verwackelt ist hierbei nichts und auch weggeschnitten wird nicht, wodurch die ganze blutige Konsequenz der Gewalt von Anfang bis Ende im Bild durchgespielt wird. Gewaltquantität und -qualität haben einen „gewaltigen“ Sprung nach vorne gemacht und sorgen so für den Overkill der Leinwand, bei dem Freunde des besonders ausführlichen Kinomordens voll auf ihre Kosten kommen werden. Andere aber könnte dieser Frontalangriff auf Dauer ermüden.

Das Gezeigte als plump und stupide zu bezeichnen wird der Sache aber nicht gerecht. Denn dazu ist einfach ein viel zu hohes Talentniveau auf allen Ebenen an der Erschaffung dieser mitreißenden, höchst kinetischen Orgie aus (CGI-)Blutfontänen und umherwirbelnden Personen beteiligt, dass man ruhigen Gewissens von echter Handwerkskunst sprechen kann. Erneut setzen Stahelski und sein Kameramann Dan Laustsen auf übersichtliche Kameraeinstellungen, die weit genug von der Action entfernt sind, um diese in all ihrer Pracht einzufangen und durch die bereits erwähnte niedrige Schnittfrequenz beeindrucken die zur Schau gestellten, körperlichen Fähigkeiten der Stars und Stuntleute umso mehr, da man ihnen konkret bei ihrer Arbeit zuschauen kann. Ganz klar, inszenatorisch ist hier weniger deutlich mehr.

Die Kampfchoreographien überraschen ein ums andere Mal, bei denen auch die nähere Umgebung und gewöhnliche Gegenstände in das bunte Treiben eingebunden werden und insgesamt haben sie gefühlt auch deutlich in der Anzahl zugelegt. Deren Wucht sucht im Hollywood-Mainstream ihresgleichen und dafür sorgen dann so berühmt-berüchtigte Actiondarsteller wie Cecep Arif Rahman, Yayan Ruhian (beide aus dem „The Raid“-Franchise) oder der legendäre Mark Dacascos. Aber natürlich zeigen sich auch die Stars wie Reeves und Halle Berry in absoluter Topform. Dazu kommen außerdem die schon aus den Vorgängern so bekannten, dynamischen Ballereien und die neuen tierischen Co-Stars entwickeln sich auch schnell zu echten Szenendieben. Man muss einfach anerkennend festhalten, dass „John Wick 3“ an der reinen Actionfront ein echtes Meisterwerk ist. 

Erwartungsgemäß muss man allerdings erneut einige Abstriche in der Handlung in Kauf nehmen. Die „John Wick“-Trilogie nahm ja bekanntlich mit einer dermaßen simplen, geradezu hanebüchenen Prämisse ihren Anfang, dass diese selbst schon einen gewissen Kultfaktor besitzt. Trotzdem faszinierte die in den Filmen entworfene Parallelwelt der Profikiller mit ihren ganz eigenen Regeln und grundsätzlich taten Stahelski und Drehbuchautor Derek Kolstad sehr gut daran, diese in den späteren Filmen auszubauen.

Auch im dritten Film wird das Universum erweitert und zusätzlich werden auch neue Hintergründe zum Titelhelden selbst geliefert. Auf deren zumindest leicht entmystifizierenden Qualitäten hätte man aber getrost verzichten können und de facto dienen sie lediglich als Plotwerkzeug, um eine andere neue Figur kurz ins Spiel zu bringen. Wirklich neue Facetten ringen die Wick aber nicht ab, zumal er sich auch nicht nennenswert mit ihnen auseinandersetzt. Das ihn umgebende Rätsel und die Legenden, die man sich von ihm über seine früheren Jahre als Auftragskiller erzählte, waren schon ausreichend und der Plot über die Jagd auf ihn hätte auch ohne angedeutete Ursprungsgeschichte genug Bewegung, um die Erzählwelt an sich zu erweitern. In diesem Zusammenhang ist auch Halle Berrys Rolle bedauernswert klein geraten: Klar, sie darf in einer großen, fulminanten Actionszene zeigen, was sie draufhat und dabei macht sie eine umwerfend gute Figur (neben den unfassbar tollen Hunden). Nach kurzer Zeit verabschiedet sie sich aber wieder von der Leinwand und dann wird klar, dass auch sie nur eine Zwischenstation für John Wick darstellt und nicht viel mehr.

