Film-Review: „Coco – Lebendiger als das Leben!“

von Lee Unkrich, Adrian Molina

5905245.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Dank modernen Klassikern, Meisterwerken und Kritikerlieblingen wie der „Toy Story“-Trilogie, „Die Monster AG“, „WALL-E“, „Oben“ oder „Alles steht Kopf“ hat sich die Animationsfilmschmiede Pixar den Ruf eines der besten und kreativsten Studios in diesem Segment gesichert und das durchaus zurecht. Trotzdem beträgt die Volltrefferquote bei weitem nicht 100%. Die „Cars“-Filme beispielsweise sind zwar recht erfolgreich, von der Kritik wurden sie allerdings vergleichsweise moderat aufgenommen und „Arlo & Spot“ ging sogar kommerziell baden. Nun steht mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ das nächste Werk in den Startlöchern.

Und dieses Mal hat man sich ganz der mexikanischen Kultur und insbesondere dem „Tag der Toten“ verschrieben. Der junge Miguel möchte einmal ein großer Musiker werden und will es seinem verstorbenen Idol Ernesto de la Cruz gleichtun. Damit ist er aber der einzige in seiner Familie, der überhaupt etwas für schöne Töne übrig hat – alle anderen glauben aufgrund ihrer Geschichte, dass Musik etwas Schädliches ist. Doch Miguel gibt nicht auf und eines Abends begibt er sich zum Grab von de la Cruz, um sich dessen alte Gitarre „auszuborgen“. Doch dabei geschieht etwas Unvorstellbares: Plötzlich ist er nicht mehr in der normalen Welt, sondern im Reich der Toten. Dort trifft er nicht nur auf seine Vorfahren, sondern er könnte auch de la Cruz endlich treffen. Doch die Zeit drängt, denn wenn die Sonne wieder aufgeht, bleibt Miguel für immer in der Totenwelt gefangen…

Es wird immer wieder bei modernen Animationsfilmen aus dem Computer erwähnt: Der technische Aspekt der Umsetzung. Ist diese auf der Höhe der Zeit? Wie gut sieht der Film gemessen an den heutigen Standards aus? Bei Filmen aus dem Hause Pixar muss man sich in der Hinsicht nie Sorgen machen, die sehen immer prächtig aus, die Qualität ihrer Animationen sucht stets ihresgleichen. Aber ein Qualitätskriterium sollte das alleine schon lange nicht mehr sein. Technische Stärke sollte nur dann eine Rolle spielen, wenn sie im Dienste fantastischer Ideen steht, ansonsten verkommt sie zum reinen Selbstzweck. Und während sich die verschiedenen großes Studios gegenseitig in der Hinsicht zu überbieten versuchen, müssen nicht zwangsläufig auch erinnerungswürdige Impressionen dabei entstehen.

Anders als in anderen Werken Pixars ist die Anzahl der visuell beeindruckenden Momente in „Coco“ relativ rar gesät. Klar, alles strotzt scheinbar nur so vor Details und knalligen Farben. Aber mittlerweile kennt man das zur Genüge aus diesem Genre. Wirklich im Gedächtnis bleiben tut jedoch nur die spektakulär in Szene gesetzte Brücke aus unzähligen Blättern, die die Welt der Toten mit der der Lebenden verbindet und bei der man glaubt, jedes einzelne Blatt erkennen zu können. Die Totenwelt selbst sieht zwar äußerst lebendig aus, aber abgesehen davon, dass diese von allerlei Skeletten bevölkert wird, bleiben echte interessante Ideen aus.

Dies setzt sich leider auch beim Humor fort: Ein wenig zu oft verlässt man sich auf den schnell überstrapazierten visuellen Gag des in sich zusammenfallenden Skeletts und mit dem Hund Dante hat man dem Film auch noch einen generischen tierischen Sidekick wie aus dem Disney-Einmaleins spendiert, der am Ende alles andere als lustig ist, sondern eher nervt. Die Handlung selbst verläuft in recht vertrauten Bahnen und selbst ihre Überraschungen hat man anderswo schon besser ausgeführt gesehen. Lediglich beim Ende verdient sich „Coco“ große Emotionen. Doch bis dahin wird man das Gefühl nicht los, einen Pixar-Film auf Autopiloten zu sehen: Das ist alles grundsolide und kurzweilig und immer noch besser als Vieles, was die unmittelbare Konkurrenz so veranstaltet. Aber gemessen am guten Ruf und der hohen Messlatte, die man an einem Pixar-Film legt, ist das einfach nicht genug.

Fazit: Mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ liefern die Macher von Pixar einen nur erstaunlich soliden Film ab, der wirkt, als wäre er routiniert und ohne allzu große kreative Anstrengungen aus dem Handgelenk geschüttelt worden. Vollkommen ausreichend, aber das können sie viel besser.

6/10

Advertisements

Film-Review: „The Big Sick“

von Michael Showalter
mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter

3759103.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Es ist so abgedroschen, wie es nur geht, aber: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Und mit „The Big Sick“ wurde die wahre Liebesgeschichte von Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor Kumail Nanjiani und seiner Frau Emily V. Gordon, ebenfalls Autorin des Film, auf die große Leinwand gebracht. Und während sich die echte Gordon im Hintergrund aufhält und von Zoe Kazan gespielt wird, schlüpft Nanjiani einfach selbst in die fiktionalisierte Form seines Ichs. Natürlich muss man von Anfang hinnehmen, dass vermutlich nicht alles, was im Film geschieht, wirklich so passiert ist, aber was soll’s?

