Film-Review „Aquaman“

Regie: James Wan

mit Jason Momoa, Amber Heard, Patrick Wilson, Willem Dafoe, Dolph Lundgren

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Seit den ersten „X-Men“-und „Spider-Man“-Filmen und spätestens mit der Entstehung des MCU sind Comicverfilmungen eine der treibenden Kräfte des Kino-Mainstreams unserer Zeit. Nachdem Marvel in der Hinsicht schon mächtig vorgelegt hatte und, so viel ist gegenwärtig sicher, noch immer die Nase vorn hat, stieg auch Konkurrent DC in Zusammenarbeit mit Warner ins Rennen um die Gunst des Publikums ein. Doch ob „Justice League“ oder „Suicide Squad“, im direkten Kräftemessen musste man sich stets gegenüber den „Avengers“ oder zum Beispiel „Thor“ geschlagen geben – kommerziell wie künstlerisch. Einzige Ausnahme bildete bislang „Wonder Woman“ von 2017: Der Film von Patty Jenkins machte nicht nur ordentlich Kasse, sondern wurde auch von den Kritikern sehr gut angenommen. Nun schickt sich mit „Aquaman“ der nächste Superheld aus dem eigenen DC-Portfolio dazu an, die große Leinwand zu erobern und man kann mit Freuden sagen, dass das DCEU genannte Universum um Batman, Superman und Co. jetzt um einen weiteren Knaller reicher geworden ist.

 

Darum geht es

Arthur (Jason Momoa) ist der Sohn eines Menschen und der Königin von Atlantis (Nicole Kidman) und hatte sein Leben lang keine Ahnung von seiner wahren Bestimming gehabt. Doch als sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) einen Krieg gegen die sogenannte Oberwelt plant, wird Arthur gezwungen, sich seinem Schicksal zu stellen. Gemeinsam mit Mera (Amber Heard) begibt er sich auf die Suche nach dem legendären Dreizack des ersten atlantischen Königs, mit dem er den Anspruch auf den Thron geltend machen kann. Doch die Reise ist voller Tücken und die Schergen Orms sind ihm auf den Fersen…

 

Ein echter Hingucker

Angeblich betrug das Produktionsbudget von „Aquaman“ stolze 200 Millionen US-Dollar und man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass man wirklich jeden einzelnen Cent davon auf der Leinwand sieht: Visuell ist der Film von James Wan einfach atemberaubend! Die Effekte sind bei einem Film dieser Größenordnung erwartungsgemäß perfekt, aber es ist nicht allein ihre technische Umsetzung, sondern was sie damit zum Leben erwecken, weshalb die Kinnlade regelmäßig auf den Boden kracht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um detailliert und äußerst fantasievoll gestaltete Unterwasserwelten handelt oder um besonders furchteinflößende Monster, in denen sich die ganze Horrorerfahrung Wans niederschlägt (er ist immerhin das „Conjuring“-Genie) – was er und seine Mitarbeiter an kreativen Geschützen auffahren, gehört optisch zum beeindruckendsten, was man im Jahr 2018 im Kino projiziert bekam.

 

Bekannte Einflüsse

Die Fülle an Details und Einfällen ist dabei bei einem einzigen Durchlauf kaum in ihrer Gänze zu erfassen und durch die Breite der Erzählung kommt man auch in den Genuss verschiedenster Settings, die durchaus Erinnerungen an unter anderem „Avatar“, „Der Herr der Ringe“ oder „Blade Runner“ wecken und in einer längeren Sequenz wandeln die Protagonisten auf den Spuren von „Indiana Jones“. In der Tat mögen sich das Skript und dessen Umsetzung an verschiedenen Werken bedienen, doch daraus wird nie ein Hehl gemacht. Gekonnt werden diese miteinander zu einer abenteuerlichen und oft auch augenzwinkernden Geschichte verwoben, an deren Ende auch noch ein Schlachtengetümmel wartet, dass selbst den „Infinity War“ wie eine Keilerei unter Kindern aussehen lässt.

 

Blockbuster-Kitsch

 Bisweilen wird es aber eine Spur zu weit getrieben: In einzelnen Momenten gerät die Inszenierung ein wenig zu selbstentlarvend und scheint dadurch eine Meta-Ebene durchblicken zu lassen, die den Eindruck vermittelt, dass dies alles doch eigentlich ziemlich großer Blödsinn ist, der unbedingt ironisch gebrochen werden muss. Dadurch droht der Film manchmal sich selbst als Blockbuster zu unterwandern, was er aber eigentlich nicht nötig hat. Die DC-Verfilmung ist jedenfalls so knallbunt, actionreich und damit unterhaltsam geworden, dass man gut daran getan hätte, sie auch als solche sein zu lassen. In anderen Szenen wiederum werden Klischees regelrecht mit Anlauf und mit Leidenschaft in die Arme geschlossen und ohne Rücksicht auf die Zuschauer zelebriert .„Aquaman“ ist wahrlich ein Mainstreamprodukt, wie es im Buche steht, mitunter unfreiwillig albern, aber die meiste Zeit über aufrichtig in seinem unbedingten Willen zum Spektakel und damit in seiner Künstlichkeit sehr authentisch.

 Die starke Besetzung steht dem in nichts nach. Angeführt wird das Ensemble natürlich von Jason Momoa als Titelheld, der allzu schnell nicht zu einem Edelmimen wird, sondern ähnlich wie Dwayne Johnson neben seiner imposanten physischen Statur mit Charme und Charisma punktet und seinen „Aquaman“ zu einer ziemlich coolen Socke macht. Neben ihm spielt sich vor allem ein vollkommen losgelöster Patrick Wilson als Antagonist in den Vordergrund, der sichtlich mit Spaß und Energie bei der Sache war und seinem Orm inbrünstigen Zorn verleiht. Doch auch die pure routinierte Präsenz von Veteranen wie Willem Dafoe, Dolph Lundgren oder Nicole Kidman wertet den Film selbst in den Nebenrollen noch auf.

Fazit: „Aquaman“ kann bisweilen ziemlich albern wirken, aber wer sich daran nicht stört, wird mit wild wuchernder Fantasie und einer besonders visuell überwältigenden Kinoerfahrung belohnt, die 2018 ihresgleichen sucht. Zieh dich ganz warm an, Marvel!

