Film-Review: „Isle Of Dogs – Ataris Reise“

von Wes Anderson
mit Bryan Cranston, Liev Schreiber, Scarlett Johansson

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Typisch. Das sagt man ja gerne mal, wenn etwas eintrifft, das aufgrund vergangener Erfahrungen wenig überraschend erneut eintritt. Typisch, dass dieses und jenes passiert, typisch, dass Person X das jetzt getan hat. Oft genug fällt das Wort in einem negativen Zusammenhang, ab und an in einem eher neutralen, wenn es um die Beschreibung von Eigenschaften geht. Aber wann kommt es einem selbst in einem aufrichtig positiv empfundenen Moment über die Lippen? Das dürfte vermutlich schon deutlich seltener passieren. Aber „Isle Of Dogs – Ataris Reise“ ist typisch Wes Anderson – im allerbesten Sinne.

In einer nicht allzu fernen Zukunft gibt es in Japan ein paar Hunde zu viel und zu allem Überfluss geht von ihnen auch noch eine neuartige Krankheit aus. Als radikale Maßnahme beschließt deshalb der Bürgermeister von Megasaki City, dass alle Hunde auf eine Insel voller Müll gebracht werden. Auch Spots (Originalstimme: Liev Schreiber), Leibwächterhund von Atari (Koyu Rankin), Ziehsohn des Bürgermeisters, wird weggeschickt. Doch Atari will ihn zurückholen und so macht er sich alleine auf eine abenteuerliche Reise nach Trash Island. Dort trifft er auf eine Gruppe anderer Hunde, zu denen auch der Streuner Chief (Bryan Cranston) gehört. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach Spots…

Mit „Isle Of Dogs“ legt Anderson nach „Der fantastische Mr. Fox“ seinen zweiten Stop-Motion-Animationsfilm vor. Natürlich bietet sich das Genre bei einer Geschichte über sprechende Hunde an, aber abgesehen davon ist auch das jüngste Werk des Filmemachers durch und durch, nun ja, typisch für ihn: Beim Anblick einer wunderbar symmetrischen Einstellung gleich zu Beginn fühlt man sich sofort wie Zuhause, die visuelle Handschrift des Regisseurs ist einfach unverkennbar und dominiert auch hier wieder die Bildgestaltung. Erstaunlich, dass sich die Wiederholung des Bekannten aber zu keiner Sekunde abnutzt, bei Anderson ist sie fester Teil seiner künstlerischen Identität und wird dementsprechend erwartet, ja geradezu herbeigesehnt. Dazu zählt aber nicht nur die Wahl des richtigen (und vertrauten) Bildausschnitts, sondern auch die Detailverliebtheit darin. Die Kostüme der Figuren und die Sets wurden liebevoll gestaltet und mit allerlei kleinen Einfällen versehen.

Aber nicht nur filmisch ist der Film ein waschechter Wes Anderson: Auch seine Hunde dürfen furztrocken, ernst und gerade deshalb so lustig den perfekt getimeten, skurrilen Humor ihres Schöpfers zum Besten geben, den Fans noch in jedem seiner Kinofilme vorfinden. Dass sich für die Sprechrollen einige der namhaftesten Stars der Traumfabrik zusammengefunden haben, ist hierbei das Sahnehäubchen bei diesem flott erzählten Werk, das voller kleiner Ideen ist. Wollte man spontan überhaupt etwas kritisieren, dann dass einige antagonistisch auftretende Figuren eine Spur zu rasch geläutert werden – aber auch das kann durchaus als Teil der humoristischen Gesamtplans verstanden werden.

Fazit: Wes Anderson ist zurück und präsentiert sich mit „Isle Of Dogs – Ataris Reise“ wie eh und je. Fans werden definitiv glücklich sein. Hundliebhaber sowieso.

8/10

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Film-Review: „Shape Of Water – Das Flüstern des Wassers“

von Guillermo del Toro
mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Octavia Spencer

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Der mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro beherrscht übergroße Blockbuster-Krawallnummern wie „Pacific Rim“ genauso gut wie vergleichsweise kleinere, intimere Werke wie „Pan’s Labyrinth“. Gemein ist ihnen jedoch, dass zumeist ein fantastisches Element in seinen Geschichten eine zentrale Rolle spielt – Roboter, Monster, Geister und dergleichen waren in seinen Filmen schon zu sehen. Sein jüngstes Werk „Shape Of Water – Das Flüstern des Wassers“ schlägt in dieselbe Kerbe und erzählt von der Liebe zwischen Mensch und Fischwesen.

Elisa (Sally Hawkins) ist stumm und verdient sich ihre Brötchen als Putzkraft in einem Hochsicherheitslabor zu Zeiten des Kalten Krieges. Eines Tages bekommt sie zufällig mit, wie eine seltsame Wasserkreatur ins Labor gebracht wird, damit an ihm Experimente und Forschungen durchgeführt werden können. Doch zwischen Elisa und dem Wesen entsteht bald eine enge Verbindung und schon bald plant sie dessen Befreiung. Der skrupellose Strickland (Michael Shannon) hat sich allerdings schon an ihre Fersen geheftet…

„Shape Of Water“ ist ohne wenn und aber wunderschön anzuschauen. Von den altmodischen Kostümen hin zu den Sets, jede Einstellung im Film quillt nur so über vor Detailverliebtheit und Sorgfalt. Durch die leuchtenden Farben, die feine Kameraarbeit von Dan Laustsen und dem Score von Alexandra Desplat wird eine zauberhafte Atmosphäre heraufbeschworen, die durch zahlreiche alte Songs und Filmausschnitte mit einer gehörigen Portion Nostalgie unterfüttert wird. Aber wenngleich die dicke Schicht der hübschen Retroglasur durchaus perfekt zur märchenhaft anmutenden Liebesgeschichte passt, so kann man sich beizeiten nicht des Eindruckes erwehren, dass es zugleich ein wenig zuviel des Guten ist: Dann ertönt halt noch ein alter Song mehr, wird noch einmal auf einen Hollywoodklassiker verwiesen und ein kleines Tänzchen aufgeführt und damit der glorreichen Geschichte der Traumfabrik die Ehre erwiesen, dass es beinahe penetrant und berechnend in Bezug auf die Oscarverleihung wirkt – schließlich hat die Academy schon oft bewiesen, dass sie derlei Filme mag.

