Film-Review: „Light Of My Life“

Regie: Casey Affleck                                                                                                                                              mit Casey Affleck, Anna Pniowsky, Elisabeth Moss

BBP LOML - MO

Ein Mann und ein Kind liegen in einem Zelt zusammen. Er versucht spontan eine Geschichte zu erzählen und beginnt sie mit einer Füchsin, driftet dann aber immer mehr ab und am Ende geht es um den Freund der Füchsin und die Arche Noah.

Es ist eine lange Sequenz in wenigen Einstellungen, die „Light Of My Life“ eröffnet, dem neuen Film von und mit Casey Affleck, der zusätzlich noch produzierte und das Drehbuch schrieb. Schnell wird etabliert, dass der Mann Vater des Kindes ist, das sich als Mädchen entpuppt und aufgrund der vorherrschenden, postapokalyptischen Umstände als Junge ausgeben muss. Denn eine verheerende Krankheit hat fast die gesamte weibliche Bevölkerung auf der Erde ausgelöscht und übrig sind nur noch ein Haufen Männer, die die Welt noch mehr ins Chaos gestürzt haben und die schon bei der Vorstellung eines weiblichen Geschöpfes zur Bedrohung werden.

Was sie konkret mit den wenigen verbliebenen Frauen machen, wird nur flüchtig angedeutet, aber es klingt mindestens nach Gefangenschaft, vielleicht sogar schlimmer. Viel konkreter wird Afflecks Skript in der Hinsicht nicht mehr, Fragen bleiben unbeantwortet, aber viel mehr ist auch nicht nötig. Die Prämisse an sich ist schon überdeutlich und im Anbetracht aktueller Geschehnisse und Strömungen eine zeitgemäße Variation des Endzeit-Thrillers. Ob wohl Affleck aber mit diesem Film beweisen möchte, dass er definitiv auf der richtigen Seite steht? Sein Werk nimmt ganz klar die Position ein, dass es ohne Frauen nicht geht und dass eine männliche Gesellschaft, so wird nahegelegt, in einen prä-zivilisatorischen Zustand verfällt. Eine simple Botschaft, die heute auf offene Arme stoßen sollte, aber auch von ihm? Schließlich sah sich der Oscarpreisträger (als Bester Hauptdarsteller für „Manchester By The Sea“) in der Vergangenheit Vorwürfen der sexuellen Belästigung ausgesetzt, denen er vehement widersprach, wobei er auch Unterstützung von anderen Frauen, die mit ihm gearbeitet haben, bekam.

Die Angelegenheit wurde außergerichtlich geklärt, wie genau weiß man nicht, aber ohne jeden Zweifel nahm seine öffentliche Persona Schaden. Als Brie Larson ihm den Oscar überreichte, applaudierte sie nicht, ihre Entscheidung „sprach für sich selbst“. Wegen der anhaltenden Kritik sah sich Affleck unter anderem dazu genötigt, auf die darauffolgende Oscarverleihung zu verzichten – dabei überreichen traditionellerweise die Vorjahresgewinner die Trophäen an die neuen.

Im Anbetracht dieser Historie und der Tatsache, dass all dies gefühlt erst gestern geschah, fällt es schwer, „Light Of My Life“ vollkommen losgelöst davon zu betrachten. Bei einer Pressekonferenz in Berlin betonte er, dass seine Regiearbeit „keine direkte Antwort auf #MeToo“ und die Vorwürfe gegen sich selbst sei – dann eben eine indirekte. Der Thriller sei ja definitiv schon davor erdacht worden, aber schon seit 2010 bekam er erste Probleme diesbezüglich. Hilft alles nichts, Casey, dein neuer Wurf wird trotzdem durch dieses spezifische Prisma betrachtet. Der Film mag ein düsteres Zukunftsbild zeichnen, das Statement aber ist durchaus positiv. Frauen, so scheint Affleck durch sein Skript in die Welt hinauszubrüllen, sind das Kostbarste im Leben eines Mannes, auch in der hier dargestellten Vater-Tochter-Konstellation. Eine Sichtweise, die schon im Titel beginnt und sich auch in der Erzählung niederschlägt in vielen lauteren wie leiseren Momenten, in denen der von Affleck gespielte Vater sich auch den Herausforderungen der Erziehung an sich stellen muss. Der Star liefert dabei eine formidable Darbietung ab, sein junger Co-Star Anna Pniowsky ist ebenfalls sehenswert, die Chemie zwischen beiden ist stimmig.

Auch handwerklich überzeugt „Light Of My Life“ auf ganzer Linie: Kameramann Adam Arkapaw („True Detective“, „Macbeth“) findet reichlich atmosphärische Bilder, die den Film visuell veredeln, die Musik ist niemals aufdringlich, sondern stets effektiv. Das Erzähltempo ist gemächlich, der Tonfall über weite Strecken leise, aber zwischendurch und gerade am Ende gibt es Spannungsmomente, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Kombination von einem Erwachsenen und einem Kind in einer unwirtlichen Welt ist aber natürlich eine altbekannte Trope und weckt Erinnerungen an Titel wie „The Road“ oder Videospiele wie „The Last Of Us“. In diesem Aspekt ist der Film durch und durch ein typischer Vertreter seines Genres – aber ein sehr ansehnlicher.

Stellt sich jetzt nur noch die Frage, ob das Publikum genau diese Geschichte mit diesem Thema von genau diesem Filmemacher akzeptieren wird oder nicht. Casey Affleck hat nun künstlerisch einen Schritt auf all jene gemacht, für die seine Vergangenheit eine Rolle spielt und es liegt bei ihnen zu entscheiden, ob sich „Light Of My Life“ als eine Form der Wiedergutmachung eignet und als  (ungewollter?) filmischer Beitrag zu den aktuellen, feministischen Zeiten qualifiziert. Alle anderen erfreuen sich an einem gekonnt durchexerzierten Thriller-Drama.

7/10

 

Bildnachweis: BBP LOML

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Film-Review: „Alita: Battle Angel“

Regie: Robert Rodriguez
mit Rosa Salazar, Christoph Waltz, Mahershala Ali, Jennifer Connelly

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Bereits einige Male hat sich die Traumfabrik eines Mangas angenommen, um daraus einen Kinofilm zu produzieren. Doch ob nun beispielsweise „Dragonball Evolution“ oder „Ghost in the Shell“, viele konnten weder die Fans der Vorlagen noch die Kritiker für sich begeistern. Den Kopf in den Sand stecken möchte man aber in Hollywood offenbar noch nicht und deswegen beehrt „Alita: Battle Angel“ die Leinwände. Dafür verantwortlich waren James Cameron und Jon Landau als Produzenten, die gemeinsam mit „Titanic“ und „Avatar“ immerhin die zwei erfolgreichsten Filme aller Zeiten zu verantworten haben. Auf dem Regiestuhl nahm wiederum Robert Rodriguez („Sin City“, „From Dusk Till Dawn“) Platz, der für Cameron übernahm, weil dieser zu sehr mit den „Avatar“-Fortsetzungen beschäftigt ist. Ob ihr gemeinsames Projekt endlich eine gute Mangaverfilmung hervorgebracht hat?

Das 26. Jahrhundert: Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) durchkämmt eine riesige Mülldeponie und stößt dabei zufällig auf den Kopf und den Torso eines Roboter-Mädchens, das er anschließend zusammenflickt und Alita tauft. Nachdem sie aufgewacht ist, fehlt ihr jede Erinnerung an ihr früheres Leben, aber schon bald muss sie auf äußerst unsanfte Art erfahren, dass in ihr in Wahrheit eine wahre Killermaschine steckt. Ihre Fähigkeiten erregen die Aufmerksamkeit von Kopfgeldjägern und Schergen, die sie für sich nutzen wollen…

Man kann nicht über „Alita: Battle Angel“ schreiben, ohne auch auf ihre überdimensional groß wirkenden Augen einzugehen. Der sicher für viele äußerst gewöhnungsbedürftige Look wurde kreiert, um sich vor dem traditionellen Stil der japanischen Comics zu verbeugen. Das mag per se eine löbliche Entscheidung gewesen sein, stellt sich allerdings auch als zweischneidiges Schwert heraus: Denn in Mangas und Animes (japanischen Trickfilmen) kommt es für gewöhnlich zu keinem stilistischen Bruch im Design einer einzigen Figur. Bei „Alita“ hingegen besteht durchaus eine Diskrepanz zwischen den Sehorganen der Titelheldin und dem ansonsten fotorealistisch zum Leben erweckten Rest des Körpers. Anders als zum Beispiel Caesar aus den „Planet der Affen“-Prequelfilmen, wo der Affe einheitlich erscheint, ziehen Alitas Augen stets alle Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich, was mitunter zur Ablenkung gerät.

