Film-Review: „Hellboy – Call of Darkness“

von Neil Marshall

mit David Harbour, Milla Jovovich, Sasha Lane, Daniel Dae Kim

blog

Auf dem Weg zur Pressevorführung von „Hellboy – Call of Darkness“ verrichtete nur wenige Meter vom Kino entfernt ein Vogel just in dem Moment seine Notdurft, als er über den Autor dieser Zeilen flog. Die heimtückische Attacke ging glücklicherweise noch recht glimpflich aus und kann als Streifschuss zu den Akten gelegt werden. Im Nachhinein entpuppt sich dieser kleine Vorfall jedoch als böses Omen, als Vorbote für die Unmengen an filmischen Unrat, die sich nur wenig später von der Leinwand in den Kinosaal ergießen sollten, dass der innere Wunsch laut wird, man wäre doch lieber bis zur Ohnmacht von einem Taubenschwarm bombardiert worden.

Dabei standen die Vorzeichen zunächst einmal gar nicht so schlecht: Mit Neil Marshall („The Descent“) übernahm ein horrorerprobter Spezialist die Regie und er und seine Mitstreiter wurden bis zuletzt nicht müde zu betonen, wie toll das Projekt doch sei und wie brutal doch alles werden würde. Die Besetzung von David Harbour („Stranger Things“) war ebenfalls vielversprechend und Fans haben sehr lange auf einen weiteren Kinoausflug des Titelhelden warten müssen, weshalb diese sicher hochmotiviert den Lichtspielhäusern dieser Welt die Türen einrennen werden, sobald es geht. Was soll da noch schiefgehen?

Zumindest künstlerisch gesehen kann man getrost festhalten: So gut wie alles. Natürlich muss nicht jeder neue Film ein ästhetisches Wunderwerk sein oder den nächsten intellektuellen Diskurs über gesellschaftspolitische Themen lostreten. Seit jeher haben die bewegten Bilder auch unterhalten und es ist vollkommen legitim, wenn ein neuer Filmbeitrag sich dem Vergnügen des Publikums verschrieben hat und es für einige Stunden seinen Alltag und seine Probleme vergessen lässt. Und schließlich kann auch der größte Spaß noch handwerklich meisterlich inszeniert sein. Hin und wieder muss man aber seine Zeit mit einem Machwerk verbringen, das in seinem lauten, desorientierenden, überladenen und hyperaktiven Stumpfsinn die eigenen Synapsen nicht etwa schlafen legt, sondern jede vorhandene graue Zelle gezielt angreift und regelrecht pulverisiert, weshalb man angesichts dieser kolossalen, geistigen Unterforderung doch tatsächlich völlig überfordert nach Antworten sucht.

„Hellboy“ ist so ein Film. Ein Comic-Blockbuster will Marshalls Regiearbeit wohl sein, nach einer bekannten Vorlage und mit vielen Millionen Dollar und noch mehr visuellen Effekten realisiert, die aber den Eindruck eines nur etwa dreistelligen Budgets erwecken. Rechenpower spielt aber nur eine geringe und zumeist auch gar keine Rolle, wenn der Rest der Inszenierung stimmt – aber davon könnte das vorliegende Ergebnis nicht weit genug entfernt sein. Die Kameraführung ist in den Actionszenen durchgängig hektisch und noch chaotischer und verwirrender ist der Schnitt: Zum Beispiel gibt es einen Moment, in dem Hellboy von einer Brücke fällt. Für einen gefühlten Sekundenbruchteil wird dabei auf eine Totale eben dieser Brücke geschnitten, aber in der Kürze erkennt man nicht, wo sich der Protagonist im Bild überhaupt befindet. Der ist nämlich irgendwo am linken Bildschirmrand versteckt (oder doch rechts?), während im Rest des Frames, und besonders in seiner Mitte, nichts geschieht.

Wer sich ein wenig mit Filmen beschäftigt, dürfte vielleicht mitbekommen haben, wie sich Cinephile im Netz über „Bohemian Rhapsody“ aufgeregt haben. In aller Kürze: Der Film über das Leben und Schaffen von Freddie Mercury gewann dieses Jahr unter anderem den Oscar für den Besten Schnitt, obwohl, so zeigen Videos auf, die Qualität in dieser Hinsicht sehr zu wünschen übrig lässt. Eine Dialogszene wird dabei besonders hervorgehoben, da sie mehr Cuts enthält, als eine Actionszene in einem „Transformers“-Film. Furchtbares Filmemachen, so bekommt man den Eindruck – „Hellboy“ jedoch ist zum Bersten voll mit solchen Beispielen. Dann muss man nur noch die schlechte Beleuchtung hinzugeben, die vieles im Dunkeln belässt, und fertig ist die ästhetische Grütze, die einen am Urteilsvermögen der Beteiligten zweifeln lässt – oder an ihrer Dioptrienzahl.

Da hilft es auch nicht, dass ganz am Ende Marshall scheinbar all seine Register zieht und einen bleihaltigen, flotten Pseudo-One-Take präsentiert, zu rockiger Musikuntermalung. Erinnerungen werden wach an die jetzt schon legendäre Kirchenszene aus dem ersten „Kingsman“-Fil, von der man sich ganz offensichtlich inspirieren ließ, man aber zweifelsohne aufgrund genannter Mäkel nur die erbärmliche Billoversion zustandegebracht hat.

„Hellboy“ ist also ein echter Weggucker, der einen auch dann bestraft, wenn man noch gewillt ist, hinzuhören. Denn offenbar hat man Material für gleich drei oder vier Filme in ein einziges Drehbuch gestopft, das wenig verwunderlich gefühlt eine Exposition nach der anderen liefert, in dem Hintergründe noch rasch und wie aus dem Nichts eingeschoben werden und das zusätzlich durch eine hanebüchene, unglaubwürdige, dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung beschwert wird, die nur Ärger als Emotion hervorruft. Dabei wird wunderbar zur Schau gestellt, dass man mit vielen, laut vorgetragenen Worten, noch lange nicht viel ausgesagt und vermittelt hat. Für die an und für sich talentierten Darsteller eine undankbare Aufgabe, daraus etwas zu machen und an der sie letztendlich scheitern.

Gibt es denn überhaupt etwas Positives zu erwähnen? Zum Teufel, ja! Die Masken und manche Creature-Effekte sind dann doch ganz gelungen und wären in einem anderen, echten Horrorfilm wunderbar aufgehoben: So sieht die im Film vorkommende Baba Jaga wunderbar scheußlich aus und ihr an „Der Exorzist“ erinnernde Spider-Walk-artige Gang vervollständigen den schaurigen Anblick. Auch die riesigen Höllenkreaturen, die im Finale die Erdoberfläche betreten, sehen designtechnisch spannend aus und richten dabei ein herrliches Blutbad an, das die Herzen von Gorehounds schneller schlagen lässt. In diesem einen Punkt hat man auch seine Versprechen gehalten, denn in „Hellboy“ fliegen die (CGI-)Fetzen wie schon lange nicht mehr auf der großen Leinwand. Aber leider, leider ist man nicht daran interessiert, genau diese Monster oder die an sich furchteinflößende Bedrohung, die sie darstellen, wirklich ernstzunehmen und ihnen den gebührenden Platz einzuräumen. So ist der Showdown schnell wieder vorbei, so wie er angefangen hat – und das kann man auch von „Hellboy“ insgesamt als potenzielle Filmreihe sagen. Was bleibt da also noch zu sagen?

Fazit: „Hellboy“ ist ein höllisch schlechter Film und wer sich den Eintritt spart, tut sich nicht nur selbst einen Gefallen, sondern auch allen anderen –  auf dass uns eine Fortsetzung erspart bleiben möge.

2/10

 

Bildnachweis: Universum Film

Werbeanzeigen

Film-Review: „Wenn du König wärst“

von Joe Cornish

mit Patrick Stewart, Rebecca Ferguson, Louis Ashbourne Serkis

blog

Die Sage um König Artus und das Schwert Excalibur wurde schon unzählige Male quer durch die Geschichte wieder und immer wieder erzählt, ob in der Literatur oder auch im Kino. Was also sollte man dem Stoff denn noch Neues abgewinnen? Regisseur Joe Cornish, der sich nach seinem Langfilmregiedebüt „Attack the Block“ und ganzen acht Jahren zurückmeldet, verlegt den klassischen Erzählstoff in die Gegenwart und lässt einen kleinen Jungen die legendäre Waffe herausziehen.