8/10

 

Bildnachweis: Warner

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Film-Kritik: „Bumblebee“

Regie: Travis Knight
Mit Hailee Steinfeld, John Cena

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Seit den 80er-Jahren erfreuen die „Transformers“ Jung und Alt und das mittlerweile auf verschiedene Weise: Zunächst als Spielzeugmarke etabliert, folgten recht schnell Comics, Trickfilmserien, Videospiele und seit 2007 beehren sie sogar in regelmäßigen Abständen die Kinoleinwände dieser Welt. Bislang war vor allem Krawall-Spezialist Michael Bay dafür als Regisseur verantwortlich, doch nachdem mit „Transformers: The Last Knight“ der letzte Teil hinter den Erwartungen zurückblieb, war endlich die Zeit für etwas Neues gekommen. Mit „Bumblebee“ kommt nun das erste Spin-off in die Kinos, in dem der titelgebende Autobot in den Mittelpunkt gestellt wird. Ob sich das wohl lohnt? So viel sei verraten – ja!

Ein kleines Küstenstädtchen in Kalifornien, 1987: Charlie (Hailee Steinfeld) ist eine Außenseiterin, die am liebsten an Autos herumschraubt und in der örtlichen Werkstatt herumstöbert. Zu ihrem 18. Geburtstag hätte sie liebend gerne ein eigenes Auto, doch das bekommt sie zunächst nicht. Also muss sie sich eben selbst drum kümmern! Als sie eines Tages einen gelben VW-Käfer sieht, ist es Liebe auf den ersten Blick und Charlie holt sich den Wagen in die eigene Garage. Sie ahnt ja nicht, dass sich ihr neues Gefährt in Wahrheit als getarnter Roboter aus dem All entpuppen soll, der ihr Leben für immer verändern wird…

Bislang galten die „Transformers“-Filme als Paradebeispiele für tumbeste Blockbuster aus der Traumfabrik: Pervers hohe Produktionskosten, plumpe Figuren und Dialoge und ein Übermaß an Materialschlachten und visuellen Effekten ohne einen Hauch von Seele. An den Kinokassen schlugen sie sich mit mehreren Milliarden US-Dollar Einspielergebnis mehr als nur formidabel, doch die Kritiker waren sich insgesamt schon immer einig, dass das eigentlich alles ziemlich großer Schrott war, der da fabriziert wurde. Mit „Bumblebee“ geht Regisseur Travis Knight, der hiermit sein Live-Action-Debüt abgibt (nach dem Stop-Motion-Animationsfilm „Kubo – Der tapfere Samurai“), erfrischenderweise den entgegengesetzten Weg: Die Dimensionen wurden um ein Vielfaches verkleinert, weniger Figuren stehen im Mittelpunkt, es werden nicht ganze Städte auf mehreren Kontinenten dem Erdboden gleichgemacht.

Stattdessen geht es viel intimer zu und das fängt auch schon bei der Action selbst an. Abgesehen von einer imposanten Eröffnungsschlacht im Weltall, beschränkt sich diese weitestgehend auf zwei bis maximal drei riesige Blechbüchsen auf Beinen, die sich gleichzeitig irreparable Dellen zufügen. Das ist zwar immer noch spektakulär, laut und technisch imposant umgesetzt, aber im Vergleich zur Hauptreihe kann man das schon beinahe kammerspielartig nennen, wenn man ein klein wenig übertreiben möchte. Dafür erhalten die Auseinandersetzungen größeres emotionales Gewicht, denn mehr als je zuvor sorgt man sich um das Wohlergehen der Figuren – insbesondere um den Titelhelden.

Und dass das überhaupt funktioniert, ist die wohl größte Stärke von „Bumblebee“. Nach ein wenig Krach zu Beginn des Films nimmt sich der Film viel Zeit, um die Beziehung zwischen dem gelben Besucher aus dem All und seiner neuen Freundin behutsam aufzubauen. Zur Genüge werden dabei humoristische Elemente eingestreut, die aber nie erzwungen wirken und toll umgesetzt wurden: Wenn zum Beispiel der aufgrund eines Defekts stumme Bee unbeholfen durch Charlies Haus stapft, dann ist das großartige Stummfilm-Slapstick-Comedy, der man hier in einem teuren Mainstreamfilm beiwohnen darf. Solche Elemente sind zwar auch schon in den vorherigen Werken angeklungen, aber dort wurden sie lange nicht so gewinnbringend und charmant eingesetzt. Dabei zeigt sich auch, dass technische Virtuosität dann am besten ist, wenn sie der Handlung und den Figuren dienlich ist: Bumblebee ist ein einziger umherwandelnder, technisch perfekter Computereffekt. Doch so echt, wie er zum Leben erweckt wird, vergisst man das schnell. Seine Körpersprache sagt mehr als tausend Worte und auch seine mimische Ausdrucksfähigkeit wurde verfeinert.

Leise und auch rührende Momente gibt es aber auch ausreichend im Drehbuch, die für ein wohliges Gefühl sorgen. Das Verhältnis zwischen Bee und Charlie ist Herz und Seele des Films und die viele gemeinsame Zeit, die sie miteinander verbringen – und wir als Zuschauer gleich mit – macht sich letztendlich in vielen kleinen wie größeren Momenten im Laufe des Films bezahlt. Neben der hervorragenden Realisierung von Bee als vollwertige Figur trägt vor allem Hailee Steinfeld als Charlie dazu bei. Als schnoddrige und doch verunsicherte Teenagerin erdet sie den gesamten Film und nimmt uns mit auf ihre emotionale Reise. Davon kann auch ein potenzieller und zum Glück nicht allzu nerviger Love-Interest ablenken.

Möchte man dem Film überhaupt etwas vorwerfen, dann dass er vielleicht auf eine Nummer zu sicher gehen mag. Vorhersehbarkeit könnte sicher ein Wort sein, das fällt, möchte man weniger wohlwollend urteilen. In der Tat wirkt viel vertraut und das nicht nur wegen der gelungenen Wiederbelebung der 80er. Erzählerisch läuft eigentlich alles in geregelten Bahnen, ohne große Überraschungen und auch die Geschichte von einem Menschen und einem ungewöhnlichen Freund ist ein alter, aber gern gesehener Hut. Parallelen zu Brad Birds Trickfilmklassiker „Der Gigant aus dem All“ sind nicht zu übersehen und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht auch tatsächlich als Inspiration diente. Aber wenngleich „Bumblebee“ keine Innovationspreise gewinnen wird: Er mag zwar nichts neu machen, aber dafür macht er einfach alles richtig. Die Action ist wohldosiert, die leisen Töne werden immer zum genau richtigen Zeitpunkt eingestreut, ebenso die Gags, und im Grunde ist es ein im besten Sinne altmodischer und doch zeitloser Film, der nun deutlich mehr an Werke von dem als Ausführender Produzent beteiligten Steven Spielberg und an „E.T.“ erinnert, als an Michael Bays Testosteron-Abfahrten. „Bumblebee“ ist vielleicht sogar der beste Spielberg-Film der letzten Jahre, den der Meister selbst nicht gedreht hat.

