„Song To Song“ oder: Terrence Malick, Emmanuel Lubezki und der göttliche Erdenbesucher

SONG TO SONG

Ich habe bislang jeden Film von Terrence Malick gesehen, bis auf „Voyage Of Time“, der schlichtweg noch nicht in deutschen Kinos lief. Das ist an sich keine große Leistung, schließlich gehört Malick nicht gerade zu den Produktivsten der Regiezunft. „Der Schmale Grat“ ist jedenfalls einer meiner absoluten Lieblingsfilme und auch von „The Tree Of Life“ halte ich nach wie vor extrem viel. Nichtsdestotrotz fällt es mir seit geraumer Zeit immer schwerer, das, was ich bei einem Malick-Film sehe, noch in Worte zu fassen. So auch seine Filme „Knight of Cups“ und ganz neu „Song To Song“ mit Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling und Natalie Portman. Ich möchte mich ehrlich gesagt nicht an einer Filmkritik versuchen, ich glaube, dazu fehlen mir die passenden Worte und irgendwie auch die Gedankengänge. Nur über einen Aspekt möchte ich kurz sinnieren: Die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki.

Dem Mexikaner gelang das Kunststück gleich dreimal in Folge den Oscar für die Beste Kamera einzutüten (für „Gravity“, „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ und „The Revenant“). Seit Malicks „The New World“ von 2005 hat er aber auch jeden einzelnen Film des Regiesseurs mit seiner Arbeit begleitet. Und was die beiden gemeinsam spätestens seit „Tree Of Life“ schaffen, ist in meinen Augen vollkommen einzigartig.

Denn so wie die Kamera geführt wird, fängt diese nicht einfach das Geschehen möglichst effektiv und kunstvoll ein. Bei ihr handelt es sich um einen unsichtbaren Protagonisten, ja vielleicht sogar um DEN Protoganisten schlechthin in Malicks Filmen seit 2011. Denn was auffällt sind diese steten Steadicam-Shots, bei denen die Kamera stets in Bewegung bleibt, sich an die Darsteller heftet, diese zunächst beobachtet – und dann plötzlich den Blick abzuwenden scheint. Dann sieht der Kinogänger quasi durch die Augen der Kamera, wie diese an den Schauspielern vorbeizuschielen scheint, auf dem Boden umherblickt oder kurz mal in den Himmel schaut und auf diese Weise kleine, flüchtige Details einfängt.

Das hat natürlich System bei Malick, der genau auf diese Weise filmen lässt, die Kameras sind stets am Rollen, die Darsteller permanent am Spielen, auf dass ja ein authentischer Moment des flüchtigen Lebens entstehen mag, den man auf diese Weise einfängt. Und Lubezki liefert ihm all diese Eindrücke, Nuancen nicht nur in den Gesichtern der Stars, sondern in den Bewegungen ihrer Füße und Hände, besonders deren Hände, der Umgebung – einfach überall. Weil die Kamera scheinbar unmotiviert den Blick schweifen lässt, bekommen ihre Bewegungen etwas sehr subjektives, spontanes. Statt also einfach nur Bilder zu sehen, die die Kamera zwar liefert, hinter denen sie sich als Apparat allerdings versteckt, wird sie hier lebendig und selbst zum unsichtbaren Teil des Geschehens.

Bemerkt wird sie von den übrigen Figuren natürlich nicht und doch ist sie mittendrin, zwischen ihnen und dank des Schnitts auch einfach überall jenseits von Raum und Zeit so scheint es. Als Zuschauer bekomme ich dann das Gefühl, tatsächlich durch die Augen von jemand Fremdes zu schauen. Und weil diese unbekannte Figur keinen Namen hat und allwissend über die Szenerie schwebt und gerade dort auftaucht, wo sie will, hat sie etwas Göttliches an sich. Ob ich nun den wie auch immer gearteten „Plot“ begreife, ist eine Sache. Aber einen Malick-Film erfühle ich lieber und sie helfen, die Welt ein wenig anders zu sehen und die Kameraarbeit hilft sehr dabei.

Es ist wirkt so, als wäre Jemand oder Etwas vom Himmel herabgestiegen und ist zum ersten Mal auf der Erde. Neugierig schaut es sich um, betrachtet so banale Dinge wie Gegenstände und Pflanzen, schaut aber auch aufmerksam in die Gesichter der Menschen und versucht, in ihnen zu lesen, nur um dann anschließend einen kleinen Spaziergang fernab der Zivilisation in der Natur zu unternehmen. Dass diese Entität einen fremden Blick auf das irdische Dasein wirft und selbst nicht Teil des Ganzen ist, wird oftmals durch das Sound-Design zusätzlich betont. Ganz gleich, ob Dialoge stattfinden oder man sich in einer eigentlich lauten Disco bewegt: Die Tonspur wird häufig reduziert und Geräuschquellen so weit heruntergefahren, dass sie nur noch wie eine Art Hintergrundrauschen wahrgenommen werden. Darüber werden eher beständige, ruhige atmosphärische Klänge oder klassische Musik gelegt, was das Gezeigte nicht nur stark kontrastiert. Es gibt ihm eine unwirkliche, von der Realität entrückte Qualität.

Das ist zwar an sich kein exklusives Stilmittel, aber im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Kameraführung verstärkt es sogar noch die Subjektivität des göttlichen Besuchers: Er ist nicht Teil unserer Welt und sein Blick ist distanziert, reflektiert, mal neugierig, einfühlsam, aber auch gelegentlich voller Bedauern über das, was er zu Gesicht bekommt. Als Filmgucker erhalte ich so Zugang zu einer neuen Perspektive, einem neuen Bewusstsein, die mir meine eigene Sicht der Dinge im Alltag kaum ermöglicht – und vielleicht erhalte ich so auch den Anstoß zu einem neuen Denken.

Film-Review: „Jahrhundertfrauen“

OT: „20th Century Women“
von Mike Mills
mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Billy Crudup

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Mike Mills meldet sich nach mehr als sechs Jahren nach seinem letzten Film „Beginners“ wieder mit einer neuen Regiearbeit zurück. In „Jahrhundertfrauen“ versammelt er mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig und Billy Crudup einen fantastischen Cast vor der Kamera, die dem jungen Lucas Jade Zumann beim Heranwachsen zu einem richtigen Mann zur Seite stehen (sollen).