Die Handlung verläuft in relativ konventionellen Bahnen und erinnert ein wenig an „Die Schöne und das Biest“, ohne jedoch eine vollständig ausgearbeitete Figur als Biest zu präsentieren. Die Beziehung zwischen Elisa und Fischmann wird nur sehr einseitig dargestellt, zumal die Kreatur trotz menschenähnlicher Statur weitestgehend wie ein Tier mit nur begrenztem Kommunikationsvermögen erscheint. Dadurch geht der Story gerade einiges an möglichen Emotionen verloren, die auch sonst recht überraschungsarm voranschreitet – lediglich die Intensität einiger heftiger Gewaltmomente erwischen einen in diesem sonst eher romantisch-verträumten Kontext völlig unerwartet.

Was „Shape Of Water“ trotz einiger Mängel und über die schicke Oberfläche hinaus unbedingt sehenswert macht, ist das Schauspielensemble. Allen voran Sally Hawkins als Elisa ist jeden Cent des Eintrittsgeldes wert. Ohne gesprochene Sprache zur Verfügung zu haben muss sich die britische Mimin überwiegend auf ihr lebhaftes Minenspiel verlassen, dem man allerdings jede noch so kleine Nuance entnehmen kann und das den Zuschauer vollends für sich gewinnt. Es sind dann auch tatsächlich ihre Darbietung und ihre Figur der Elisa, die das Herz des Films sind und eben nicht die Liebesgeschichte zweier Außenseiter. Ohne Hawkins wäre der Film nur noch halb so sehr zu empfehlen. An ihrer Seite brillieren allerdings auch Richard Jenkins und Octavia Spencer, die für humoristische Momente sorgen (aber nicht nur) sowie der genüsslich diabolisch aufspielende Michael Shannon.

Fazit: „Shape Of Water – Das Flüstern des Wassers“ wird getragen von einer superben Performance der Hauptdarstellerin, aber ein letztes Quäntchen mehr hätte es insbesondere in Bezug auf die Geschichte schon sein dürfen.

7/10

Film-Review: „Pitch Perfect 3“

von Trish Sie
mit Anna Kendrick, Rebel Wilson, John Lithgow

Pitch Perfect 3

Das Rad wurde mit „Pitch Perfect“ 2012 vielleicht nicht neu erfunden, aber eine gelungene College-Komödie war das Werk von Jason Moore allemal, das dabei auch noch den Star-Status von Anna Kendrick festigte und den von Rebel Wilson begründete. 2015 nahm dann Elizabeth Banks das Zepter in die Hand für das Sequel, das zwar bei vielen nicht mehr ganz so gut ankam, etablierte Figuren und Handlungsstränge aber halbwegs sinnig fortführte. Nun kommt „Pitch Perfect 3“ in die Kinos und wieder einmal nimmt jemand Neues auf dem Regiestuhl Platz – Trish Sie. Und mit ihr als kreative Kraft wird die Reihe gnadenlos gegen die Wand gefahren.

Dabei gibt es wieder viele der altbekannten Zutaten: Platten Humor, viele Gesangseinlagen, sogar einen Riff-off, bei dem sich in den vorherigen Teilen verschiedene Gesangsgruppen im direkten Duell miteinander gemessen haben und der in Teil 3 für einen zwar wohlklingenden, aber am Ende doch nur ausgedehnten Fremdschämmoment für die Hauptprotagonisten herhalten muss. Zusammengehalten wird der Film übrigens von einer hanebüchenen Erzählung, in der scheinbar wahllos Ideen hineingeschmissen wurden, ohne dass diese jemals zu Ende gedacht wurden.

So wird im Film besonders zu Beginn überraschend viel Zeit darauf verwendet, verschiedene romantische Elemente in Stellung zu bringen. Doch werden diese dann auch konsequent durch den Film hindurch weiter ausgebaut? Nein! Stattdessen werden sie links liegen gelassen und erst im Abspann (!) pflichtschuldig und vollkommen unmotiviert wieder aufgegriffen, als hätten Autoren und Cutter verschlafen, dass diese Handlungselemente überhaupt einmal eingeführt wurden.

Und überhaupt: Während es zu Beginn noch danach aussieht, dass die Geschichte der Barden Bellas tatsächlich konsequent weiter erzählt wird, wird die Prämisse, dass die Mädels sich nun ihren eigenen Leben widmen müssen, schnellstmöglich wieder zum Fenster rausgeworfen. Dass man eine Mini-Tour plus Wettbewerb im Schlepptau des Militärs absolvieren kann, erweist sich inhaltlich nur als fauler Vorwand, schlussendlich doch noch einmal genau dasselbe wie die Vorgänger zu servieren – nur in allen Belangen irrelevanter, nerviger, dysfunktionaler, einfach schlechter. Man singt, man ist der Underdog, Beca (Anna Kendrick) kocht ihr eigenes Süppchen und am Ende, so viel sei verraten, gibt es die Gesangsnummer, die alle harmonisch wieder zusammenbringt.