Fazit: „Bumblebee“ ist das längst überfällige und gelungene Tuning des „Transformers“-Franchises im Kino, mit dem die Marke einen Schritt zurück zu einem neuen Anfang geht, um zwei große nach vorne zu machen. Der schlicht und ergreifend mit großem Abstand beste Film der Reihe und einer der besten, weil rührendsten Blockbuster 2018!

9/10

 

Bildnachweis: Paramount

Film-Review: „Climax“

Regie: Gaspar Noé
mit Sofia Boutella

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Die Filmographie von Gaspar Noé ist recht überschaubar dafür, dass der gebürtige Argentinier schon seit den 80ern aktiv ist. Abgesehen von mehreren Kurzfilmen hat er bis heute lediglich fünf Kinofilme abgedreht. Doch sein Output, so sporadisch er in Spielfilmlänge auch sein mag, ist wuchtig. Nicht von ungefähr fällt sein Name immer dann, wenn man an Skandalfilme oder an Filmemacher mit einer ganz eigensinnigen und mitunter radikalen Vision denkt. Provozieren tut er ja gerne mal – und wie wird sich nun sein neuester Wurf „Climax“ einreihen?

Eine Gruppe Tänzer übt kurz vor einer ausgedehnten Tournee ihre Choreographie. Nach einer erfolgreichen Probe wollen die jungen Leute nur noch ein wenig zu guter Musik und leckerem Sangria den Abend ausklingen lassen, aber etwas stimmt nicht: Nach und nach geht es den Leuten immer schlechter und seltsamer – wurden ihnen etwa heimlich Drogen ins Getränk gemischt? Einen Weg aus dem Trip wider Willen gibt es nicht und so stürzen sie unaufhaltsam immer tiefer in den Abgrund aus Sex, Drogen, Gewalt und verdammt guter Musik.

Man kann ja inhaltlich von Noés Filmen halten, was man will, aber eines steht nicht zur Diskussion: Der Mann ist ästhetisch gesehen ein famoser Künstler. Nicht unbedingt im Sinne des Schönen an sich, aber audiovisuell scheuen er und seine Mitstreiter sich nicht davor, die Grenzen des Kinos ein ums andere Mal neu auszuloten. So ist erneut sein Stammkameramann Benoît Debie mit dabei, der bis auf „Menschenfeind“ jeden anderen Noé-Langfilm in aufregenden, verstörenden und gewagten Bildern festgehalten hat. Unvergessen sind die irren, schwindelerregenden Kamerafahrten in „Irreversibel“ und „Enter the Void“ und auch bei „Climax“ stehen die Aufnahmen am Ende buchstäblich Kopf. Der Weg dahin ist aber nicht minder aufregend.

Denn bis auf einige vergleichsweise kürzere Abschnitte laufen die Geschehnisse im neuen Film in Echtzeit ab – ohne Schnitt, sondern in extrem langen Einstellungen. Diese Inszenierungsweise findet sich schon seit einiger Zeit immer wieder mal im Kino, „Victoria“ fällt einem da ein von Sebastian Schipper oder erst kürzlich auch „Utoya 22. Juli“ von Erik Poppe. Die extremen Plansequenzen entfalten stets eine unwiderstehliche Sogwirkung und so auch bei „Climax“, wo zusätzlich die treibenden Technobässe den Zuschauer in ihren Bann ziehen. Der langsame, drogenbedingte Abstieg in die menschliche Hölle kann dadurch effektiv und durch zunächst allmähliche und subtile Anzeichen langsam vorangetrieben werden, bis sich das Chaos wirklich Bahn bricht. Veränderungen im Licht, eine immer losgelöstere Kameraführung und stetig verrücktere Darbietungen kulminieren dann in einer Party-Orgie vom Feinsten – oder sollte man eher sagen: vom Gaspar Noésten.

Dann ist der audiovisuelle Angriff auf die Sinne des Kinogängers formvollendet und in seiner ganz eigenen verstörenden Art wunderschön und der Abstieg in die pure Triebhaftigkeit abgeschlossen. Die Botschaft von „Climax“, so wie sie zumindest auch interpretiert werden kann, erinnert dabei ein wenig an „We Are The Flesh“ des Mexikaners Emiliano Rocha Minter. Dessen Kinofilmdebüt von 2016 ist in der Extreme seiner Bilder nicht minder aufwühlend als dass Oeuvre von Noé, aber hier wie dort macht sich ein pessimistisches Weltbild breit, das Menschlichkeit eben unbedingt im Spannungsfeld zwischen Zivilisation und nur schwer unterdrücktem, animalischem Urinstinkt verortet und nicht etwa als die Krone gesellschaftlicher Errungenschaften. Geboren werden sei ja eine Chance, will eine Texttafel zu Beginn von „Climax“ weismachen. Eine Chance, die wir aber gemeinsam permanent zu vergeben scheinen. So schließt der Film seine Klammer mit der Aussage, „Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“. Menschen versagen immer nur gemeinsam, so scheint es. Aber wir haben verdammt viel Spaß dabei!

Fazit: „Climax“ ist ein hypnotischer Techno-Trip und ein Expressticket in den Wahnsinn.

9/10

 

Bildnachweis: Wild Bunch Distribution

Film-Review: „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“

Regie: Rich Moore, Phil Johnston

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Vor sechs Jahren hatte der titelgebende Fiesling endgültig die Nase gestrichen voll gehabt vom Bösesein und heraus aus seinen Bemühungen, einmal der Held zu sein, kam „Ralph reichts“. Das Disney-Animationsabenteuer war durch seinen erfrischenden Videospielhallenschauplatz für Mainstreamfilmverhältnisse eine einzige popkulturelle Abfahrt voller Anspielungen auf Gaming-Klassiker. Die circa 471 Millionen US-Dollar Einspiel an den weltweiten Kinokassen muss man allerdings im Anbetracht des Budgets von 165 Millionen und anderen Disney-Erfolgen wie „Die Eiskönigin“, die über eine Milliarde umgesetzt haben, als verhältnismäßig durchschnittlich einstufen. Trotzdem kommt jetzt mit „Ralph reichts 2: Chaos im Netz“ die Fortsetzung in die Kinos, die den Handlungsort dieses Mal ins große, weite Internet verlagert.