Die Filmhandlung ist angesiedelt im Jahr 1979, doch die Geschichte und die Figuren darin sind mehr als bloß eine Momentaufnahme längst vergangener Zeiten. Im Zentrum stehen die von Bening verkörperte Dorothea Fields und ihr von Zumann gespielter Sohn Jamie. Letzterer befindet sich mit seinen 15 Jahren mitten in der Pubertät und versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Da Dorothea offenbar immer mehr den Draht zu ihrem Sprössling verliert, beauftragt sie die 17-jährige Julie (Elle Fanning), Jamies beste Freundin, und die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig) sich seiner anzunehmen.

An dieser Stelle könnte man vermutlich schnell in die Falle tappen, die Story aus einer relativ einseitigen, ausschließlich femininen Sichtweise zu erzählen, aber zum Glück umschifft das Drehbuch von Mills solch etwaigen Fehler mit Leichtigkeit. Der junge Jamie verkommt nicht einfach zur einer formbaren Spielfigur, auf die die Frauen aus verschiedenen Generationen etwas projizieren können. Trotz allem bleibt es ein Geben und Nehmen und der junge Jamie trägt ebenso viel mit seiner Präsenz zum Leben der Mädels bei, wie umgedreht.

Denn während der Ausgangspunkt zwar die Unsicherheiten des Jungen sind, so offenbaren sich derlei ebenso auch bei Abbie, Julie und letztendlich seiner Mutter, die sich mit allerlei eigenen Problemen herumschlagen. Dabei sind ihre Ängste nicht einfach nur Reflexion der Zeit, in der sie leben, sondern zu gleichen Teilen typisch für ihre jeweiligen Alters- und Entwicklungsstufen und darüberhinaus schlicht und ergreifend universell. Die junge Julie ist mindestens genauso orientierungslos wie Jamie, Abbie macht sich Gedanken über ihre Zukunft und Dorothea muss sich unweigerlich Fragen gefallen lassen, ob sie ihr bisheriges Leben richtig gestaltet hat. Anhand von William (Billy Crudup) werden aber auch Themen wie männliche Vorbilder und dieselbe Verwirrheit im Leben aus einer maskulinen Perspektive behandelt.

Insgesamt, so der Eindruck, porträtiert der Film auf äußerst stimmige und kluge Weise, wie man sich als Persönlichkeit zu jeder Zeit im Spannungsfeld zwischen äußeren gesellschaftlichen Umbrüchen und seiner ganz eigenen Historie als Mensch befindet und man stets versuchen muss, diese Kräfte für sich selbst auszubalancieren. Sonst passiert es schnell, dass man wie zum Beispiel Dorothea und William im Film zu einer älteren Generation gehört, die den Anschluss an die jüngere zu verpassen droht und man sich deshalb krampfhaft mit Punkrock anzufreunden versucht.

Die vielschichtigen Figuren werden dabei von der erstklassigen Besetzung mit viel Herz zum Leben erweckt, aus der Annette Bening ganz besonders hervorsticht und eine brillante Leistung bietet, die rückblickend absolut oscarwürdig erscheint. Aber auch Fanning, Gerwig und Crudup liefern einfühlsame Porträts ab und sorgen dafür, dass man sie trotz ihrer Verfehlungen ins Herz schließt. Dafür sorgt aber auch Mills‘ kluges Drehbuch, das für einen Oscar nominiert wurde, und das interessante Wortwechsel mit zaghaftem Humor vermengt.

Fazit: „Jahrhundertfrauen“ ist ein zutiefst bewegendes generationenübergreifendes Porträt mit famosen Darstellern, mit dem Regisseur Mike Mills einmal mehr beweist, was für ein präzises Auge er für die Gefühle seiner Protagonisten an den Tag legt.

9/10

Film-Review: „Sieben Minuten nach Mitternacht“

OT: „A Monster Calls“
von J.A. Bayona
mit Lewis MacDougall, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Liam Neeson

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Das deutsche Kinojahr 2017 hat mit „Jackie“ und „Manchester By The Sea“ gleich zwei hoch angesehene Filme über Verlust und Trauer gesehen. Gemein ist ihnen, dass sie die Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen behandeln und dabei sehr unterschiedliche Wege gehen. Auch in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ geht es um die Verarbeitung der Sterblichkeit, aber anders als in den anderen Filmen, steht in der Geschichte hier der Tod erst noch bevor – und nicht Erwachsene, sondern ein heranwachsender Junge muss sich mit dem Unausweichlichen befassen.

Der junge Conor (fantastisch – Lewis MacDougall) lebt mit seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones) allein in einem Haus und verbringt die Tage damit, zuhause vollkommen selbstständig zu sein, während er in der Schule permanent gehänselt wird. Immer wieder plagt ihn derselbe Albtraum vom Verlust seiner Mutter. Dann, eines Tages, steht plötzlich ein riesiges Baummonster (Liam Neeson) vor seiner Tür, das ihm ein paar düstere Gute-Nacht-Geschichten erzählen will…

Für „Sieben Minuten nach Mitternacht“ vermengt Regisseur J.A. Bayona verschiedene Stilmittel: Die Momente, bevor das Monster die ersten Male in Erscheinung tritt, sind ganz klar am Horrorfilm angelehnt. Aber wenn es dann seine ersten zwei Geschichten erzählt, stellt Bayona alles auf den Kopf und aus einem zunächst düsteren Fantasy-Märchen mit realen Darstellern und Schauplätzen wird auf einmal ein farbenfroher Animationsfilm, dessen Bilder wie mit Wasserfarben gemalt aussehen. Dass aber der Stilmix nicht zur bloßen Fassade verkommt, dafür wird aber auch gesorgt.

Vielmehr dienen die Geschichten Fabeln gleich, dem kleinen Conor wichtige Lektionen über die Beschaffenheit der Welt und des Lebens zu vermitteln, in denen nichts einfach nur schwarz und weiß ist. Lektionen, die ihn zu einen ganz bestimmten Moment der Erkenntnis hinführen sollen, die sein späteres Leben prägen und ihm helfen soll, dem bevorstehenden Tod seiner Mutter zu akzeptieren. Denn der ist unabwendbar, doch Conor will es nicht realisieren, klammert sich an jede noch so kleinen Hoffnung, während in ihm Trauer und Zorn wachsen.