Man muss zumindest zugutehalten, dass die Hauptfigur und insbesondere ihre Äuglein technisch sehr gut umgesetzt wurden, doch obwohl man während der circa 130 Minuten viel Zeit damit verbringt, tief in sie hineinzuschauen, so verbirgt sich dahinter leider keine zur Genüge ausgearbeitete Figur mit Seele. Großen Anteil an diesem Problem hat die Erzählung, denn es vergeht gefühlt kaum Zeit, ehe der Plot an Fahrt aufnimmt. Schnell werden Konflikte und Gefahren ersichtlich, die fortan den Film und die Figuren bestimmen, dazwischen eingestreute ruhigere Momente wirken nur pflichtschuldig eingebaut und erzeugen aufgrund ihres fehlenden, emotionalen Gewichts nur ein Gefühl von Abgedroschenheit. Kontext und ein Gefühl für Raum und Zeit werden ebenfalls nur sporadisch und eher unzureichend geliefert: Schnell verkommt die futuristische Stadt, in der die Story größtenteils spielt, zur bloßen Kulisse, Hintergründe zu dem Warum und Wie des Status Quo werden spärlich oder gar nicht geliefert.

Alita wird dabei nur geringfügig als die etabliert, die sie für den Rest des Films sein soll: Eine Teenager-Seele mit ganz eigenem Kopf, die nach einem jahrhundertelangem Tiefschlaf in einer ihr völlig neuen Welt erwacht. Doch für jemanden, der weder Orangen noch Schokolade kennt, navigiert sie allzu schnell viel zu souverän durch ihre Umgebung und scheint deshalb noch sehr viel von dieser zu verstehen. Das „Fish out of water“-Prinzip stößt in seiner Glaubwürdigkeit schon früh an seine Grenzen. Klar, sie ist ein Cyborg, in dem extreme Fähigkeiten und sicher auch Instinkte schlummern. Damit wird aber nur die Action legitimiert, ihre Handlungsmotivation wird aber eher verwässert. An einem Punkt heißt es nämlich, dass ihr früheres Leben sie darauf getrimmt hat, Konflikte zu suchen – schließlich ist sie eine wandelnde Kampfmaschine. Zugleich wird sie als impulsiver, leichtsinniger, risikofreudiger Teenie porträtiert. Wenn sie also mit großer Klappe einen Raum voller Kopfgeldjäger herausfordert, fragt man sich aber, ob hier die zum Kampf ausgebildete Kriegerin spricht oder eben doch nur das Kind in ihr. In solchen Momenten wirkt ihr Charakter seltsam unauthentisch, da nicht klar ist, warum genau sie so handelt.

Die übrigen Figuren bleiben ebenfalls blass: Die Oscarpreisträger Mahershala Ali und Jennifer Connelly agieren hölzern, haben allerdings auch nichts zum Spielen vom Drehbuch in die Hand bekommen und auch Keean Johnson als Alitas Love Interest Hugo bleibt vollkommen glatt und uninteressant. Aus dem Ensemble tut sich da noch am ehesten Christoph Waltz positiv hervor, der ausnahmsweise mal eine, gemessen an seinen sehr exzentrischen Rollen wie in „Django Unchained“ oder „Big Eyes“, zurückgenommene und sympathische Darbietung abliefert. Doch auch er kann diesen Film nicht retten, der auch in punkto Action nichts zeigt, was man nicht schon vorher oft genug so ähnlich gesehen hat: Lupenreine, klinisch sterile CGI-Prügeleien, die nur noch von den schwindelerregenden futuristischen Ballsportmatches unterboten werden. Als Sahnehäubchen gibt es noch ein Ende, das viele Fragen unbeantwortet lässt und mit seiner Hybris verärgert – mehr sei jetzt nicht weiter verraten.

Fazit: Wäre doch „Alita: Battle Angel“ auf dem Schrottplatz geblieben.

4/10

Film-Review: „Mid90s“

Regie: Jonah Hill
mit Katherine Waterston, Lucas Hedges, Sunny Suljic

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Als Rezensent oder Kritiker eines Films sollte man es doch gemeinhin besser wissen und das zu besprechende Werk möglichst mit einem von Fachwissen geprägten Abstand betrachten, um ihm gerecht zu werden. Emotionen, die man beim Schauen gespürt hat, wollen anschließend in Worte gefasst und genauestens reflektiert werden und extrem banal ausgedrückt wollen Empfinden und Urteil ausführlich formuliert werden. Doch am Ende des Tages haut auch nur ein Mensch in die Tasten und manchmal wird man dann von Gefühlen regelrecht überwältigt, dass die kritische Distanz den Hut nehmen muss. Bei „Mid90s“, dem Spielfilm-Regiedebüt von Schauspielstar Jonah Hill, wird es extrem nostalgisch, womit er durchaus in Zeiten von allgemeiner Retro-Begeisterung, die 80er zitierende Serien wie „Stranger Things“ oder 90er-Jahre-Partys den (Hipster-) Nerv voll treffen wird.

Die 90er: Der 13-jährige Stevie (Sunny Suljic) wächst mit seiner alleinerziehenden Mutter (Katherine Waterston) und seinem Bruder (Lucas Hedges) auf. Es ist die goldene Ära im HipHop, die Hosen werden Baggy und damit tief und weit getragen und die Jugend rollt auf Skateboards durch die Gegend, auf alle Regeln pfeifend, während sie ihre ganz eigenen aufstellt. Stevie möchte dazugehören und auch mit den coolen Kids herumhängen. Langsam freundet er sich mit einer Gruppe Jungs an. Erst bekommt er einen Spitznamen verpasst, dann folgt das erste richtig gute Rollbrett – und ab dafür. Für Stevie eröffnet sich eine neue Welt der Anerkennung und der ersten sexuellen Erfahrungen. Aber als Heranwachsender sind die Grenzen noch nicht klar definiert und Stevie wird sie früher ausloten müssen, als ihm lieb ist…

Von der allerersten Sekunde an wird klar, dass „Mid90s“ sich nicht einfach nur damit begnügt, die 90er anhand zahlreicher Referenzen wieder aufleben zu lassen. Das Bildformat ist 4:3, gedreht wurde ausschließlich auf 16mm und selbst der Ton klingt mehr nach guten altem Stereo als nach modernstem Dolby Atmos. Alleine technisch wirkt der Film deshalb mehr wie eine wieder entdeckte Privataufnahme, die Jahre im Keller oder auf dem Dachboden vor sich hinschlummerte, als wie eine professionelle Filmproduktion. Natürlich fehlen aber auch alle notwendigen Memorabilia nicht, um die dargestellte Zeit definitiv als die 90er zu etablieren: Gleich zu Beginn betritt Stevie das Zimmer von Bruder Ian, an den Wänden hängen zahlreiche Poster von Rap-Acts aus der Zeit wie dem Wu-Tang Clan oder Mobb Deep, in den Regalen sind die klassischen Alben in CDs aufgereiht. In anderen Szenen wird wahlweise auf dem Super Nintendo oder der uralten Sony Playstation gezockt, der Kleidungsstil und die Marken passen zur Dekade.

Man muss aber dazu erwähnen: Das sind die „coolen“ 90er, die, die man damals erlebte, wenn man die entsprechenden Interessen hatte und den dazugehörigen Geschmack in punkto Musik, Mode, Lifestyle. Von den Backstreet Boys und den Spice Girls fehlt jede Spur, auch Techno erklingt nirgendwo und erst recht nicht „Barbie Girl“ – stattdessen ganz programmatisch „93 til Infinity“ von den Souls of Mischief oder „Liquid Swords“ von GZA/Genius zu Ollies, Kickflips oder Crooked Grinds. Wer also schon damals nicht dazu gehörte, wird „Mid90s“ möglicherweise „nur“ als akkurates Abbild von damals gepaart mit einer Coming-of-Age-Geschichte wahrnehmen. Und das wäre ja an sich auch schon vollkommen ausreichend.

Aber wer diese Zeit aktiv durchlebt hat und sich auch mit der dargestellten, zugegebenermaßen recht spezifischen Szene identifizieren kann, muss sich beim Kauf eines Kinotickets auf etwas gefasst machen: Der Look und die Sounds packen einen gleich zu Beginn fest an den Schultern und zerren den Zuschauer in diese Zeitkapsel, aus der es für die folgenden 85 Minuten kein Entrinnen gibt – Nostalgie ist eben ein wirklich mächtiges Gefühl.

Die oberflächlichen Flashbacks sind aber nur die halbe Miete, denn trotz alledem muss eine Geschichte erzählt werden. Diese mag eigentlich nicht besonders herausragend anmuten, aber Hill tat gut daran, diese mit Blick auf seinen jungen Protagonisten einfühlsam und nuanciert voranzutreiben. Und hier setzt die nächste, weitaus stärkere Nostalgiestufe ein – zumindest für den Autor dieser Zeilen: Seine wahre Wirkung entfaltet „Mid90s“ nämlich nicht im bloßen Wiedersehen und Wiedererkennen, sondern vor allem im Wiedererleben.