Ralph und Vanellope geht es eigentlich ganz gut – besonders der Hüne hat es sich in seiner Routine gemütlich gemacht und kann sich kein anderes Leben vorstellen, als der immer gleiche Ablauf in seinem Spiel „Fix it Felix, Jr.“. Seine kleine Kumpanin hingegen sehnt sich nach was Neuem, worauf hin Ralph kurzerhand einen beherzten Versuch unternimmt, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ist ihr Rennspiel „Sugar Rush“ kaputt! Das Lenkrad, mit dem die Spieler die Autos steuern, ist defekt und wenn nicht bald ein neues herbeigezaubert wird, war’s das! Zum Glück hat der Spielhallenbetreiber kurz zuvor einen WLAN-Router installiert und so geht es für Ralph und Vanellope ins Internet, um bei eBay das so dringend benötigte Zubehör ausfindig zu machen.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger ist natürlich das neue Internet-Setting, das ja auch im Titel bereits anklingt. Für das Jahr 2018, in Zeiten von viralen Memes, Katzenvideos und Instagram, scheint es nur logisch und konsequent zu sein, den Handlungsort dorthin zu verfrachten. Mit Blick auf die digitalen Protagonisten macht dieser Schritt ebenfalls Sinn, schließlich können die nicht ewig in der immer gleichen Zockerhöhle verbleiben, oder? Das Internet bietet an sich endlose erzählerische Möglichkeiten und aktuelle Anknüpfungspunkte an die im Vorgänger etablierte Gaming-Kultur. Bedauerlicherweise kommt aber Spielen eine eher untergeordnete Rolle zu: Zwar halten sich Ralph und Vanellope auch über weite Strecken in einem Online-Rennspiel auf, wahre Zockerfreunde suchen aber vergeblich nach Referenzen auf aktuelle, echte Titel. Videospiele sind nur noch Locations, in denen Szenen stattfinden können, thematisch aber werden sie nicht mehr näher beackert. Das muss auch nicht sein, eine Wiederholung des Erstlings wäre sicher nicht ratsam gewesen. Ein paar frischere Easter Eggs zu ihnen wären aber bestimmt nicht verkehrt.

Vanellope und insbesondere Ralph gehören einer eher älteren Spielegeneration an und wenn sie das World Wide Web zum ersten Mal betreten, wird wenig überraschend die alte Trope der Alten, die vom Fortschritt völlig überwältigt werden, aufgemacht. Das mag man kennen, aber auch im Bezug auf das Verhältnis On-/Offline ist „Chaos im Netz“ nicht der erste Film, der das thematisiert – spontan kann einem da unter anderem der verkappte Google-Werbefilm „Prakti.com“ mit Owen Wilson und Vince Vaughn in den Sinn kommen.

Auch die knallbunt animierte Darstellung einer digital erzeugten Welt und ihrer internen Mechanismen sowie ihre Beziehung zur realen Welt lässt an Werke der jüngeren Vergangenheit wie „Ready Player One“ und „Emoji – Der Film“ denken. Besonders Letzterer scheint dem neuen Disney-Film wie ein Ei dem anderen zu ähneln, von daher wirkt „Ralph reichts 2“ zunächst erstaunlich unoriginell.

Disney wäre allerdings nicht der große Konzern, wie wir ihn heute kennen, wenn die Verantwortlichen dahinter nicht auch aus allseits Bekanntem etwas Tolles zaubern könnten: In der Tat mögen die Parallelen mit anderen Filmen durchaus vorhanden sein, aber die Regisseure Phil Johnston und Rich Moore setzen die Ideen schlicht und ergreifend besser um.

Da zeigt sich dann auch das wahre Genie der Macher, denn die extrem kreative Umsetzung verschiedener Aspekte wie zum Beispiel einer Suchmaschine inklusive Autovervollständigung oder von eBay ist einfach zum Brüllen komisch und dennoch voll auf den Punkt gebracht. Dabei werden die unterhaltsamen wie auch weniger erfreulichen Aspekte der Internetnutzung aufgegriffen und so pointiert durch den Kakao gezogen, dass bei all den Lachern auch genügend Denkanstöße zu unserem virtuellen Konsum mitgeliefert werden.

So wirklich auf die Spitze wird es aber spätestens dann getrieben, wenn die Hauptfiguren die Webseite „Oh My Disney“ ansteuern, denn dann wird ein wahres Metawitz-Feuerwerk abgewackelt. Die schiere Fülle an augenzwinkernden, selbstironischen und selbstreferenziellen Gags ist absolut schwindelerregend und kulminiert in der in den Trailern schon angedeuteten Szene mit den Disney-Prinzessinnen und einer schrägen Musical-Nummer. Für einen kurzen Moment scheint sich der übermächtige Mäusekonzern selbst demontieren zu wollen.

Die vielen Gags halten einen permanent bei der Stange, erzählerisch braucht aber „Chaos im Netz“ ein wenig, um wirklich Fahrt aufzunehmen. Zu Beginn wird natürlich viel Zeit auf die Etablierung des Netzes als Schauplatz verwendet und trotz einiger toller Sequenzen, wie zum Beispiel einer aufregenden Autoverfolgungsjagd, scheint zunächst alles nur auf eine einzige, turbulente Hatz nach dem Lenkrad (und dem dafür benötigten Geld) hinauszulaufen.

Erst spät zeichnen sich auch wirkliche Figurenkonflikte ab, die dann doch noch für die so Disney-typischen, rührenden Momente sorgen. Ihre Wirkung verfehlen diese ja für gewöhnlich nie, aber im Vergleich zu anderen Werken konnte sich der Autor dieser Zeilen des Eindruckes nicht erwehren, dass man sich hier die Tränen ein wenig leichter verdienen möchte – es scheint ein wenig so, als würde einfach zu wenig auf dem Spiel stehen.

Fazit

Der Schauplatz von „Ralph reichts 2“ ist nicht neu, die Umsetzung strotzt allerdings nur so vor Einfallsreichtum und die vielen (Meta-)Gags sorgen für Atemnot vor lauter Lachen. Da kann man auch über die kleinen, erzählerischen Defizite hinwegsehen.