Der Film in seiner Gesamtheit funktioniert aber auch, weil er sich und seinen Figuren vor allem viel Geduld einräumt. Es wird ausreichend Zeit darauf verwendet, Conor und die anderen Figuren einzuführen, ihre Beziehungen zueinander fest zu etablieren, ebenso wie ihre Gefühlswelt, die in beinahe jedem Moment sicht- und spürbar wird, ohne sie jedoch mit Penetranz an den Tag zu legen. Bayona vertraut auf sein Publikum, sich voll und ganz drauf einzulassen. Wenn dann der Film immer intensiver und emotionaler wird, dann wirkt das dank der geleisteten Vorarbeit im Skript nicht etwa übermäßig manipulativ. Bayonas Werk hat sich die entsprechenden Szenen schlichtweg redlich und aufrichtig verdient und spielt sie dann auch zurecht voll aus. Und das verfehlt seine Wirkung nicht, das muss man getrost feststellen.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird also nuanciert und gefühlvoll erzählt und zudem getragen von großartigen Darbietungen der Besetzung. Allen voran sticht natürlich Lewis MacDougall heraus, der trotz seiner jungen Jahre es schafft, diese emotional schwierige und komplexe Rolle zu meistern. An seiner Seite liefern aber auch Felicity Jones und Toby Kebbell rührende Leistungen ab und ganz besonders sollte auch Sigourney Weaver erwähnt werden, die als zunächst despotische, aber dann einfühlsame Großmutter einfach nur fantastisch ist. Und auch inszenatorisch beeindruckt der Film mit feiner Kameraarbeit und einem wunderschönen Score. Lediglich die visuellen Effekte ließen ein klein wenig zu Wünschen übrig: Während das Monster beeindruckend und sehr detailliert realisiert wurde, hätten ausgerechnet im großen Finale die computergenerierten etwas mehr Feinschliff vertragen können. Dass das nicht weiter ins Gewicht fällt, liegt jedoch and er schieren emotionalen Wucht der Story.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Film über die Trauer vor dem Tod eines geliebten Menschen, das kindliche wie erwachsene Perspektiven zulässt und zugleich auch als fantasievolles Coming-of-Age-Drama funktioniert, das sich seine großen emotionalen Momente mit Sorgfalt und stets glaubwürdigen Figuren erarbeitet. Und wenn diese Momente dann da sind, bleibt einfach kein Auge trocken.

9/10

Film-Review: „Alien: Covenant“

von Ridley Scott
mit Katherine Waterston, Michael Fassbender, Billy Crudup

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Ridley Scott brauchte einen saftigen Schlenker namens „Prometheus – Dunkle Zeichen“, doch nun scheint er mit „Alien: Covenant“ wirklich wieder dorthin zurückgekehrt zu sein, wo die Saga um das schleimige Monster einst anfing: Bei „Im Weltraum hört dich niemand schreien“, bei echtem Horror im All. Der Fan weiß, was die Stunde geschlagen hat, schon zu Beginn, wenn eine ganz vertraute Schriftart mit einem allseits bekannten Effekt auftaucht und dazu auch noch Jerry Goldsmiths Filmmusik aus dem Original-„Alien“ von 1979 zitiert wird.

Kreuz und quer durch den Film gibt es Anspielungen und Fanservice auf alte Filme, aber natürlich insbesondere auf Scotts Klassiker von damals. Das geht sogar so weit, einen bestimmten Punkt im Handlungsverlauf aus dem Original fast identisch zu übernehmen. Geschenkt – die Bilder wissen zu überzeugen, die Atmosphäre ist rätselhaft und doch anmutig, aber schon bald regiert der blanke Terror. Gerade im gefühlt ersten Drittel macht „Covenant“ eine Menge richtig und fühlt sich mitunter an wie „Alien 1“ auf Steroiden, was gar nicht abfällig gemeint ist. Scott gibt seinem Klassiker ein ordentliches Update, das mit dem ersten Auftreten tödlichen außerirdischen Lebens eine Intensität erreicht, die den größten Momenten der Filmreihe zu Ehre gereicht und auch den Gewaltgrad beträchtlich nach oben schraubt. Bis hierhin möchte man sagen fast sagen, „Covenant“ wäre famos.

Das gilt auch, obwohl die Figuren weitestgehend nur äußerst grob skizziert wurden. Logisch, dass viele den Horrortrip nicht überleben werden und die, die es tun, legen eine mitunter irritierende psychische Sprunghaftigkeit an den Tag: Der oder die Liebste muss oft genug betrauert werden, aber gerade weil die emotionale Fallhöhe ursprünglich so extrem angelegt wurde (die Crew besteht ausschließlich aus Paaren), verpuffen Reaktionen auf Verluste schnell im eher action-orientierten Plot. Trotzdem kann man den Darstellern nichts vorwerfen, sie sind zu jeder Zeit vollends präsent und legen alles in ihre Figuren, selbst wenn aus ihnen anscheinend nicht viel hervorzubringen ist. Katherine Waterston als Ripley-Erbin (im passenden Unterhemd-trifft-dicke-Knarren-Look) und natürlich Michael Fassbender in einer Doppelrolle als Androiden David und Walter setzen da noch die stärksten Akzente.

Aber leider ist „Alien: Covenant“ auch eine Fortsetzung zu „Prometheus“ und als solche wollen Themen zum Ursprung des Lebens und dem Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung, sowie religiöse Anspielungen verhandelt und vertieft werden. Mit dem Erscheinen von Fassbender als David bekommt die Dramaturgie jedenfalls einen deutlich spürbaren Dämpfer verpasst – auf einmal muss mehr, viel mehr gesprochen und erklärt werden, nachdem der Film bis dahin ein kompakter und höchst effektiver Thriller war. Das mag an zentrale Punkte des Vorgängers anknüpfen, aber dezente Langeweile kann dennoch nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden. Zumal nun angedeutet wird, woher der klassische Xenomorph überhaupt herkommt (und was ich in Retrospektive eigentlich gar nicht wissen wollte, weil es den Mythos abschwächt). Die neue Alien-Art, die im Film herumspringt, ist übrigens unheimlich, aber natürlich kein Vergleich zum einzig wahren H.R.-Giger-Alien.

Weitere vorhandene logische Ungereimtheiten sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Es bleibt jedenfalls festzuhalten: „Alien: Covenant“ ist ein viel besserer „Alien“-Film als sein Vorgänger, aber so ganz konsequent blieb Scott nun doch nicht. So fühlt sich der Film zwiespältig an, da in ihm die DNS zweier Werke zu schlummern scheint, die eher nebenher ko-existieren und leider kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Aber immerhin, es gibt ein echtes Alien-Monster im Kino zu sehen. Das reicht auch zum Glücklichsein.