Die Schüchternheit, mit der Stevie an die coolen Jugendlichen herantritt und die leise Hoffnung, von ihnen bemerkt, akzeptiert und aufgenommen zu werden, das spürbare High, wenn man sich seine Sporen so langsam verdient, auch die Prügeleien mit dem älteren Bruder, der Leichtsinn, der zutage tritt, wenn man sich und anderen etwas beweisen will – Hill erzählt von einem Leben, das auch andere genauso in jungen Jahren gelebt haben dürften. Es geht nicht einzig nur darum, Vergangenes authentisch zu zeigen, das alleine reicht nicht. Aber die Kombination der Retro-Darstellung mit einem innig spürbaren Gefühl für die eigenen prägenden Jahre sorgt für emotionale Vertrautheit, als wäre man nach all den Jahren des Erwachsenseins wieder zurück zu seinen Wurzeln heimgekehrt. Das macht „Mid90s“ besser als vergleichbare Werke in Film und Fernsehen: Hills Film zitiert sich nicht einfach durch eine Dekade, er fühlt sich wirklich wie ein Artefakt dieser Zeit an.

Da kann man dann auch verschmerzen, dass inbesondere Katherine Waterston und Lucas Hedges als Nebenfiguren ultimativ verschenkt und unterentwickelt bleiben. In ihren Szenen überzeugen sie, aber es sind nicht sehr viele und ihre Konflikte mit dem von Sunny Suljic gespielten Stevie werden gar nicht weiter aufgelöst. Hier war durchaus Potenzial, aber andererseits macht Hill nie einen Hehl daraus, dass die Geschichte fast ausschließlich aus den Augen von dem kleinen Hauptprotagonisten erzählt wird – und dem sind nun einmal seine Freunde und Skatboarding gerade sehr viel wichtiger als seine eigene Familie.

Fazit: „Mid90s“ ist eine nicht nur kosmetisch, sondern auch emotional authentische Reise zurück in eine ganz besondere Zeit.

8/10

 

Bildnachweis: MFA

Film-Review: „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“

Regie: Dean DeBlois

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Der dritte Teil einer Trilogie, so die weit verbreitete Annahme, ist immer der schwächste. In der Tat gibt es zur Genüge Fimreihen, auf die das tatsächlich zutreffen mag, doch ebenso hat die Geschichte auch zahlreiche Gegenbeispiele hervorgebracht: „Der Herr der Ringe“ dürfte da als modernes Vorzeigeexemplar gelten, die „Planet der Affen“-Prequelfilme wurden ebenfalls hochgelobt und auch im Animationsfilmsektor galt lange Zeit „Toy Story 3“ als der krönende Abschluss eines wegweisenden Franchises in diesem Bereich – bis „Toy Story 4“ angekündigt wurde. Kommerziell durchaus erfolgreich, wenn auch im Vergleich zur Konkurrenz von Disney, Pixar oder den „Minion“-Machern sträflich unterschätzt, sind die „Drachenzähmen leicht gemacht“-Filme. Zwei Kinofilme umfasste bislang die Marke und nun wird auch sie mit „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“ zu einer Trilogie abgeschlossen. Die hohen Erwartungen werden dabei gänzlich erfüllt – das dritte Abenteuer von Hicks und Ohnezahn bildet den perfekten Abschluss einer Reise, die vor neun Jahren ihren Anfang nahm.

Einige Zeit ist schon ins Land gezogen, seitdem Hicks zum neuen Oberhaupt von Berk gekürt wurde. Seitdem hat er unermüdlich daran gearbeitet, noch mehr Drachen zu sich zu holen, damit diese mit den Menschen friedlich zusammenleben können. Dass seine Heimat aus allen Nähten zu platzen und im Chaos zu versinken droht, ist da nur ein kleiner Teil der vielen Probleme. Für ihn und Astrid könnte schon bald der nächste Schritt in ihrer Beziehung bevorstehen und auch Ohnezahn erlebt zum ersten Mal so etwas wie Frühlingsgefühle. Zu allem Überfluss jedoch taucht mit Grimmel eine neue Bedrohung auf, denn der hat alle Nachtschatten auf dem Gewissen und ist darauf erpicht, sein tödliches Werk mit Ohnezahn zu vollenden…

Man mag es kaum glauben, wie viel mehr neue Rechenpower die verschiedenen Studios Jahr für Jahr für ihre computeranimierten Filme aus dem Hut zaubern, aber auch bei „Drachenzähmen 3“ wurde technisch noch einmal ein ganzer Brocken im Vergleich zum Vorgänger draufgelegt. Die Fülle an Details ist geradezu überbordend und in vielen Szenen sind so viele große wie kleine Elemente innerhalb des Frames vorhanden und in Bewegung, dass man manchmal überall gleichzeitig hinschauen möchte. Bei Projekten dieser Größenordnung und mit Produktionsbudgets jenseits der 100 Millionen ist das nichtsdestotrotz zu erwarten.

Aber kann die technische Versiertheit letztendlich auch gewinnbringend eingesetzt werden? Oh ja, durchaus. Besonders profitieren dabei die Figuren selbst, denn ihre mimische Ausdrucksfähigkeit scheint weiter verbessert worden zu sein, wodurch subtilere, wortlose Gesten und Nuancen in der Mimik sichtbar zum Vorschein gebracht werden können, was letztendlich auch der Erzählung und der Vertiefung der Figuren nur zugutekommt. Inszenatorisch lassen sich Regisseur Dean DeBlois und sein Team auch nicht lumpen und dafür konnten sie zum dritten Mal auf das Talent von Oscarpreisträger Roger Deakins als visueller Berater bauen. So familienfreundlich alles auf den ersten Blick aussehen mag, die Farbpalette wirkt niemals zu bunt und knallig, sondern der Zeit und Thematik angepasst und die fein gestalteten und gerahmten Bilder werden oft genug in stimmiges Licht eingetaucht, so dass der dritte „Drachenzähmen“-Film schlichtweg eine ganze Spur edler und geschmackvoller aussieht als der Großteil der Konkurrenz. Als Sahnehäubchen gibt es zu Anfang noch eine längere Einstellung, in der ohne Schnitt die Action abgeht!

Doch was die Reihe schon immer von anderen abhob, und was hiermit nur weiter zementiert wird, ist die emotionale Tiefe. Ja sicher, es gibt auch jede Menge größere wie kleinere lustige Momente, doch niemals driftet das Geschehen in puren Klamauk oder in Hysterie ab. Und auch die Anbiederung an die Popkultur mittels Meta-Humor und Referenzen oder bissige Kommentare zum Zeitgeist allgemein, wie man sie immer öfter bei anderen Animationsfilmen sieht, finden erfrischenderweise nie statt. Dadurch mögen die einzelnen Teile inhaltlich zunächst nicht sehr innovativ und vielmehr traditionell erscheinen, aber das wird durch behutsam und geduldig aufgebaute Beziehungen mehr als wieder wettgemacht – so auch in „Die geheime Welt“.

Konsequent werden Hicks, Ohnezahn und die anderen weiterentwickelt, wodurch sich neue, persönliche Herausforderungen ergeben, deren Bewältigung in vielen leisen und rührenden Momenten verhandelt werden. Dass man mittlerweile beim dritten Film angelangt ist, zahlt sich jetzt auch in der Hinsicht vollends aus: Als Zuschauer hat man diese Reise mit den Figuren begonnen, sie ins Herz geschlossen, und wenn sich nun das Ende abzeichnet, kommt man nicht drumherum, beinahe während der gesamten Laufzeit einen dicken Kloß im Hals zu verspüren. Taschentücher sollten vorsichtshalber definitiv beim Kinobesuch griffbereit sein!

Der Weg zum krönenden Abschluss, bei dem sicher alle Dämme brechen werden, ist erzählerisch jedoch ein klein wenig holprig geraten. Ruhige wie romantische Szenen und Sequenzen bekommen alle Zeit der Welt, um ihre visuelle Schönheit und emotionale Wirkung voll zu entfalten und funktionieren dahingehend einfach perfekt – und das ist ganz klar das Wichtigste. Trotzdem muss nebenher auch ein Plot vorangetrieben werden, in dessen Zentrum wieder einmal ein Bösewicht steht. Der ist das mit Abstand schwächste Element im Film, denn seine Motivation wird nie klar herausgearbeitet und leider fehlt ihm auch das nötige, sinistere Charisma, um ihn wirklich im Gedächtnis zu behalten.

Grimmel ist jedoch leider extrem austauschbar und blass und wirkt nur wie ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte in Gang zu halten. Dessen Auseinandersetzungen mit den Drachenreitern wirken dramaturgisch manchmal ein wenig beliebig und der große Showdown, so toll er auch inszeniert sein mag, fühlt sich ein wenig zu gehetzt an, als wolle man das schnell abhaken. Der richtige Rhythmus kommt dem Werk da ein wenig abhanden.

Das ist allerdings direkt im Anschluss sofort wieder vergessen, wenn sich der Kreis zum ersten Teil schließt und Fans dann endgültig von ihren geliebten Figuren Abschied nehmen müssen. Was bleibt ist die Erinnerung an eine der besten Filmtrilogien der letzten zehn Jahre und sicher die beste Hollywood-Animationsfilmreihe seit „Toy Story“.

Fazit: „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“ ist ein würdiger, hochemotionaler und äußerst zufriedenstellender Abschluss, bei dem kein Auge trocken bleibt.