Am Ende erzählen sich die Mädels, was sie mit ihren Leben noch so vorhaben. Ja, hat denn niemand von den Beteiligten den zweiten Teil gesehen? Schon dort gab es eine Szene am Lagerfeuer, wo es genau darum ging! Ferner dachte man sich wohl, dass man nun auch so etwas wie Action im Film bräuchte und zauberte so einen horrenden und erzwungenen Plot zu Fat Amy (Rebel Wilson) und ihrem Vater aus dem Hut, bei dem auch noch etwas spektakulär in die Luft fliegen darf. Plump, nervig und so gar nicht „Pitch Perfect“, wo es doch zuvor zuallererst um den gesanglichen Wettstreit ging. Dass man es zudem auch noch schafft, illustre Nebenfiguren noch mehr in den Hintergrund zu rücken, ist unverzeihlich: Lilly (Hana Mae Lee) war in den Vorgängern ein echter Szenendieb mit Kultpotential und wird jetzt Opfer einer enttäuschenden Auflösung, die das ganze Konzept ihrer Figur komplett zunichte macht.

Fazit: Vermutlich könnte man noch weiter ausführen, was alles an „Pitch Perfect 3“ so ärgerlich ist. Und obwohl schon die ersten beiden Teile insgesamt kaum die Filmwelt revolutioniert haben, so ist der neue Film trotzdem eine der größten Enttäuschungen des Kinojahres 2017, der im Grunde alles falsch und zunichte macht, was die Vorgänger noch ausgezeichnet hat und weshalb diese überhaupt so viele Fans gefunden hatten. „Pitch Perfect 3“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie man eine unterhaltsame Filmreihe tötet.

3/10

Film-Review: „Kedi – Von Katzen und Menschen“

von Ceyda Torun

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Es gehört zu den großen tragischen Gegebenheiten in meinem Leben, dass ich zwar Katzen äußerst süß finde, mein Körper allerdings stark allergisch auf sie reagiert. Ohne Medikamente kann ich mich kaum über einen etwas längeren Zeitraum in ihrer Nähe aufhalten, ansonsten mutiere ich nämlich zu einer Schleimschleuder. Da kommt eine Doku wie „Kedi – Von Katzen und Menschen“ gerade recht, um zumindest in Filmform den knuffigen Vierbeinern etwas näher zu kommen.

Das Werk von Ceyda Torun ist aber bei weitem keine simple, sachliche wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Tieren. Stattdessen ist „Kedi“ eine feinfühlige Betrachtung zur innigen, poetischen und teils spirituellen Beziehung, die Menschen beizeiten zu ihnen aufbauen können. Und wo könnte man das besser illustrieren als in Istanbul? Die türkische Metropole wird, so eine eingangs eingeblendete Texttafel, seit tausenden von Jahren von Katzen bevölkert, die zahlreich durch die Straßen streifen. Doch obwohl viele von ihnen kein Heim als Haustiere im herkömmlichen Sinne haben, werden sie vielerorts von aufmerksamen Zweibeinern umsorgt.

Deren Reflexionen zu ihren ganz eigenen, persönlichen Verhältnissen zu den Katzen fallen erstaunlich tiefgründig aus – mit simplen Ausführungen zu ihrer Niedlichkeit hält sich so gut wie niemand auf. Stattdessen werden Geschichten über Begegnungen erzählt, über ihre Bedeutungen nachgedacht und davon ausgehend wird auch über das Leben an sich und was man von den Fellknäueln lernen kann sinniert. Gedanken und Emotionen, die mit Sicherheit Katzenbesitzer auch hierzulande nachvollziehen dürften.

Die verschiedenen tierischen Protagonisten werden oft auf Schritt und Tritt bei ihren Streifzügen begleitet, die Kamera ist dabei oft ganz nah dran in Bodennähe. Diese sehr unmittelbaren Eindrücke werden zusätzlich um Einstellungen ergänzt, Totale wie Halbtotale, in denen die Katzen noch deutlicher im menschgemachten und vom Menschen bevölkerten, urbanen Raum gezeigt werden. Wenn zum Beispiel jemand vor einem Marktstand sauber macht und im selben Shot eine Katze auf einer Markise liegend zu sehen ist, dann wird eindrücklich das alltägliche und permanente Nebeneinander beider Spezies illustriert – Mensch und Katze, sie gehören einfach zusammen.

Fazit: „Kedi – Von Katzen und Menschen“ bringt dem Zuschauer keine harten Fakten bei, sondern lädt dazu ein, die Tiere sowie ihr Verhältnis zur menschlichen Welt mit einem sensiblen Blick neu zu sehen.

8/10

Film-Review: „Coco – Lebendiger als das Leben!“

von Lee Unkrich, Adrian Molina

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Dank modernen Klassikern, Meisterwerken und Kritikerlieblingen wie der „Toy Story“-Trilogie, „Die Monster AG“, „WALL-E“, „Oben“ oder „Alles steht Kopf“ hat sich die Animationsfilmschmiede Pixar den Ruf eines der besten und kreativsten Studios in diesem Segment gesichert und das durchaus zurecht. Trotzdem beträgt die Volltrefferquote bei weitem nicht 100%. Die „Cars“-Filme beispielsweise sind zwar recht erfolgreich, von der Kritik wurden sie allerdings vergleichsweise moderat aufgenommen und „Arlo & Spot“ ging sogar kommerziell baden. Nun steht mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ das nächste Werk in den Startlöchern.