Ob die übrigen, inhaltlichen Neuerungen so viel gewinnbringend sind, ist durchaus diskutabel. Einmal mehr werden neue Erkenntnisse zum im Hintergrund agierenden High Table geliefert und vor allem darüber, wie er operiert. Neue Aspekte werden eingeführt und man fühlt sich durch sie an Regeln und Rituale realer Verbrecherorganisationen wie der japanischen Yakuza erinnert – so weit, so gut. Andere Facetten sind aber nicht nur weniger spannend, sondern regelrecht albern, auch für die ohnehin schon überhöhte Welt von „John Wick“. Immerhin ist Teil drei nicht nur der härteste, sondern überraschenderweise auch der lustigste Eintrag in der Reihe und das ist auch absolut positiv gemeint. Die betont zur Schau gestellte Förmlichkeit vieler Figuren wirkt im Kontext von Tod und noch mehr Tod wie großartig furztrockener Humor, ohne dabei dem Rest des Films in die Quere zu kommen.

Am Ende des Tages darf man aber über die erzählerischen Schwächen getrost hinwegsehen, denn dafür passt alles andere an diesem Werk, das beweist: Der dritte Teil kann auch der beste einer Reihe sein.

Fazit: Blöde Story – aber egal! „John Wick: Kapitel 3“ ist ein orgiastisches Actionfest, das den Zuschauer mit Bluthochdruck zurücklässt. Famos!

8/10

 

Bildnachweis: Concorde

Film-Review: „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“

von Rob Letterman

mit Justice Smith, Kathryn Newton, Bill Nighy

POKEMON DETECTIVE PIKACHU

Popkulturelle Phänomene kommen und gehen mit mal mehr, mal weniger Hype und das mit schöner Regelmäßigkeit. Manche aber sind eines Tages gekommen, um zu bleiben – und was japanische Exportgüter in diesem Zusammenhang angeht, führt einfach kein Weg an den „Pokémon“ vorbei. Die „Taschenmonster“ erblickten Mitte der 90er erstmals das Licht der Videospielewelt und damit begann eine weltweite Erfolgsgeschichte, die neben vielen weiteren Spielen auch zahlreiche Serien, Comics und Filme nach sich zog und die bis heute anhält. Mit „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ erscheint nun ein neuer Film über die Wesen in den Kinos.

Darin geht es um den jungen Tim Goodman (Justice Smith), der eines Tages die traurige Nachricht erhält, dass sein Vater ums Leben gekommen sei und deshalb nach Ryme City fährt, einem Ort, wo Menschen und Pokémon friedlich zusammenleben. Doch als er in dessen Wohnung einige Dinge zusammenräumen will, trifft er plötzlich auf das Pokémon Pikachu – und zu ihrer gemeinsamen Überraschung kann Tim mit dem Monsterchen sprechen! Gemeinsam kommen sie rasch zu der Annahme, dass Tims Vater vielleicht doch nicht tot ist und so fangen sie an, Nachforschungen anzustellen. Dabei erhalten sie tatkräftige Unterstützung der Reporter-Praktikantin Lucy (Kathryn Newton) und kommen langsam einem ganz großen, teuflischen Plan auf die Spur. 

Zugegeben, die meisten der in der Regel sprachlich limitierten Knuddelmonster waren dank ihrer Comicoptik schon immer ein süßer, liebenswürdiger Anblick und ob nun aktuelle Fans oder Nostalgiker – wenn spätestens mit Ankunft in Ryme City die Leinwand vor Pokémon geradezu überquillt, geht einem das Herz auf. Mit Freuden stellt man dann fest, dass die Figuren mit ihren Originaldesigns wunderbar und nahtlos in die Realfilmumgebung eingebettet und so zum Leben erweckt wurden.

Besonders das titelgebende Pikachu überzeugt: Das Fell des niedlichen Nagers mit Fähigkeit zur elektrischen Hochspannung sieht so fotorealistisch aus, wie es für eine Fabelfigur nur geht und in punkto Minenspiel haben die Effektkünstler ganze Arbeit geleistet: Man möchte die ganze Zeit am liebsten die Leinwand drücken, aber tatsächlich entpuppt sich der Titelheld zusätzlich als sehr ausdrucksstark – mehr als seine menschlichen Kollegen, so viel sei verraten.