8/10

Die besten Filme 2018

Seien wir doch mal ganz ehrlich, Leute: Sobald eine Liste mit einer solchen Überschrift im Netz auftaucht, scrollen doch die meisten eh direkt zu den Zwischenüberschriften und der Auflistung der Lieblingsfilme des jeweiligen Autors, um sich Inspiration zu holen oder um dessen Meinung mit der eigenen abzugleichen. Und schreibt man denn nicht eh jedes Jahr essenziell immer wieder das Gleiche? „Das Kinojahr xyz war so und so gut.“ Na gut, ein wenig eloquenter geht es bei meinen geschätzten Freunden und Kollegen sicher zu – aber ich oute mich mal eben als zu faul, um das große Ganze adäquat in eigene Worte zu fassen. Hervorgehoben seien lediglich wie immer die Berlinale, die mich wieder einmal äußerst verzückte und das Filmfest Hamburg, dem ich dieses Jahr erstmals beiwohnen durfte und das mir die Gelegenheit bot, „Roma“ auf der großen Leinwand zu sehen und Jamie Lee Curtis live im Saal zu erleben.

Und überhaupt: Mein Umzug nach Hamburg tat meiner Kinofrequenz kaum einen Abbruch und am Ende stehen satte 196 Besuche auf dem Konto – mögen es 2019 mehr werden! Aber nun genug geschwafelt, hier sind meine besten Filme 2018!

Honorable Mentions:

Ich möchte mich zwar auf eine Top 10 beschränken, aber nichtsdestotrotz auch einer Reihe Filmen meine Aufmerksamkeit schenken, die ich trotzdem für absolut sehenswert halte.

Der „The Eyes Of My Mother“-Gedächtnispreis für schwarz-weiße-Kinomagie

2017 habe ich die kleine, schwarz-weiße Horrorperle „The Eyes Of My Mother“ zu meinen persönlichen Liebling des Jahres gekürt und da auch das Kinojahr 2018 eine Handvoll sehr sehenswerte Beiträge mit nur zwei Farben hervorgebracht hat, seien diese nachfolgend extra in beliebiger Reihenfolge erwähnt:

november-drop-out cinema„November“ (Bildnachweis: Drop-out Cinema)

„Der Hauptmann“
„Roma“
„November“
„Minatomachi“
„Leto“

Festival-Entdeckungen

Hier soll es in erster Linie um Werke gehen, die ich dieses Jahr auf Filmfesten entdeckt habe und die noch nicht regulär in deutschen Kinos herausgebracht wurden. Darunter sind Filme, die es unter anderen Umständen definitiv weit oben in die Bestenliste geschafft hätten und welche, die es 2019 noch schaffen können!

Der Einfachheit halber werden die englischen, internationalen Titel verwendet.

mirai.-studio chizu„Mirai“ (Bildnachweis: Studio Chizu)

Berlinale
„What Walaa Wants“
„Tower. A Bright Day.“
„Generation Wealth“ (Kinostart: 31.1.2019)
„The Best Thing You Can Do With Your Life“
„Fake Tattoos“
„Les Rois Mongols“

Fantasy Filmfest
„The Dark“

Filmfest Hamburg
„Mirai“
„The Favourite“ (Kinostart: 24.1.2019)
„Wildlife“ (Kinostart: 11.4.2019)

Sonstige

„Paddington 2“, „Die Verlegerin“, „Die dunkelste Stunde“, „Zentralflughafen THF“, „I, Tonya“, „A Quiet Place“, „The Death Of Stalin“, „Hereditary“, „Transit“, „Lady Bird“, „The Rider“, „Die Unglaublichen 2“, „BlacKKKlansman“, „Ava“, „Searching“, „Girl“, „Mandy“, „Suspiria“, „Bumblebee“, „Spider-Man: A New Universe“, „The Breadwinner“, „Annihilation“

10 – The Night Comes For Us

the night comes for us - netflix(Bildnachweis: Netflix)

Los geht’s mit einer Netflix-Perle für wirklich Hartgesottene: „The Night Comes For Us“ bringt die „The Raid“-Stars Iko Uwais und Joe Taslim wieder zusammen und gemeinsam definieren sie Filmgewalt völlig neu. Grandiose Kampfkunst trifft auf ungebrochene, ultrabrutale Intensität, die den Verstand völlig überfordert – angesichts der andauernden Durchlöcherungen, Verstümmelungen und sonstigen Misshandlungen des menschlichen Körpers, wusste mein Hirn nicht anders darauf zu reagieren als mit psychopathischem Gekicher und Gelächter.

9 – It Comes At Night

Imágenes "Llega de noche"(Bildnachweis: Diamond Films)

Ein Film muss sich nicht selbst erklären, um wirklich faszinierend zu sein, auch wenn dieser Umstand viele frustrieren kann. „It Comes At Night“ ist ein gutes Beispiel dafür, konnte ich doch vielerorts vernehmen, dass der Horrorfilm deswegen nicht gut ankam, weil er zu viele Fragen offen lässt. Aber manchmal geht es eben nicht um das Offensichtliche „It“ im Titel, sondern vielmehr um das, was es mit den Protagonisten macht. So macht hier kein mysteriöses Monster Jagd auf seine Opfer – jedenfalls keines, das man sehen könnte . Stattdessen dominiert eine vollkommen beklemmende, rätselhafte Stimmung der permanenten Bedrohung, die sich über das kleine und erlesene Ensemble und auch auf den Zuschauer legt. Kammerspielartiger Grusel in äußerst atmosphärischen Bildern, der einen deshalb so beunruhigt, weil man nicht weiß, woher die Gänsehaut genau kommt.

8 – Utøya 22. Juli

utoya - weltkino(Bildnachweis: Weltkino Filmverleih)

Der Terroranschlag vom 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya, dem zahlreiche junge Menschen zum Opfer fielen – ungeschnitten, in einer einzigen, langen Einstellung gefilmt. Ein schockierendes Kinoerlebnis, das 2018 seinesgleichen suchte und Kritiker überall zutiefst spaltete. Muss das denn sein, darf man das überhaupt? Meine Antwort: Ja, unbedingt. „Utøya 22. Juli“ ist ein heftiger Schlag in die Magengrube, der die Erinnerungen an das schreckliche Ereignis kraftvoll ins eigene Bewusstsein zurückholt.

7 – The Florida Project

florida project- prokino(Bildnachweis: Prokino)

Die kleine Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Freunde sind, zu meiner eigenen Überraschung, keine nervigen Quälgeister, sondern in ihrer ungebändigten kindlichen Naivität, Fröhlichkeit, Frechheit und Fantasie ungemein ansteckend. Doch so sehr ihre Abenteuer für Heiterkeit sorgen und die Farben knallbunt erscheinen mögen, so wirkt doch zu keiner Sekunde der Blick auf die sozial Schwächeren in den USA und deren alltäglichen Probleme romantisierend oder gar verfälscht. Regisseur Sean Baker hat ein authentisches Porträt vom Leben am unteren Ende der Gesellschaft auf die Leinwand gehievt, mit tollen Darstellern, von denen aber der grandiose Willem Dafoe ganz besonders hervorsticht.

6 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

three billboards - fox(Bildnachweis: Fox)

Womöglich das Meisterstück von Filmemacher Martin McDonagh, der sich schon zuvor mit „7 Psychos“ und ganz besonders „Brügge sehen…und sterben?“ zu einem der besten der Branche gemausert hat, wenn es um pechschwarzen Humor und zutiefst fehlerbehaftete Figuren mit dem Herz am rechten Fleck geht. Sein Ensemble um die famose Frances McDormand läuft zu absoluten Höchstleistungen auf und selten wurden Witz und Tragik so perfekt miteinander verwoben wie hier.

5 – Thelma

thelma - le pacte(Bildnachweis: Le Pacte)

Ein edel bebildertes, atmosphärisches Coming-of-Age-Rätsel aus dem Norden, das von einem Mädchen mit übernatürlichen Fähigkeiten erzählt, sich an Teeniefilm- wie an Thriller- und Horrorelementen bedient und auch christlich-religiöse Lesarten zulässt. Ein spannender Mix, der beweist, wie das europäische Arthouse-Kino mit Superkräften umgehen kann – intim, symbolbehaftet, aber nicht weniger aufregend als die Materialschlachten, die sonst die Leinwände zum Beben bringen. Die anschließende, angeregte Diskussion mit meinem damaligen FILMSTARTS-Kollegen Tobias Mayer rundeten den Kinobesuch für mich ab.

4 – Vollblüter

THOROUGHBREDS(Bildnachweis: Focus Features)

Eine wirklich coole Sau von einem Film! Mit Anya Taylor-Joy und Olivia Cooke spielen zwei der derzeit spannendsten Jungdarstellerinnen Hollywoods die Hauptrollen in diesem fiesen, kleinen Teenie-Thriller voll schicker, langer Einstellungen und scharfen Dialogen, der nicht mit dunklem Humor geizt und eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass es manchmal weitaus grausamer ist, die Gewalt der Fantasie des Zuschauers zu überlassen, als diese wirklich zu zeigen. Hat das Zeug zum Kult!