Was spielt das schon für eine Rolle, denn am Ende zählt nur das Ergebnis im Kinosaal. Und das kann sich mehr als nur sehen lassen: In „The Big Sick“ versucht Nanjiani, als Stand-up-Komiker Karriere zu machen. Und obwohl das zunächst nicht so recht gelingen will, einigen Menschen gefallen seine Auftritte, darunter Emily (Kazan). Nach einem Gig lernen sich beide an der Bar näher kennen und sofort sprühen die Funken. Doch ihrer Liebe stehen scheinbar unüberwindbare Hürden im Weg, die vor allem mit Nanjianis strengem pakistanisch-muslimischen Elternhaus zu tun haben. Als Emily dann eines Tages schwer erkrankt und ins künstliche Koma versetzt wird, muss Kumail ausgerechnet mit ihren Eltern Zeit verbringen – was gar nicht so einfach ist…

Von Anfang an wird die wunderbare Chemie zwischen Nanjiani und seinem Co-Star Kazan deutlich. Wenn sich die beiden auf witzige und charmante Weise näher kommen, dann drückt man als Zuschauer auf der Stelle beiden die Daumen, dass sie eines Tages glücklich werden mögen. Das ist auch insofern wichtig, weil ihr Verhältnis zueinander auch das Fundament bildet für den ausgedehnten Mittelteil, in dem Emily im Koma liegt und ihre Eltern und Kumail gemeinsam auf sie acht geben und sich dabei selbst näher kennenlernen. Wäre ihre Liebe weniger gaubwürdig, der Film würde nicht funktionieren.

Dass das aber ein voller Erfolg wird, ist einerseits dem tollen Ensemble geschuldet. Nanjiani und Kazan bilden ein wunderbar liebenswertes Pärchen mit einigen urigen Schrägheiten, das sofort alle Sympathien bekommt. Ihr lebhaft-lustiges Zusammenspiel ist ansteckend, zugleich macht es einige dramatische Momente umso herzergreifender. Die übrige Besetzung steht dem aber in nichts nach: Holly Hunter und Ray Romano begeistern als Emilys Eltern urige Eltern und auch Nanjianis Filmfamilie und ist über jeden Zweifel erhaben.

Das die bestens aufgelegten Darsteller überhaupt die Gelegenheit zum Brillieren bekommen, liegt aber vor allem an dem Skript: Bisweilen urkomisch geht es zu, ohne jedoch jemals den Bogen zu überspannen. Von billigen wie primitiven Zoten hält man sich in „The Big Sick“ so weit entfernt, wie es nur geht. Stattdessen kommt der Humor immer perfekt getimt, unaufgeregt, pointiert und glaubwürdig daher. Darüber hinaus glänzt das Drehbuch mit klugen und dennoch zumeist locker gehaltenen Einschüben zu Vorurteilen, Religion und Tradition und räumt zum Teil mit augenzwinkender Selbstironie mit Klischees auf, ohne jemals auch nur ansatzweise den Zeigefinger heben zu müssen. Mit all diesen Aspekten sowie der Romantik jongliert die Erzählung meisterlich und während sich „The Big Sick“ vordergründig als romantische Komödie ausgibt, ist das Werk von Regisseur Michael Showalter auch eine Geschichte über die Emanzipation eines Mannes von den starren Regeln seiner Heimat und eine über eine Grenzen einreißende Annäherung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Fazit: „The Big Sick“ mag aussehen wie ein kleiner, unaufgeregter Indiefilm, aber das fantastische, lustige wie vielschichtige Drehbuch und die tollen Darsteller sind einfach nur ganz großes, schwer unterhaltsames wie rührendes Kino.

9/10

Film-Review: „The Mermaid“

von Stephen Chow
mit Chao Deng, Yun Lin, Show Luo

1620121.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Mit Filmen wie „Shaolin Kickers“ oder „Kung Fu Hustle“ machte Regisseur Stephen Chow schon vor einiger Zeit auf sich aufmerksam und fand mit seinem durchgeknallten Humor auch hierzulande einige Fans. Nun landete er mit „The Mermaid“ den größten Hit seiner Laufbahn, denn zwischenzeitlich war sein Film mit einem weltweiten Einspiel von über 500 Millionen US-Dollar der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten. Zurecht?

Der reiche Playboy Liu Xuan (Chao Deng) plant inmitten eines Naturschutzgebietes ein großes Immobilienprojekt und vertreibt dafür die in einer Bucht lebenden Delfine mit Hilfe eines mächtigen Sonars. Was er aber nicht weiß: In der Gegend leben auch seit Langem Meerjungfrauen und andere menschenähnliche Bewohner der Ozeane, die ebenfall von den Umwälzungen in ihrem Lebensraum betroffen sind. Um sich zu retten schmieden sie einen teuflischen Plan: Sie schicken die schöne Shan (Yun Lin) los, um Liu zu töten. Doch der Plan droht zu misslingen, als zwischen Täterin und Opfer plötzlich die Funken sprühen.

Romantik, Slapstick, Action und eine Öko-Botschaft – Filmemacher Chow hat sich jede Menge vorgenommen und schmeißt seine Zutaten ohne Rücksicht auf Verluste in den Topf und rührt einmal kräftig um. Das Ergebnis bricht mit den üblichen Sehgewohnheiten des westlichen Zuschauers, denn „The Mermaid“ ist in jeglicher, aber vor allem typisch asiatischer Hinsicht überkandidelt: Die Darbietungen überschreiten mehr als nur einmal die Grenze zum Overacting, die Musik versprüht künstlich-übertriebenen Pathos inkl. Schlagermusik aus Fernost und zudem geizt man auch nicht mit mittelmäßigen CGI-Effekten und knalligen Farben.

Das klingt nun alles irgendwie furchtbar und der nicht daran gewöhnte Zuschauer darf das durchaus unerträglich finden. In Wahrheit aber trägt die ganz und gar nicht subtile Inszenierung nur zum trashig-humorigen Charme des Films bei. In seinen besten Momenten wirkt der Humor von „The Mermaid“, ähnlich wie auch schon in den eingangs erwähnten Werken Chows, nämlich wie die perfekte Live-Action-Version eines japanischen Mangas oder Animes. Kann man nervig finden, aber der Autor dieser Zeilen findet es einfach nur amüsant. Gleich in mehreren Szenen wird das Zwerchfell vor lauter Lachen böse strapaziert, aber auch dazwischen sorgen schon die Eingenheiten verschiedener Figuren für permanentes Grinsen. In der Hinsicht tut sich besonders der von Show Luo gespielte Octopus hervor, der mit todernster Miene in schrägster Haltung durch die Gegend spaziert und allein dadurch einen göttlichen Anblick abgibt. Wenn er dann später versehentlich für ein Sushi-Menü herhalten soll, liegt man dann endgültig am Boden.