Und dieses Mal hat man sich ganz der mexikanischen Kultur und insbesondere dem „Tag der Toten“ verschrieben. Der junge Miguel möchte einmal ein großer Musiker werden und will es seinem verstorbenen Idol Ernesto de la Cruz gleichtun. Damit ist er aber der einzige in seiner Familie, der überhaupt etwas für schöne Töne übrig hat – alle anderen glauben aufgrund ihrer Geschichte, dass Musik etwas Schädliches ist. Doch Miguel gibt nicht auf und eines Abends begibt er sich zum Grab von de la Cruz, um sich dessen alte Gitarre „auszuborgen“. Doch dabei geschieht etwas Unvorstellbares: Plötzlich ist er nicht mehr in der normalen Welt, sondern im Reich der Toten. Dort trifft er nicht nur auf seine Vorfahren, sondern er könnte auch de la Cruz endlich treffen. Doch die Zeit drängt, denn wenn die Sonne wieder aufgeht, bleibt Miguel für immer in der Totenwelt gefangen…

Es wird immer wieder bei modernen Animationsfilmen aus dem Computer erwähnt: Der technische Aspekt der Umsetzung. Ist diese auf der Höhe der Zeit? Wie gut sieht der Film gemessen an den heutigen Standards aus? Bei Filmen aus dem Hause Pixar muss man sich in der Hinsicht nie Sorgen machen, die sehen immer prächtig aus, die Qualität ihrer Animationen sucht stets ihresgleichen. Aber ein Qualitätskriterium sollte das alleine schon lange nicht mehr sein. Technische Stärke sollte nur dann eine Rolle spielen, wenn sie im Dienste fantastischer Ideen steht, ansonsten verkommt sie zum reinen Selbstzweck. Und während sich die verschiedenen großes Studios gegenseitig in der Hinsicht zu überbieten versuchen, müssen nicht zwangsläufig auch erinnerungswürdige Impressionen dabei entstehen.

Anders als in anderen Werken Pixars ist die Anzahl der visuell beeindruckenden Momente in „Coco“ relativ rar gesät. Klar, alles strotzt scheinbar nur so vor Details und knalligen Farben. Aber mittlerweile kennt man das zur Genüge aus diesem Genre. Wirklich im Gedächtnis bleiben tut jedoch nur die spektakulär in Szene gesetzte Brücke aus unzähligen Blättern, die die Welt der Toten mit der der Lebenden verbindet und bei der man glaubt, jedes einzelne Blatt erkennen zu können. Die Totenwelt selbst sieht zwar äußerst lebendig aus, aber abgesehen davon, dass diese von allerlei Skeletten bevölkert wird, bleiben echte interessante Ideen aus.

Dies setzt sich leider auch beim Humor fort: Ein wenig zu oft verlässt man sich auf den schnell überstrapazierten visuellen Gag des in sich zusammenfallenden Skeletts und mit dem Hund Dante hat man dem Film auch noch einen generischen tierischen Sidekick wie aus dem Disney-Einmaleins spendiert, der am Ende alles andere als lustig ist, sondern eher nervt. Die Handlung selbst verläuft in recht vertrauten Bahnen und selbst ihre Überraschungen hat man anderswo schon besser ausgeführt gesehen. Lediglich beim Ende verdient sich „Coco“ große Emotionen. Doch bis dahin wird man das Gefühl nicht los, einen Pixar-Film auf Autopiloten zu sehen: Das ist alles grundsolide und kurzweilig und immer noch besser als Vieles, was die unmittelbare Konkurrenz so veranstaltet. Aber gemessen am guten Ruf und der hohen Messlatte, die man an einem Pixar-Film legt, ist das einfach nicht genug.

Fazit: Mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ liefern die Macher von Pixar einen nur erstaunlich soliden Film ab, der wirkt, als wäre er routiniert und ohne allzu große kreative Anstrengungen aus dem Handgelenk geschüttelt worden. Vollkommen ausreichend, aber das können sie viel besser.

6/10

Film-Review: „The Big Sick“

von Michael Showalter
mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter

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Es ist so abgedroschen, wie es nur geht, aber: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Und mit „The Big Sick“ wurde die wahre Liebesgeschichte von Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor Kumail Nanjiani und seiner Frau Emily V. Gordon, ebenfalls Autorin des Film, auf die große Leinwand gebracht. Und während sich die echte Gordon im Hintergrund aufhält und von Zoe Kazan gespielt wird, schlüpft Nanjiani einfach selbst in die fiktionalisierte Form seines Ichs. Natürlich muss man von Anfang hinnehmen, dass vermutlich nicht alles, was im Film geschieht, wirklich so passiert ist, aber was soll’s?

Was spielt das schon für eine Rolle, denn am Ende zählt nur das Ergebnis im Kinosaal. Und das kann sich mehr als nur sehen lassen: In „The Big Sick“ versucht Nanjiani, als Stand-up-Komiker Karriere zu machen. Und obwohl das zunächst nicht so recht gelingen will, einigen Menschen gefallen seine Auftritte, darunter Emily (Kazan). Nach einem Gig lernen sich beide an der Bar näher kennen und sofort sprühen die Funken. Doch ihrer Liebe stehen scheinbar unüberwindbare Hürden im Weg, die vor allem mit Nanjianis strengem pakistanisch-muslimischen Elternhaus zu tun haben. Als Emily dann eines Tages schwer erkrankt und ins künstliche Koma versetzt wird, muss Kumail ausgerechnet mit ihren Eltern Zeit verbringen – was gar nicht so einfach ist…

Von Anfang an wird die wunderbare Chemie zwischen Nanjiani und seinem Co-Star Kazan deutlich. Wenn sich die beiden auf witzige und charmante Weise näher kommen, dann drückt man als Zuschauer auf der Stelle beiden die Daumen, dass sie eines Tages glücklich werden mögen. Das ist auch insofern wichtig, weil ihr Verhältnis zueinander auch das Fundament bildet für den ausgedehnten Mittelteil, in dem Emily im Koma liegt und ihre Eltern und Kumail gemeinsam auf sie acht geben und sich dabei selbst näher kennenlernen. Wäre ihre Liebe weniger gaubwürdig, der Film würde nicht funktionieren.