6/10

Game-Review: „Overcooked“

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Wie es in einer professionellen Küche zugehen muss, davon geben mittlerweile unzählige Koch- und Küchenformate im Fernsehen einen recht guten Eindruck. Nur mitmachen, das kann man nicht und wer nicht gerade selbst Profikoch ist oder es sich zur Aufgabe gemacht hat, täglich seine ganze Sippschaft zu verköstigen, wird wohl auch nicht ansatzweise ein Gefühl dafür bekommen, was es wohl heißen mag, unter Zeitdruck mehrere Gerichte zu zaubern. Bis jetzt – denn mit „Overcooked“ haben die Entwickler von Ghost Town Games doch tatsächlich eine wahnwitzige Küchensimulation herausgebracht.

Wobei das Wort „Simulation“ zunächst ein wenig überzogen wirkt. Gemeinhin verbindet man mit dem Begriff eine möglichst realitätsgetreue Abbildung der Wirklichkeit und in vielen Aspekten trifft das bei „Overcooked“ eben nicht zu. Das fängt schon bei der knuffigen Comic-Grafik an, geht über zu der Simplifizierung der einzelnen Kochschritte bis hin zu der Tatsache, dass die verschiedenen Levels mit allerlei herausfordernden Eigenschaften ausgestattet wurden und schon mal im All, auf dem Eis oder in einem Geisterhaus angesiedelt sind. Was aber mit ziemlicher Sicherheit der Realität sehr nahe kommt sind der Stress, die Hektik, das Chaos!

Das Spielprinzip ist zunächst denkbar einfach: In einer Küche müssen bis zu maximal vier Köche kontinuierlich eintrudelnde Bestellungen bearbeiten, für die sie nur eine begrenzte Zeit haben. Je schneller man ein Gericht serviert, desto besser, aber vorsicht, wenn es zu lange dauert, dann gibt es Punktabzug. In vielen Levels kommt auch noch das dreckige Geschirr zurück, das nebenher abgewaschen werden will. Wenn dann auch noch Hindernisse wie Glätte, sich verschiebende Elemente oder Förderbänder dazu kommen, gerät die Sache sehr schnell aus dem Ruder. Aber darin liegt ja der Reiz: „Overcooked“ ist als Couch-Coop-Spiel angelegt, bis zu vier Möchtegernköche können sich gleichzeitig vor den Bildschirm setzen und loslegen.

Und um vier Spielfiguren auf engem Raum mit einem gemeinsamen Ziel miteinander zu koordinieren, gebraucht es vor allem einer extrem hohen Kommunikationsfreudigkeit. Aufgaben wollen verteilt werden und möglichst sollte man sich nicht im Wege stehen, denn sonst droht man, sich gegenseitig von der Arbeitsstation wegzuschubsen. Teamwork ist unabdingbar, ständig muss man sich darüber auf dem Laufenden halten, wer was gerade macht, damit der andere Spieler seine Schritte entsprechend planen kann. Anders als bei Online-Shootern zählen Skills hier gar nichts, keiner kann unmöglich alleine den Kochtopf-Rambo geben und gleichzeitig abwaschen, braten, kochen und schnippeln. In der Hektik kann das schnell und auf äußerst hysterisch-lustige Weise ausarten: Wenn ein Mitspieler nicht rechtzeitig eine Tomate weiterreicht, damit ein anderer sie schneiden und in den Kochtopf werfen kann, kann man sich schon mal lautstark die Forderungen gegenseitig an den Kopf hauen, während man versucht, nichts anbrennen zu lassen (zum Glück steht ein Feuerlöscher immer bereit) – im Multiplayer ist „Overcooked“ wahrlich zum „Brüllen“ komisch.

Aber auch alleine bietet das Spiel einen nicht zu unterschätzenden Reiz, denn dann mutiert es zu einer Tour de Force des Multitaskings. Statt vier steuert man alleine zwei Köche, zwischen denen man jederzeit via Knopfdruck hin und her wechseln kann. Ihre Wege und Aktionen aufeinander abzustimmen und den Figurenwechsel zu timen, sorgt für permanent durchschmorende Synapsen. Wer das Spiel auf diese Weise meistert, sollte es sich anschließend mit stolzer Brust in den Lebenslauf schreiben.

Im Laufe der Kampagne spielt man übrigens auch neue Level frei, in denen man gegeneinander in Zweierteams antreten kann. Im Grunde genommen muss man „nur“ mehr Bestellungen schaffen, als das gegnerische Team, aber es wäre kein echter Versus-Modus, wenn man sich nicht auch dabei behindern könnte. Aus dem intensiven Teamgeist der Koop-Missionen wird dann schnell purer Hass!

Wer also mal wieder seine Freunde zu einer geselligen Runde einladen möchte, liegt mit „Overcooked“ genau richtig. Das Spiel ist schnell erlernt und bietet trotzdem stundenlang äußerst kniffligen Spaß. Guten Appetit!

9/10

Film-Review: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“

von James Gunn
mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Kurt Russell

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Frische hat ein Verfallsdatum, das ist fast schon ein Naturgesetz und das gilt nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für kreative Erzeugnisse. Was einst innovativ und neu war, kann schon wenig später verbraucht wirken. An der Stelle kommt dann auch für mich „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ ins Spiel. Punktete der Vorgänger mit einem bis dato unerhört frechem Mix aus Oldie-Mucke und popkulturellen Anspielungen, durchgeknallten Figuren und einer knallbunten Inszenierung, so wartet auch der zweite Teil damit auf – nur irgendwie interessiert es mich nicht mehr.

Schon „Guardians 1“ war „nur“ unterhaltsam, allerdings bewies der Film kaum eine nennenswerte Halbwertzeit. Im Grunde genommen wirkte er bei einer zweiten Sichtung wie ein einziger Gag, aber wenn es ums dramatische geht, um Action und Spannung, da versagte die Marvel-Comicverfilmung wie viele andere auch dank vieler bunter Effekte, die aber zu keiner Zeit etwas Aufregendes beizutragen hatten. Stattdessen war sich der Film zu jederzeit bewusst, wie cool er doch ist und zugegeben, für eine Zeit lang war er es wirklich. Teil 2 nimmt nun diese Attitüde und schmiert sie einem regelrecht ins Gesicht, denn aus frischen Ideen sind Formeln geworden, die man einfach anwenden kann.