3 – Climax

4779191.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx(Bildnachweis: Wild Bunch)

Gaspar Noé ist zurück und wie: Nachdem er sich mit seinem spärlichen Kino-Output zu einem der ganz großen Provokateure und Grenzüberschreiter des Kinos etabliert hat, durfte man gespannt sein, was für einen Wahnsinn er sich denn dieses Mal ausgedacht hat. „Climax“ ist dabei sein wohl bislang zugänglichstes Werk geworden, in dem die wummernden Technobässe die Tonspur dominieren und die im Mittelpunkt stehende Tanzgruppe einen ununterbrochenen Flirt der kinetischen Energie mit der zunehmend entfesselten Kamera von Noés Stammkameramann Benoît Debie eingeht. Trotzdem enttäuscht der Film nicht als typisches Werk im Schaffen des Regisseurs, denn der Abstieg in den menschlichen Wahnsinn wartet gleich im nächsten Taktschlag – aber selten war er so ekstatisch und sexy wie hier.

2 – Feinde-Hostiles

feinde - metropolitan filmexport(Bildnachweis: Metropolitan Filmexport)

Kann man eigentlich im Western den immer gleichen Pferden, Landschaften und revolverschwingenden Cowboys noch irgendetwas Bedeutsames abgewinnen? Ja, kann man und „Feinde – Hostiles“ von Scott Cooper hat das im Kinojahr 2018 eindrucksvoll bewiesen. Denn unter der angestaubten Oberfläche brodelt ein tiefschürfendes, universelles Drama über ein Leben mit Gewalt und die Folgen daraus und über gegenseitigen Respekt jenseits von Gut und Böse, Freund oder Feind. Ein ruhig erzähltes und doch äußerst grimmiges Erlebnis, getragen von famosen Darbietungen unter anderem von Christian Bale und Rosamund Pike, in dem die Figuren das Wilde im Westen in sich selbst finden und neu ausloten müssen.

1 – In den Gängen

in den gängen - sommerhaus filmproduktion(Bildnachweis: Sommerhaus Filmproduktionen)

Es gäbe mit Sicherheit schönere und interessantere Schauplätze für einen Film als öde Gänge im Großmarkt, in denen sich die Waren nur so stapeln. Doch Regisseur Thomas Stuber entpuppt sich als echter Kinomagier, der zum Leben erweckt, was zum Leblosesten im tristen Alltag der Menschen gehört. So beschallt schöne Musik die gleichmäßig verteilten Regalreihen und fahren Gabelstapler elegant und wie in einer Choreographie durch die Flure. Und im Herzen dieses Treibens sind Menschen – ganz gewöhnliche Arbeiter mit großen und kleinen Sorgen im Leben, erfüllt von lakonischstem Humor und immenser Traurigkeit, auf die der poetische Kamerablick mit Zärtlichkeit und Mitgefühl fällt, während sie ihren immer gleichen Routinen nachgehen. Und während wir Essen und Getränke suchen, finden sie „In den Gängen“ Rat, Freundschaft – und Liebe.

Film-Review „Aquaman“

Regie: James Wan

mit Jason Momoa, Amber Heard, Patrick Wilson, Willem Dafoe, Dolph Lundgren

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Seit den ersten „X-Men“-und „Spider-Man“-Filmen und spätestens mit der Entstehung des MCU sind Comicverfilmungen eine der treibenden Kräfte des Kino-Mainstreams unserer Zeit. Nachdem Marvel in der Hinsicht schon mächtig vorgelegt hatte und, so viel ist gegenwärtig sicher, noch immer die Nase vorn hat, stieg auch Konkurrent DC in Zusammenarbeit mit Warner ins Rennen um die Gunst des Publikums ein. Doch ob „Justice League“ oder „Suicide Squad“, im direkten Kräftemessen musste man sich stets gegenüber den „Avengers“ oder zum Beispiel „Thor“ geschlagen geben – kommerziell wie künstlerisch. Einzige Ausnahme bildete bislang „Wonder Woman“ von 2017: Der Film von Patty Jenkins machte nicht nur ordentlich Kasse, sondern wurde auch von den Kritikern sehr gut angenommen. Nun schickt sich mit „Aquaman“ der nächste Superheld aus dem eigenen DC-Portfolio dazu an, die große Leinwand zu erobern und man kann mit Freuden sagen, dass das DCEU genannte Universum um Batman, Superman und Co. jetzt um einen weiteren Knaller reicher geworden ist.

 

Darum geht es

Arthur (Jason Momoa) ist der Sohn eines Menschen und der Königin von Atlantis (Nicole Kidman) und hatte sein Leben lang keine Ahnung von seiner wahren Bestimming gehabt. Doch als sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) einen Krieg gegen die sogenannte Oberwelt plant, wird Arthur gezwungen, sich seinem Schicksal zu stellen. Gemeinsam mit Mera (Amber Heard) begibt er sich auf die Suche nach dem legendären Dreizack des ersten atlantischen Königs, mit dem er den Anspruch auf den Thron geltend machen kann. Doch die Reise ist voller Tücken und die Schergen Orms sind ihm auf den Fersen…

 

Ein echter Hingucker

Angeblich betrug das Produktionsbudget von „Aquaman“ stolze 200 Millionen US-Dollar und man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass man wirklich jeden einzelnen Cent davon auf der Leinwand sieht: Visuell ist der Film von James Wan einfach atemberaubend! Die Effekte sind bei einem Film dieser Größenordnung erwartungsgemäß perfekt, aber es ist nicht allein ihre technische Umsetzung, sondern was sie damit zum Leben erwecken, weshalb die Kinnlade regelmäßig auf den Boden kracht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um detailliert und äußerst fantasievoll gestaltete Unterwasserwelten handelt oder um besonders furchteinflößende Monster, in denen sich die ganze Horrorerfahrung Wans niederschlägt (er ist immerhin das „Conjuring“-Genie) – was er und seine Mitarbeiter an kreativen Geschützen auffahren, gehört optisch zum beeindruckendsten, was man im Jahr 2018 im Kino projiziert bekam.

 

Bekannte Einflüsse

Die Fülle an Details und Einfällen ist dabei bei einem einzigen Durchlauf kaum in ihrer Gänze zu erfassen und durch die Breite der Erzählung kommt man auch in den Genuss verschiedenster Settings, die durchaus Erinnerungen an unter anderem „Avatar“, „Der Herr der Ringe“ oder „Blade Runner“ wecken und in einer längeren Sequenz wandeln die Protagonisten auf den Spuren von „Indiana Jones“. In der Tat mögen sich das Skript und dessen Umsetzung an verschiedenen Werken bedienen, doch daraus wird nie ein Hehl gemacht. Gekonnt werden diese miteinander zu einer abenteuerlichen und oft auch augenzwinkernden Geschichte verwoben, an deren Ende auch noch ein Schlachtengetümmel wartet, dass selbst den „Infinity War“ wie eine Keilerei unter Kindern aussehen lässt.

 

Blockbuster-Kitsch

 Bisweilen wird es aber eine Spur zu weit getrieben: In einzelnen Momenten gerät die Inszenierung ein wenig zu selbstentlarvend und scheint dadurch eine Meta-Ebene durchblicken zu lassen, die den Eindruck vermittelt, dass dies alles doch eigentlich ziemlich großer Blödsinn ist, der unbedingt ironisch gebrochen werden muss. Dadurch droht der Film manchmal sich selbst als Blockbuster zu unterwandern, was er aber eigentlich nicht nötig hat. Die DC-Verfilmung ist jedenfalls so knallbunt, actionreich und damit unterhaltsam geworden, dass man gut daran getan hätte, sie auch als solche sein zu lassen. In anderen Szenen wiederum werden Klischees regelrecht mit Anlauf und mit Leidenschaft in die Arme geschlossen und ohne Rücksicht auf die Zuschauer zelebriert .„Aquaman“ ist wahrlich ein Mainstreamprodukt, wie es im Buche steht, mitunter unfreiwillig albern, aber die meiste Zeit über aufrichtig in seinem unbedingten Willen zum Spektakel und damit in seiner Künstlichkeit sehr authentisch.

 Die starke Besetzung steht dem in nichts nach. Angeführt wird das Ensemble natürlich von Jason Momoa als Titelheld, der allzu schnell nicht zu einem Edelmimen wird, sondern ähnlich wie Dwayne Johnson neben seiner imposanten physischen Statur mit Charme und Charisma punktet und seinen „Aquaman“ zu einer ziemlich coolen Socke macht. Neben ihm spielt sich vor allem ein vollkommen losgelöster Patrick Wilson als Antagonist in den Vordergrund, der sichtlich mit Spaß und Energie bei der Sache war und seinem Orm inbrünstigen Zorn verleiht. Doch auch die pure routinierte Präsenz von Veteranen wie Willem Dafoe, Dolph Lundgren oder Nicole Kidman wertet den Film selbst in den Nebenrollen noch auf.

Fazit: „Aquaman“ kann bisweilen ziemlich albern wirken, aber wer sich daran nicht stört, wird mit wild wuchernder Fantasie und einer besonders visuell überwältigenden Kinoerfahrung belohnt, die 2018 ihresgleichen sucht. Zieh dich ganz warm an, Marvel!