Nimmt man noch diverse bekannte Elemente dazu wie die Pokémon-Kämpfe, die spezifischen Fähigkeiten der einzelnen Monster und sogar das Titellied der Zeichentrickserie, dann kann man eigentlich von einem gelungenen Fan-Fest sprechen. Wer aber bislang nichts mit den Kreaturen anfangen konnte, wird durch „Meisterdetektiv Pikachu“ auch nicht bekehrt.

Dass Pikachu sprechen kann, dürfte für viele eine Überraschung darstellen, wenngleich Rob Lettermans Film explizit auf dem gleichnamigen Nintendo-3DS-Spiel basiert, das 2016 erstmals in Japan erschien und in dem das gelbe Kerlchen auch mit menschlicher Sprache kommunizieren kann. Im englischen Original der Adaption lieh Superstar Ryan Reynolds Pikachu seine Stimme, in der deutschen Version erklingt Sprecher Dennis Schmidt-Foß. Der macht in der Vertonung seines Hollywood-Gegenstücks wie immer eine tolle Arbeit, aber das Drehbuch hat offenbar ganz besonders auf eine typische Buddy-Dynamik gezielt: Wie schon in Filmen wie der „Lethal Weapon“-Reihe, kommen mit Pikachu und Tim zwei gegensätzliche Figuren zusammen, die sich zunächst nicht grün sind und wie auch bei anderen Beispielen gibt es einen, der ein klein wenig mehr Mitteilungsbedarf hat, als der andere.

Logisch, das Pokémon mit der prominenten Stimme darf sich den Mund fusselig reden und dabei jede Menge lustige Kommentare vom Stapel lassen, wobei die Trefferquote bei der Fülle längst nicht bei 100 Prozent liegt. Ein wenig befremdlich wirkt die Kombination aus Reynolds (Schmidt-Foß) und einem permanent ironischen Ton in „Meisterdetektiv Pikachu“ allerdings schon – denn durch die beiden „Deadpool“-Filme hat der Star sich und seine augenzwinkernde Intonation quasi zu einem eigenen kleinen Markenprodukt mit Wiedererkennungswert gemacht, weshalb man mitunter den Eindruck gewinnen könnte, dass Pikachu eigentlich von einer familiengerechten Version des für gewöhnlich vulgären Marvel-Superhelden besessen ist. Das ist sicher gut fürs Marketing – durchaus möglich aber, dass man dadurch einer seit Dekaden beliebten Figur eine fremde Identität übergestülpt hat, auch wenn dieses Problem ultimativ wieder gelöst wird.

 Erzählerisch wird die Aufklärung des Falls um Tims Vater flott, mit viel Action und einigen Wendungen vorangetrieben. Die Geschichte entwickelt sich dabei ein wenig emotionaler, als erwartet, aber leider leisten sich Drehbuch und Inszenierung einige Schnitzer, die den Gesamteindruck trüben. Viel konkreter soll es an dieser Stelle nicht werden, aber in einigen Aspekten widerspricht sich der Film ganz gewaltig und sorgt so für Logikfehler und auch die geografische Verortung von Figuren und anderen Elementen während einer großen Actionsequenz wirkt irritierend und unglaubwürdig. Das sorgt dafür, dass man den Kinosaal mit Kopfkratzen wieder verlässt.

Fazit: „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ liefert eine einzige Parade der drolligen Monster aus Fernost und damit dürften viele Fans schon voll auf ihre Kosten kommen. Erzählerische Schwächen sorgen aber letztendlich für eher gemischte Gefühle nach dem Abspann.

5/10

 

Bildnachweis: Warner

Film-Review: „Avengers: Endgame“

von Joe und Anthony Russo

mit Robert Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson

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Es ist so etwas wie ein ungeschriebenes Naturgesetz: Egal ob Solokünstler oder Band, wenn Musiker erst einmal einige Hits in die Charts gebracht und ihre Karrieren ein paar Jahre auf dem Buckel haben, wird es in aller Regel Zeit für eine kleine Werkschau. Für gewöhnlich firmiert das dazugehörige Projekt als „Greatest Hits“-Album und beinhaltet die tollsten Songs des Acts, mitunter in einer neuen Tonabmischung und oft genug gibt es als zusätzlichen Kaufanreiz noch den einen oder anderen neuen Song, Remix, eine tolle Verpackung oder was auch immer sich die Marketingabteilung sonst so einfallen lässt. Für die Fans ist dann die perfekte Gelegenheit gekommen, über die vergangenen Jahre zu sinnieren und die besten Momente noch einmal aufleben zu lassen. Mit „Avengers: Endgame“, dem heiß ersehnten Höhepunkt und Finale der kürzlich so getauften „Infinity Saga“, bringt Marvel nun gewissermaßen sein eigenes „Greatest Hits“-Album in die Kinos.