Dieses Mal ist es aber nicht einfach irgendein Felsen, sondern ein kaputter Pfeiler auf einer Baustelle mitten in der Stadt, wo Alex (Louis Ashbourne Serkis, Sohn von Andy Serkis) Excalibur vorfindet. Zuvor ist er noch vor fiesen Mitschülern geflüchtet, die ihn schikanieren wollten. Doch mit dem Schwert in seinem Besitz, bekommt Alex eine ganz neue Aufgabe im Leben – und zwar England vor den dunklen Machenschaften der wiedererstarkten Zauberin Morgana (Rebecca Ferguson) und ihren Schergen zu beschützen…

Die Geschichte von „Wenn du König wärst“ ist trotz des neuen Gewandes natürlich eine alte bekannte, die um andere bewährte Erzählmuster wie die des Coming-of-Age-Films angereichert wird und dadurch ein zusätzliches, emotionales Fundament erhält. Dieses sorgt auch dafür, dass man mit den Figuren mitfiebern kann: Alex, aber auch seine Mitstreiter machen eine deutlich erkennbare Entwicklung durch, an deren Ende aus Feinden Freunde geworden sind und man gemeinsam gestärkt aus dem Abenteuer hervorgeht. Dabei muss man die darstellerischen Leistungen der Nachwuchsschauspieler lobend erwähnen, die durchaus Talent an den Tag legen und man darf schon gespannt sein, wie sie sich in Zukunft noch entwickeln werden.

Dramaturgisch verläuft indes alles in recht geradlinigen und überraschungsfreien Bahnen. Man könnte dies vielleicht zielgruppengerecht nennen, denn inhaltlich sollte die Handlung niemanden vor allzu große Herausforderungen stellen und trotz vereinzelter finsterer Momente wird zu keiner Sekunde aus den Augen verloren, dass es sich hierbei um einen Kinderfilm handelt. Trotzdem kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Cornish in seinem selbst verfassten Drehbuch ein wenig übertreibt: In regelmäßigen Abständen verbalisieren die Protagonisten das Geschehene und das, was noch kommt und ständig wird man vom Skript an die Hand genommen, bis es ein wenig zu viel der Erklärdialoge wird – hier wäre weniger durchaus mehr gewesen.

Zumindest stimmt beizeiten der Humor und die eingestreuten Aufnahmen der schönen Landschaft, durch die die Teeniegruppe läuft, lässt sogar ein wenig „Herr der Ringe“-Feeling aufkommen. Wenn am Ende dann eine ganze Schule von kleinen Knirpsen gegen eine Armee von Fantasiegestalten verteidigt wird, wirkt das sogar wie die kindgerechte Version der Schlacht von Helms Klamm. Das macht Spaß, denn es werden einige witzige Einfälle dargeboten.

Leider kann aber die Inszenierung in punkto Kreativität insgesamt nicht ganz mithalten. Klar, die erwähnten Landschaftsaufnahmen sind schön, aber darüber hinaus sieht „Wenn du König wärst“ schrecklich uninspiriert aus und nervt auch mit fragwürdigen Entscheidungen: Nach einer kurzen Zeit fangen die ständig wiederholten und fast immer zur Gänze gezeigten Klatschrituale von Zauberer Merlin (Angus Imrie / Patrick Stewart) gewaltig an zu nerven – da hätten die Cutter ruhig noch ein wenig mehr dran schnippeln dürfen. Auch im großen Showdown kommt nicht alles ganz rund zusammen: Während ein vorheriges Pseudo-Finale noch adäquat dramatisch inszeniert wurde, lässt der finale Schlag am Ende zu wünschen übrig, da er fast schon beiläufig und zu schnell abläuft. Wenn man bedenkt, wie sehr sich die Handlung bis dahin zuspitzt, hätte man den großen Moment ruhig länger und größer auskosten dürfen – stattdessen aber geht alles in einem unübersichtlichen Effektegewitter unter, wobei auch noch Kamera und Schnitt den finalen Stoß nicht ansprechend ins Bild bekommen. Schade!

Und dennoch bietet „Wenn du König wärst“ trotz der zwei Stunden Laufzeit kurzweilige Unterhaltung für jüngere Semester mit den richtigen Botschaften und sogar einem überraschend aktuellen Subtext: Die Alten hatten ihre Zeit, die junge Generation verändert und rettet die Welt, heißt es an einer Stelle. Passend dazu wirbt das deutsche Plakat mit „Ritter machen schulfrei“ – die Parallelen zu den just in diesem Moment protestierenden Schülern bei den „Fridays for Future“-Demos wirken da geradezu prophetisch.

Fazit: „Wenn du König wärst“ bietet solide Unterhaltung für die ganze Familie, die ästhetisch ruhig so viel Fantasie vertragen hätte, wie die Geschichte selbst.

5/10

Film-Review: „Shazam!“

von David F. Sandberg

mit Zachary Levi, Mark Strong, Asher Angel

CONT_Artwork.indd

Welche Superkraft hättest Du gerne, wenn Du frei wählen könntest? Diese Frage dürften sich bestimmt schon viele einmal gestellt haben und die Antwort fällt sicher nicht leicht, schließlich haben sie irgendwie alle ihre ganz eigenen Vorzüge: Fliegen, enorme Stärke, Geschwindigkeit, was auch immer das Herz begehrt. Auch in „Shazam!“ wird der junge Protagonist an einer Stelle danach gefragt, während er noch nicht ahnt, dass er schon bald über das Superhelden-Gesamtpaket verfügen wird. Und während er nach und nach seine neuen Fähigkeiten entdeckt, lernt er sich auch als Mensch besser kennen. Der Weg dorthin ist zum Brüllen komisch und hat das Herz am rechten Fleck.

Der versierte Comic(-film-)freund ahnt jetzt schon, dass das nach einer typischen Origin-Story klingt: Jemand bekommt unerwartet übernatürliche Kräfte verpasst, lernt, mit diesen umzugehen und wächst so nach und nach in die Rolle des Superhelden hinein – und dabei über sich selbst hinaus. So auch der rebellische Billy Batson (Asher Angel), ein Waisenjunge auf der Suche nach seiner Mutter, der eines Tages in das Versteck eines alten Zauberers (Djimon Hounsou) gebracht wird, der ihm prompt seine Macht überträgt. Fortan kann sich Billy in einen erwachsenen Helden mit Cape (Zachary Levi) verwandeln, wann immer er „Shazam“ ruft.

Die Erzählschablone, die über „Shazam!“ gestülpt wird, ist wie ein alter Bekannter, den man von früher kennt, lange nicht gesehen hat und jetzt auf ein entspanntes Bier trifft, um sich von guten alten Zeiten zu erzählen und über alte Geschichten zu schmunzeln. Schon oft wurde sie im Kino variiert und trotzdem wirkt sie hier sehr erfrischend, was zum einen daran liegen mag, dass man sie auf Blockbuster-Level zuletzt seltener zu Gesicht bekam: Im Vorfeld des Kinostarts wurde zum Beispiel mehr als nur einmal betont, dass zum Beispiel „Captain Marvel“ keine typische Ursprungsgeschichte erzählt, wie es für gewöhnlich immer am Anfang einer Superheldenkarriere der Fall ist. Figuren wie „Aquaman“ und „Wonder Woman“ wurden vor ihren Solofilmen eingeführt und sind schon von Natur aus mit Superkräften ausgestattet, während die einzelnen „Avengers“ schon lange echte Veteranen im Comicfilmgeschäft sind und niemandem mehr erklären müssen, warum sie so sind wie sie eben sind. Da tut es zur Abwechslung doch mal wieder gut, Billy bei seinen ersten Gehversuchen als neuer Held zuzuschauen, wodurch er sich im Geiste eher bei „Spider-Man: A New Universe“ einreiht als bei den eben genannten Beispielen.

Dass das so prächtig unterhält, liegt aber auch an der Kombination aus den richtigen Schauspielern, die mit perfektem Timing zwerchfellstrapazierende Witze zum Besten geben: Zachary Levi als erwachsener Billy ist an sich schon ein großes Vergnügen – zu jederzeit kauft man ihm das sprichwörtliche Kind im Manne ab, während er mit Jack Dylan Grazer den idealen komödiantischen Sidekick verpasst bekam, mit dem er sich die Gags nur so hin und her spielt. Das restliche Ensemble steht dem aber in nichts nach und natürlich muss man auch den Autoren Henry Gayden und Darren Lemke den nötigen Respekt erweisen für das humorige Dauerfeuerwerk.

Und dennoch tat Regisseur David F. Sandberg sehr gut daran, den ganzen Spaß und auch die obligatorische, effektgeladene Action auf ein emotionales Fundament zu stützen. Nie wird aus den Augen verloren, dass Billy seinen Platz in der Welt sucht. Die Szenen mit seiner neuen Pflegefamilie funktionieren dabei ganz gut, wobei Marta Milans und Cooper Andrews als neue Eltern jede Menge Aufrichtigkeit und Wärme ausstrahlen und auch die Interaktionen der Kinder untereinander fühlen sich richtig an. Der sehr wichtige Handlungsstrang über Billys Mutter und ihrer langen Abwesenheit wird aber gefühlt ein wenig zu grob und zu beiläufig abgehandelt.