Dass das aber ein voller Erfolg wird, ist einerseits dem tollen Ensemble geschuldet. Nanjiani und Kazan bilden ein wunderbar liebenswertes Pärchen mit einigen urigen Schrägheiten, das sofort alle Sympathien bekommt. Ihr lebhaft-lustiges Zusammenspiel ist ansteckend, zugleich macht es einige dramatische Momente umso herzergreifender. Die übrige Besetzung steht dem aber in nichts nach: Holly Hunter und Ray Romano begeistern als Emilys Eltern und auch Nanjianis Filmfamilie und ist über jeden Zweifel erhaben.

Dass die bestens aufgelegten Darsteller überhaupt die Gelegenheit zum Brillieren bekommen, liegt aber vor allem an dem Skript: Bisweilen urkomisch geht es zu, ohne jedoch jemals den Bogen zu überspannen. Von billigen wie primitiven Zoten hält man sich in „The Big Sick“ so weit entfernt, wie es nur geht. Stattdessen kommt der Humor immer perfekt getimt, unaufgeregt, pointiert und glaubwürdig daher. Darüber hinaus glänzt das Drehbuch mit klugen und dennoch zumeist locker gehaltenen Einschüben zu Vorurteilen, Religion und Tradition und räumt zum Teil mit augenzwinkender Selbstironie mit Klischees auf, ohne jemals auch nur ansatzweise den Zeigefinger heben zu müssen. Mit all diesen Aspekten sowie der Romantik jongliert die Erzählung meisterlich und während sich „The Big Sick“ vordergründig als romantische Komödie ausgibt, ist das Werk von Regisseur Michael Showalter auch eine Geschichte über die Emanzipation eines Mannes von den starren Regeln seiner Heimat und eine über eine Grenzen einreißende Annäherung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Fazit: „The Big Sick“ mag aussehen wie ein kleiner, unaufgeregter Indiefilm, aber das fantastische, lustige wie vielschichtige Drehbuch und die tollen Darsteller sind einfach nur ganz großes, schwer unterhaltsames wie rührendes Kino.

9/10

Film-Review: „The Mermaid“

von Stephen Chow
mit Chao Deng, Yun Lin, Show Luo

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Mit Filmen wie „Shaolin Kickers“ oder „Kung Fu Hustle“ machte Regisseur Stephen Chow schon vor einiger Zeit auf sich aufmerksam und fand mit seinem durchgeknallten Humor auch hierzulande einige Fans. Nun landete er mit „The Mermaid“ den größten Hit seiner Laufbahn, denn zwischenzeitlich war sein Film mit einem weltweiten Einspiel von über 500 Millionen US-Dollar der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten. Zurecht?

Der reiche Playboy Liu Xuan (Chao Deng) plant inmitten eines Naturschutzgebietes ein großes Immobilienprojekt und vertreibt dafür die in einer Bucht lebenden Delfine mit Hilfe eines mächtigen Sonars. Was er aber nicht weiß: In der Gegend leben auch seit Langem Meerjungfrauen und andere menschenähnliche Bewohner der Ozeane, die ebenfall von den Umwälzungen in ihrem Lebensraum betroffen sind. Um sich zu retten schmieden sie einen teuflischen Plan: Sie schicken die schöne Shan (Yun Lin) los, um Liu zu töten. Doch der Plan droht zu misslingen, als zwischen Täterin und Opfer plötzlich die Funken sprühen.

Romantik, Slapstick, Action und eine Öko-Botschaft – Filmemacher Chow hat sich jede Menge vorgenommen und schmeißt seine Zutaten ohne Rücksicht auf Verluste in den Topf und rührt einmal kräftig um. Das Ergebnis bricht mit den üblichen Sehgewohnheiten des westlichen Zuschauers, denn „The Mermaid“ ist in jeglicher, aber vor allem typisch asiatischer Hinsicht überkandidelt: Die Darbietungen überschreiten mehr als nur einmal die Grenze zum Overacting, die Musik versprüht künstlich-übertriebenen Pathos inkl. Schlagermusik aus Fernost und zudem geizt man auch nicht mit mittelmäßigen CGI-Effekten und knalligen Farben.

Das klingt nun alles irgendwie furchtbar und der nicht daran gewöhnte Zuschauer darf das durchaus unerträglich finden. In Wahrheit aber trägt die ganz und gar nicht subtile Inszenierung nur zum trashig-humorigen Charme des Films bei. In seinen besten Momenten wirkt der Humor von „The Mermaid“, ähnlich wie auch schon in den eingangs erwähnten Werken Chows, nämlich wie die perfekte Live-Action-Version eines japanischen Mangas oder Animes. Kann man nervig finden, aber der Autor dieser Zeilen findet es einfach nur amüsant. Gleich in mehreren Szenen wird das Zwerchfell vor lauter Lachen böse strapaziert, aber auch dazwischen sorgen schon die Eingenheiten verschiedener Figuren für permanentes Grinsen. In der Hinsicht tut sich besonders der von Show Luo gespielte Octopus hervor, der mit todernster Miene in schrägster Haltung durch die Gegend spaziert und allein dadurch einen göttlichen Anblick abgibt. Wenn er dann später versehentlich für ein Sushi-Menü herhalten soll, liegt man dann endgültig am Boden.