7/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Die Unglaublichen 2“

Regie: Brad Bird

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Manchmal bewahrheitet es sich doch, dass endlich gut wird was lange währt. In den letzten Jahren traf das sicherlich auf „Mad Max: Fury Road“ zu, schließlich lagen zwischen George Millers Actionmeilenstein und dem direkten Vorgänger läppische 30 Jahre. Ganz so lange musste die Filmwelt nicht auf „Die Unglaublichen 2“ warten – es waren „nur“ 14 Jahre – trotzdem ist Brad Birds erneuter Ausflug in die Welt der Superhelden ein tolles Beispiel dafür, wie gut Fortsetzungen wirklich sein können, wenn man nur zur Genüge Liebe, Mühen und, ja, Zeit investiert.

So gar keine Zeit wird allerdings im Film selbst vergeudet, denn der startet genau da, wo der erste Teil aufgehört hat: Der Tunnelgräber greift die Stadt an und will diese terrorisieren und so ganz nebenbei Banken ausrauben. Zum Glück ist Familie Parr zur Stelle, um den Plan des Fieslings mit ihren Superkräften zu vereiteln. Die Öffentlichkeit ist allerdings nicht so erfreut über ihren heldenhaften Einsatz, schließlich geht dabei eine ganze Menge kaputt. Zum Glück tritt der Geschäftsmann Winston Deavor auf den Plan, der ein großer Fan von Superhelden ist und mit einer groß angelegten Kampagne dafür sorgen will, dass diese endlich wieder ganz legal die Menschheit beschützen dürfen. Im Zentrum dieser neuen Sympathie-Offensive soll Elastigirl stehen – sehr zum Leidwesen von Mr. Incredible, der auf einmal mit seiner Verantwortung als Vater konfrontiert wird. Doch volle Windeln von Baby Jack-Jack und die aus den Fugen geratende Gefühlswelt von Tochter Violetta sind bald die geringsten Sorgen der Parrs: Mit dem Screenslaver tritt eine neue Bedrohung auf und die ist mächtiger, als je ein Feind zuvor…

Was macht eine gute Fortsetzung aus? Ob es nun das eine Patentrezept gibt, ist fraglich, aber sicher sollte sie dem Zuschauer einerseits viel Vertrautes geben, an das dieser anknüpfen kann und andererseits diese bekannten Elemente um neue bereichern oder diese verbessern. In „Die Unglaublichen 2“ ist vieles bekannt und auch das Wissen darum wird vorausgesetzt: Besonders in der ersten halben Stunde und darüber hinaus wird auf Gegebenheiten und Ereignisse aus dem ersten Film Bezug genommen – wer also in den 14 Jahren dazwischen vergessen haben sollte, worum es noch mal ging, sollte sein Gedächtnis tunlichst auffrischen. Fans freuen sich jedenfalls über das Wiedersehen mit der im Mittelpunkt stehenden Familie und den spezifischen Figurendesigns. Mag sein, dass in der Zwischenzeit die technischen Möglichkeiten sehr viel weiter gekommen sind, aber durchaus erfreulich ist es, dass der Film diese gefühlt nur nebenher in der größeren Detailfülle demonstriert. Ansonsten fühlen sich beide Teile erstaunlicherweise wie aus einem Guss an, ohne den ersten künstlich auf- und den neuen Film abzuwerten.

„Die Unglaublichen“ war seinerzeit nicht nur ein grandioser Animationsfilm, eine lustige Komödie und ein Werk für die ganze Familie, sondern er war auch ein formidabler Actionfilm. Anhänger dürfte es sicher freuen, dass nun auch der zweite Teil in der Hinsicht genau da weitermacht und noch mal eine Schippe drauf legt: Wann immer es zur Sache geht, kann die animierte wie echte Konkurrenz einpacken. So rasant, atemberaubend und zugleich einfallsreich geht es selten im Mainstream-Actionkino zu, ein Großteil Hollywoods sollte beschämt sein, ausgerechnet von einem „Kinder“-film gezeigt zu bekommen, wie es geht. Schnelle Verfolgungsjagden sind mit dabei, ebenso wie suspense-geladene Momente, die fast schon wie aus einem Thriller wirken und beinahe zu intensiv für die ganz Kleinen sein könnten. Immer mit dabei: Die Superkräfte der Beteiligten, mit denen wieder äußerst kreativ umgegangen wird – die Actionsequenzen strotzen nur so vor neuen Ideen.

Das abgefackelte Feuerwerk wäre aber vollkommen nutzlos, wenn einem die Figuren in dessen Zentrum herzlich egal wären. Bird und sein Team taten aber verdammt gut daran, der im Vorgänger so behutsam aufgebauten Familie Parr mit all ihren familiären Problemen reichlich Zeit für zwischenmenschliche Momente einzuräumen. Hier zeigt sich dann eine weitere Ausnahmequalität des Films und insbesondere des Drehbuchs aus der Feder des Filmemachers selbst: Die Konflikte, sei es zwischen Bob und Helen oder mit Violetta und Dash, wirken nicht wie bloßes Alibi-Beiwerk und auch nicht wie eine Abfolge stumpfer Klischees. Tatsächlich haben die Dialoge und die darin transportierten Emotionen etwas sehr realistisches an sich, die Diskussionen und Streitgespräche der Eltern sind auch wirklich angemessen reif und klug – man kann stets die Argumente beider Seiten sehr gut nachvollziehen, was sowohl ihnen als auch dem Film selbst mehr Tiefe und emotionale Substanz verleiht. Während in vielen hochbudgetierten Spektakeln sicher die Action das Hautpverkaufsargument ist, bei „Die Unglaublichen 2“ begegnen sich Krawall und ruhige Momente auf absoluter Augenhöhe.