Dafür, dass dieser Teil der Erzählung ein zentraler Baustein für die Motivation Billys ist, wird ihm in wichtigen Momenten zu wenig Zeit eingeräumt. Trotz des insgesamt sehr leichten Tonfalls des Films, hätte es genau hier etwas mehr Sorgfalt und Emotionalität sein dürfen. Und wo wir schon bei Kritikpunkten sind: Mark Strong ist ein viel zu guter Schauspieler, um nicht allein aufgrund seiner Präsenz zu überzeugen. Dennoch hätten seinem Bösewicht Dr. Thaddeus Sivana ein paar Nuancen mehr in der Figurenzeichnung sicher nicht geschadet.

Die Mäkel sind aber insgesamt betrachtet eher marginal und können nicht den sehr positiven Eindruck von einem Film schmälern, der so unverschämt entwaffnend darauf verzichtet, viel mehr sein zu wollen als er tatsächlich ist und stattdessen vor allem hervorragend unterhält. Bei „Shazam!“ darf man als Zuschauer wieder ganz unbeschwert vom eigenen Superheldentum träumen.

Fazit: Bei „Shazam!“ wird ganz scharf mit Lachsalven geschossen, die selbst den größten Comic-Nörgler treffen werden. Ein Fest!

8/10

 

Bildnachweis: Warner

 

Film-Review: „Wir“

von Jordan Peele

mit Lupita Nyong’o, Elisabeth Moss

Us

In dem US-amerikanischen Comic-Klassiker „Calvin & Hobbes“ erfindet der sechsjährige Calvin eines Tages einen sogenannten Duplikator – ein einfacher Pappkarton, auf den er lediglich die Funktion geschrieben hat, um den Gegenstand arbeitstüchtig zu machen. Prompt klont er sich selbst und herauskommt ein identisches Abbild, das ihm nicht nur optisch ähnelt, sondern auch all seine schlechten Manieren mitbringt. Hobbes, sein in seiner Fantasie lebendiger Plüschtiger, kommentiert trocken, dass es sich wahrlich um eine originalgetreue Kopie von dem Jungen handelt. Und was sagt Calvin? „Was soll das heißen? Der Kerl ist ein totaler Penner!“

Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass sich Jordan Peele für seine zweite Regiearbeit „Wir“ von „Calvin & Hobbes“ inspirieren ließ und die Idee eines Horrorfilms würdig um Blut und Schrecken verschärft hat: Die Familie Wilson verbringt ihren Urlaub im sonnigen Santa Cruz, um mal so richtig abzuschalten. Nach einem Strandausflug mit Freunden will man den Tag im schicken Ferienhaus ausklingen lassen, als plötzlich vier dubiose Fremde in der Einfahrt stehen. Schnell artet die Situation aus und es stellt sich heraus, dass es sich um exakte Doppelgänger der Wilsons handelt – allerdings führen sie etwas ganz Böses im Schilde…

Die wandelnden Spiegelbilder benehmen sich tatsächlich wie „totale Penner“ – prügelnd, schlitzend, schneidend und stechend bahnen sich die finsteren Versionen der Protagonisten ihren Weg und lassen den Puls schneller schlagen, während die Prämisse an sich das Mysterium und die Spannung aufrecht erhält. Schon sehr früh macht das Drehbuch aber klar, dass der Grusel nur ein Aspekt von „Wir“ ist. Jordan Peele war vor seinem gefeierten „Get Out“ vor allem mit Keegan-Michael Key eher in lustigen Gefilden unterwegs und das zeigt sich auch in seinem neuesten Wurf: In „Wir“ darf nämlich genauso oft herzhaft gelacht wie laut aufgeschrien werden. Szenen von hoher, nervenzerrender Intensität halten sich so die Waage mit zum Zeil albernen Slapstickeinlagen und witzigen Sprüchen. Der Humor wirkt aber bisweilen ein wenig erzwungen, wie etwa eine etwas zu sehr als schlaue Nostalgie unter die Nase geriebene Anspielung auf die „Micro Machines“-Spielsachen oder „Kevin – Allein zu Haus“. In den besten Momenten funktioniert der Spaß ganz gut, doch bleibt zumindest ein latentes Gefühl der tonalen Unausgegorenheit: Als Horrorfilm ist „Wir“ natürlich viel zu lustig, als Horrorkomödie ist er aber mitunter zu packend und atmosphärisch dicht. Auch wenn der Mix insgesamt nicht allzu stimmig wirkt, die Elemente an sich, das muss man dem Film lassen, sind jedoch formidabel und damit für sich sehr unterhaltsam und vor allem sehr gekonnt in Szene gesetzt. Die Kameraarbeit ist sehr gelungen, im Finale gibt es zudem eine grandios parallel montierte Sequenz zu bestaunen.

Derweil haben die Schauspieler sichtlich viel Spiellaune mitgebracht, denn dank ihrer Doppelrollen bekommen sie jede Menge Möglichkeiten, ihr Talent voll auszuschöpfen, wobei sich Lupita Nyong’o in der Hauptrolle ganz besonders hervortut. Die Oscarpreisträgerin (für „12 Years a Slave“) geht in die Vollen und kreiert überzeugend zwei Seiten einer Figur und meistert darüber hinaus auch die physischen Aspekte des Drehs. Elisabeth Moss, hier in einer kleinen Nebenrolle, legt wiederum den unheimlichsten weil weichesten Übergang von einem entsetzten Heulen zum psychopathischen Lachgesicht an den Tag, dem man in jüngerer Vergangenheit zuschauen konnte.

Sie alle spielen je zwei Seiten einer Figur und ähnlich wie beim eingangs erwähnten „Calvin“-Comic, wird unter anderem die Frage aufgeworfen, wie man wohl auf sich selbst reagieren würde, wenn auf einmal das eigene Ebenbild vor einem stünde und man plötzlich die Fehler an sich selbst bemerken würde. In „Wir“ ist Peele dabei nicht an subtile Unterschiede in der Charakterisierung interessiert, die Gegenstücke sind nämlich ganz klar als dämonische Versionen überzeichnet. Als Visualisierung und gedankenanregende Auseinandersetzung mit der uns innewohnenden Dualität funktioniert „Wir“ trotzdem ganz prächtig, wobei mit der Zeit mindestens noch eine allgemein gesellschaftskritische Dimension hinzukommt, auf die aber an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll – es soll ja schließlich nicht zu viel verraten werden. Sicher ist aber, dass „Wir“ auf der Ebene der simplen Unterhaltung funktioniert und zusätzlich ordentlich Interpretationsstoff liefert, der nur ganz am Ende von einem etwas längeren Eklärmonolog ein wenig ausgebremst wird.

Fazit: Schmunzeln, schaudern, schlau sein – „Wir“ ist ein Überraschungsei von einem Film, das vielseitige Unterhaltung bietet und sich kleine Schwächen in der Ausbalancierung seiner Elemente leistet.

7/10

 

Bildnachweis: Universal

Film-Review: „Captain Marvel“

von Anna Boden, Ryan Fleck

mit Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law

null

Superhelden und Comicverfilmungen regieren den Kino-Mainstream und ganz vorne dabei mischen die zu Disney gehörenden Marvel Studios mit. Die haben seit „Iron Man“ von 2008 mit dem Marvel Cinematic Universe (MCU) ein beeindruckendes und die Branche dominierendes Imperium aufgebaut, das zumindest aus kommerzieller Sicht keine Spuren von Schwäche zeigt. Auch künstlerisch konnte man sich in der Regel gegen die Konkurrenz behaupten – Marvel-Werke, so scheint der Tenor zu sein, sind einfach die besten Comicverfilmungen, die es gibt. Nun bringt das Studio mit „Captain Marvel“ kurz vor dem Überknaller „Avengers: Endgame“ die Titelheldin in Stellung, damit diese den anderen Kollegen mit Superkräften zur Seite stehen kann. Für Marvel ist dies der erste Film mit einer weiblichen Hauptfigur, die es mit einer außerirdischen Rasse zu tun bekommt, die ihre Gestalt verändern kann. Wie schade, dass die Regiearbeit von Anna Boden und Ryan Fleck nicht auch so ein Alien ist – denn dann könnte sie sich ja in einen wirklich guten Film verwandeln.