Trotzdem muss auch ein Film wie „The Mermaid“ eine Geschichte erzählen und während sich auch die romantischen Zwischentöne insgesamt gut in das humoristische Gesamtbild einfügen, sorgt der Aspekt mit der Gefährdung der sogenannten Meermenschen und besonders der Showdown für einen verhältnismäßig tonalen Konflikt. Eine Spur zu ernst geht es dann zu, statt noch etwas konsequenter die Humorfahne hochzuhalten. Dass die Öko-Message mit dem Vorschlaghammer präsentiert wird, sollte jedoch nicht überraschen.

Fazit: „The Mermaid“ ist ganz klar Blockbuster-Kino aus China und will einem möglichst breiten Publikum auch viel bieten. Dass das Ergebnis insgesamt seicht und simpel ausfällt stört aber nicht, denn dazu ist der Film einfach zu durchgeknallt witzig – wenn man sich drauf einlassen kann.

7/10

Film-Review: „A Ghost Story“

von David Lowery
mit Rooney Mara, Casey Affleck

0174997.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Ein Gespenst das aussieht wie ein Kostüm für ganz kleine Kinder. Einfach nur ein Bettlaken mit zwei Löchern für die Augen, das ist alles. In einem dramatischen Realfilmsetting. Mehr hat es nicht gebraucht, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen und seitdem ich es das erste Mal sah, wollte ich „A Ghost Story“ unbedingt sehen. Und zum Glück hat dieser Film viel mehr zu bieten als nur eine skurril aussehende Hauptfigur.

Das Pärchen M (Rooney Mara) und C (Casey Affleck) lebt glücklich in seinem Haus zusammen und verbringt gemeinsame Stunden der trauten Zweisamkeit. Doch eines Tages ist es jäh vorbei mit dem Glück, als C bei einem Autounfall ums Leben kommt. Aber seine Seele kann noch nicht von dieser Welt loslassen. So kehrt er als Geist zurück, unsichtbar und dazu verdammt, durch Raum und Zeit M bei ihrer Trauer zuzusehen…und dann anschließend der Welt, wie sie sich verändert.

Der kleine visuelle Gag des Gespenstes ist schnell verflogen und stattdessen füllen sich die leeren, schwarzen Löcher, da wo die Augen sind, im Kopf mit mehr und mehr tief empfundener Traurigkeit. Und während man noch anfänglich darüber amüsiert war, so stellt sich im Laufe des Filmes der Eindruck ein, dass man sich auch kein anderes Design für das Gespenst vorstellen könnte. In seiner kindlich-naiven Außenwirkung erhält es eine poetische Qualität, die zur bittersüßen, melancholischen Stimmung des Films passt.

Denn auch wenn der Titel spontan etwas anderes vermuten lässt und der Film beizeiten mit den Regeln des Genres zu spielen scheint, so ist „A Ghost Story“ eben kein Horrorfilm. Er könnte nicht weiter davon entfernt sein und mir graust es bei dem Gedanken, wie zum Kinostart sich uninformierte Menschen in den Film in Erwartung von Schocks und Schrecken setzen. In der Pressevorführung, der ich beiwohnen konnte, gab es auch solche Exemplare – ein Ärgernis!

„A Ghost Story“ ist nicht weniger als eine stille Meditation über Liebe, Verlust, Tod, Raum und Zeit. Der Geist, der nicht loslassen kann und will, scheint für die Ewigkeit an das Haus gebunden zu sein, in dem er zu Lebzeiten so glücklich war, und muss mitansehen, wie M erst ihren Verlust verarbeitet und dann nach und nach im Leben weiterzieht. Er bleibt als zumeist passiver und stiller Beobachter zurück und sieht was noch kommt und was war. Während zu Beginn noch Ms Verlust zentral ist, geht es doch eigentlich um den von C, der sich an einen letzten kleinen, sprichwörtlichen Fetzen Hoffnung klammert.

Lowery bringt das mit nur spärlich eingesetzten Dialogen und durch umso mehr kraftvolle Bilder seines Kameramannes Andrew Droz Palermo zur Geltung. Oft in Halbtotalen oder Totalen, wird der Geist verloren im Raum inszeniert, in Umgebungen, deren ständiger Veränderung er hilflos ausgliefert ist. Die Einsamkeit der Seele kommt visuell sehr gut zum Tragen, erzählerisch spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Es ist faszinierend mit anzuschauen, wie Lowery das filmische Tempo reduziert und mitunter einzelne Einstellungen für mehrere Minuten hält und sich die Geschichte gleichzeitig durch die Jahrhunderte bewegt. Auf die Weise lädt der Film zum Sinnieren ein über Vergänglichkeit, Sinn und Unsinn unserer aller Existenz. Und dabei stellt sich auch die bittere Erkenntnis ein, dass unser Schicksal, das für uns die Welt bedeutet, wie auch immer es aussehen mag, ultimativ nur die kleinste aller Fußnoten im ewigen Fluss der Geschehnisse ist.

Wer zusätzliche filmische Anhaltspunkte braucht, um eine kleine Vorstellung von „A Ghost Story“ zu erhalten: Das Werk ist wie „Enter The Void“ von Gaspar Noé mit einer Ästhetik, die beizeiten an Terrence Malick denken lässt. Das zur groben Einordnung, denn ein simpler Bastard aus beidem ist der Film natürlich nicht.

Und noch ein Wort zu den Darstellern: Während Affleck die meiste Zeit unter einem Bettlaken verweilt und sich in den Szenen, in denen er zu sehen ist, solide durchnuschelt, sorgt Rooney für ein Highlight des Kinojahres 2017: In einer einzigen, gefühlt ewig langen Einstellung isst sie einen Kuchen. Zunächst nur verhalten und erstmal kostend, werden die Stiche mit der Gabel immer energischer, die Bissen immer größer, bis sich dann auch bei ihr die so tief verbuddelte Trauer endlich zeigen kann. Wie Maras Spiel Stück für Stück an Intensität gewinnt, ist einfach grandios anzuschauen, in nur einer Szene wird ohne großen Schnickschnack die ganze Trauer ihrer Figur offenbart.

Fazit: „A Ghost Story“ ist einer der außergewöhnlichsten Filme des Jahres und eine zutiefst berührende Reflexion über unsere Zeit auf Erden.