Mehr noch: Während im ersten Film Mr. Incredible den Helden auf eigener Mission geben durfte, darf dieses Mal Elastigirl den Ton angeben. Das mag ihr Ehemann nicht, der nicht nur mit seiner Rolle als Aufpasser der Kinder Probleme bekommt, sondern auch mit seinem männlichen Selbstverständnis. Er fühlt sich in seinem Ego definitiv gekränkt, seine Frau hingegen darf Karriere machen. Das ist natürlich nur eine sehr verkürzte Beschreibung der schwer unterhaltsam porträtierten Anspielungen auf moderne Geschlechterrollen, aber ganz sicher ist „Die Unglaublichen 2“ in der Hinsicht ein ungemein zeitgemäßer Film. Zeitlos hingegen sind nicht nur die Qualität der Action und die vielen humoristischen Einlagen, zu denen Baby Jack-Jack dieses Mal eine ganze Menge beitragen darf, sondern auch Violettas Reise von einer verunsicherten, dann zornigen und letztendlich selbstbewussten Teenagerin mit all den dazugehörigen Stolpersteinen auf dem Weg.

Möchte man „Die Unglaublichen 2“ noch etwas ankreiden, dann dass über weite Strecken der Plot zweigleisig abläuft. Während Elastigirl auf spannende Abenteuer geht, werden diese immerzu unterbrochen von Bob und den Kindern. Die lockern zwar das Geschehen immer wieder und notwendigerweise auf, aber zumindest aus dramaturgischer Sicht kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der eine Handlungsstrang den anderen mit seinen Einschüben ausbremst. Besonders fällt das in der Episode mit Modedesignerin Edna auf – ihr Auftritt fühlt sich so an, als wäre er wirklich nur dazu da, um sie im Film unterzubringen. Und wo wir schon bei Mäkeln sind: Der Screenslaver ist als Bösewicht leider auch nicht so eindrücklich wie damals noch der inbrünstig diabolische Syndrom. Aber tut das dem allgemeinen Vergnügenen irgendeinen Abbruch? Auf keinen Fall!

Fazit: Was für ein Sequel! „Die Unglaublichen 2“ punktet mit denselben Qualitäten des Vorgängers, ohne jemals in eine faule Wiederholung zu driften und ergänzt den Vorgänger um die stimmige Weiterentwicklung der Figuren und noch mehr satte Action. Das lange Warten hat sich gelohnt! Und wenn nach all der Zeit so etwas bei rumkommt, möchte man gerne noch mal 14 Jahre bis zum nächsten Teil warten.

9/10

 

Bildnachweis: Disney

Film-Review: „Under The Silver Lake“

Regie: David Robert Mitchell
mit Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace

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Oft genug gebraucht es nur eines einzigen Films, um sich aus dem Nichts ins kollektive Gedächtnis der Filmwelt zu katapultieren und festzukrallen. Genau das ist David Robert Mitchell 2014 mit seiner Indie-Horrorperle „It Follows“ geglückt, die noch immer als einer der wegweisendsten Genrebeiträge der jüngeren Vergangenheit gilt. Die Erwartungen an seinen Nachfolger dürften dementsprechend hoch gewesen sein – aber kann das nun erschienene Werk ihnen auch gerecht werden?

Sam (Andrew Garfield) bekommt nicht sehr viel mehr im Leben auf die Reihe als alte Videospiele zu spielen und ansonsten in den Tag hineinzuleben. Als er eines Tages auf seinem Balkon sitzt, bemerkt aber eine neue Nachbarin, die ihn mit ihrer Schönheit sofort in ihren Bann zieht. Sam muss sie kennenlernen! Tatsächlich knistert es zwischen ihnen ganz gewaltig, aber nur wenig später ist die hübsche Sarah (Riley Keough) wie vom Erdboden verschluckt. Was ist passiert? Die Frage lässt Sam nicht los und so begibt er sich auf eine abenteuerliche Suche durch die Glitzerwelt Hollywoods…

Gleich zu Beginn von „Under The Silver Lake“ fällt ein Eichhörnchen vom Baum, knallt auf den Boden und noch während es in seinen eigenen Eingeweiden dahinsiecht, guckt es Sam und den Zuschauer hilfesuchend und verzweifelt an. Damit ist auch schon klargestellt, dass man sich in den nächsten zweieinhalb Stunden auf jede Menge gefasst machen muss. In der Tat quillt das Werk nur so über vor lauter skurriler Ideen und Situationen und es vergeht kaum eine Szene, in der man nicht ein wenig schmunzeln oder sich irritiert am Kopf kratzen kann. Permanent erwischt es einen auf dem falschen Fuß, weil immer etwas geschieht, gesagt oder gezeigt wird, das ein wenig neben der Spur ist. Eine Sexszene gleich am Anfang illustriert den absurden Ton zusätzlich zum toten Nager ganz eindrücklich: Sam und eine sich verprostituierende Schauspielerin sind im Bett zugange, als sie zunächst anfangen, über das Poster von Kurt Cobain zu reden. Nebenbei laufen im Fernsehen die Nachrichten, in denen ein Milliardär als vermisst gemeldet wird und die zutiefst besorgten Angehörigen in die Kamera schauen – just in diesem Moment kommt Sam zum Orgasmus. Betretene Mienen, eine verschollene Person, ein toter Rocker und wilder Sex – was für eine Mischung.

Eingebettet werden die Episoden in stilsichere Bilder und einen pompösen und nostalgisch anmutenden Soundtrack und beide Elemente machen keinen Hehl daraus, dass sie Klassiker des Thrillergenres zitieren und überhaupt trotz des Gegenwartssettings ein Kinogefühl der 60er-Jahre heraufbeschwören. Zugleich ist „Under The Silver Lake“ eine einzige Popkulturabfahrt voller mehr oder weniger versteckter Anspielungen, die sicher ein Fest für aufmerksame Nerdaugen sein dürften.

Der springende Punkt ist allerdings, dass die Einzelteile zwar alle in sich stimmig erscheinen, sie aber nur durch eine betont konfuse Handlung zusammengehalten werden, die ganz sicher das Publikum spalten wird. Ein Hundemörder, eine menschliche Eule, Verschwörungstheorien, versteckte Botschaften, eine Rockband und ein Kult – das Drehbuch ist vollgestopft mit Dingen, die aber ultimativ auch über die enorme Laufzeit nur wenig Sinn ergeben wollen und mitunter auch völlig im Sand verlaufen. Wer versuchen möchte, allen Handlungsdetails auch wirklich zu folgen, wird spätestens nach der Hälfte die weiße Flagge hissen müssen. Diese Verwirrung hat sicherlich Methode und muss auch sicher nicht zur Gänze dechiffriert werden, jedenfalls nicht auf Anhieb, was durchaus an Filme wie „Mulholland Drive“ von David Lynch erinnern lässt. Lynch jedoch ist meisterlich darin, trotz aller Rätsel für permanente Unruhe und Anspannung zu sorgen und dafür ist sich „Under The Silver Lake“ wohl eine Spur zu cool. Dafür gibt es einige treffsichere, satirische Beobachtungen zur Funktionsweise der Traumfabrik, die ihren eigenen Nachwuchs in fremde Betten schickt und ansonsten unter sich begräbt mit der Hoffnung, doch noch mal ein Star zu werden.