Vers (Brie Larson) lebt mit den außerirdischen Kree zusammen, die sich mit den Skrulls im Krieg befinden. Sie selbst verfügt über übernatürliche Fähigkeiten, die sie als Teil einer Spezialeinheit in den Dienst der Kree stellen will. Doch als eine Rettungsmission gehörig aus dem Ruder läuft, findet sich Vers nur wenig später gestrandet auf der Erde wieder. Während sie auf Hilfe wartet, stellt sie eigene Nachforschungen an und muss schon bald feststellen, dass der blaue Planet ihre Heimat ist, an den sie sich aber nicht erinnern kann. Während die Skrulls Jagd auf sie machen, muss sie sich der Frage stellen, wer sie wirklich ist…

Als die Filmemacher James Gunn und Taika Waititi jeweils für „Guardians of the Galaxy“ und „Thor: Tag der Entscheidung“ auf den Marvel-Zug sprangen, wurden sie wenig später dafür gelobt, ihre ganz eigene Handschrift mit eingebracht und dadurch dem MCU neues Leben eingehaucht zu haben. Für das Studio selbst sollte sich deren Engagement gleich doppelt bezahlt machen: Nicht nur sorgten Leute wie Gunn und Waititi für frischen Wind – sie waren auch kostengünstige Optionen, denn schließlich haben sie zuvor eher kleine Indie-Produktionen gemacht. Für „Captain Marvel“ wurden nun Anna Boden und Ryan Fleck angeheuert, die in punkto Blockbuster-Unterhaltung ebenfalls noch recht grün hinter den Ohren waren.

Von einer individuellen, filmischen Vision kann man aber bei ihrem Ausflug in die Comicwelt nicht sprechen, denn stattdessen regiert die inszenatorische Langeweile. Bei „Captain Marvel“ wird all das gemacht, was man schon in jedem anderen MCU-Film zuvor auch gesehen hat, nur weniger aufregend, einfallsloser, schlechter. Strahlen werden verschossen, Raumschiffe explodieren, man haut sich gegenseitig die Köpfe ein – das ist alles solide und mittlerweile doch altbackene Blockbuster-Unterhaltung, nur in einem verhältnismäßig kleinen Rahmen, der deshalb das Versprechen eines großen Spektakels nur bedingt einhält.

Ästhetisch wirkt „Captain Marvel“ allenfalls funktional, die teils verwackelten Kameraschwenks ins Dunkle bei so einigen Actionszenen sind auch 2019 ein Ärgernis. Und wenn im Showdown dann auch noch augenzwinkernd ein Popsong ertönt, dann schwindet nicht nur jedwede Spannung – die gibt es ohnehin nicht, weil die Heldin einfach zu mächtig ist – man fühlt sich auch an Gunn und die „Guardians“ erinnert, wo der pointierte Einsatz von Musik vor einigen Jahren noch zu den vielen herausragenden Merkmalen zählte.

Im Vorfeld wurde stets betont, dass „Captain Marvel“ keine typische Origin-Story erzählen wird. Heißt also: Die klassische Variante, chronologisch zu zeigen, wie die Heldin zu ihren Kräften kommt, kommt hier nicht zum Einsatz. Vers besitzt gleich zu Beginn ihre Fähigkeiten und befindet sich bereits auf der Kree-Welt. Wie diese wirklich funktioniert erfährt man übrigens kaum und man muss sich mit ein paar kurzen Einstellungen von extraterrestrischer Architektur begnügen – Worldbuilding? Fehlanzeige, spielt eh keine Rolle.

Captain Marvel muss jedenfalls ihre Vergangenheit aufgrund ihres Gedächtnisverlustes rückwärts aufrollen, wobei dies nicht ohne die ein oder andere Länge im Plot vonstattengeht und einige erklärende Dialogzeilen, die dem Zuschauer mit der Subtilität eines Presslufthammers vorgetragen werden. Bei der Stange halten einen in diesen Phasen vor allem ein digital verjüngter Samuel L. Jackson als Nick Fury, der seiner bislang als eher ernst wahrgenommenen Figur eine energischere und humorvolle Dimension  verleiht, und ein mit Elan und Witz aufspielender Ben Mendelsohn. Und klar, eine Katze gibt es auch noch, die nicht nur niedlich ist, sondern es auch faustdick hinter den Ohren hat.

Ausgerechnet Brie Larson als Hauptdarstellerin überzeugt nicht: Ein verschmitztes Lächeln zu Beginn hier, ein paar feuchte Augen da und ansonsten sehr viel stoisches Umhergucken. Als Kriegerin mit Amnesie gibt es jede Menge leere Stellen in ihrer Figur, die sie aber nur unzureichend mit Emotionen zu füllen vermag, was zumindest auch dem Drehbuch geschuldet sein dürfte, von dem sie wenig zum Spielen bekommen hat. Jüngst verriet sie bei Jimmy Kimmel live, dass sie quasi lernen musste, cool zu schauen und man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass ihre Performance bemüht wirkt. Ihr Talent als hervorragende dramatische Schauspielerin, wie sie es unter anderem in „Raum“ oder „Schloss aus Glas“ unter Beweis stellte, kommt hier jedenfalls so gut wie gar nicht zur Geltung und schlimmer noch wird eine fehlende, charismatische Strahlkraft deutlich, weshalb Larson leider wie eine Fehlbesetzung wirkt.

„Captain Marvel“ erscheint aufgrund seiner Makel untypisch für Marvel wie ein Schnellschuss, der nur dazu dient, die Titelheldin für den Kampf gegen Thanos in „Avengers: Endgame“ in Stellung zu bringen.

Fazit: „Captain Marvel“ betätigt dank toller Nebenfiguren kurz vor dem Absturz den Schleudersitz und ist ein seltener Schuss in den Ofen von Marvel.

5/10

Film-Review: „Light Of My Life“

Regie: Casey Affleck                                                                                                                                              mit Casey Affleck, Anna Pniowsky, Elisabeth Moss

BBP LOML - MO

Ein Mann und ein Kind liegen in einem Zelt zusammen. Er versucht spontan eine Geschichte zu erzählen und beginnt sie mit einer Füchsin, driftet dann aber immer mehr ab und am Ende geht es um den Freund der Füchsin und die Arche Noah.

Es ist eine lange Sequenz in wenigen Einstellungen, die „Light Of My Life“ eröffnet, dem neuen Film von und mit Casey Affleck, der zusätzlich noch produzierte und das Drehbuch schrieb. Schnell wird etabliert, dass der Mann Vater des Kindes ist, das sich als Mädchen entpuppt und aufgrund der vorherrschenden, postapokalyptischen Umstände als Junge ausgeben muss. Denn eine verheerende Krankheit hat fast die gesamte weibliche Bevölkerung auf der Erde ausgelöscht und übrig sind nur noch ein Haufen Männer, die die Welt noch mehr ins Chaos gestürzt haben und die schon bei der Vorstellung eines weiblichen Geschöpfes zur Bedrohung werden.

Was sie konkret mit den wenigen verbliebenen Frauen machen, wird nur flüchtig angedeutet, aber es klingt mindestens nach Gefangenschaft, vielleicht sogar schlimmer. Viel konkreter wird Afflecks Skript in der Hinsicht nicht mehr, Fragen bleiben unbeantwortet, aber viel mehr ist auch nicht nötig. Die Prämisse an sich ist schon überdeutlich und im Anbetracht aktueller Geschehnisse und Strömungen eine zeitgemäße Variation des Endzeit-Thrillers. Ob wohl Affleck aber mit diesem Film beweisen möchte, dass er definitiv auf der richtigen Seite steht? Sein Werk nimmt ganz klar die Position ein, dass es ohne Frauen nicht geht und dass eine männliche Gesellschaft, so wird nahegelegt, in einen prä-zivilisatorischen Zustand verfällt. Eine simple Botschaft, die heute auf offene Arme stoßen sollte, aber auch von ihm? Schließlich sah sich der Oscarpreisträger (als Bester Hauptdarsteller für „Manchester By The Sea“) in der Vergangenheit Vorwürfen der sexuellen Belästigung ausgesetzt, denen er vehement widersprach, wobei er auch Unterstützung von anderen Frauen, die mit ihm gearbeitet haben, bekam.

Die Angelegenheit wurde außergerichtlich geklärt, wie genau weiß man nicht, aber ohne jeden Zweifel nahm seine öffentliche Persona Schaden. Als Brie Larson ihm den Oscar überreichte, applaudierte sie nicht, ihre Entscheidung „sprach für sich selbst“. Wegen der anhaltenden Kritik sah sich Affleck unter anderem dazu genötigt, auf die darauffolgende Oscarverleihung zu verzichten – dabei überreichen traditionellerweise die Vorjahresgewinner die Trophäen an die neuen.

Im Anbetracht dieser Historie und der Tatsache, dass all dies gefühlt erst gestern geschah, fällt es schwer, „Light Of My Life“ vollkommen losgelöst davon zu betrachten. Bei einer Pressekonferenz in Berlin betonte er, dass seine Regiearbeit „keine direkte Antwort auf #MeToo“ und die Vorwürfe gegen sich selbst sei – dann eben eine indirekte. Der Thriller sei ja definitiv schon davor erdacht worden, aber schon seit 2010 bekam er erste Probleme diesbezüglich. Hilft alles nichts, Casey, dein neuer Wurf wird trotzdem durch dieses spezifische Prisma betrachtet. Der Film mag ein düsteres Zukunftsbild zeichnen, das Statement aber ist durchaus positiv. Frauen, so scheint Affleck durch sein Skript in die Welt hinauszubrüllen, sind das Kostbarste im Leben eines Mannes, auch in der hier dargestellten Vater-Tochter-Konstellation. Eine Sichtweise, die schon im Titel beginnt und sich auch in der Erzählung niederschlägt in vielen lauteren wie leiseren Momenten, in denen der von Affleck gespielte Vater sich auch den Herausforderungen der Erziehung an sich stellen muss. Der Star liefert dabei eine formidable Darbietung ab, sein junger Co-Star Anna Pniowsky ist ebenfalls sehenswert, die Chemie zwischen beiden ist stimmig.