8/10

 

Bildnachweis: Warner

Film-Kritik: „Bumblebee“

Regie: Travis Knight
Mit Hailee Steinfeld, John Cena

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Seit den 80er-Jahren erfreuen die „Transformers“ Jung und Alt und das mittlerweile auf verschiedene Weise: Zunächst als Spielzeugmarke etabliert, folgten recht schnell Comics, Trickfilmserien, Videospiele und seit 2007 beehren sie sogar in regelmäßigen Abständen die Kinoleinwände dieser Welt. Bislang war vor allem Krawall-Spezialist Michael Bay dafür als Regisseur verantwortlich, doch nachdem mit „Transformers: The Last Knight“ der letzte Teil hinter den Erwartungen zurückblieb, war endlich die Zeit für etwas Neues gekommen. Mit „Bumblebee“ kommt nun das erste Spin-off in die Kinos, in dem der titelgebende Autobot in den Mittelpunkt gestellt wird. Ob sich das wohl lohnt? So viel sei verraten – ja!

Ein kleines Küstenstädtchen in Kalifornien, 1987: Charlie (Hailee Steinfeld) ist eine Außenseiterin, die am liebsten an Autos herumschraubt und in der örtlichen Werkstatt herumstöbert. Zu ihrem 18. Geburtstag hätte sie liebend gerne ein eigenes Auto, doch das bekommt sie zunächst nicht. Also muss sie sich eben selbst drum kümmern! Als sie eines Tages einen gelben VW-Käfer sieht, ist es Liebe auf den ersten Blick und Charlie holt sich den Wagen in die eigene Garage. Sie ahnt ja nicht, dass sich ihr neues Gefährt in Wahrheit als getarnter Roboter aus dem All entpuppen soll, der ihr Leben für immer verändern wird…

Bislang galten die „Transformers“-Filme als Paradebeispiele für tumbeste Blockbuster aus der Traumfabrik: Pervers hohe Produktionskosten, plumpe Figuren und Dialoge und ein Übermaß an Materialschlachten und visuellen Effekten ohne einen Hauch von Seele. An den Kinokassen schlugen sie sich mit mehreren Milliarden US-Dollar Einspielergebnis mehr als nur formidabel, doch die Kritiker waren sich insgesamt schon immer einig, dass das eigentlich alles ziemlich großer Schrott war, der da fabriziert wurde. Mit „Bumblebee“ geht Regisseur Travis Knight, der hiermit sein Live-Action-Debüt abgibt (nach dem Stop-Motion-Animationsfilm „Kubo – Der tapfere Samurai“), erfrischenderweise den entgegengesetzten Weg: Die Dimensionen wurden um ein Vielfaches verkleinert, weniger Figuren stehen im Mittelpunkt, es werden nicht ganze Städte auf mehreren Kontinenten dem Erdboden gleichgemacht.

Stattdessen geht es viel intimer zu und das fängt auch schon bei der Action selbst an. Abgesehen von einer imposanten Eröffnungsschlacht im Weltall, beschränkt sich diese weitestgehend auf zwei bis maximal drei riesige Blechbüchsen auf Beinen, die sich gleichzeitig irreparable Dellen zufügen. Das ist zwar immer noch spektakulär, laut und technisch imposant umgesetzt, aber im Vergleich zur Hauptreihe kann man das schon beinahe kammerspielartig nennen, wenn man ein klein wenig übertreiben möchte. Dafür erhalten die Auseinandersetzungen größeres emotionales Gewicht, denn mehr als je zuvor sorgt man sich um das Wohlergehen der Figuren – insbesondere um den Titelhelden.

Und dass das überhaupt funktioniert, ist die wohl größte Stärke von „Bumblebee“. Nach ein wenig Krach zu Beginn des Films nimmt sich der Film viel Zeit, um die Beziehung zwischen dem gelben Besucher aus dem All und seiner neuen Freundin behutsam aufzubauen. Zur Genüge werden dabei humoristische Elemente eingestreut, die aber nie erzwungen wirken und toll umgesetzt wurden: Wenn zum Beispiel der aufgrund eines Defekts stumme Bee unbeholfen durch Charlies Haus stapft, dann ist das großartige Stummfilm-Slapstick-Comedy, der man hier in einem teuren Mainstreamfilm beiwohnen darf. Solche Elemente sind zwar auch schon in den vorherigen Werken angeklungen, aber dort wurden sie lange nicht so gewinnbringend und charmant eingesetzt. Dabei zeigt sich auch, dass technische Virtuosität dann am besten ist, wenn sie der Handlung und den Figuren dienlich ist: Bumblebee ist ein einziger umherwandelnder, technisch perfekter Computereffekt. Doch so echt, wie er zum Leben erweckt wird, vergisst man das schnell. Seine Körpersprache sagt mehr als tausend Worte und auch seine mimische Ausdrucksfähigkeit wurde verfeinert.

Leise und auch rührende Momente gibt es aber auch ausreichend im Drehbuch, die für ein wohliges Gefühl sorgen. Das Verhältnis zwischen Bee und Charlie ist Herz und Seele des Films und die viele gemeinsame Zeit, die sie miteinander verbringen – und wir als Zuschauer gleich mit – macht sich letztendlich in vielen kleinen wie größeren Momenten im Laufe des Films bezahlt. Neben der hervorragenden Realisierung von Bee als vollwertige Figur trägt vor allem Hailee Steinfeld als Charlie dazu bei. Als schnoddrige und doch verunsicherte Teenagerin erdet sie den gesamten Film und nimmt uns mit auf ihre emotionale Reise. Davon kann auch ein potenzieller und zum Glück nicht allzu nerviger Love-Interest ablenken.

Möchte man dem Film überhaupt etwas vorwerfen, dann dass er vielleicht auf eine Nummer zu sicher gehen mag. Vorhersehbarkeit könnte sicher ein Wort sein, das fällt, möchte man weniger wohlwollend urteilen. In der Tat wirkt viel vertraut und das nicht nur wegen der gelungenen Wiederbelebung der 80er. Erzählerisch läuft eigentlich alles in geregelten Bahnen, ohne große Überraschungen und auch die Geschichte von einem Menschen und einem ungewöhnlichen Freund ist ein alter, aber gern gesehener Hut. Parallelen zu Brad Birds Trickfilmklassiker „Der Gigant aus dem All“ sind nicht zu übersehen und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht auch tatsächlich als Inspiration diente. Aber wenngleich „Bumblebee“ keine Innovationspreise gewinnen wird: Er mag zwar nichts neu machen, aber dafür macht er einfach alles richtig. Die Action ist wohldosiert, die leisen Töne werden immer zum genau richtigen Zeitpunkt eingestreut, ebenso die Gags, und im Grunde ist es ein im besten Sinne altmodischer und doch zeitloser Film, der nun deutlich mehr an Werke von dem als Ausführender Produzent beteiligten Steven Spielberg und an „E.T.“ erinnert, als an Michael Bays Testosteron-Abfahrten. „Bumblebee“ ist vielleicht sogar der beste Spielberg-Film der letzten Jahre, den der Meister selbst nicht gedreht hat.

Fazit: „Bumblebee“ ist das längst überfällige und gelungene Tuning des „Transformers“-Franchises im Kino, mit dem die Marke einen Schritt zurück zu einem neuen Anfang geht, um zwei große nach vorne zu machen. Der schlicht und ergreifend mit großem Abstand beste Film der Reihe und einer der besten, weil rührendsten Blockbuster 2018!

9/10

 

Bildnachweis: Paramount

Film-Review: „Climax“

Regie: Gaspar Noé
mit Sofia Boutella

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Die Filmographie von Gaspar Noé ist recht überschaubar dafür, dass der gebürtige Argentinier schon seit den 80ern aktiv ist. Abgesehen von mehreren Kurzfilmen hat er bis heute lediglich fünf Kinofilme abgedreht. Doch sein Output, so sporadisch er in Spielfilmlänge auch sein mag, ist wuchtig. Nicht von ungefähr fällt sein Name immer dann, wenn man an Skandalfilme oder an Filmemacher mit einer ganz eigensinnigen und mitunter radikalen Vision denkt. Provozieren tut er ja gerne mal – und wie wird sich nun sein neuester Wurf „Climax“ einreihen?

Eine Gruppe Tänzer übt kurz vor einer ausgedehnten Tournee ihre Choreographie. Nach einer erfolgreichen Probe wollen die jungen Leute nur noch ein wenig zu guter Musik und leckerem Sangria den Abend ausklingen lassen, aber etwas stimmt nicht: Nach und nach geht es den Leuten immer schlechter und seltsamer – wurden ihnen etwa heimlich Drogen ins Getränk gemischt? Einen Weg aus dem Trip wider Willen gibt es nicht und so stürzen sie unaufhaltsam immer tiefer in den Abgrund aus Sex, Drogen, Gewalt und verdammt guter Musik.