9/10

Film-Review: „Killing Ground“

von Damian Power
mit Harriet Dyer, Mitzi Ruhlmann, Tiarnie Coupland

561756.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Australien soll ja ein ganz schönes Land sein, aber wer dort in den Wäldern auf eigene Faust etwas unternimmt, der hat Pech gehabt – zumindest, wenn es nach dem Horrorfilmgenre geht, in dem schon unzählige Male allerlei Hinterwäldler und eklige Kreaturen nur darauf gewartet haben, Unschuldigen den Garaus zu machen. Ob die Tourismusbehörde glücklich darüber ist, dass Spielfilmdebütant Damian Power einen weiteren Beitrag zum Ruf Australiens als inoffizielles Land des Grauens leistet? Bestimmt nicht. Fans knochentrockener Terror-Action werden allerdings voll auf ihre Kosten kommen.

Das Pärchen Samantha (Harriet Dyer) und Ian (Ian Meadows) will einfach nur einen Campingausflug an einem kleinen See im Wald unternehmen. Als sie dort ankommen, stellen sie fest, dass sie offenbar nicht die einzigen sind, die das schöne Fleckchen für sich entdeckt hat. Dass das benachbarte Familienzelt leer ist, ist zunächst nicht weiter auffällig, schließlich könnten die anderen einfach nur auf Wanderung sein. Doch nach und nach erschließt sich den beiden, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss…und dass es ihnen schon bald selbst widerfahren könnte.

Im Grunde genommen ist „Killing Ground“ eine simple Angelegenheit, aber gleich zu Beginn wird deutlich, dass sich Power, der auch das Drehbuch schrieb, und seine Cutterin Katie Flaxman dem Plot auf kreative Weise annähern. Denn zunächst werden die Handlungsstränge um Samantha und Ian in der Gegenwart und der anderen Camper in der Vergangenheit parallel erzählt. Dass man verschiedene Zeitebenen miteinander kombiniert, ist zwar nicht ganz neu, aber in „Killing Ground“ geschieht das auf eine solch behutsame Art, dass sich das Erzählkonstrukt erst nach einiger Zeit offenbart. Beim Zuschauer setzt dann ein feiner „Aha“-Effekt ein, wenn es endlich dämmert. Anschließend ist es möglich, einfach am Ball zu bleiben und beiden Geschichten zu folgen, wie sie unweigerlich auf einen gemeinsamen Punkt zusteuern.

Diese Erzählweise entpuppt sich insbesondere für die Darstellung der Antagonisten im Film als gewinnbringend heraus. Diese werden nicht gleich auf Anhieb als klischeebeladene Pschopathen eingeführt. Im Gegenteil, in den ersten Momenten könnte man sie fast als weitere normale Figuren wahrnehmen. Doch auch bei ihnen wird erst nach und nach eine Ebene ihrer Persönlichkeit nach der anderen entfernt, bis ihr wahres Ich zum Vorschein kommt. Und wenn sie dann ihrem kranken Verstand nachgeben, wird es bitter für ihre Opfer und nervenzerreißend für den Zuschauer. Realistisch, schnörkellos und mit unerbittlicher Konsequenz inszeniert Power deren Gräueltaten. Dabei muss er nicht einmal alle Gewaltakte in ihrer Gänze offen darlegen. Wenn endgültig klar wird, was sie verbrochen haben, wird das durch das suggestive Zeigen des Ergebnisses vermittelt. Wer jetzt aber glaubt, dass Power vor der Härte seines eigenen Stoffes zurücksteckt, der sei an dieser Stelle beruhigt: Es gibt noch genügend kranke On-Screen-Gewalt zu bewundern.

Fazit: Damian Power ist ein äußerst vielversprechendes Debüt als Spielfilmregisseur gelungen – „Killing Ground“ ist kurzes, intensives Terrorkino vom Feinsten, das Fans grimmig-realistischer Kost vollends zufriedenstellen sollte.

8/10

Film-Review: „In This Corner Of The World“

von Sunao Katabuchi

528581.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Der japanische Trickfilm hat sich von der klischeehaften Vorstellung, animierte Werke wären in erster Linie Kinderkram, schon lange emanzipiert. Horror, Sci-Fi, Dramen oder Komödien – in Animes werden alle Genres bedient. Da macht auch die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen keine Ausnahme. „Die letzten Glühwürmchen“ ist in der Hinsicht ein absoluter Meilenstein und ganz sicher eines der größten filmischen Statements gegen den Krieg. Die zwei Teile von „Barfuß durch Hiroshima“ hingegen verarbeiten basierend auf dem gleichnamigen Manga mit starken biographischen Bezügen den grausamen Atombombenabwurf. Letzterer spielt auch in „In This Corner Of The World“ von Sunao Katabuchi eine wichtige Rolle.

Suzu wächst in jungen Jahren im Hiroshima der 30er und 40er Jahre auf, aber kaum ist sie volljährig, heiratet sie den ebenfalls sehr jungen Shusaku. Nach ihrer Vermählung folgt Suzu ihrem Mann in die kleine Stadt Kure, in dessen Hafen regelmäßig Kriegsschiffe anlegen. Obwohl sich Japan im Konflikt mit den USA befindet, kann die Familie zunächst ein recht schönes Leben verbringen. Doch langsam aber sicher hält der Krieg auch bei ihnen Einzug. Trotz Fliegeralarm und Bombenabwürfen weigert sich die fantasievolle Suzu, sich davon ihre Lebenslust nehmen zu lassen.

„In This Corner Of The World“ lässt sich viel und ganz gemächlich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Besonders in der ersten Hälfte der 130 Minuten geht es um viel Alltägliches und um die Figuren: Suzu, wie sie in jungen Jahren aufwächst, ihre Eigenarten und ihr soziales Umfeld werden ausgiebig beleuchtet. Dass das nicht langweilig wird, liegt an der Hauptprotagonistin selbst, die mit einem unvergleichlichen Optimismus durchs Leben geht, der einerseits ansteckend ist und andererseits im Laufe der Handlung zu einem emotionalen Anker für die Figuren als auch den Zuschauer wird. Denn selbst zu Krisenzeiten scheint Suzu nichts aus der Fassung zu bringen. Regisseur Katabuchi entwirft mit ihr im Zentrum in dieser Phase des Films ein geradezu idyllisches Porträt vom Leben in Japan zu jener Zeit, in dem selbst kleinere zwischenmenschliche Konflikte nie ernsthaft eskalieren. Als Zuschauer kommt man den Figuren dadurch sehr nahe.