Fazit: Über die vollen 140 Minuten kommen letztendlich jede Menge unterhaltsamer und handwerklich gekonnt inszenierter Einzelmomente zusammen, die einen lange genug bei der Stange halten und auch weitestgehend über die verworrene Handlung hinwegtrösten. Wer Schrägheit über Kohärenz stellt und wild wuchernde Ideen zu schätzen weiß, wird bei „Under The Silver Lake“ auf seine Kosten kommen.

6/10

 

 

Bildnachweis: Weltkino

Film-Review: „Predator – Upgrade“

Regie: Shane Black

mit: Boyd Holbrook, Olivia Munn, Jacob Tremblay

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Er ist hässlich und tödlich und seit 1987 nicht mehr aus der Filmgeschichte wegzudenken: Die Rede ist natürlich vom Predator, der im gleichnamigen Actionfilm jeden einzelnen Muskel von Arnold Schwarzenegger beanspruchte. Seitdem ist der außerirdische Jäger im Kino, in Comics und Videospielen zuhause, stets auf der Suche nach der nächsten Jagdtrophäe. Auf insgesamt fünf Kinoeinsätze kommt er, wobei er sich zweimal mit dem legendären Alien angelegt hat und nun bekommt er es mit seinem bislang stärksten Gegner zu tun – einer aufgemotzten Version seiner selbst, dem „Predator – Upgrade“:

In Mexiko fällt eines Tages ein Raumschiff vom Himmel, das umgehend vom sich in der Nähe befindenden Scharfschützen Quinn (Boyd Holbrook) inspiziert wird. Der schnappt sich kurzerhand einige Teile aus dem Wrack, ohne auch nur den geringsten Schimmer davon zu haben, was er damit anrichtet. Denn nur wenig später ist ihm ein Exemplar einer außerirdischen Rasse auf den Fersen, das seine Sachen unbedingt wiederhaben will. Wenn es doch nur bei diesem einen Problem bliebe…

Für „Predator – Upgrade“ nahm Shane Black auf dem Regiestuhl Platz und in gewisser Weise schließt sich hier der Kreis: Denn Black stand einst beim allerersten Film im Franchise selbst vor der Kamera und war sogar das erste Todesopfer aus Arnies Truppe. Nun hat er also das Kultmonster in Szene gesetzt – aber ist ihm das Unterfangen auch gelungen?

Black weiß jedenfalls, wie man „Fanservice“ buchstabiert, denn auf Anhänger des Predators warten einige Anspielungen auf die vorangegangenen Filme in Form von Bildern, Zitaten und auch der Musik. Zudem ist es eine große Stärke seines Films, dass er auch seinen allseits beliebten Dialogwitz hat einfließen lassen. Besonders zu Beginn, wenn Quinn und seine neuen Freunde aufeinandertreffen, werden Sprüche am laufenden Band geklopft, als gäbe es keinen Morgen mehr. In den Szenen trumpft das Ensemble, dem unter anderem auch Thomas Jane („Punisher“), Trevante Rhodes („Moonlight“) und Keegan-Michael Key („Keanu“) angehören, voll auf. Die Chemie stimmt untereinander einfach und wenngleich die Figuren insgesamt recht grob und klischeehaft angelegt wurden, so füllen die Darsteller sie mit komödiantischem Talent zur Genüge mit Leben. Anders als zum Beispiel die ballernden Söldner im 2010er „Predators“ kann man für diese Gruppe wirklich ein paar Sympathien entwickeln.

Mitunter driftet aber alles arg ins Alberne, was ein zweischneidiges Schwert ist. Während vom Humor vor allem die Figuren profitieren, nehmen andere lustige Elemente dem Film eine gehörige Portion Intensität, was manchmal ganz nah an der Grenze zur Selbstparodie gerät (Stichwort: Hunde). Dabei sind einige frühe Actionszenen durchaus intensiv geraten, wenn vor allem die haushohe Überlegenheit des Titelmonsters effektiv zur Schau gestellt wird. Insgesamt ist „Predator – Upgrade“ aber der mit Sicherheit humorvollste Eintrag in der Filmreihe, dessen Spaßeinlagen ein wenig übers Ziel hinausschießen. Für langjährige Fans dürfte das gewöhnungsbedürftig sein, gaben sich die bisherigen Filme doch vergleichsweise ernst und düster. Dafür frohlocken die über einen angemessenen Härtegrad, den man nach Bekanntwerden der FSK 16 nicht in der Form erwartet hätte. Hier fliegen wortwörtlich die Fetzen!

Unter einem großen Manko leidet „Predator – Upgrade“ aber auch aus handwerklicher Sicht, denn leider ist Shane Blacks Werk einfach nicht besonders gut inszeniert. Man könnte es sicher auch dem Drehbuch ankreiden, dass sich circa 90 Prozent des Films in der Nacht abspielen, aber nichtsdestotrotz sollte doch für vernünftig ausgeleuchtete Szenen gesorgt sein. Doch viel zu oft läuft die Action im Dunkeln ab. Die Lichtarmut und ein teils verwirrender Schnitt sorgen nicht nur einmal dafür, dass man die Orientierung in Bezug auf den Handlungsablauf und der räumlichen Verortung verliert – wer hat gerade wie und wo etwas gemacht? Bei „Predator – Upgrade“ sind das legitime Fragen, die aber eigentlich gar nicht erst aufkommen dürften.

Fazit: Insgesamt ist „Predator – Upgrade“ der beste Beitrag zum Franchise seit 1987, was allerdings mehr über die mittelmäßige Qualität der anderen Teile aussagt, als über die Vorzüge dieses Films. Shane Black hat einen witzigen und damit unterhaltsamen Film mit deutlichen inszenatorischen Defiziten gemacht und man wird das Gefühl nicht los, dass die Zeit gekommen ist, den interstellaren Trophäensammler endgültig in den Ruhestand zu schicken.