Man kann ja inhaltlich von Noés Filmen halten, was man will, aber eines steht nicht zur Diskussion: Der Mann ist ästhetisch gesehen ein famoser Künstler. Nicht unbedingt im Sinne des Schönen an sich, aber audiovisuell scheuen er und seine Mitstreiter sich nicht davor, die Grenzen des Kinos ein ums andere Mal neu auszuloten. So ist erneut sein Stammkameramann Benoît Debie mit dabei, der bis auf „Menschenfeind“ jeden anderen Noé-Langfilm in aufregenden, verstörenden und gewagten Bildern festgehalten hat. Unvergessen sind die irren, schwindelerregenden Kamerafahrten in „Irreversibel“ und „Enter the Void“ und auch bei „Climax“ stehen die Aufnahmen am Ende buchstäblich Kopf. Der Weg dahin ist aber nicht minder aufregend.

Denn bis auf einige vergleichsweise kürzere Abschnitte laufen die Geschehnisse im neuen Film in Echtzeit ab – ohne Schnitt, sondern in extrem langen Einstellungen. Diese Inszenierungsweise findet sich schon seit einiger Zeit immer wieder mal im Kino, „Victoria“ fällt einem da ein von Sebastian Schipper oder erst kürzlich auch „Utoya 22. Juli“ von Erik Poppe. Die extremen Plansequenzen entfalten stets eine unwiderstehliche Sogwirkung und so auch bei „Climax“, wo zusätzlich die treibenden Technobässe den Zuschauer in ihren Bann ziehen. Der langsame, drogenbedingte Abstieg in die menschliche Hölle kann dadurch effektiv und durch zunächst allmähliche und subtile Anzeichen langsam vorangetrieben werden, bis sich das Chaos wirklich Bahn bricht. Veränderungen im Licht, eine immer losgelöstere Kameraführung und stetig verrücktere Darbietungen kulminieren dann in einer Party-Orgie vom Feinsten – oder sollte man eher sagen: vom Gaspar Noésten.

Dann ist der audiovisuelle Angriff auf die Sinne des Kinogängers formvollendet und in seiner ganz eigenen verstörenden Art wunderschön und der Abstieg in die pure Triebhaftigkeit abgeschlossen. Die Botschaft von „Climax“, so wie sie zumindest auch interpretiert werden kann, erinnert dabei ein wenig an „We Are The Flesh“ des Mexikaners Emiliano Rocha Minter. Dessen Kinofilmdebüt von 2016 ist in der Extreme seiner Bilder nicht minder aufwühlend als dass Oeuvre von Noé, aber hier wie dort macht sich ein pessimistisches Weltbild breit, das Menschlichkeit eben unbedingt im Spannungsfeld zwischen Zivilisation und nur schwer unterdrücktem, animalischem Urinstinkt verortet und nicht etwa als die Krone gesellschaftlicher Errungenschaften. Geboren werden sei ja eine Chance, will eine Texttafel zu Beginn von „Climax“ weismachen. Eine Chance, die wir aber gemeinsam permanent zu vergeben scheinen. So schließt der Film seine Klammer mit der Aussage, „Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“. Menschen versagen immer nur gemeinsam, so scheint es. Aber wir haben verdammt viel Spaß dabei!

Fazit: „Climax“ ist ein hypnotischer Techno-Trip und ein Expressticket in den Wahnsinn.

9/10

 

Bildnachweis: Wild Bunch Distribution

Film-Review: „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“

Regie: Rich Moore, Phil Johnston

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Vor sechs Jahren hatte der titelgebende Fiesling endgültig die Nase gestrichen voll gehabt vom Bösesein und heraus aus seinen Bemühungen, einmal der Held zu sein, kam „Ralph reichts“. Das Disney-Animationsabenteuer war durch seinen erfrischenden Videospielhallenschauplatz für Mainstreamfilmverhältnisse eine einzige popkulturelle Abfahrt voller Anspielungen auf Gaming-Klassiker. Die circa 471 Millionen US-Dollar Einspiel an den weltweiten Kinokassen muss man allerdings im Anbetracht des Budgets von 165 Millionen und anderen Disney-Erfolgen wie „Die Eiskönigin“, die über eine Milliarde umgesetzt haben, als verhältnismäßig durchschnittlich einstufen. Trotzdem kommt jetzt mit „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“ die Fortsetzung in die Kinos, die den Handlungsort dieses Mal ins große, weite Internet verlagert.

Ralph und Vanellope geht es eigentlich ganz gut – besonders der Hüne hat es sich in seiner Routine gemütlich gemacht und kann sich kein anderes Leben vorstellen, als der immer gleiche Ablauf in seinem Spiel „Fix it Felix, Jr.“. Seine kleine Kumpanin hingegen sehnt sich nach was Neuem, worauf hin Ralph kurzerhand einen beherzten Versuch unternimmt, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ist ihr Rennspiel „Sugar Rush“ kaputt! Das Lenkrad, mit dem die Spieler die Autos steuern, ist defekt und wenn nicht bald ein neues herbeigezaubert wird, war’s das! Zum Glück hat der Spielhallenbetreiber kurz zuvor einen WLAN-Router installiert und so geht es für Ralph und Vanellope ins Internet, um bei eBay das so dringend benötigte Zubehör ausfindig zu machen.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger ist natürlich das neue Internet-Setting, das ja auch im Titel bereits anklingt. Für das Jahr 2018, in Zeiten von viralen Memes, Katzenvideos und Instagram, scheint es nur logisch und konsequent zu sein, den Handlungsort dorthin zu verfrachten. Mit Blick auf die digitalen Protagonisten macht dieser Schritt ebenfalls Sinn, schließlich können die nicht ewig in der immer gleichen Zockerhöhle verbleiben, oder? Das Internet bietet an sich endlose erzählerische Möglichkeiten und aktuelle Anknüpfungspunkte an die im Vorgänger etablierte Gaming-Kultur. Bedauerlicherweise kommt aber Spielen eine eher untergeordnete Rolle zu: Zwar halten sich Ralph und Vanellope auch über weite Strecken in einem Online-Rennspiel auf, wahre Zockerfreunde suchen aber vergeblich nach Referenzen auf aktuelle, echte Titel. Videospiele sind nur noch Locations, in denen Szenen stattfinden können, thematisch aber werden sie nicht mehr näher beackert. Das muss auch nicht sein, eine Wiederholung des Erstlings wäre sicher nicht ratsam gewesen. Ein paar frischere Easter Eggs zu ihnen wären aber bestimmt nicht verkehrt.

Vanellope und insbesondere Ralph gehören einer eher älteren Spielegeneration an und wenn sie das World Wide Web zum ersten Mal betreten, wird wenig überraschend die alte Trope der Alten, die vom Fortschritt völlig überwältigt werden, aufgemacht. Das mag man kennen, aber auch im Bezug auf das Verhältnis On-/Offline ist „Chaos im Netz“ nicht der erste Film, der das thematisiert – spontan kann einem da unter anderem der verkappte Google-Werbefilm „Prakti.com“ mit Owen Wilson und Vince Vaughn in den Sinn kommen.

Auch die knallbunt animierte Darstellung einer digital erzeugten Welt und ihrer internen Mechanismen sowie ihre Beziehung zur realen Welt lässt an Werke der jüngeren Vergangenheit wie „Ready Player One“ und „Emoji – Der Film“ denken. Besonders Letzterer scheint dem neuen Disney-Film wie ein Ei dem anderen zu ähneln, von daher wirkt „Ralph reichts 2“ zunächst erstaunlich unoriginell.

Disney wäre allerdings nicht der große Konzern, wie wir ihn heute kennen, wenn die Verantwortlichen dahinter nicht auch aus allseits Bekanntem etwas Tolles zaubern könnten: In der Tat mögen die Parallelen mit anderen Filmen durchaus vorhanden sein, aber die Regisseure Phil Johnston und Rich Moore setzen die Ideen schlicht und ergreifend besser um.

Da zeigt sich dann auch das wahre Genie der Macher, denn die extrem kreative Umsetzung verschiedener Aspekte wie zum Beispiel einer Suchmaschine inklusive Autovervollständigung oder von eBay ist einfach zum Brüllen komisch und dennoch voll auf den Punkt gebracht. Dabei werden die unterhaltsamen wie auch weniger erfreulichen Aspekte der Internetnutzung aufgegriffen und so pointiert durch den Kakao gezogen, dass bei all den Lachern auch genügend Denkanstöße zu unserem virtuellen Konsum mitgeliefert werden.

So wirklich auf die Spitze wird es aber spätestens dann getrieben, wenn die Hauptfiguren die Webseite „Oh My Disney“ ansteuern, denn dann wird ein wahres Metawitz-Feuerwerk abgewackelt. Die schiere Fülle an augenzwinkernden, selbstironischen und selbstreferenziellen Gags ist absolut schwindelerregend und kulminiert in der in den Trailern schon angedeuteten Szene mit den Disney-Prinzessinnen und einer schrägen Musical-Nummer. Für einen kurzen Moment scheint sich der übermächtige Mäusekonzern selbst demontieren zu wollen.

Die vielen Gags halten einen permanent bei der Stange, erzählerisch braucht aber „Chaos im Netz“ ein wenig, um wirklich Fahrt aufzunehmen. Zu Beginn wird natürlich viel Zeit auf die Etablierung des Netzes als Schauplatz verwendet und trotz einiger toller Sequenzen, wie zum Beispiel einer aufregenden Autoverfolgungsjagd, scheint zunächst alles nur auf eine einzige, turbulente Hatz nach dem Lenkrad (und dem dafür benötigten Geld) hinauszulaufen.