Nur langsam, aber dafür beständig, wenn die Handlung in der Zeit voranschreitet, wird der Einfluss des Krieges immer deutlicher. Zunächst, so scheint es, werden Hinweise wie Brotkrumen ausgelegt, bis der Krieg voll zuschlägt. An diesem Punkt zahlt es sich voll aus, dass zuvor so viel Zeit mit den Figuren verbracht wurde, denn wenn die Gefahr einmal deutlich wird, sorgt man sich wirklich um sie. Ferner schwebt über der Handlung ohnehin ein beunruhigendes Gefühl, das angesichts der sympathischen Hauptfigur für zusätzliche Spannung sorgt, die immer größer wird: Wie bereits erwähnt, stammt Suzu aus Hiroshima und ihre Familie bleibt nach ihrem Wegzug noch dort. Zwischenzeitlich überlegt sie, wieder zurück zu gehen. Unterdessen steuert die Geschichte unaufhaltsam auf den 6. August 1945 zu…

Doch genau dieses Voranschreiten in der Geschichte erweist sich leider als das größte Manko von „In This Corner Of The World“. Mehr als zehn Jahre umfasst die Handlung, die über weite Strecken in episodenhaften Ausschnitten erzählt wird. Dabei wünscht man sich mitunter, dass manche Szenen länger ausgespielt werden und nicht gleich wieder die Schwarzblende das Ende eines Abschnittes markiert. Außerdem, wenn sich die Ereignisse verdichten, greift Katabuchi vermehrt auf Schrifteinblendungen und Zeitsprünge zurück, die den Erzählfluss ziemlich holprig erscheinen lassen. In wenigen Minuten vergehen so Monate in der filmischen Welt, in denen man hier und dort Eindrücke von Suzu und den anderen erhält, doch insgesamt wirkt es abgehackt und teilweise gehetzt. Der Film hat sich ein ganzes, junges Leben zu Zeiten des 2. Weltkriegs zum Sujet gemacht, hat aber Schwierigkeiten wegen einer chronologischen Erzählung den ganzen Umfang vernünftig in seine Laufzeit unterzubringen.

Trotzdem verfehlt „In This Corner Of The World“ seine Wirkung nicht. Die Schrecken des Krieges werden anhand ihres Einflusses auf den Alltag einer Familie deutlich und vor allem glaubhaft gemacht und der zunehmende Kampf von Suzus innerer Einstellung mit den äußeren Widrigkeiten berührt. Interessant ist auch, wie alltägliche Routinen den Menschen selbst im Krieg einen Halt und einen Sinn geben können. In der Hinsicht ähnelt der Film dem ebenfalls 2017 erschienenen Film „Innen Leben“ über den Konflikt in Syrien, in dem sich Menschen auch an vermeintliche Banalitäten klammern, um mit der ständigen Gefahr umzugehen.

Ästhetisch weiß Sunao Katabuchis Film ebenfalls zu überzeugen, wenngleich das Figurendesign anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig erscheint: Besonders Suzu sieht vielleicht eine kleine Spur zu kindlich aus, um sie als verheiratete, erwachsene Frau wahrzunehmen – aber dieser Eindruck legt sich zum Glück rasch. Lobend erwähnt sei an dieser Stelle auch die gelungene deutsche Synchronisation. Vor allem Luisa Wietzorek als Suzu liefert eine ausgesprochen einfühlsame und tolle Performance ab.

Fazit: „In This Corner Of The World“ mag holprig erzählt sein, aber dafür punktet der Film mit einer tollen Hauptfigur, die den Zuschauer an die Hand nimmt und durch die dunkelste Phase Japans im 20. Jahrhundert führt. Sunao Katabuchi ist ein rührendes Plädoyer gegen den Krieg gelungen, das zugleich jede Menge Hoffnung versprüht.

7/10

Film-Review: „Blade Runner 2049“

von Denis Villeneuve
mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto

BLADE RUNNER 2049

1982 schuf Ridley Scott mit „Blade Runner“ einen Meilenstein des Sci-Fi-Films, der zwar zunächst vom Publikum abgestraft wurde, mit der Zeit jedoch zum unbestreitbaren Genreklassiker heranwuchs. Visuell war sein futuristisches Noir-Werk eine Klasse für sich, das noch heute zu überzeugen weiß und auch inhaltlich beschäftigte es sich mit Fragen zur Menschlichkeit und Künstlicher Intelligenz, die noch immer nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. 35 Jahre später kommt nun tatsächlich die Fortsetzung in die Kinos, die Scott produziert hat und für die nun Denis Villeneuve („Arrival“, „Sicario“) auf dem Regiestuhl Platz nahm.

Zum Inhalt sei an dieser Stelle nicht viel verraten, zumal Villeneuve selbst in einer eingeblendeten Textbotschaft bei der Pressevorführung darum bat, möglichst nichts von der Geschichte preiszugeben. Dieser Bitte soll natürlich so gut es geht nachgekommen werden.

Aber auch ohne storytechnische Details preiszugeben, kann man zunächst nach der Sichtung von „Blade Runner 2049“ ruhigen Gewissens festhalten: Meine Güte, sieht dieser Film fantastisch aus. Die verschiedenen Trailer haben jedenfalls in punkto visuellem Einfallsreichtum und Stilwillen wahrlich nicht zu viel versprochen. Zum nunmehr dritten Mal arbeitete Villeneuve mit Kameramann Roger Deakins zusammen und das Ergebnis ist eine atemberaubende Augenweide, die im Kinojahr 2017 ihresgleichen sucht und ganz sicher ein heißer Anwärter auf den Kamera-Oscar 2018 sein wird. Ob das satte und intensive Orange in einer verwüsteten Stadt, die Schatten des Wassers an den Wänden oder einfach nur fein symmetrisch komponierte Frames, Deakins zieht alle Register seines Könnens und liefert eine Einstellung nach der anderen, die schon bald ikonisch werden könnte. Zu der optischen Extravaganz gesellt sich auch ein drückend-dichter Synthie-Score von Benjamin Wallfisch und Hans Zimmer, die in letzter Minute Jóhann Jóhannsson ersetzt haben.