Auch handwerklich überzeugt „Light Of My Life“ auf ganzer Linie: Kameramann Adam Arkapaw („True Detective“, „Macbeth“) findet reichlich atmosphärische Bilder, die den Film visuell veredeln, die Musik ist niemals aufdringlich, sondern stets effektiv. Das Erzähltempo ist gemächlich, der Tonfall über weite Strecken leise, aber zwischendurch und gerade am Ende gibt es Spannungsmomente, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Kombination von einem Erwachsenen und einem Kind in einer unwirtlichen Welt ist aber natürlich eine altbekannte Trope und weckt Erinnerungen an Titel wie „The Road“ oder Videospiele wie „The Last Of Us“. In diesem Aspekt ist der Film durch und durch ein typischer Vertreter seines Genres – aber ein sehr ansehnlicher.

Stellt sich jetzt nur noch die Frage, ob das Publikum genau diese Geschichte mit diesem Thema von genau diesem Filmemacher akzeptieren wird oder nicht. Casey Affleck hat nun künstlerisch einen Schritt auf all jene gemacht, für die seine Vergangenheit eine Rolle spielt und es liegt bei ihnen zu entscheiden, ob sich „Light Of My Life“ als eine Form der Wiedergutmachung eignet und als  (ungewollter?) filmischer Beitrag zu den aktuellen, feministischen Zeiten qualifiziert. Alle anderen erfreuen sich an einem gekonnt durchexerzierten Thriller-Drama.

7/10

 

Bildnachweis: BBP LOML

Film-Review: „Alita: Battle Angel“

Regie: Robert Rodriguez
mit Rosa Salazar, Christoph Waltz, Mahershala Ali, Jennifer Connelly

4307274.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx

Bereits einige Male hat sich die Traumfabrik eines Mangas angenommen, um daraus einen Kinofilm zu produzieren. Doch ob nun beispielsweise „Dragonball Evolution“ oder „Ghost in the Shell“, viele konnten weder die Fans der Vorlagen noch die Kritiker für sich begeistern. Den Kopf in den Sand stecken möchte man aber in Hollywood offenbar noch nicht und deswegen beehrt „Alita: Battle Angel“ die Leinwände. Dafür verantwortlich waren James Cameron und Jon Landau als Produzenten, die gemeinsam mit „Titanic“ und „Avatar“ immerhin die zwei erfolgreichsten Filme aller Zeiten zu verantworten haben. Auf dem Regiestuhl nahm wiederum Robert Rodriguez („Sin City“, „From Dusk Till Dawn“) Platz, der für Cameron übernahm, weil dieser zu sehr mit den „Avatar“-Fortsetzungen beschäftigt ist. Ob ihr gemeinsames Projekt endlich eine gute Mangaverfilmung hervorgebracht hat?

Das 26. Jahrhundert: Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) durchkämmt eine riesige Mülldeponie und stößt dabei zufällig auf den Kopf und den Torso eines Roboter-Mädchens, das er anschließend zusammenflickt und Alita tauft. Nachdem sie aufgewacht ist, fehlt ihr jede Erinnerung an ihr früheres Leben, aber schon bald muss sie auf äußerst unsanfte Art erfahren, dass in ihr in Wahrheit eine wahre Killermaschine steckt. Ihre Fähigkeiten erregen die Aufmerksamkeit von Kopfgeldjägern und Schergen, die sie für sich nutzen wollen…

Man kann nicht über „Alita: Battle Angel“ schreiben, ohne auch auf ihre überdimensional groß wirkenden Augen einzugehen. Der sicher für viele äußerst gewöhnungsbedürftige Look wurde kreiert, um sich vor dem traditionellen Stil der japanischen Comics zu verbeugen. Das mag per se eine löbliche Entscheidung gewesen sein, stellt sich allerdings auch als zweischneidiges Schwert heraus: Denn in Mangas und Animes (japanischen Trickfilmen) kommt es für gewöhnlich zu keinem stilistischen Bruch im Design einer einzigen Figur. Bei „Alita“ hingegen besteht durchaus eine Diskrepanz zwischen den Sehorganen der Titelheldin und dem ansonsten fotorealistisch zum Leben erweckten Rest des Körpers. Anders als zum Beispiel Caesar aus den „Planet der Affen“-Prequelfilmen, wo der Affe einheitlich erscheint, ziehen Alitas Augen stets alle Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich, was mitunter zur Ablenkung gerät.

Man muss zumindest zugutehalten, dass die Hauptfigur und insbesondere ihre Äuglein technisch sehr gut umgesetzt wurden, doch obwohl man während der circa 130 Minuten viel Zeit damit verbringt, tief in sie hineinzuschauen, so verbirgt sich dahinter leider keine zur Genüge ausgearbeitete Figur mit Seele. Großen Anteil an diesem Problem hat die Erzählung, denn es vergeht gefühlt kaum Zeit, ehe der Plot an Fahrt aufnimmt. Schnell werden Konflikte und Gefahren ersichtlich, die fortan den Film und die Figuren bestimmen, dazwischen eingestreute ruhigere Momente wirken nur pflichtschuldig eingebaut und erzeugen aufgrund ihres fehlenden, emotionalen Gewichts nur ein Gefühl von Abgedroschenheit. Kontext und ein Gefühl für Raum und Zeit werden ebenfalls nur sporadisch und eher unzureichend geliefert: Schnell verkommt die futuristische Stadt, in der die Story größtenteils spielt, zur bloßen Kulisse, Hintergründe zu dem Warum und Wie des Status Quo werden spärlich oder gar nicht geliefert.

Alita wird dabei nur geringfügig als die etabliert, die sie für den Rest des Films sein soll: Eine Teenager-Seele mit ganz eigenem Kopf, die nach einem jahrhundertelangem Tiefschlaf in einer ihr völlig neuen Welt erwacht. Doch für jemanden, der weder Orangen noch Schokolade kennt, navigiert sie allzu schnell viel zu souverän durch ihre Umgebung und scheint deshalb noch sehr viel von dieser zu verstehen. Das „Fish out of water“-Prinzip stößt in seiner Glaubwürdigkeit schon früh an seine Grenzen. Klar, sie ist ein Cyborg, in dem extreme Fähigkeiten und sicher auch Instinkte schlummern. Damit wird aber nur die Action legitimiert, ihre Handlungsmotivation wird aber eher verwässert. An einem Punkt heißt es nämlich, dass ihr früheres Leben sie darauf getrimmt hat, Konflikte zu suchen – schließlich ist sie eine wandelnde Kampfmaschine. Zugleich wird sie als impulsiver, leichtsinniger, risikofreudiger Teenie porträtiert. Wenn sie also mit großer Klappe einen Raum voller Kopfgeldjäger herausfordert, fragt man sich aber, ob hier die zum Kampf ausgebildete Kriegerin spricht oder eben doch nur das Kind in ihr. In solchen Momenten wirkt ihr Charakter seltsam unauthentisch, da nicht klar ist, warum genau sie so handelt.

Die übrigen Figuren bleiben ebenfalls blass: Die Oscarpreisträger Mahershala Ali und Jennifer Connelly agieren hölzern, haben allerdings auch nichts zum Spielen vom Drehbuch in die Hand bekommen und auch Keean Johnson als Alitas Love Interest Hugo bleibt vollkommen glatt und uninteressant. Aus dem Ensemble tut sich da noch am ehesten Christoph Waltz positiv hervor, der ausnahmsweise mal eine, gemessen an seinen sehr exzentrischen Rollen wie in „Django Unchained“ oder „Big Eyes“, zurückgenommene und sympathische Darbietung abliefert. Doch auch er kann diesen Film nicht retten, der auch in punkto Action nichts zeigt, was man nicht schon vorher oft genug so ähnlich gesehen hat: Lupenreine, klinisch sterile CGI-Prügeleien, die nur noch von den schwindelerregenden futuristischen Ballsportmatches unterboten werden. Als Sahnehäubchen gibt es noch ein Ende, das viele Fragen unbeantwortet lässt und mit seiner Hybris verärgert – mehr sei jetzt nicht weiter verraten.

Fazit: Wäre doch „Alita: Battle Angel“ auf dem Schrottplatz geblieben.