Erst spät zeichnen sich auch wirkliche Figurenkonflikte ab, die dann doch noch für die so Disney-typischen, rührenden Momente sorgen. Ihre Wirkung verfehlen diese ja für gewöhnlich nie, aber im Vergleich zu anderen Werken konnte sich der Autor dieser Zeilen des Eindruckes nicht erwehren, dass man sich hier die Tränen ein wenig leichter verdienen möchte – es scheint ein wenig so, als würde einfach zu wenig auf dem Spiel stehen.

Fazit

Der Schauplatz von „Ralph reichts 2“ ist nicht neu, die Umsetzung strotzt allerdings nur so vor Einfallsreichtum und die vielen (Meta-)Gags sorgen für Atemnot vor lauter Lachen. Da kann man auch über die kleinen, erzählerischen Defizite hinwegsehen.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Die Unglaublichen 2“

Regie: Brad Bird

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Manchmal bewahrheitet es sich doch, dass endlich gut wird was lange währt. In den letzten Jahren traf das sicherlich auf „Mad Max: Fury Road“ zu, schließlich lagen zwischen George Millers Actionmeilenstein und dem direkten Vorgänger läppische 30 Jahre. Ganz so lange musste die Filmwelt nicht auf „Die Unglaublichen 2“ warten – es waren „nur“ 14 Jahre – trotzdem ist Brad Birds erneuter Ausflug in die Welt der Superhelden ein tolles Beispiel dafür, wie gut Fortsetzungen wirklich sein können, wenn man nur zur Genüge Liebe, Mühen und, ja, Zeit investiert.

So gar keine Zeit wird allerdings im Film selbst vergeudet, denn der startet genau da, wo der erste Teil aufgehört hat: Der Tunnelgräber greift die Stadt an und will diese terrorisieren und so ganz nebenbei Banken ausrauben. Zum Glück ist Familie Parr zur Stelle, um den Plan des Fieslings mit ihren Superkräften zu vereiteln. Die Öffentlichkeit ist allerdings nicht so erfreut über ihren heldenhaften Einsatz, schließlich geht dabei eine ganze Menge kaputt. Zum Glück tritt der Geschäftsmann Winston Deavor auf den Plan, der ein großer Fan von Superhelden ist und mit einer groß angelegten Kampagne dafür sorgen will, dass diese endlich wieder ganz legal die Menschheit beschützen dürfen. Im Zentrum dieser neuen Sympathie-Offensive soll Elastigirl stehen – sehr zum Leidwesen von Mr. Incredible, der auf einmal mit seiner Verantwortung als Vater konfrontiert wird. Doch volle Windeln von Baby Jack-Jack und die aus den Fugen geratende Gefühlswelt von Tochter Violetta sind bald die geringsten Sorgen der Parrs: Mit dem Screenslaver tritt eine neue Bedrohung auf und die ist mächtiger, als je ein Feind zuvor…

Was macht eine gute Fortsetzung aus? Ob es nun das eine Patentrezept gibt, ist fraglich, aber sicher sollte sie dem Zuschauer einerseits viel Vertrautes geben, an das dieser anknüpfen kann und andererseits diese bekannten Elemente um neue bereichern oder diese verbessern. In „Die Unglaublichen 2“ ist vieles bekannt und auch das Wissen darum wird vorausgesetzt: Besonders in der ersten halben Stunde und darüber hinaus wird auf Gegebenheiten und Ereignisse aus dem ersten Film Bezug genommen – wer also in den 14 Jahren dazwischen vergessen haben sollte, worum es noch mal ging, sollte sein Gedächtnis tunlichst auffrischen. Fans freuen sich jedenfalls über das Wiedersehen mit der im Mittelpunkt stehenden Familie und den spezifischen Figurendesigns. Mag sein, dass in der Zwischenzeit die technischen Möglichkeiten sehr viel weiter gekommen sind, aber durchaus erfreulich ist es, dass der Film diese gefühlt nur nebenher in der größeren Detailfülle demonstriert. Ansonsten fühlen sich beide Teile erstaunlicherweise wie aus einem Guss an, ohne den ersten künstlich auf- und den neuen Film abzuwerten.

„Die Unglaublichen“ war seinerzeit nicht nur ein grandioser Animationsfilm, eine lustige Komödie und ein Werk für die ganze Familie, sondern er war auch ein formidabler Actionfilm. Anhänger dürfte es sicher freuen, dass nun auch der zweite Teil in der Hinsicht genau da weitermacht und noch mal eine Schippe drauf legt: Wann immer es zur Sache geht, kann die animierte wie echte Konkurrenz einpacken. So rasant, atemberaubend und zugleich einfallsreich geht es selten im Mainstream-Actionkino zu, ein Großteil Hollywoods sollte beschämt sein, ausgerechnet von einem „Kinder“-film gezeigt zu bekommen, wie es geht. Schnelle Verfolgungsjagden sind mit dabei, ebenso wie suspense-geladene Momente, die fast schon wie aus einem Thriller wirken und beinahe zu intensiv für die ganz Kleinen sein könnten. Immer mit dabei: Die Superkräfte der Beteiligten, mit denen wieder äußerst kreativ umgegangen wird – die Actionsequenzen strotzen nur so vor neuen Ideen.

Das abgefackelte Feuerwerk wäre aber vollkommen nutzlos, wenn einem die Figuren in dessen Zentrum herzlich egal wären. Bird und sein Team taten aber verdammt gut daran, der im Vorgänger so behutsam aufgebauten Familie Parr mit all ihren familiären Problemen reichlich Zeit für zwischenmenschliche Momente einzuräumen. Hier zeigt sich dann eine weitere Ausnahmequalität des Films und insbesondere des Drehbuchs aus der Feder des Filmemachers selbst: Die Konflikte, sei es zwischen Bob und Helen oder mit Violetta und Dash, wirken nicht wie bloßes Alibi-Beiwerk und auch nicht wie eine Abfolge stumpfer Klischees. Tatsächlich haben die Dialoge und die darin transportierten Emotionen etwas sehr realistisches an sich, die Diskussionen und Streitgespräche der Eltern sind auch wirklich angemessen reif und klug – man kann stets die Argumente beider Seiten sehr gut nachvollziehen, was sowohl ihnen als auch dem Film selbst mehr Tiefe und emotionale Substanz verleiht. Während in vielen hochbudgetierten Spektakeln sicher die Action das Hautpverkaufsargument ist, bei „Die Unglaublichen 2“ begegnen sich Krawall und ruhige Momente auf absoluter Augenhöhe.

Mehr noch: Während im ersten Film Mr. Incredible den Helden auf eigener Mission geben durfte, darf dieses Mal Elastigirl den Ton angeben. Das mag ihr Ehemann nicht, der nicht nur mit seiner Rolle als Aufpasser der Kinder Probleme bekommt, sondern auch mit seinem männlichen Selbstverständnis. Er fühlt sich in seinem Ego definitiv gekränkt, seine Frau hingegen darf Karriere machen. Das ist natürlich nur eine sehr verkürzte Beschreibung der schwer unterhaltsam porträtierten Anspielungen auf moderne Geschlechterrollen, aber ganz sicher ist „Die Unglaublichen 2“ in der Hinsicht ein ungemein zeitgemäßer Film. Zeitlos hingegen sind nicht nur die Qualität der Action und die vielen humoristischen Einlagen, zu denen Baby Jack-Jack dieses Mal eine ganze Menge beitragen darf, sondern auch Violettas Reise von einer verunsicherten, dann zornigen und letztendlich selbstbewussten Teenagerin mit all den dazugehörigen Stolpersteinen auf dem Weg.

Möchte man „Die Unglaublichen 2“ noch etwas ankreiden, dann dass über weite Strecken der Plot zweigleisig abläuft. Während Elastigirl auf spannende Abenteuer geht, werden diese immerzu unterbrochen von Bob und den Kindern. Die lockern zwar das Geschehen immer wieder und notwendigerweise auf, aber zumindest aus dramaturgischer Sicht kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der eine Handlungsstrang den anderen mit seinen Einschüben ausbremst. Besonders fällt das in der Episode mit Modedesignerin Edna auf – ihr Auftritt fühlt sich so an, als wäre er wirklich nur dazu da, um sie im Film unterzubringen. Und wo wir schon bei Mäkeln sind: Der Screenslaver ist als Bösewicht leider auch nicht so eindrücklich wie damals noch der inbrünstig diabolische Syndrom. Aber tut das dem allgemeinen Vergnügenen irgendeinen Abbruch? Auf keinen Fall!

Fazit: Was für ein Sequel! „Die Unglaublichen 2“ punktet mit denselben Qualitäten des Vorgängers, ohne jemals in eine faule Wiederholung zu driften und ergänzt den Vorgänger um die stimmige Weiterentwicklung der Figuren und noch mehr satte Action. Das lange Warten hat sich gelohnt! Und wenn nach all der Zeit so etwas bei rumkommt, möchte man gerne noch mal 14 Jahre bis zum nächsten Teil warten.

9/10

 

Bildnachweis: Disney