Erneut steht die ursprüngliche Konstellation der titelgebenden Superhelden im Mittelpunkt: Nach den Ereignissen aus „Infinity War“ müssen nebst anderen vor allem Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Hulk (Mark Ruffalo), Thor (Chris Hemsworth) und Black Widow (Scarlett Johansson) mit den Folgen von damals ringen. Superfiesling Thanos (Josh Brolin) hat bekanntlich die Hälfte aller Lebewesen im Universum ausgelöscht und zunächst scheint es keinen Weg zu geben, ihre verlorenen Kameraden zurückzuholen. Doch als eines Tages Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) an der Tür klingelt, wendet sich das Blatt…

Die Rächer sind doch schon ein wenig wie eine Band: Jedes Mitglied bringt verschiedene Vorzüge und Eigenheiten in die Gruppe ein, es gibt Soloprojekte und natürlich die Gruppenalben – also die bisherigen „Avengers“-Filme. „Endgame“ stellt aber wie erwartet eine Zäsur innerhalb des MCU dar, nach der nichts mehr so sein wird wie vorher. Da erscheint es schon ganz sinnvoll, dass die Handlung nicht nur vorangetrieben wird, sondern unterdessen auch viel Zeit für mehrere Blicke zurück innerhalb der jetzt elfjährigen MCU-Historie aufgebracht wird – „Spiel’s noch einmal, Sam“ könnte man glatt den Eindruck bekommen, mögen einige Evergreens wieder aufgelegt werden. Zahlreiche Figuren und Stars, die man mitunter mehrere Jahre nicht mehr in dieser Comicwelt gesehen hat, geben sich dann überraschend die Klinke in die Hand für kurze Auftritte und es wird eine Reise durch verschiedene Filme gemacht: Der erste „Avengers“-Film zum Beispiel oder „Guardians of the Galaxy“. Vertraute Gesichter und bekannte Szenen werden zitiert oder mit neuen Blickwinkel präsentiert, was für zahlreiche Déjà-vus beim Publikum sorgen wird.

Das mag in der Summe ein ganz toller Fan-Dienst sein, aber erzählerisch wie dramaturgisch mutiert das Werk der Gebrüder Russo beizeiten zu einem ziemlichen Kuddelmuddel: Bis auf einige kurze Momente ist das gefühlt erste Drittel erstaunlich zurückhaltend und wirkt für Blockbuster-Verhältnisse fast schon wie ein pathetisches Drama, weshalb der hin und wieder eingestreute Humor so fehl am Platz wirkt wie noch nie im Marvel-Universum. Wenn der Plot dann so richtig in die Gänge kommt, kann es ein wenig verworren werden – und fast schon ein wenig willkürlich. Ein Problem, mit dem auch der ansonsten epische und wirklich imposante Showdown zu kämpfen hat.

Das Finale erweist sich dabei nicht nur der großen Auseinandersetzung mit Thanos als würdig, sondern auch dem Marvel Cinematic Universe als solchem: Hier kulminieren bildgewaltig alle vorherigen 21 Filme in einer großen Sequenz, die viel Krach macht, auch inszenatorisch jede Menge zu bieten hat und auch einige Überraschungen parat hält. In diesem Moment ist man fast dazu geneigt, dem Film die vorherigen Makel vollends zu verzeihen, wenn dabei nicht wieder einige neue Fragezeichen aufkommen würden. Da verschwindet dann eine Figur nach kurzem Auftritt für fast die gesamte Laufzeit, nur um dann urplötzlich Deus-ex-Machina-artig zu Hilfe zu eilen, ohne weitere nennenswerte Beiträge zum Gesamtgeschehen. Eine andere wiederum erweist sich plötzlich als so mächtig, dass sie die zuvor erwähnte Figur eigentlich zur Gänze überflüssig machen würde, wenn das Drehbuch sie nur ließe.