Aus der audiovisuellen Kraft macht der Film keinen Hehl. Ganz im Gegenteil, mittels zahlreicher Kamerafahrten durch die futuristischen Settings zum Beispiel, für die es während der knapp dreistündigen Laufzeit reichlich Gelegenheiten gibt, badet „Blade Runner 2049“ regelrecht darin und bezieht einen Großteil seines Reizes auch daraus, denn der Film ist schlicht und ergreifend Atmosphäre pur. Die Länge erweist sich indes jedoch als nicht ganz unproblematisch: Schon der Ur-„Blade Runner“ war kein Film, in dem es nur so vor Action hagelte, sondern ein vergleichsweise sperriges Werk, das sich dramaturgisch nicht vor längeren, verhaltenen Passagen scheute, um seine Thematik zu beleuchten.

Die Fortsetzung knüpft in der Hinsicht daran an: Wann immer es in „2049“ scheppert und kracht, tut es das nur kurz und über die gesamte Dauer des Films sind diese Momente relativ spärlich gesät. Die Geschichte wird in einem gemächlichen Tempo vorangebracht, wobei man auch lange Zeit nicht weiß, wohin die Reise gehen wird und was am Ende dabei herauskommt. Und selbst dann – hat die Story diese vielen Filmminuten wirklich gerechtfertigt? Das, was auserzählt wird, ist meines Erachtens ein wenig dünner, als es die Geheimniskrämerei, die im Vorfeld um den Film gemacht wurde, rechtfertigen würde. Scotts Klassiker von ’82 punktete unter anderem auch dadurch, dass er sowohl stilistisch als auch inhaltlich frisch war und neue Gedankenimpulse gab. Und wenngleich das Sequel die filmische Welt an sich erweitert, ob er das auch thematisch tut oder die Ideen des Vorgängers intensiviert, dieser Meinung bin ich nach einer ersten Sichtung nicht. Am interessantesten ist da noch die – so viel sei verraten – „pseudo“-romantische Komponente im Film. Doch diese wurde in „Her“ von Spike Jonze bereits 2013 sehr viel ausführlicher behandelt. Ferner wird noch etwas angedeutet, von dem man eigentlich noch eine Eruption großen Ausmaßes erwarten würde (die Schauspielerin Hiam Abbass steht da im Mittelpunkt der Szene), aber das ist etwas für eine weitere Fortsetzung, wenn überhaupt. Der Mainstream-Kinogänger könnte sich jedenfalls tödlich langweilen bei „Blade Runner 2049“, aber für den wurde dieser Film ohnehin nicht gemacht.

Fazit: „Blade Runner 2049“ ist ein sinnlich betörendes und sehr langes Bollwerk, das aber vorgibt, erzählerisch und thematisch mehr zu sein, als es ist.

7/10

Film-Review: „Kingsman – The Golden Circle“

von Matthew Vaughn
mit Taron Egerton, Colin Firth, Mark Strong, Julianne Moore, Jeff Bridges

503277.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

2015 sorgte Regisseur Matthew Vaughn mit „Kingsman“ für frischen Wind, indem er mit Herz und Humor alten Bondfilmen huldigte und zugleich durch seine einfallsreiche Inszenierung und einige denkwürdige Actionsequenzen dem Agentenfilm erfolgreich zu einer Frischzellenkur verhalf. Zwei Jahre später steht nun die Fortsetzung an, die größere Geschütze auffährt – aber ist sie damit auch besser?

Einmal die Welt retten reicht eben nicht: Nachdem die Kingsman-Agenten erfolgreich den Untergang der Menschheit abgewendet haben, steht nun eine neue Herausforderung an. Die diabolische wie charmante Drogenbaronin Poppy (Julianne Moore) will für Chaos auf der ganzen Erde sorgen und versucht dabei ganz gezielt, die Spione im feinen Anzug auszuschalten. Eggsy (Taron Egerton) und Merlin (Mark Strong) brauchen bei ihrer neuen Mission Unterstützung und finden sie in den Statesman, eine Partner-Organisation aus den USA. Doch werden die vereinten Kräfte ausreichen, um Poppy aufzuhalten?

Vaughn macht von der ersten Filmminute an klar, dass er keine Gefangenen macht. Gemäß dem olympischen Motto höher, schneller, weiter fackelt er gleich zu Beginn ein Actionfeuerwerk ab, das beinahe den ganzen Vorgänger in den Schatten zu stellen droht. Wer jetzt glaubt, der Filmemacher würde zu früh sein Pulver verschießen, der irrt, denn über die stolze Laufzeit von 141 Minuten verteilt er noch die ein oder andere Actionszene, die staunen lässt. Gerade zum Ende hin übertrumpft er sich im Minutentakt, wenn das kreative Gemetzel auf der Leinwand losbricht.

Trotzdem verkommt „Kingsman 2“ zu keiner reinen selbstzweckhaften Orgie aus Gewalt. Denn wenn Vaughn in Werken wie „Kick-Ass“ oder „X-Men: Erste Entscheidung“ etwas gezeigt hat, dann, dass er es wie kaum jemand anders heutzutage versteht, krawallige Schauwerte mit sympathisch-verschrobelten Figuren, Witz und echten Emotionen auszubalancieren. Auch im zweiten Teil der Agentensause kommt die Entwicklung der Protagonisten nicht zu kurz – ganz im Gegenteil: Ihr wird jede Menge Platz einberaumt. Das funktioniert über weite Strecken dank der tollen Figurenzeichnung und der hervorragend aufgelegten Darsteller sehr gut. Doch leider kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Vaughn die perfekte Balance dieses Mal ein wenig entgleitet.

Besonders im Mittelteil des Films machen sich dezente Längen bemerkbar, während derer man sich doch fragt, wann das nächste Action-Highlight um die Ecke lugt. Dass die Geschichte insgesamt breiter angelegt wird durch mehr Schauplätze, Nebenmissionen und -figuren, verstärkt diesen Eindruck noch. Nicht falsch verstehen: Selbst wenn die Handlung gefühlt ab und an ein wenig ins Stocken gerät, gibt es zu jederzeit genug Unterhaltsames zu sehen. Trotzdem hätte etwas Straffung „Kingsman 2“ gutgetan. Mitunter muten während dieser Phase Actionszenen ein wenig vom Skript erzwungen an.

Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist die von Julianne Moore gespielte Bösewichtin Poppy. Moore gibt sie mit überkandideltem und augenzwinkerndem Charme, der jede Menge Spaß macht. Doch im Vergleich zu Samuel L. Jacksons Figur im Vorgänger, bekommt Poppy verhältnismäßig wenig Screentime und wirkt auch insgesamt seltsam passiv.

Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau, denn dafür gibt es zu viel, was für den Film spricht. Neben der tollen Schauspieler und der knalligen Umsetzung, gibt es auch wieder jede Menge lustiger Gadgets an jeder Ecke zu bestaunen – da darf man jetzt schon drauf gespannt sein, was sich die Macher für den sicher kommenden dritten Teil noch alles einfallen lassen werden.

Fazit: „Kingsman – The Golden Circle“ bietet Action mit Seele so gut, wie es zurzeit im Mainstreamkino nur geht. Ein paar kleinere Schwächen verhindern allerdings, dass der zweite Teil mit dem Original gleichzieht.

8/10

Film-Review: „Es“

von Andy Muschietti
mit Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Sophia Lillis

It_03192017_Day 61_18998.dng

Ich habe Stephen Kings „Es“ nur einmal vor circa 20 Jahren gelesen. An jedwede Details kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich das Buch grandios fand und ich mich zu gleichen Teilen schwer gegruselt habe und oft sehr gerührt fühlte. Nun kommt eine neue Adaption in die Kinos, die für eine neue Dimension der Coulrophobie, der Angst vor Clowns, sorgen wird.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der „Klub der Loser“, der aus sieben Kindern aus dem kleinen Städtchen Derry besteht. Sie alle wurden schon mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert oder müssen sich noch immer großen Ängsten im Leben stellen. Und genau diese Angst ruft ein unheimliches Wesen auf den Plan, das zumeist als Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auftritt und das Jagd auf Kinder macht. Schon bald müssen sie sich dazu entscheiden, sich ihren größten Ängsten und damit der Kreatur zu stellen…

„Es“ ist zweifelsohne ein Horrorfilm basierend auf einem Horrorbuch und geizt daher nicht mit allerlei schaurigen Schauwerten: Der Film legt eine gesunde Härte an den Tag, die sich gleich zu Beginn des Films offenbart und nicht einmal Halt macht vor kleinen Kindern. Und wann immer es gruselig zur Sache gehen soll, werden inszenatorisch keine Gefangenen gemacht. Die Tonspur schwillt ungemütlich an und obwohl man vor Angst kaum hinschauen möchte, siegt doch die Neugier darüber, welche Scheußlichkeit als nächstes auf den Zuschauer losgelassen wird. Zwar wird dabei das Rad nicht unbedingt neu erfunden, aber die Ausführung passt. Die Spannungsmomente werden langsam, aber konsequent und gekonnt aufgebaut und vollendet, die verschiedenen visualisierten Ängste der Kinder sind abwechslungsreich und mitunter ziemlich verstörend. Und selbst hartgesottenen Jump-Scare-Veteranen dürfte „Es“ das ein oder andere Zusammenzucken entlocken.

In diesem Zusammenhang muss man natürlich Pennywise erwähnen, denn mit ihm steht und fällt der Film. Doch was Bill Skarsgård unter tonnenweise Make-up auffährt, ist schlichtweg eine Glanzleistung. In jedem seiner Auftritte sorgt er für maximale Gänsehaut, sein Clown ist wahrlich furchteinflößend. Seine Stimme allein, die permanent zwischen quietsch-vergnügt und tief und bedrohlich wechselt, macht schon viel aus; krank wirkt es, wie seine Augen immer in zwei verschiedene Richtungen zu schauen scheinen. Hinzu kommen noch einige wohldosierte Effekte, die den Schrecken perfekt machen und Pennywise noch grotesker erscheinen lassen. Immer wenn man denkt, man hat alles von ihm gesehen, wird einfach noch einer drauf gesetzt und das bis zum Finale.

Was aber sowohl die Vorlage als auch den Film „Es“ so bemerkenswert macht, ist die äußerst gelungene Balance und Vermengung des Horrors mit einer berührenden Comig-of-Age-Geschichte, die sich in der Neuverfilmung ausschließlich um Kinder dreht (im Buch wird zwischen ihnen und ihren späteren Leben als Erwachsene gewechselt). Bill (Jaeden Lieberher), Beverly (Sophia Lillis) und Co. sind ein auf Anhieb liebenswürdiger Haufen Underdogs, auf deren Seite man sich sofort schlägt und deren loses Mundwerk für allerlei Lacher sorgt, ohne sie jedoch jemals der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Beziehungen zueinander werden gefühlvoll in vielen Momenten dargestellt, was ihrem bedrohlichen Abenteuer nur noch mehr Gewicht für ihre jeweilige Entwicklung gibt.

Geschickt geben sich dabei ruhige, lustige Momente und gruselige die Klinke in die Hand, anstatt, wie es häufig vorkommt, allzu offensichtlich und früh das eine Element als bloße Exposition am Anfang zu verbraten, nur um dann ausschließlich dem Grusel zu frönen. Beide Ebenen stehen in „Es“ gleichberechtigt nebeneinander und bedingen sich. Dass bei sieben Hauptfiguren einige zu kurz kommen, ist wohl unvermeidlich und schade, wird aber durch die übrigen Stärken des Films mehr als wett gemacht. Und wenn sich am Ende die Kinder einen Schwur leisten, dann darf man auch zurecht zu Tränen gerührt sein. Selten dürfte ein Film für ein solches Wechselbad der Gefühle gesorgt haben, wobei sich alle Emotionen ganz natürlich aus der Geschichte und den Figuren entwickeln. Dass die gesamte Besetzung, aber neben Skarsgård besonders die sieben Kinder im Mittelpunkt, über alle Zweifel erhaben ist, trägt sehr zum Erfolg des Filmes bei. Bei der ganzen Riege an Jungdarstellern kann man getrost von spannenden Entdeckungen sprechen, von denen man hoffentlich noch viel sehen wird.

Fazit: Wie werkgetreu „Es“ von Regisseur Andy Muschietti genau ist, kann ich selbst nicht beantworten. Aber selbst ohne die Buchvorlage im Hinterkopf zu haben, ist sein Werk ein meisterlicher Gruselschocker mit ganz viel Herz.