4/10

Film-Review: „Mid90s“

Regie: Jonah Hill
mit Katherine Waterston, Lucas Hedges, Sunny Suljic

bild

Als Rezensent oder Kritiker eines Films sollte man es doch gemeinhin besser wissen und das zu besprechende Werk möglichst mit einem von Fachwissen geprägten Abstand betrachten, um ihm gerecht zu werden. Emotionen, die man beim Schauen gespürt hat, wollen anschließend in Worte gefasst und genauestens reflektiert werden und extrem banal ausgedrückt wollen Empfinden und Urteil ausführlich formuliert werden. Doch am Ende des Tages haut auch nur ein Mensch in die Tasten und manchmal wird man dann von Gefühlen regelrecht überwältigt, dass die kritische Distanz den Hut nehmen muss. Bei „Mid90s“, dem Spielfilm-Regiedebüt von Schauspielstar Jonah Hill, wird es extrem nostalgisch, womit er durchaus in Zeiten von allgemeiner Retro-Begeisterung, die 80er zitierende Serien wie „Stranger Things“ oder 90er-Jahre-Partys den (Hipster-) Nerv voll treffen wird.

Die 90er: Der 13-jährige Stevie (Sunny Suljic) wächst mit seiner alleinerziehenden Mutter (Katherine Waterston) und seinem Bruder (Lucas Hedges) auf. Es ist die goldene Ära im HipHop, die Hosen werden Baggy und damit tief und weit getragen und die Jugend rollt auf Skateboards durch die Gegend, auf alle Regeln pfeifend, während sie ihre ganz eigenen aufstellt. Stevie möchte dazugehören und auch mit den coolen Kids herumhängen. Langsam freundet er sich mit einer Gruppe Jungs an. Erst bekommt er einen Spitznamen verpasst, dann folgt das erste richtig gute Rollbrett – und ab dafür. Für Stevie eröffnet sich eine neue Welt der Anerkennung und der ersten sexuellen Erfahrungen. Aber als Heranwachsender sind die Grenzen noch nicht klar definiert und Stevie wird sie früher ausloten müssen, als ihm lieb ist…

Von der allerersten Sekunde an wird klar, dass „Mid90s“ sich nicht einfach nur damit begnügt, die 90er anhand zahlreicher Referenzen wieder aufleben zu lassen. Das Bildformat ist 4:3, gedreht wurde ausschließlich auf 16mm und selbst der Ton klingt mehr nach guten altem Stereo als nach modernstem Dolby Atmos. Alleine technisch wirkt der Film deshalb mehr wie eine wieder entdeckte Privataufnahme, die Jahre im Keller oder auf dem Dachboden vor sich hinschlummerte, als wie eine professionelle Filmproduktion. Natürlich fehlen aber auch alle notwendigen Memorabilia nicht, um die dargestellte Zeit definitiv als die 90er zu etablieren: Gleich zu Beginn betritt Stevie das Zimmer von Bruder Ian, an den Wänden hängen zahlreiche Poster von Rap-Acts aus der Zeit wie dem Wu-Tang Clan oder Mobb Deep, in den Regalen sind die klassischen Alben in CDs aufgereiht. In anderen Szenen wird wahlweise auf dem Super Nintendo oder der uralten Sony Playstation gezockt, der Kleidungsstil und die Marken passen zur Dekade.

Man muss aber dazu erwähnen: Das sind die „coolen“ 90er, die, die man damals erlebte, wenn man die entsprechenden Interessen hatte und den dazugehörigen Geschmack in punkto Musik, Mode, Lifestyle. Von den Backstreet Boys und den Spice Girls fehlt jede Spur, auch Techno erklingt nirgendwo und erst recht nicht „Barbie Girl“ – stattdessen ganz programmatisch „93 til Infinity“ von den Souls of Mischief oder „Liquid Swords“ von GZA/Genius zu Ollies, Kickflips oder Crooked Grinds. Wer also schon damals nicht dazu gehörte, wird „Mid90s“ möglicherweise „nur“ als akkurates Abbild von damals gepaart mit einer Coming-of-Age-Geschichte wahrnehmen. Und das wäre ja an sich auch schon vollkommen ausreichend.

Aber wer diese Zeit aktiv durchlebt hat und sich auch mit der dargestellten, zugegebenermaßen recht spezifischen Szene identifizieren kann, muss sich beim Kauf eines Kinotickets auf etwas gefasst machen: Der Look und die Sounds packen einen gleich zu Beginn fest an den Schultern und zerren den Zuschauer in diese Zeitkapsel, aus der es für die folgenden 85 Minuten kein Entrinnen gibt – Nostalgie ist eben ein wirklich mächtiges Gefühl.

Die oberflächlichen Flashbacks sind aber nur die halbe Miete, denn trotz alledem muss eine Geschichte erzählt werden. Diese mag eigentlich nicht besonders herausragend anmuten, aber Hill tat gut daran, diese mit Blick auf seinen jungen Protagonisten einfühlsam und nuanciert voranzutreiben. Und hier setzt die nächste, weitaus stärkere Nostalgiestufe ein – zumindest für den Autor dieser Zeilen: Seine wahre Wirkung entfaltet „Mid90s“ nämlich nicht im bloßen Wiedersehen und Wiedererkennen, sondern vor allem im Wiedererleben.

Die Schüchternheit, mit der Stevie an die coolen Jugendlichen herantritt und die leise Hoffnung, von ihnen bemerkt, akzeptiert und aufgenommen zu werden, das spürbare High, wenn man sich seine Sporen so langsam verdient, auch die Prügeleien mit dem älteren Bruder, der Leichtsinn, der zutage tritt, wenn man sich und anderen etwas beweisen will – Hill erzählt von einem Leben, das auch andere genauso in jungen Jahren gelebt haben dürften. Es geht nicht einzig nur darum, Vergangenes authentisch zu zeigen, das alleine reicht nicht. Aber die Kombination der Retro-Darstellung mit einem innig spürbaren Gefühl für die eigenen prägenden Jahre sorgt für emotionale Vertrautheit, als wäre man nach all den Jahren des Erwachsenseins wieder zurück zu seinen Wurzeln heimgekehrt. Das macht „Mid90s“ besser als vergleichbare Werke in Film und Fernsehen: Hills Film zitiert sich nicht einfach durch eine Dekade, er fühlt sich wirklich wie ein Artefakt dieser Zeit an.

Da kann man dann auch verschmerzen, dass inbesondere Katherine Waterston und Lucas Hedges als Nebenfiguren ultimativ verschenkt und unterentwickelt bleiben. In ihren Szenen überzeugen sie, aber es sind nicht sehr viele und ihre Konflikte mit dem von Sunny Suljic gespielten Stevie werden gar nicht weiter aufgelöst. Hier war durchaus Potenzial, aber andererseits macht Hill nie einen Hehl daraus, dass die Geschichte fast ausschließlich aus den Augen von dem kleinen Hauptprotagonisten erzählt wird – und dem sind nun einmal seine Freunde und Skatboarding gerade sehr viel wichtiger als seine eigene Familie.

Fazit: „Mid90s“ ist eine nicht nur kosmetisch, sondern auch emotional authentische Reise zurück in eine ganz besondere Zeit.

8/10

 

Bildnachweis: MFA

Film-Review: „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“

Regie: Dean DeBlois

drachen

Der dritte Teil einer Trilogie, so die weit verbreitete Annahme, ist immer der schwächste. In der Tat gibt es zur Genüge Fimreihen, auf die das tatsächlich zutreffen mag, doch ebenso hat die Geschichte auch zahlreiche Gegenbeispiele hervorgebracht: „Der Herr der Ringe“ dürfte da als modernes Vorzeigeexemplar gelten, die „Planet der Affen“-Prequelfilme wurden ebenfalls hochgelobt und auch im Animationsfilmsektor galt lange Zeit „Toy Story 3“ als der krönende Abschluss eines wegweisenden Franchises in diesem Bereich – bis „Toy Story 4“ angekündigt wurde. Kommerziell durchaus erfolgreich, wenn auch im Vergleich zur Konkurrenz von Disney, Pixar oder den „Minion“-Machern sträflich unterschätzt, sind die „Drachenzähmen leicht gemacht“-Filme. Zwei Kinofilme umfasste bislang die Marke und nun wird auch sie mit „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“ zu einer Trilogie abgeschlossen. Die hohen Erwartungen werden dabei gänzlich erfüllt – das dritte Abenteuer von Hicks und Ohnezahn bildet den perfekten Abschluss einer Reise, die vor neun Jahren ihren Anfang nahm.