Man könnte aber auch sagen, dass all dies einfach eine eigene filmische Identität ist und da mag sogar etwas dran sein. Umso alberner wirkt sie meines Erachtens allerdings, wenn nun verstärkt Figurenentwicklung betrieben wird und sich besonders in der langen Mitte des Films jede Menge Durststrecken ergeben, weil vielerorts im Universum ernsthafte Dialoge geführt werden. Die empfand ich nicht nur als weitestgehend langweilig, zumal der Plot einfach kaum vorwärts kommt. Sie stehen meines Erachtens sogar ziemlich konträr zum betont lebendigen Rest, weshalb sich hier zwei Ebenen im Film ausbreiten, die so nicht miteinander funktionieren. Gags müssen pflichtbewusst eingestreut werden, um eine ernste Szene aufzulockern, aber es fühlt sich oft erzwungen an oder sie verfehlen ihre Wirkung. Und als Zuschauer weiß ich doch sofort, wenn in einer großen Actionszene erst einmal ein cooler, aber lässiger Song aus den Boxen ertönt, dann kann ich an dieser Stelle kaum mit Spannung rechnen – besonders im Finale ärgerlich.

Visuell macht „Guardians 2“ allerdings eine Menge her und das nicht nur wegen der vielen bunten Effekte. Chef-Kameramann Henry Braham beweist jedenfalls ein sehr gutes Auge für wohlkomponierte Bilder und liefert mehrmals posterwürdige Einstellungen ab. Musikalisch gibt es den üblichen Mix aus alten Songs und einem traditionellen Score – und es ist der x-te Film, der die Musik aus „Mad Max: Fury Road“ zu kopieren scheint.

Kann man denn nun mit „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ trotzdem seinen Spaß haben? Mit Sicherheit, wer sich gerne die Zeit mit Bonbon-Action vertreiben möchte, die Figuren liebt und jede Menge auf nostalgische Referenzen gibt. Ich empfand ihn aber nur als höchst durchschnittlich und bin langsam ein klein wenig genervt von der offensiv zur Schau gestellten Nerdigkeit: Ich möchte an dieser Stelle die „Guardians“-Filme mit „Deadpool“ in einen Topf der Filme schmeißen, die ihre augenzwinkernde Selbstironie und ihr popkulturelles Bewusstsein wie Make-up tragen, das traditionelle Nerds wie moderne Hipster-Geeks verführt, aber letztendlich genauso oberflächliches Gehabe ist wie ein fein designter Computereffekt. Denn zwingend, eindringlich, intensiv, spannend und aufregend ist bei ihnen nichts und wieder nichts, auf der emotionalen Ebene gibt es bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas zu holen. Der Spaß ist temporär, Nachwirkung verspür ich keine.

5/10

Film-Review: „Bleed For This“

von Ben Younger
mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal

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Es gibt viele Boxerfilme, viele Biopics und so einige Boxer-Biopics. Häufig erzählen sie entweder vom Underdog, der sich zum großen Erfolg durchboxt oder vom Sieger, der am Boden zerstört ist und sich zu altem Ruhm zurückkämpft. Und dann gibt es noch viele Variationen davon. Nun denn, in der Hinsicht erfindet auch „Bleed For This“ nicht das Rad neu, zumindest nicht, wenn es um den ganz grob skizzierten Ablauf der Geschichte geht.

Wovon sich die Hauptfigur Vinny Pazienza (Miles Teller) erholt und vor allem wie, ist jedoch allemal eine beachtliche Geschichte: Nach einem erfolgreichen Titelgewinn, erleidet Pazienza einen schweren Autounfall, im Zuge dessen sein Genick gebrochen wird. Nur mit viel Glück überlebt er, muss aber anschließend mehrere Monate lang eine spezielle Halskrause aus Metall tragen, die an seinen Kopf geschraubt wird. Boxen? Wird er nie wieder, sagt man ihm. Aber sein Wille ist ungebrochen und so trainiert sich Pazienza langsam wieder zu alter Bestform zurück.

Vom Genickbruch zum Champ, das allein ist eine tolle Story und meines Erachtens auch das Beste an „Bleed For This“. Wie sich Vinny nach solch einem Schicksalsschlag zurück trainiert, geht über die sonst im Genre so typische Trainingsmontage hinaus, da auch die leisen Momente dazwischen dazugezählt werden müssen, in denen er sich stoisch gegen jede Vernunft auflehnt. Miles Teller als Hauptdarsteller ist dabei absolut überzeugend. Zwar sportet er keine solch beeindruckende Statur wie zum Beispiel Jake Gyllenhaal in „Southpaw“, nichtsdestotrotz überrascht Tellers physisches Auftreten, während er den zunächst abgehobenen, dann gedemütigten, aber niemals aufgebenden Charakter Pazienzas auf den Punkt spielt. Auch die Nebendarsteller überzeugen, von denen besonders Aaron Eckhart als Trainer und Ciarán Hinds als Vinnys Vater starke Akzente setzen können.

Leider ist die Inszenierung eine kleine Spur zu konventionell geraten und ausgerechnet die Boxszenen hätten filmisch etwas mehr „Punch“ vertragen können. Zwar muss es nicht immer ein großer Kniff sein wie der One-Take-Kampf in „Creed“, aber das letzte Quäntchen Intensität fehlt in „Bleed For This“. Da hilft es auch nicht, dass man seit langem wieder falsche Treffer als solche ausmachen kann – zumindest war das mein persönlicher Eindruck. Dramaturgisch ist vieles vorhersehbar und auch der Schnitt wirkte an einigen Stellen entweder holprig oder grob.

Trotzdem ist „Bleed For This“ ein äußerst solides Sportler-Biopic geworden, das von starken Darstellern getragen wird und einfach eine interessante Geschichte erzählt, die zumindest so im Boxgenre seinesgleichen sucht.

7/10

Film-Review: „Butterfly Kisses“

Regie: Rafael Kapelinski
mit: Rosie Day, Theo Stevenson, Elliot Cowan

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Drei Jugendliche aus sozial schwachem Milieu, die einfach nur gerne zusammenhängen, während die Kamera edle schwarz-weiße Bilder davon einfängt: Das klingt verdächtig nach „La Haine“, dem französischen Klassiker von Mathieu Kassovitz, und in der Tat sind die Parallelen zunächst nicht von der Hand zu weisen. Doch schnell bemerkt man, dass „Butterfly Kisses“ in eine ganz andere und ziemlich abgründige Richtung schlägt.