9/10

Film-Review: „mother!“

von Darren Aronofsky
mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

070147.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Darren Aronosky macht was er will und zwar ohne jedwede Kompromisse. Der Regisseur schuf auf die Weise in seiner Karriere einige denkwürdige Momente der jüngeren Filmgeschichte, mit denen er sein Publikum in vielerlei Hinsicht herausgefordert hat. Das körperliche wie seelische Leid, durch das seine Protagonisten oftmals müssen, weiß er stets direkt dem Zuschauer zu vermitteln, der gar nicht anders kann, als den Schmerz mitzufühlen. Nach „Requiem For A Dream“ fühlte man sich schwer abgekämpft von der schockierenden Wirkung von Drogen auf den Menschen, bei „Black Swan“ durfte man Zusammenzucken, wenn sich Natalie Portman verausgabt hat oder im Wahn die Haut am Finger einriss. Die ganz großen Themen für den Kopf sparte er aber auch nicht aus: „The Fountain“ erörtert die Liebe durch drei Zeitepochen und im Grunde genommen sogar über die irdische Existenz hinaus und verknüpfte dies mit einer großen Dosis Spiritualität und „Noah“ war Aronofskys ganz eigene Version der biblischen Geschichte. Mit seinem neuesten Werk „mother!“ bringt er nun alles zusammen: Sein Film geizt nicht mit schwer erträglichen Momenten visueller Gewalt und mutet zugleich wie ein einziges großes Rätsel an, bei man sich anfänglich fragt, was warum passiert.

Ein Dichter (Javier Bardem) und seine Frau (Jennifer Lawrence) haben sich in einem schönen Haus mitten auf einem Feld niedergelassen und blicken optimistisch in die Zukunft. Doch dann schaut eines Tages ein Fremder Mann (Ed Harris) bei ihnen vorbei. Der Dichter empfängt ihn mit größter Gastfreundlichkeit, aber seine Frau bleibt skeptisch, zumal der Mann auch noch über Nacht bleiben soll – man kann doch keinen Fremden einfach bei sich übernachten lassen! Wenig später kommt noch die Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) dazu und das Unbehagen der Gastgeberin wächst weiter. Noch ahnt sie nicht, dass das bei weitem nicht die letzten unangemeldeten Gäste sein würden…

Was geschieht hier nur? Die meiste Zeit der Laufzeit tappt man im Dunkeln, doch Aronofsky sorgt trotzdem für einen erhöhten Puls. Besonders in der etwas zu lang geratenen ersten Hälfte des Films spielt er ausgiebig mit Horrorversatzstücken und deutet durch rätselhafte Visionen drohendes Unheil an. Dazu kommt eine effektive Tonspur, auf der Gruselfilmen gleich allerlei unheimliche Geräusche zu vernehmen sind. Und selbst zaghafte Jumpscares werden mit eingestreut. Mit fortschreitender Dauer rücken diese Elemente immer mehr in den Hintergrund und was dann Oberhand gewinnt, ist das scheinbar willkürliche Auftauchen von Menschen. Immer mehr Fremde kommen zu Besuch, zunächst werden sie nur von der perplext wirkenden Frau eingelassen, später brechen sie regelrecht ein. Beinahe unmerklich, aber kontinuierlich wird dieses Spiel vorangetrieben, die Handlung prescht dabei mit einem hohen Tempo voran und macht auch spürbare zeitliche Sprünge, bis nur noch das überfüllte Chaos regiert und die Situation eskaliert.

Es ist schwer zum Inhalt zu schreiben, ohne zu spoilern oder bereits eine Interpretation anzubieten. Sicher ist jedoch, dass es ohne nicht geht. Auf einer ganz bodenständigen Ebene kann man „mother!“ sicher als Psychothriller über eine junge Frau verstehen, die offenbar nicht mehr Herr über ihren Verstand ist und einen einzigen Albtraum erlebt. Vielleicht will Aronosky aber auch auf radikale Weise sagen, dass ein Rückzug in ein Heim fernab aller anderen, so wie es anfangs im Film den Anschein erweckt, auf einem Planeten mit sieben Milliarden Menschen schlichtweg unmöglich ist und dass Menschen immer auf Menschen treffen werden, ob sie wollen oder nicht und dass die Idee seiner eigenen vier Wände nur ein Trugschluss ist. Und dann ist da auf jeden Fall noch mindestens eine weitere Ebene, auf der sich der Film und Aronoskys Genie erst wirklich entfaltet. Aber die soll jeder für sich selbst finden und sei deshalb an dieser Stelle nicht weiter vertieft. „mother!“ wird jedenfalls nach dem Kinobesuch für reichlich Gesprächsstoff und angeregte Gedanken sorgen.

Inszenatorisch fällt das grobkörnige Bild des 16mm-Filmmaterials auf, mit dem gedreht wurde und „mother!“ einen rauen, dreckigen Look verleiht. Die unheimliche Tonspur wurde bereits erwähnt und diese bekommt später noch allerlei mehr zu tun, so viel sei verraten. Auffällig ist auch der fast vollständige Verzicht von Musik im Film. Erzählerisch wie filmisch erlebt man den Film übrigens stets aus der Perspektive der von Lawrence verkörperten Ehefrau. Chef-Kameramann Matthew Libatique klebt förmlich an ihr mit seiner Handkamera und folgt ihr auf Schritt und Tritt, während er oft Close-Ups ihres Gesichtes zeigt, um ihre Regungen einzufangen.

Die Darstellerriege ist weitestgehend überzeugend: Harris und Pfeiffer geben ihr Paar charmant und abgründig zugleich, Bardem wechselt gekonnt zwischen einem narzisstischen Philantropen und einem undurchsichtigen, grübelnden Mann. Ganz im Zentrum des Films steht Lawrence und obwohl sie sich sichtbar abmüht, fehlt ihrer Performance noch ein kleines Quäntchen mehr Glaubwürdigkeit und Intensität.

Fazit: Man verlässt den Kinosaal irritiert, verstört und mit einem ganz großen Fragezeichen im Gesicht, aber je mehr man drüber nachdenkt, desto besser wird „mother!“.

8/10