Einige Zeit ist schon ins Land gezogen, seitdem Hicks zum neuen Oberhaupt von Berk gekürt wurde. Seitdem hat er unermüdlich daran gearbeitet, noch mehr Drachen zu sich zu holen, damit diese mit den Menschen friedlich zusammenleben können. Dass seine Heimat aus allen Nähten zu platzen und im Chaos zu versinken droht, ist da nur ein kleiner Teil der vielen Probleme. Für ihn und Astrid könnte schon bald der nächste Schritt in ihrer Beziehung bevorstehen und auch Ohnezahn erlebt zum ersten Mal so etwas wie Frühlingsgefühle. Zu allem Überfluss jedoch taucht mit Grimmel eine neue Bedrohung auf, denn der hat alle Nachtschatten auf dem Gewissen und ist darauf erpicht, sein tödliches Werk mit Ohnezahn zu vollenden…

Man mag es kaum glauben, wie viel mehr neue Rechenpower die verschiedenen Studios Jahr für Jahr für ihre computeranimierten Filme aus dem Hut zaubern, aber auch bei „Drachenzähmen 3“ wurde technisch noch einmal ein ganzer Brocken im Vergleich zum Vorgänger draufgelegt. Die Fülle an Details ist geradezu überbordend und in vielen Szenen sind so viele große wie kleine Elemente innerhalb des Frames vorhanden und in Bewegung, dass man manchmal überall gleichzeitig hinschauen möchte. Bei Projekten dieser Größenordnung und mit Produktionsbudgets jenseits der 100 Millionen ist das nichtsdestotrotz zu erwarten.

Aber kann die technische Versiertheit letztendlich auch gewinnbringend eingesetzt werden? Oh ja, durchaus. Besonders profitieren dabei die Figuren selbst, denn ihre mimische Ausdrucksfähigkeit scheint weiter verbessert worden zu sein, wodurch subtilere, wortlose Gesten und Nuancen in der Mimik sichtbar zum Vorschein gebracht werden können, was letztendlich auch der Erzählung und der Vertiefung der Figuren nur zugutekommt. Inszenatorisch lassen sich Regisseur Dean DeBlois und sein Team auch nicht lumpen und dafür konnten sie zum dritten Mal auf das Talent von Oscarpreisträger Roger Deakins als visueller Berater bauen. So familienfreundlich alles auf den ersten Blick aussehen mag, die Farbpalette wirkt niemals zu bunt und knallig, sondern der Zeit und Thematik angepasst und die fein gestalteten und gerahmten Bilder werden oft genug in stimmiges Licht eingetaucht, so dass der dritte „Drachenzähmen“-Film schlichtweg eine ganze Spur edler und geschmackvoller aussieht als der Großteil der Konkurrenz. Als Sahnehäubchen gibt es zu Anfang noch eine längere Einstellung, in der ohne Schnitt die Action abgeht!

Doch was die Reihe schon immer von anderen abhob, und was hiermit nur weiter zementiert wird, ist die emotionale Tiefe. Ja sicher, es gibt auch jede Menge größere wie kleinere lustige Momente, doch niemals driftet das Geschehen in puren Klamauk oder in Hysterie ab. Und auch die Anbiederung an die Popkultur mittels Meta-Humor und Referenzen oder bissige Kommentare zum Zeitgeist allgemein, wie man sie immer öfter bei anderen Animationsfilmen sieht, finden erfrischenderweise nie statt. Dadurch mögen die einzelnen Teile inhaltlich zunächst nicht sehr innovativ und vielmehr traditionell erscheinen, aber das wird durch behutsam und geduldig aufgebaute Beziehungen mehr als wieder wettgemacht – so auch in „Die geheime Welt“.

Konsequent werden Hicks, Ohnezahn und die anderen weiterentwickelt, wodurch sich neue, persönliche Herausforderungen ergeben, deren Bewältigung in vielen leisen und rührenden Momenten verhandelt werden. Dass man mittlerweile beim dritten Film angelangt ist, zahlt sich jetzt auch in der Hinsicht vollends aus: Als Zuschauer hat man diese Reise mit den Figuren begonnen, sie ins Herz geschlossen, und wenn sich nun das Ende abzeichnet, kommt man nicht drumherum, beinahe während der gesamten Laufzeit einen dicken Kloß im Hals zu verspüren. Taschentücher sollten vorsichtshalber definitiv beim Kinobesuch griffbereit sein!

Der Weg zum krönenden Abschluss, bei dem sicher alle Dämme brechen werden, ist erzählerisch jedoch ein klein wenig holprig geraten. Ruhige wie romantische Szenen und Sequenzen bekommen alle Zeit der Welt, um ihre visuelle Schönheit und emotionale Wirkung voll zu entfalten und funktionieren dahingehend einfach perfekt – und das ist ganz klar das Wichtigste. Trotzdem muss nebenher auch ein Plot vorangetrieben werden, in dessen Zentrum wieder einmal ein Bösewicht steht. Der ist das mit Abstand schwächste Element im Film, denn seine Motivation wird nie klar herausgearbeitet und leider fehlt ihm auch das nötige, sinistere Charisma, um ihn wirklich im Gedächtnis zu behalten.

Grimmel ist jedoch leider extrem austauschbar und blass und wirkt nur wie ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte in Gang zu halten. Dessen Auseinandersetzungen mit den Drachenreitern wirken dramaturgisch manchmal ein wenig beliebig und der große Showdown, so toll er auch inszeniert sein mag, fühlt sich ein wenig zu gehetzt an, als wolle man das schnell abhaken. Der richtige Rhythmus kommt dem Werk da ein wenig abhanden.

Das ist allerdings direkt im Anschluss sofort wieder vergessen, wenn sich der Kreis zum ersten Teil schließt und Fans dann endgültig von ihren geliebten Figuren Abschied nehmen müssen. Was bleibt ist die Erinnerung an eine der besten Filmtrilogien der letzten zehn Jahre und sicher die beste Hollywood-Animationsfilmreihe seit „Toy Story“.

Fazit: „Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt“ ist ein würdiger, hochemotionaler und äußerst zufriedenstellender Abschluss, bei dem kein Auge trocken bleibt.

8/10

Die besten Filme 2018

Seien wir doch mal ganz ehrlich, Leute: Sobald eine Liste mit einer solchen Überschrift im Netz auftaucht, scrollen doch die meisten eh direkt zu den Zwischenüberschriften und der Auflistung der Lieblingsfilme des jeweiligen Autors, um sich Inspiration zu holen oder um dessen Meinung mit der eigenen abzugleichen. Und schreibt man denn nicht eh jedes Jahr essenziell immer wieder das Gleiche? „Das Kinojahr xyz war so und so gut.“ Na gut, ein wenig eloquenter geht es bei meinen geschätzten Freunden und Kollegen sicher zu – aber ich oute mich mal eben als zu faul, um das große Ganze adäquat in eigene Worte zu fassen. Hervorgehoben seien lediglich wie immer die Berlinale, die mich wieder einmal äußerst verzückte und das Filmfest Hamburg, dem ich dieses Jahr erstmals beiwohnen durfte und das mir die Gelegenheit bot, „Roma“ auf der großen Leinwand zu sehen und Jamie Lee Curtis live im Saal zu erleben.

Und überhaupt: Mein Umzug nach Hamburg tat meiner Kinofrequenz kaum einen Abbruch und am Ende stehen satte 196 Besuche auf dem Konto – mögen es 2019 mehr werden! Aber nun genug geschwafelt, hier sind meine besten Filme 2018!

Honorable Mentions:

Ich möchte mich zwar auf eine Top 10 beschränken, aber nichtsdestotrotz auch einer Reihe Filmen meine Aufmerksamkeit schenken, die ich trotzdem für absolut sehenswert halte.

Der „The Eyes Of My Mother“-Gedächtnispreis für schwarz-weiße-Kinomagie

2017 habe ich die kleine, schwarz-weiße Horrorperle „The Eyes Of My Mother“ zu meinen persönlichen Liebling des Jahres gekürt und da auch das Kinojahr 2018 eine Handvoll sehr sehenswerte Beiträge mit nur zwei Farben hervorgebracht hat, seien diese nachfolgend extra in beliebiger Reihenfolge erwähnt:

november-drop-out cinema„November“ (Bildnachweis: Drop-out Cinema)

„Der Hauptmann“
„Roma“
„November“
„Minatomachi“
„Leto“

Festival-Entdeckungen

Hier soll es in erster Linie um Werke gehen, die ich dieses Jahr auf Filmfesten entdeckt habe und die noch nicht regulär in deutschen Kinos herausgebracht wurden. Darunter sind Filme, die es unter anderen Umständen definitiv weit oben in die Bestenliste geschafft hätten und welche, die es 2019 noch schaffen können!