Am Ende dürfen dann aber die Taschentücher herausgekramt werden. Die „Infinity Saga“ geht dramatisch zu Ende, der dann einsetzende Pathos ist nach all den Jahren wohlverdient und der Situation nur angemessen. Auch wenn vieles schon auf die Zukunft hinweist, so wird doch erst einmal in „Endgame“ ein Schlussstrich gezogen – konsequenterweise gibt es dann auch, so viel sei verraten, weder eine Mid- noch Post-Credit-Szene.

Fazit: „Avengers: Endgame“ bietet einen nicht ganz runden Weg zu einem imposanten und äußerst emotionalen und ultimativ befriedigenden Finale – das Warten hat sich gelohnt.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Hellboy – Call of Darkness“

von Neil Marshall

mit David Harbour, Milla Jovovich, Sasha Lane, Daniel Dae Kim

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Auf dem Weg zur Pressevorführung von „Hellboy – Call of Darkness“ verrichtete nur wenige Meter vom Kino entfernt ein Vogel just in dem Moment seine Notdurft, als er über den Autor dieser Zeilen flog. Die heimtückische Attacke ging glücklicherweise noch recht glimpflich aus und kann als Streifschuss zu den Akten gelegt werden. Im Nachhinein entpuppt sich dieser kleine Vorfall jedoch als böses Omen, als Vorbote für die Unmengen an filmischen Unrat, die sich nur wenig später von der Leinwand in den Kinosaal ergießen sollten, dass der innere Wunsch laut wird, man wäre doch lieber bis zur Ohnmacht von einem Taubenschwarm bombardiert worden.

Dabei standen die Vorzeichen zunächst einmal gar nicht so schlecht: Mit Neil Marshall („The Descent“) übernahm ein horrorerprobter Spezialist die Regie und er und seine Mitstreiter wurden bis zuletzt nicht müde zu betonen, wie toll das Projekt doch sei und wie brutal doch alles werden würde. Die Besetzung von David Harbour („Stranger Things“) war ebenfalls vielversprechend und Fans haben sehr lange auf einen weiteren Kinoausflug des Titelhelden warten müssen, weshalb diese sicher hochmotiviert den Lichtspielhäusern dieser Welt die Türen einrennen werden, sobald es geht. Was soll da noch schiefgehen?

Zumindest künstlerisch gesehen kann man getrost festhalten: So gut wie alles. Natürlich muss nicht jeder neue Film ein ästhetisches Wunderwerk sein oder den nächsten intellektuellen Diskurs über gesellschaftspolitische Themen lostreten. Seit jeher haben die bewegten Bilder auch unterhalten und es ist vollkommen legitim, wenn ein neuer Filmbeitrag sich dem Vergnügen des Publikums verschrieben hat und es für einige Stunden seinen Alltag und seine Probleme vergessen lässt. Und schließlich kann auch der größte Spaß noch handwerklich meisterlich inszeniert sein. Hin und wieder muss man aber seine Zeit mit einem Machwerk verbringen, das in seinem lauten, desorientierenden, überladenen und hyperaktiven Stumpfsinn die eigenen Synapsen nicht etwa schlafen legt, sondern jede vorhandene graue Zelle gezielt angreift und regelrecht pulverisiert, weshalb man angesichts dieser kolossalen, geistigen Unterforderung doch tatsächlich völlig überfordert nach Antworten sucht.

„Hellboy“ ist so ein Film. Ein Comic-Blockbuster will Marshalls Regiearbeit wohl sein, nach einer bekannten Vorlage und mit vielen Millionen Dollar und noch mehr visuellen Effekten realisiert, die aber den Eindruck eines nur etwa dreistelligen Budgets erwecken. Rechenpower spielt aber nur eine geringe und zumeist auch gar keine Rolle, wenn der Rest der Inszenierung stimmt – aber davon könnte das vorliegende Ergebnis nicht weit genug entfernt sein. Die Kameraführung ist in den Actionszenen durchgängig hektisch und noch chaotischer und verwirrender ist der Schnitt: Zum Beispiel gibt es einen Moment, in dem Hellboy von einer Brücke fällt. Für einen gefühlten Sekundenbruchteil wird dabei auf eine Totale eben dieser Brücke geschnitten, aber in der Kürze erkennt man nicht, wo sich der Protagonist im Bild überhaupt befindet. Der ist nämlich irgendwo am linken Bildschirmrand versteckt (oder doch rechts?), während im Rest des Frames, und besonders in seiner Mitte, nichts geschieht.