Trotzdem muss auch ein Film wie „The Mermaid“ eine Geschichte erzählen und während sich auch die romantischen Zwischentöne insgesamt gut in das humoristische Gesamtbild einfügen, sorgt der Aspekt mit der Gefährdung der sogenannten Meermenschen und besonders der Showdown für einen verhältnismäßig tonalen Konflikt. Eine Spur zu ernst geht es dann zu, statt noch etwas konsequenter die Humorfahne hochzuhalten. Dass die Öko-Message mit dem Vorschlaghammer präsentiert wird, sollte jedoch nicht überraschen.

Fazit: „The Mermaid“ ist ganz klar Blockbuster-Kino aus China und will einem möglichst breiten Publikum auch viel bieten. Dass das Ergebnis insgesamt seicht und simpel ausfällt stört aber nicht, denn dazu ist der Film einfach zu durchgeknallt witzig – wenn man sich drauf einlassen kann.

7/10

Film-Review: „A Ghost Story“

von David Lowery
mit Rooney Mara, Casey Affleck

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Ein Gespenst das aussieht wie ein Kostüm für ganz kleine Kinder. Einfach nur ein Bettlaken mit zwei Löchern für die Augen, das ist alles. In einem dramatischen Realfilmsetting. Mehr hat es nicht gebraucht, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen und seitdem ich es das erste Mal sah, wollte ich „A Ghost Story“ unbedingt sehen. Und zum Glück hat dieser Film viel mehr zu bieten als nur eine skurril aussehende Hauptfigur.

Das Pärchen M (Rooney Mara) und C (Casey Affleck) lebt glücklich in seinem Haus zusammen und verbringt gemeinsame Stunden der trauten Zweisamkeit. Doch eines Tages ist es jäh vorbei mit dem Glück, als C bei einem Autounfall ums Leben kommt. Aber seine Seele kann noch nicht von dieser Welt loslassen. So kehrt er als Geist zurück, unsichtbar und dazu verdammt, durch Raum und Zeit M bei ihrer Trauer zuzusehen…und dann anschließend der Welt, wie sie sich verändert.

Der kleine visuelle Gag des Gespenstes ist schnell verflogen und stattdessen füllen sich die leeren, schwarzen Löcher, da wo die Augen sind, im Kopf mit mehr und mehr tief empfundener Traurigkeit. Und während man noch anfänglich darüber amüsiert war, so stellt sich im Laufe des Filmes der Eindruck ein, dass man sich auch kein anderes Design für das Gespenst vorstellen könnte. In seiner kindlich-naiven Außenwirkung erhält es eine poetische Qualität, die zur bittersüßen, melancholischen Stimmung des Films passt.

Denn auch wenn der Titel spontan etwas anderes vermuten lässt und der Film beizeiten mit den Regeln des Genres zu spielen scheint, so ist „A Ghost Story“ eben kein Horrorfilm. Er könnte nicht weiter davon entfernt sein und mir graust es bei dem Gedanken, wie zum Kinostart sich uninformierte Menschen in den Film in Erwartung von Schocks und Schrecken setzen. In der Pressevorführung, der ich beiwohnen konnte, gab es auch solche Exemplare – ein Ärgernis!

„A Ghost Story“ ist nicht weniger als eine stille Meditation über Liebe, Verlust, Tod, Raum und Zeit. Der Geist, der nicht loslassen kann und will, scheint für die Ewigkeit an das Haus gebunden zu sein, in dem er zu Lebzeiten so glücklich war, und muss mitansehen, wie M erst ihren Verlust verarbeitet und dann nach und nach im Leben weiterzieht. Er bleibt als zumeist passiver und stiller Beobachter zurück und sieht was noch kommt und was war. Während zu Beginn noch Ms Verlust zentral ist, geht es doch eigentlich um den von C, der sich an einen letzten kleinen, sprichwörtlichen Fetzen Hoffnung klammert.

Lowery bringt das mit nur spärlich eingesetzten Dialogen und durch umso mehr kraftvolle Bilder seines Kameramannes Andrew Droz Palermo zur Geltung. Oft in Halbtotalen oder Totalen, wird der Geist verloren im Raum inszeniert, in Umgebungen, deren ständiger Veränderung er hilflos ausgliefert ist. Die Einsamkeit der Seele kommt visuell sehr gut zum Tragen, erzählerisch spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Es ist faszinierend mit anzuschauen, wie Lowery das filmische Tempo reduziert und mitunter einzelne Einstellungen für mehrere Minuten hält und sich die Geschichte gleichzeitig durch die Jahrhunderte bewegt. Auf die Weise lädt der Film zum Sinnieren ein über Vergänglichkeit, Sinn und Unsinn unserer aller Existenz. Und dabei stellt sich auch die bittere Erkenntnis ein, dass unser Schicksal, das für uns die Welt bedeutet, wie auch immer es aussehen mag, ultimativ nur die kleinste aller Fußnoten im ewigen Fluss der Geschehnisse ist.

Wer zusätzliche filmische Anhaltspunkte braucht, um eine kleine Vorstellung von „A Ghost Story“ zu erhalten: Das Werk ist wie „Enter The Void“ von Gaspar Noé mit einer Ästhetik, die beizeiten an Terrence Malick denken lässt. Das zur groben Einordnung, denn ein simpler Bastard aus beidem ist der Film natürlich nicht.