Der Einfachheit halber werden die englischen, internationalen Titel verwendet.

mirai.-studio chizu„Mirai“ (Bildnachweis: Studio Chizu)

Berlinale
„What Walaa Wants“
„Tower. A Bright Day.“
„Generation Wealth“ (Kinostart: 31.1.2019)
„The Best Thing You Can Do With Your Life“
„Fake Tattoos“
„Les Rois Mongols“

Fantasy Filmfest
„The Dark“

Filmfest Hamburg
„Mirai“
„The Favourite“ (Kinostart: 24.1.2019)
„Wildlife“ (Kinostart: 11.4.2019)

Sonstige

„Paddington 2“, „Die Verlegerin“, „Die dunkelste Stunde“, „Zentralflughafen THF“, „I, Tonya“, „A Quiet Place“, „The Death Of Stalin“, „Hereditary“, „Transit“, „Lady Bird“, „The Rider“, „Die Unglaublichen 2“, „BlacKKKlansman“, „Ava“, „Searching“, „Girl“, „Mandy“, „Suspiria“, „Bumblebee“, „Spider-Man: A New Universe“, „The Breadwinner“, „Annihilation“

10 – The Night Comes For Us

the night comes for us - netflix(Bildnachweis: Netflix)

Los geht’s mit einer Netflix-Perle für wirklich Hartgesottene: „The Night Comes For Us“ bringt die „The Raid“-Stars Iko Uwais und Joe Taslim wieder zusammen und gemeinsam definieren sie Filmgewalt völlig neu. Grandiose Kampfkunst trifft auf ungebrochene, ultrabrutale Intensität, die den Verstand völlig überfordert – angesichts der andauernden Durchlöcherungen, Verstümmelungen und sonstigen Misshandlungen des menschlichen Körpers, wusste mein Hirn nicht anders darauf zu reagieren als mit psychopathischem Gekicher und Gelächter.

9 – It Comes At Night

Imágenes "Llega de noche"(Bildnachweis: Diamond Films)

Ein Film muss sich nicht selbst erklären, um wirklich faszinierend zu sein, auch wenn dieser Umstand viele frustrieren kann. „It Comes At Night“ ist ein gutes Beispiel dafür, konnte ich doch vielerorts vernehmen, dass der Horrorfilm deswegen nicht gut ankam, weil er zu viele Fragen offen lässt. Aber manchmal geht es eben nicht um das Offensichtliche „It“ im Titel, sondern vielmehr um das, was es mit den Protagonisten macht. So macht hier kein mysteriöses Monster Jagd auf seine Opfer – jedenfalls keines, das man sehen könnte . Stattdessen dominiert eine vollkommen beklemmende, rätselhafte Stimmung der permanenten Bedrohung, die sich über das kleine und erlesene Ensemble und auch auf den Zuschauer legt. Kammerspielartiger Grusel in äußerst atmosphärischen Bildern, der einen deshalb so beunruhigt, weil man nicht weiß, woher die Gänsehaut genau kommt.

8 – Utøya 22. Juli

utoya - weltkino(Bildnachweis: Weltkino Filmverleih)

Der Terroranschlag vom 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya, dem zahlreiche junge Menschen zum Opfer fielen – ungeschnitten, in einer einzigen, langen Einstellung gefilmt. Ein schockierendes Kinoerlebnis, das 2018 seinesgleichen suchte und Kritiker überall zutiefst spaltete. Muss das denn sein, darf man das überhaupt? Meine Antwort: Ja, unbedingt. „Utøya 22. Juli“ ist ein heftiger Schlag in die Magengrube, der die Erinnerungen an das schreckliche Ereignis kraftvoll ins eigene Bewusstsein zurückholt.

7 – The Florida Project

florida project- prokino(Bildnachweis: Prokino)

Die kleine Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Freunde sind, zu meiner eigenen Überraschung, keine nervigen Quälgeister, sondern in ihrer ungebändigten kindlichen Naivität, Fröhlichkeit, Frechheit und Fantasie ungemein ansteckend. Doch so sehr ihre Abenteuer für Heiterkeit sorgen und die Farben knallbunt erscheinen mögen, so wirkt doch zu keiner Sekunde der Blick auf die sozial Schwächeren in den USA und deren alltäglichen Probleme romantisierend oder gar verfälscht. Regisseur Sean Baker hat ein authentisches Porträt vom Leben am unteren Ende der Gesellschaft auf die Leinwand gehievt, mit tollen Darstellern, von denen aber der grandiose Willem Dafoe ganz besonders hervorsticht.

6 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

three billboards - fox(Bildnachweis: Fox)

Womöglich das Meisterstück von Filmemacher Martin McDonagh, der sich schon zuvor mit „7 Psychos“ und ganz besonders „Brügge sehen…und sterben?“ zu einem der besten der Branche gemausert hat, wenn es um pechschwarzen Humor und zutiefst fehlerbehaftete Figuren mit dem Herz am rechten Fleck geht. Sein Ensemble um die famose Frances McDormand läuft zu absoluten Höchstleistungen auf und selten wurden Witz und Tragik so perfekt miteinander verwoben wie hier.

5 – Thelma

thelma - le pacte(Bildnachweis: Le Pacte)

Ein edel bebildertes, atmosphärisches Coming-of-Age-Rätsel aus dem Norden, das von einem Mädchen mit übernatürlichen Fähigkeiten erzählt, sich an Teeniefilm- wie an Thriller- und Horrorelementen bedient und auch christlich-religiöse Lesarten zulässt. Ein spannender Mix, der beweist, wie das europäische Arthouse-Kino mit Superkräften umgehen kann – intim, symbolbehaftet, aber nicht weniger aufregend als die Materialschlachten, die sonst die Leinwände zum Beben bringen. Die anschließende, angeregte Diskussion mit meinem damaligen FILMSTARTS-Kollegen Tobias Mayer rundeten den Kinobesuch für mich ab.

4 – Vollblüter

THOROUGHBREDS(Bildnachweis: Focus Features)

Eine wirklich coole Sau von einem Film! Mit Anya Taylor-Joy und Olivia Cooke spielen zwei der derzeit spannendsten Jungdarstellerinnen Hollywoods die Hauptrollen in diesem fiesen, kleinen Teenie-Thriller voll schicker, langer Einstellungen und scharfen Dialogen, der nicht mit dunklem Humor geizt und eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass es manchmal weitaus grausamer ist, die Gewalt der Fantasie des Zuschauers zu überlassen, als diese wirklich zu zeigen. Hat das Zeug zum Kult!

3 – Climax

4779191.jpg-r_1920_1080-f_jpg-q_x-xxyxx(Bildnachweis: Wild Bunch)

Gaspar Noé ist zurück und wie: Nachdem er sich mit seinem spärlichen Kino-Output zu einem der ganz großen Provokateure und Grenzüberschreiter des Kinos etabliert hat, durfte man gespannt sein, was für einen Wahnsinn er sich denn dieses Mal ausgedacht hat. „Climax“ ist dabei sein wohl bislang zugänglichstes Werk geworden, in dem die wummernden Technobässe die Tonspur dominieren und die im Mittelpunkt stehende Tanzgruppe einen ununterbrochenen Flirt der kinetischen Energie mit der zunehmend entfesselten Kamera von Noés Stammkameramann Benoît Debie eingeht. Trotzdem enttäuscht der Film nicht als typisches Werk im Schaffen des Regisseurs, denn der Abstieg in den menschlichen Wahnsinn wartet gleich im nächsten Taktschlag – aber selten war er so ekstatisch und sexy wie hier.

2 – Feinde-Hostiles

feinde - metropolitan filmexport(Bildnachweis: Metropolitan Filmexport)

Kann man eigentlich im Western den immer gleichen Pferden, Landschaften und revolverschwingenden Cowboys noch irgendetwas Bedeutsames abgewinnen? Ja, kann man und „Feinde – Hostiles“ von Scott Cooper hat das im Kinojahr 2018 eindrucksvoll bewiesen. Denn unter der angestaubten Oberfläche brodelt ein tiefschürfendes, universelles Drama über ein Leben mit Gewalt und die Folgen daraus und über gegenseitigen Respekt jenseits von Gut und Böse, Freund oder Feind. Ein ruhig erzähltes und doch äußerst grimmiges Erlebnis, getragen von famosen Darbietungen unter anderem von Christian Bale und Rosamund Pike, in dem die Figuren das Wilde im Westen in sich selbst finden und neu ausloten müssen.

1 – In den Gängen

in den gängen - sommerhaus filmproduktion(Bildnachweis: Sommerhaus Filmproduktionen)

Es gäbe mit Sicherheit schönere und interessantere Schauplätze für einen Film als öde Gänge im Großmarkt, in denen sich die Waren nur so stapeln. Doch Regisseur Thomas Stuber entpuppt sich als echter Kinomagier, der zum Leben erweckt, was zum Leblosesten im tristen Alltag der Menschen gehört. So beschallt schöne Musik die gleichmäßig verteilten Regalreihen und fahren Gabelstapler elegant und wie in einer Choreographie durch die Flure. Und im Herzen dieses Treibens sind Menschen – ganz gewöhnliche Arbeiter mit großen und kleinen Sorgen im Leben, erfüllt von lakonischstem Humor und immenser Traurigkeit, auf die der poetische Kamerablick mit Zärtlichkeit und Mitgefühl fällt, während sie ihren immer gleichen Routinen nachgehen. Und während wir Essen und Getränke suchen, finden sie „In den Gängen“ Rat, Freundschaft – und Liebe.