Wer sich ein wenig mit Filmen beschäftigt, dürfte vielleicht mitbekommen haben, wie sich Cinephile im Netz über „Bohemian Rhapsody“ aufgeregt haben. In aller Kürze: Der Film über das Leben und Schaffen von Freddie Mercury gewann dieses Jahr unter anderem den Oscar für den Besten Schnitt, obwohl, so zeigen Videos auf, die Qualität in dieser Hinsicht sehr zu wünschen übrig lässt. Eine Dialogszene wird dabei besonders hervorgehoben, da sie mehr Cuts enthält, als eine Actionszene in einem „Transformers“-Film. Furchtbares Filmemachen, so bekommt man den Eindruck – „Hellboy“ jedoch ist zum Bersten voll mit solchen Beispielen. Dann muss man nur noch die schlechte Beleuchtung hinzugeben, die vieles im Dunkeln belässt, und fertig ist die ästhetische Grütze, die einen am Urteilsvermögen der Beteiligten zweifeln lässt – oder an ihrer Dioptrienzahl.

Da hilft es auch nicht, dass ganz am Ende Marshall scheinbar all seine Register zieht und einen bleihaltigen, flotten Pseudo-One-Take präsentiert, zu rockiger Musikuntermalung. Erinnerungen werden wach an die jetzt schon legendäre Kirchenszene aus dem ersten „Kingsman“-Fil, von der man sich ganz offensichtlich inspirieren ließ, man aber zweifelsohne aufgrund genannter Mäkel nur die erbärmliche Billoversion zustandegebracht hat.

„Hellboy“ ist also ein echter Weggucker, der einen auch dann bestraft, wenn man noch gewillt ist, hinzuhören. Denn offenbar hat man Material für gleich drei oder vier Filme in ein einziges Drehbuch gestopft, das wenig verwunderlich gefühlt eine Exposition nach der anderen liefert, in dem Hintergründe noch rasch und wie aus dem Nichts eingeschoben werden und das zusätzlich durch eine hanebüchene, unglaubwürdige, dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung beschwert wird, die nur Ärger als Emotion hervorruft. Dabei wird wunderbar zur Schau gestellt, dass man mit vielen, laut vorgetragenen Worten, noch lange nicht viel ausgesagt und vermittelt hat. Für die an und für sich talentierten Darsteller eine undankbare Aufgabe, daraus etwas zu machen und an der sie letztendlich scheitern.

Gibt es denn überhaupt etwas Positives zu erwähnen? Zum Teufel, ja! Die Masken und manche Creature-Effekte sind dann doch ganz gelungen und wären in einem anderen, echten Horrorfilm wunderbar aufgehoben: So sieht die im Film vorkommende Baba Jaga wunderbar scheußlich aus und ihr an „Der Exorzist“ erinnernde Spider-Walk-artige Gang vervollständigen den schaurigen Anblick. Auch die riesigen Höllenkreaturen, die im Finale die Erdoberfläche betreten, sehen designtechnisch spannend aus und richten dabei ein herrliches Blutbad an, das die Herzen von Gorehounds schneller schlagen lässt. In diesem einen Punkt hat man auch seine Versprechen gehalten, denn in „Hellboy“ fliegen die (CGI-)Fetzen wie schon lange nicht mehr auf der großen Leinwand. Aber leider, leider ist man nicht daran interessiert, genau diese Monster oder die an sich furchteinflößende Bedrohung, die sie darstellen, wirklich ernstzunehmen und ihnen den gebührenden Platz einzuräumen. So ist der Showdown schnell wieder vorbei, so wie er angefangen hat – und das kann man auch von „Hellboy“ insgesamt als potenzielle Filmreihe sagen. Was bleibt da also noch zu sagen?

Fazit: „Hellboy“ ist ein höllisch schlechter Film und wer sich den Eintritt spart, tut sich nicht nur selbst einen Gefallen, sondern auch allen anderen –  auf dass uns eine Fortsetzung erspart bleiben möge.

2/10

 

Bildnachweis: Universum Film