Und noch ein Wort zu den Darstellern: Während Affleck die meiste Zeit unter einem Bettlaken verweilt und sich in den Szenen, in denen er zu sehen ist, solide durchnuschelt, sorgt Rooney für ein Highlight des Kinojahres 2017: In einer einzigen, gefühlt ewig langen Einstellung isst sie einen Kuchen. Zunächst nur verhalten und erstmal kostend, werden die Stiche mit der Gabel immer energischer, die Bissen immer größer, bis sich dann auch bei ihr die so tief verbuddelte Trauer endlich zeigen kann. Wie Maras Spiel Stück für Stück an Intensität gewinnt, ist einfach grandios anzuschauen, in nur einer Szene wird ohne großen Schnickschnack die ganze Trauer ihrer Figur offenbart.

Fazit: „A Ghost Story“ ist einer der außergewöhnlichsten Filme des Jahres und eine zutiefst berührende Reflexion über unsere Zeit auf Erden.

9/10

Film-Review: „Killing Ground“

von Damian Power
mit Harriet Dyer, Mitzi Ruhlmann, Tiarnie Coupland

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Australien soll ja ein ganz schönes Land sein, aber wer dort in den Wäldern auf eigene Faust etwas unternimmt, der hat Pech gehabt – zumindest, wenn es nach dem Horrorfilmgenre geht, in dem schon unzählige Male allerlei Hinterwäldler und eklige Kreaturen nur darauf gewartet haben, Unschuldigen den Garaus zu machen. Ob die Tourismusbehörde glücklich darüber ist, dass Spielfilmdebütant Damian Power einen weiteren Beitrag zum Ruf Australiens als inoffizielles Land des Grauens leistet? Bestimmt nicht. Fans knochentrockener Terror-Action werden allerdings voll auf ihre Kosten kommen.

Das Pärchen Samantha (Harriet Dyer) und Ian (Ian Meadows) will einfach nur einen Campingausflug an einem kleinen See im Wald unternehmen. Als sie dort ankommen, stellen sie fest, dass sie offenbar nicht die einzigen sind, die das schöne Fleckchen für sich entdeckt hat. Dass das benachbarte Familienzelt leer ist, ist zunächst nicht weiter auffällig, schließlich könnten die anderen einfach nur auf Wanderung sein. Doch nach und nach erschließt sich den beiden, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss…und dass es ihnen schon bald selbst widerfahren könnte.

Im Grunde genommen ist „Killing Ground“ eine simple Angelegenheit, aber gleich zu Beginn wird deutlich, dass sich Power, der auch das Drehbuch schrieb, und seine Cutterin Katie Flaxman dem Plot auf kreative Weise annähern. Denn zunächst werden die Handlungsstränge um Samantha und Ian in der Gegenwart und der anderen Camper in der Vergangenheit parallel erzählt. Dass man verschiedene Zeitebenen miteinander kombiniert, ist zwar nicht ganz neu, aber in „Killing Ground“ geschieht das auf eine solch behutsame Art, dass sich das Erzählkonstrukt erst nach einiger Zeit offenbart. Beim Zuschauer setzt dann ein feiner „Aha“-Effekt ein, wenn es endlich dämmert. Anschließend ist es möglich, einfach am Ball zu bleiben und beiden Geschichten zu folgen, wie sie unweigerlich auf einen gemeinsamen Punkt zusteuern.

Diese Erzählweise entpuppt sich insbesondere für die Darstellung der Antagonisten im Film als gewinnbringend heraus. Diese werden nicht gleich auf Anhieb als klischeebeladene Pschopathen eingeführt. Im Gegenteil, in den ersten Momenten könnte man sie fast als weitere normale Figuren wahrnehmen. Doch auch bei ihnen wird erst nach und nach eine Ebene ihrer Persönlichkeit nach der anderen entfernt, bis ihr wahres Ich zum Vorschein kommt. Und wenn sie dann ihrem kranken Verstand nachgeben, wird es bitter für ihre Opfer und nervenzerreißend für den Zuschauer. Realistisch, schnörkellos und mit unerbittlicher Konsequenz inszeniert Power deren Gräueltaten. Dabei muss er nicht einmal alle Gewaltakte in ihrer Gänze offen darlegen. Wenn endgültig klar wird, was sie verbrochen haben, wird das durch das suggestive Zeigen des Ergebnisses vermittelt. Wer jetzt aber glaubt, dass Power vor der Härte seines eigenen Stoffes zurücksteckt, der sei an dieser Stelle beruhigt: Es gibt noch genügend kranke On-Screen-Gewalt zu bewundern.

Fazit: Damian Power ist ein äußerst vielversprechendes Debüt als Spielfilmregisseur gelungen – „Killing Ground“ ist kurzes, intensives Terrorkino vom Feinsten, das Fans grimmig-realistischer Kost vollends zufriedenstellen sollte.

8/10

Film-Review: „In This Corner Of The World“

von Sunao Katabuchi

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Der japanische Trickfilm hat sich von der klischeehaften Vorstellung, animierte Werke wären in erster Linie Kinderkram, schon lange emanzipiert. Horror, Sci-Fi, Dramen oder Komödien – in Animes werden alle Genres bedient. Da macht auch die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen keine Ausnahme. „Die letzten Glühwürmchen“ ist in der Hinsicht ein absoluter Meilenstein und ganz sicher eines der größten filmischen Statements gegen den Krieg. Die zwei Teile von „Barfuß durch Hiroshima“ hingegen verarbeiten basierend auf dem gleichnamigen Manga mit starken biographischen Bezügen den grausamen Atombombenabwurf. Letzterer spielt auch in „In This Corner Of The World“ von Sunao Katabuchi eine wichtige Rolle.