Dabei werden typischer Gruppenzwang unter Herwanwachsenden und damit der äußere Druck mit anderen gleichzuziehen thematisiert. Sex spielt dabei eine besonders große Rolle. Jake (Theo Stevenson) ist der einzige seiner Clique, der einfach kein Glück bei den Mädels hat und während seine Freunde mit ihren sexuellen Eskapaden prahlen, wird er gleichzeitig von ihnen aufgrund seines Misserfolgs aufgezogen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Neckereien in aller Freundschaft geschehen oder nicht – sie sprechen explizit ein extrem wundes Thema bei Jake an, dessen sexuelles Begehren zwar aufblüht, aber nicht ausgelebt werden kann.

Schon bald zeichnet sich ab, dass Jake womöglich aufgrund dessen eine Vorliebe entwickelt, die unter Strafe steht: Obwohl er sich durchaus in die etwa gleichaltrige Zara (Rosie Day) verguckt, scheint in ihm ein Hang zur Pädophilie inne zu wohnen. Auch wenn der Film zum Glück keine expliziten Bilder dafür findet, wird dieses dunkle Verlangen durch viele Andeutungen unmissverständlich klar. Ein ganz besonders demütigendes Ereignis sorgt dann für eine Katastrophe in der Handlung.

Pädophilie ist kein einfaches Thema, erst recht nicht für einen Jugendfilm, in dem auch der jugendliche Protagonist darunter leidet. Allein diese ungewöhnliche Thematik ist durchaus mutig und erzählerisch versucht der Film, dem Ursprung der Krankheit auf den Grund zu gehen und bietet mit sozialem Druck und unterdrückter Sexualität einige mögliche Gründe dafür an.

Das alles wird in „Butterfly Kisses“ in, wie bereits erwähnt, famose Bilder getaucht, in denen eine Vielzahl einfallsreicher Winkel und atmosphärischer Einstellungen zum Tragen kommen. Zudem sind insbesondere die jungen Darsteller einfach toll. Sie wirken absolut authentisch, stemmen aber auch dramatischere Szenen mit links. Leider leistet sich der Film ausgerechnet bei seinem absoluten Höhepunkt eine eklatanten dramaturgischen Schnitzer, der einem zentralen Moment in der Erzählung einiges von seiner möglichen Wirkung nimmt, indem unnötigerweise kurze Nebenplots nochmal hervorgekramt werden, die zu diesem Zeitpunkt schon längst vergessen schienen.

In der Gesamtschau kann das allerdings nicht verhindern, dass „Butterfly Kisses“ ein mutiger Film und ein äußerst bemerkenswertes Spielfilmdebüt von Regisseur Rafael Kapelinski ist, das ästhetisch wundervoll aussieht und inhaltlich schweren Tobak abliefert.

8/10

Film-Review: „Innen Leben“

OT: „Insyriated“
Regie: Philippe Van Leeuw
mit: Hiam Abbass, Diamand Bou Abboud, Juliette Navis

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Krieg, so grausam er auch sein mag, hat die Menschheit schon immer fasziniert und auch das Kino als Kunstform hat sich oft genug mit diesem schrecklichsten aller Zustände auseinandergesetzt. Dabei kommen einem spontan immer zuerst Bilder von intensiven Kampfszenen in den Sinn, in denen die Kugeln nur so an einem vorbeischwirren und das Chaos auf dem Schlachtfeld möglichst realistisch und fühlbar dargestellt wird. Die Front ist grausam, wird aber letztendlich nur von den vergleichsweise wenigen Soldaten erlebt, die sich dort aufhalten. Doch was ist mit der Zivilbevölkerung? Wie nimmt diese einen Konflikt in ihrer Heimat wahr? Und wie gestaltet sich das alltägliche Leben im Angesicht der Krise? Einen Eindruck davon vermittelt „Innen Leben“ von Regisseur Philippe Van Leeuw.

Darin wird von einem einzigen Tag in einer einzigen Wohnung mitten im Kriegsgebiet erzählt. Wegen der widrigen Umstände hat Oum Yazan (Hiam Abbass) einige Nachbarn bei sich zuhause aufgenommen und versucht nun mit strenger und doch fürsorglicher Art ihnen und ihrer eigenen Familie einen möglichst normalen Alltag zu bieten. Im Anbetracht der knapp gewordenen Ressourcen und der ständig präsenten Gefahr eine wahre Herkulesaufgabe. Denn vor die Tür trauen können sie sich nicht, ein Scharfschütze hat den Bereich vor dem Haus im Visier und eine falsche Bewegung bedeutet den sicheren Tod.

Durch den konsequent begrenzten Raum bleibt man als Zuschauer permanent an den Figuren dran. Es gibt kein Spektakel und der Krieg tobt scheinbar unsichtbar im Fernsehen – bis der nächste Schuss fällt oder eine Bombe in der Nähe einschlägt. Zwischen den alltäglichen Handlungen in dieser Zwangs-WG baut Van Leeuw vereinzelte Momente enormen Schreckens ein, die gerade durch ihre scheinbare Zufälligkeit an Intensität gewinnen. In einem Moment scheint man sich der Illusion eines geregelten Lebens hingeben zu können, da kracht es plötzlich nur so auf der Tonspur. Gangster, die zu Kriegszeiten das Elend der Bevölkerung ausnutzen wollen, klopfen an die verriegelte Tür und drohen, sich Zugang zu verschaffen und in einem ganz besonders packenden Moment sorgt nur der rote Punkt eines Laserpointers für ein kollektives Raunen im Saal.

Dass es sich um den Konflikt in Syrien handelt, wird nur durch wenige Hinweise deutlich gemacht (zu denen man durchaus auch den Originaltitel des Films „Insyriated“ zählen darf). Ansonsten wirkt der Krieg im Film erstaunlich anonym, die Geschichte und die Themen bekommen dadurch etwas Universelles. Die eigenen vier Wände, die es als Ort des Friedens und der Geborgenheit zu schützen gilt, gleichen sich überall auf der Welt, ebenso die Gewalt, die von außerhalb eindringen will.