Suzu wächst in jungen Jahren im Hiroshima der 30er und 40er Jahre auf, aber kaum ist sie volljährig, heiratet sie den ebenfalls sehr jungen Shusaku. Nach ihrer Vermählung folgt Suzu ihrem Mann in die kleine Stadt Kure, in dessen Hafen regelmäßig Kriegsschiffe anlegen. Obwohl sich Japan im Konflikt mit den USA befindet, kann die Familie zunächst ein recht schönes Leben verbringen. Doch langsam aber sicher hält der Krieg auch bei ihnen Einzug. Trotz Fliegeralarm und Bombenabwürfen weigert sich die fantasievolle Suzu, sich davon ihre Lebenslust nehmen zu lassen.

„In This Corner Of The World“ lässt sich viel und ganz gemächlich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Besonders in der ersten Hälfte der 130 Minuten geht es um viel Alltägliches und um die Figuren: Suzu, wie sie in jungen Jahren aufwächst, ihre Eigenarten und ihr soziales Umfeld werden ausgiebig beleuchtet. Dass das nicht langweilig wird, liegt an der Hauptprotagonistin selbst, die mit einem unvergleichlichen Optimismus durchs Leben geht, der einerseits ansteckend ist und andererseits im Laufe der Handlung zu einem emotionalen Anker für die Figuren als auch den Zuschauer wird. Denn selbst zu Krisenzeiten scheint Suzu nichts aus der Fassung zu bringen. Regisseur Katabuchi entwirft mit ihr im Zentrum in dieser Phase des Films ein geradezu idyllisches Porträt vom Leben in Japan zu jener Zeit, in dem selbst kleinere zwischenmenschliche Konflikte nie ernsthaft eskalieren. Als Zuschauer kommt man den Figuren dadurch sehr nahe.

Nur langsam, aber dafür beständig, wenn die Handlung in der Zeit voranschreitet, wird der Einfluss des Krieges immer deutlicher. Zunächst, so scheint es, werden Hinweise wie Brotkrumen ausgelegt, bis der Krieg voll zuschlägt. An diesem Punkt zahlt es sich voll aus, dass zuvor so viel Zeit mit den Figuren verbracht wurde, denn wenn die Gefahr einmal deutlich wird, sorgt man sich wirklich um sie. Ferner schwebt über der Handlung ohnehin ein beunruhigendes Gefühl, das angesichts der sympathischen Hauptfigur für zusätzliche Spannung sorgt, die immer größer wird: Wie bereits erwähnt, stammt Suzu aus Hiroshima und ihre Familie bleibt nach ihrem Wegzug noch dort. Zwischenzeitlich überlegt sie, wieder zurück zu gehen. Unterdessen steuert die Geschichte unaufhaltsam auf den 6. August 1945 zu…

Doch genau dieses Voranschreiten in der Geschichte erweist sich leider als das größte Manko von „In This Corner Of The World“. Mehr als zehn Jahre umfasst die Handlung, die über weite Strecken in episodenhaften Ausschnitten erzählt wird. Dabei wünscht man sich mitunter, dass manche Szenen länger ausgespielt werden und nicht gleich wieder die Schwarzblende das Ende eines Abschnittes markiert. Außerdem, wenn sich die Ereignisse verdichten, greift Katabuchi vermehrt auf Schrifteinblendungen und Zeitsprünge zurück, die den Erzählfluss ziemlich holprig erscheinen lassen. In wenigen Minuten vergehen so Monate in der filmischen Welt, in denen man hier und dort Eindrücke von Suzu und den anderen erhält, doch insgesamt wirkt es abgehackt und teilweise gehetzt. Der Film hat sich ein ganzes, junges Leben zu Zeiten des 2. Weltkriegs zum Sujet gemacht, hat aber Schwierigkeiten wegen einer chronologischen Erzählung den ganzen Umfang vernünftig in seine Laufzeit unterzubringen.

Trotzdem verfehlt „In This Corner Of The World“ seine Wirkung nicht. Die Schrecken des Krieges werden anhand ihres Einflusses auf den Alltag einer Familie deutlich und vor allem glaubhaft gemacht und der zunehmende Kampf von Suzus innerer Einstellung mit den äußeren Widrigkeiten berührt. Interessant ist auch, wie alltägliche Routinen den Menschen selbst im Krieg einen Halt und einen Sinn geben können. In der Hinsicht ähnelt der Film dem ebenfalls 2017 erschienenen Film „Innen Leben“ über den Konflikt in Syrien, in dem sich Menschen auch an vermeintliche Banalitäten klammern, um mit der ständigen Gefahr umzugehen.

Ästhetisch weiß Sunao Katabuchis Film ebenfalls zu überzeugen, wenngleich das Figurendesign anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig erscheint: Besonders Suzu sieht vielleicht eine kleine Spur zu kindlich aus, um sie als verheiratete, erwachsene Frau wahrzunehmen – aber dieser Eindruck legt sich zum Glück rasch. Lobend erwähnt sei an dieser Stelle auch die gelungene deutsche Synchronisation. Vor allem Luisa Wietzorek als Suzu liefert eine ausgesprochen einfühlsame und tolle Performance ab.

Fazit: „In This Corner Of The World“ mag holprig erzählt sein, aber dafür punktet der Film mit einer tollen Hauptfigur, die den Zuschauer an die Hand nimmt und durch die dunkelste Phase Japans im 20. Jahrhundert führt. Sunao Katabuchi ist ein rührendes Plädoyer gegen den Krieg gelungen, das zugleich jede Menge Hoffnung versprüht.

7/10