Van Leeuws Inszenierung ist realistisch und verbietet sich jedwede nennenswerte Spielereien. Der Schnitt wirkt messerscharf und die Kamera heftet sich in hektischen Moment direkt an die Fersen der Figuren. Aber nichts wäre der Film ohne seine Darsteller, in deren Gesichter man 90 Minuten lang schaut. Und zum Glück weiß das gesamter Ensemble zu begeistert, wobei ein Frauentrio ganz besonders heraussticht: Hiam Abbass liefert als Mama für alle eine herausragende und vielschichtige Darbietung ab, bei der sich Strenge, panische Angst und liebevolle Zuneigung gleichsam die Waage halten und ein eindringliches Porträt einer starken Frau im Krieg ergeben. Juliette Navis verkörpert als Delhani wunderbar einen inneren Gewissenskonflikt und Diamond Bou Abboud muss eine der grausamsten Szenen des gesamten Films durchstehen und meistert ihre Aufgabe mit Bravour und absoluter Furchtlosigkeit.

„Innen Leben“ wurde auf der Berlinale 2017 gezeigt, wo er den Publikumspreis in der Panorama-Sektion gewann und das vollkommen zurecht. Philippe Van Leeuw ist mit seinem Film eines der wohl packendsten und bewegendsten Plädoyers gegen den Krieg seit langer Zeit gelungen, das niemanden kalt lässt, zum Nachdenken anregt und hoffentlich den Zuschauer nachhaltig für die Thematik und den spezifischen Konflikt sensibilisert.

9/10

Berlinale 2017 – Tops, Flops und was sonst noch so passierte

Vom 9. – 19. Februar fand wieder einmal die Berlinale statt und lud Filmemacher, Stars und natürlich zahlreiche Zuschauer ein, sich Filme aus aller Welt und zu den verschiedensten Themen anzuschauen und über sie zu diskutieren. Auch dieses Mal war ich mit einer Akkreditierung unterwegs gewesen. Über die filmischen Hochs und Tiefs berichte ich euch an dieser Stelle (leider viel, viel, VIEL zu spät – danke Technik!).

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Die erste und vielleicht überlebenswichtigste Feststellung der diesjährigen Berlinale war: Der Ticketschalter für Presseakkreditierte öffnete seine Pforten eine halbe Stunde später als im Vorjahr! Welch ein Glück! Aber gut, so viel dazu.

Wie jedes Jahr im Februar erhellte die Berlinale mit ihren Dekos, Lichtern, Stars und Sternchen die dunkelste Jahreszeit und sorgte für glühende Verehrung und lodernde Entrüstung in Zeiten der Minusgrade. Insgesamt flimmerten 45 Filme an meinen mal aufmerksamen, aber hin und wieder auch müden Augen vorbei. Was für einen Eindruck sie letztendlich hinterließen, soll hier anhand ausgewählter Höhepunkte und Enttäuschungen geschildert werden.

Lachen

Im Rahmen der Berlinale passiert es oft, dass man schwer zugängliche Filme mit bedrückenden Inhalten sieht. Umso größer ist die Erleichterung, wenn man zwischendrin herzhaft lachen kann. Begeistert war ich von zwei Filmen des Wettbewerbs, die ich beim diesjährigen Festival erleben durfte: „The Party“ ist wie „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, nur in schwarz-weiß und eine kleine Spur schärfer. „Die andere Seite der Hoffnung“ von Aki Kaurismäki bekam verdientermaßen einen Silbernen Bären für die Beste Regie und gewinnt mit skurrilem Humor dem ernsten Thema der Flüchtlingskrise etwas Menschliches ab.

Regisseur Nicolas Wackerbarth lässt in „Casting“ eine Filmemacherin nach einer geeigneten Hauptdarstellerin suchen und das Vorhaben entpuppt sich als hysterisch und zumindest für den Zuschauer als pures Vergnügen. Der meines Erachtens ziemlich ärgerliche „Mr. Long“ punktet zumindest mit putzigen Nachbarn des Titelhelden, deren bedingungslose Solidarität und Hilfsbereitschaft höchst amüsant ist und schizophrenerweise entlockt auch die Netflix-Doku „Casting Jonbenet“ dem Kinogänger einige unerwartete Lacher. Und das, obwohl es um einen Mord an einem kleinen Mädchen geht, der, so wird getan, von Laien nacherzählt werden soll und deren authentischen Aussagen ofts ins Komische abdriften.

Die wahre Welt auf der Leinwand – Die Dokus

Und überhaupt die Dokus, von denen ich einige sah, was, ich gestehe, in der Vergangenheit nicht so häufig vorkam. „Casting Jonbenet“ nähert sich seinem Thema auf eine ziemlich unorthodoxe Weise an und auch wenn der Film am Ende keine Antworten liefern kann, so kann man sich mit ihm ein Bild davon machen und wie es gleichzeitig wahrgenommen wurde, alles durch die Erinnerungen von Menschen, die als mögliche Darsteller gecastet werden sollen (so denken sie) und die von ihren persönlichen Bezügen zum Mordfall Jonbenet sprechen. Ebenfalls experimentell: „La Libertad Del Diablo“, in dem Opfer und Täter der mexikanischen Drogenkartelle ihre Erlebnisse direkt in die Kamera schildern, allerdings durch Masken vermummt. Durch die pure Grausamkeit des Geschilderten und den durch die Masken entfremdet wirkenden Gesichtern, erhält die Doku eine ganz gespenstische Qualität, die gefangen nimmt.

Mit „For Ahkeem“ und „I Am Not Your Negro“ standen auch zwei Dokumentarfilme auf dem Plan, die sich mit dem Leben von Afroamerikanern befassen. „For Akheem“ folgt dabei einer Protagonistin im Hier und Jetzt und macht systematische Diskriminierung, das problematische Schulsystem und Perspektivlosigkeit zum Thema. Wenngleich er diese Punkte durchaus nahezubringen weiß, so kann man einen gewissen Grad an Inszenierung nicht leugnen, was ich ein wenig problematisch fand. „I Am Not Your Negro“ wählt eine eher geschichtliche Herangehensweise, die aber punktgenau ins Herz der US-amerikanischen Seele trifft.

Kinder, die versuchen sich in der Welt zurechtzufinden, waren Gegenstand von einigen Dokus der Kinder- und Jugendsektion Generation. In „Almost Heaven“ beginnt ein junges chinesisches Mädchen eine Ausbildung zur Leichenbestatterin. Ohne Kommentar und nur von einer beobachtenden Kamera begleitet, eröffnet sich dem Zuschauer eine rührende Geschichte eines jungen Menschen, der umgeben vom Tod ist und sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. „Soldado“ folgt einem Jugendlichen auf seinem Weg durchs Militär. Durch ungewöhnliche Perspektiven entlarvt der Film den Militärapparat bisweilen als eine Art chaotisches Bühnenstück; sein Protagonist ist allerdings ziemlich passiv und damit als Identifikationsfigur nur bedingt geeignet.

Übrigens: China wird in den nächsten 10-15 Jahren Fußball-Weltmeister. In „Eisenkopf“ (lief in der Perspektive Deutsches Kino) wird nämlich von dem skurrilen Vorhaben berichtet, Fußballtraining mit Kung-Fu zu kreuzen.

Seltsame Gäste

Ab und an gab es einige Filme zu sehen, bei denen ich mir die Frage stellte, was sie eigentlich bei einem internationalen Filmfestival wie der Berlinale zu suchen haben. Denn ganz grob heruntergebrochen (wirklich grob) liegt der Schwerpunkt doch eher auf Arthouse-Kino aus der ganzen Welt oder filmischen Experimenten. Da mutete die Präsenz des Marvel-Films „Logan“ schon sehr befremdlich an. So viel geballte Mainstream- ja geradezu Blockbuster-Power dürfte es in der Vergangenheit kaum gegeben haben. Ich gebe jedoch zu, dass der Mainstream genau das ist, was ich immer wieder neu zu schätzen lerne, während ich auf der Berlinale zugange bin. Von daher genoss ich es in vollen Zügen, der Weltpremiere mit Hugh Jackman und Patrick Stewart beizuwohnen und gegen Ende des Festivals die primitive Seite meiner filmischen Libido in Form brutaler Action zu befriedigen.

Auch „El Bar“ von Álex de la Iglesia, der sogar im Wettbewerb lief, war ein wenig Fehl am Platze. Als dreckiger, hektischer, kompakter Thriller mit etwas Ekelpotenzial könnte man sich den Film eher auf dem Fantasy Filmfest vorstellen. Und siehe da: Nur wenige Tage nach der Berlinale wird er prompt für die Fantasy Filmfest Nights angekündigt.

Zuguterletzt gab es noch die Sorte Filme, die ich mir persönlich eher als Kunstinstallation oder eben im Rahmen einer Ausstellung in einer Galerie vorstelle, als in einem Kino – so betont künstlerisch (ich finde es meist eher gekünstelt) und provokant (prätentiös) konnte es schon mal zugehen. „Fluido“ war meines Erachtens so ein Film, der mittels expliziter Masturbation, ejakulierender Penisse und ganz viel Sperma und Urin vermutlich irgendetwas gesellschaftskritisches zu Geschlechtern, Sex und dergleichen sagen wollte, aber eigentlich nur tierisch nervte. Zumindest kann ich jetzt sagen, dass ich im vorübergehend größten Pornokino Berlins mit mehreren hundert Gästen saß.

Flops

Zum Schluss möchte ich noch einige meiner Tops und Flops des Festivals nennen. Beginnen wir mit den Flops, zu denen eben genannter „Fluido“ zählt. „Joaquim“, ein Wettbewerbsbeitrag, machte enorm neugierig mit einer extrem atmosphärischen ersten Einstellung von einem wolkenverhangenen Himmel und einem abgetrennten Kopf im Vordergrund. Nur hatte sich damit schon alle inszenatorische Kreativität der Macher erschöpft und was folgte war verwackelte Langeweile, die kein Ende nehmen wollte.

Der bereits erwähnte „Mr. Long“ machte die erste Hälfte über alles richtig: Er war schwer unterhaltsam, bot Witz wie Action und sah schick aus. Doch dann wird er in der Mitte von einer langen Rückblende ausgebremst, die den Film im Nachgang zu überschatten schien und den Ton grundlegend verändert hat. Danach war es einfach nicht mehr derselbe Film, weshalb er zum vielleicht größten Ärgernis wurde. Es wurde einfach ein enormes Potenzial verschenkt.

Die Hits

Naja, wozu noch lange aufhalten mit Titeln, die einen eh nur verärgert haben, wo es doch so viel Gutes zu sehen gab. Die absolute Krönung war für mich „Insyriated“, der unter dem deutschen Verleihtitel „Innen Leben“ am 22. Juni 2017 regulär in die Kinos kommen wird. Darin geht es um eine zusammengewürfelte Gruppe Menschen, die in einer einzigen Wohnung ausharrt, während draußen der Krieg in Syrien tobt. Der enge Raum und die Tonspur sorgen für eine realistische wie beklemmende Atmosphäre, die Darbietungen der Darsteller sind furchtlos und mitreißend.

Neben den sehr unterhaltsamen „The Party“ und „Die andere Seite der Hoffnung“ punktete auch „Butterfly Kisses“ in der Generation. Die edlen schwarz-weiß Bilder und die Tatsache, dass drei Jugendliche in eher sozial schwachen Umständen im Mittelpunkt stehen, weckten sofort Erinnerungen an „La Haine“ von 1995. Der Film fühlte sich zu jederzeit authentisch an und packte zu meiner Überraschung mit Pädophilie ein ziemlich ungewöhnliches Thema für einen Film über Jugendliche an.

Ebenfalls beeindruckt war ich von „Requiem For Mrs. J“, obwohl ich kurz vor der Vorstellung eher kritische Meinungen zum Film hörte und ich beinahe wegen Müdigkeit ausgesetzt hätte – zum Glück habe ich es nicht getan. Verhaltener, skurriler Humor trifft auf jede Menge schöne komponierte Bilder, die jedoch von großer Melancholie begleitet werden. Beim optimistischen und, wie ich finde, lohnenswerten und sich aufrichtig anfühlenden Ende ging mir dann sogar richtig das Herz auf.

Fazit

Es war meine achte Berlinale in Folge und ich denke, das war insgesamt die beste, der ich persönlich je beiwohnen konnte. Ich weiß natürlich nicht, ob ich dieses Jahr einfach nur mehr Glück hatte bei der Auswahl der Filme oder ob das Programm allgemein so gut war, aber noch nie habe ich so viele gute bis sehr gute Beiträge gesehen. Das wird nicht einfach, nochmal einen draufzusetzen. Aber ich bin bereit – 2018 kann kommen.