5/10

 

Bildnachweis: Fox

Film-Review: „Hereditary“

Regie: Ari Aster
mit Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff

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Es müssen nicht immer die Reißer aus dem Hause Blumhouse sein oder besonders blutrünstige Trashgranaten, um im Horrorfilmgenre Aufmerksamkeit zu erregen. In den letzten Jahren sorgten vermehrt Beiträge aus dem Indiefilmbereich für reichlich Gesprächsstoff: Filme wie „Der Babadook“, „It Follows“ oder „The Witch“ wurden zu echten Kritikerlieblingen, die nicht nur die Herzrate in die Höhe schnellen ließen, sondern auch Kopf und Seele von Cinephilen positiv beanspruchten. Auch „Hereditary“ von Ari Aster ist ein vergleichsweise kleines Projekt – mit ganz großen Qualitäten.

Nach dem Tod ihrer Mutter scheint das Leben von Annie (Toni Collette) und ihrer Familie ganz normal weiterzugehen. Doch dann häufen sich immer häufiger seltsame Vorkommnisse, die irgendwie mit dem Tod ihrer Mutter und Annies Tochter Charlie (Milly Shapiro) zusammenhängen. Als es dann zu einem tragischen Unfall kommt, wird wirklich klar, dass übernatürliche Kräfte am Werk sein müssen, die drauf und dran sind, die Familie in den Abgrund zu stürzen…

Mit einer Laufzeit von knapp 130 Minuten dürfte „Hereditary“ zu den etwas längeren Vertretern im Horrofilmgenre zählen. Doch obwohl man diese Länge durchaus spürt, kommt sie dem Werk doch sehr zugute: Aster hat jedenfalls keine Eile und erliegt nicht dem Zwang vieler Kollegen, gleich Vollgas geben zu müssen und einen Jumpscare nach dem anderen abzufeuern. Zwar etabliert er schon von Anfang an eine unheimliche Atmosphäre – tut aber gut daran, diese anschließend nur langsam, subtil und beständig zu verdichten. So entsteht ein Gefühl permanenten Unbehagens, das einen unentwegt begleitet und sich wie ein diffuser Schleier über den Film legt. Man kann sich einfach nie wirklich sicher sein, das Grauen kommt bestimmt und wird mit aller Härte zuschlagen, aber die Frage nach dem „Wann?“ wird nur sehr spärlich und unzuverlässig beantwortet.

Auf diese Weise werden auch über die meiste Zeit Konventionen des Horrorfilms angerissen und unterlaufen. Durch die eigenen Sehgewohnheiten ist man auf bestimmte inszenatorische Mechanismen konditioniert, mit denen dann gespielt werden kann. Aber immer, wenn man zum Beispiel den nächsten todsicheren Schock ausgemacht haben will, wird die Erwartung einfach nicht erfüllt. Und zwar beinahe nie!

Langweilig ist „Hereditary“ aber dadurch trotzdem nicht. Das verhältnismäßig langsame Erzähltempo nutzt Regisseur Aster, um die im Zentrum stehende Familie und das Verhältnis ihrer einzelnen Mitglieder untereinander genauestens unter die Lupe zu nehmen. Dabei werden insbesondere Themen wie Schuld, Trauer und deren Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen und der Gruppe ausführlich beleuchtet. Der Horror im Film manifestiert sich nicht nur im klischeehaften Übernatürlichen, sondern auch im Zwischenmenschlichen. Schuldzuweisungen, Ängste und das Gefühl, ungeliebt und ungewollt zu sein, können ebenso grausam sein wie ein Dämon, der sein Unwesen treibt.

Auch formal überzeugt „Hereditary“ auf ganzer Linie: Die Kameraarbeit ist äußerst elegant, voller vieler kleiner Einfälle und wartet darüber hinaus mit einer ungewöhnlichen Anzahl an Halbtotalen in Innenräumen auf, die die Protagonisten stets verloren und immer im Kontext des gesamten abgebildeten Raumes zeigen. Und wie man es von Horrorfilmen gewohnt ist, spielt auch die Tonspur eine überragende Rolle. Den Score kann man vielleicht etwas penetrant finden, aber insgesamt unterstreicht er die andauernde, rätselhafte Anspannung. Und, so viel sei verraten, das Geräusch vom Zungeschnalzen dürfte schon jetzt als eines der einprägsamsten und gruseligsten im Filmjahr 2018 gelten.

Was „Hereditary“ zusätzlich von der Konkurrenz abhebt, ist der Raum für Interpretationen: Gleich die allererste (famose!) Einstellung des Films legt eine zusätzliche, symbolische Lesart des Films und vielleicht auch einen einzigartigen Perspektivwechsel nahe. Statt das Geschehen als weltlich zu betrachten mit übernatürlichen Phänomenen von außerhalb, könnte man auch alles von außen sehen, aus einer alternativen, vielleicht auch höheren, universelleren Dimension. Alles, was sich in unseren Leben abspielt, ist nämlich genau das – ein (Trauer-)Spiel, in dem als Horror empfunden wird, was auf der anderen Seite der Bühne womöglich vollkommen normal ist. Bis zu einem gewissen Grad könnte das auch auf das Finale zutreffen, aber dieses geht sicher noch einen Schritt weiter und wird ganz bestimmt viele Fragen hinterlassen und Zuschauer vor den Kopf stoßen.

Perfekt ist „Hereditary“ leider bei allen Stärken trotzdem nicht. Obwohl der Film weitestgehend vermeidet, wie die meisten anderen Genrevertreter zu sein, so macht er zum Ende hin doch ein paar zu deutliche Zugeständnisse an seine Horrorwurzeln, ohne die er doch bis dato wunderbar ausgekommen war. Dann wird es doch noch laut und polternd, fliegt durch die Gegend, was eigentlich nicht fliegen sollte, schauen noch ein paar mehr geisterhafte Erscheinungen vorbei, als vorher schon. Und auch die Darbietungen einiger Darsteller sind beizeiten zwiespältig: Toni Collette in der Hauptrolle der Annie taumelt nämlich die ganze Spielzeit über auf dem extrem schmalen Grat zwischen grandioser Schauspielleistung, wie man sie von ihr als gestandene Charaktermimin kennt, und Overacting. In einem Moment rastet sie aus und ist furchteinflößender als der gesamte restliche Film, aber nur wenig später fragt man sich, ob nicht etwas weniger Drama auch gut gewesen sein könnte. Und auch Alex Wolff gibt Sohnemann Peter überzeugend verzweifelt und zunehmends kaputt – bis er anfängt zu weinen. Das manche darstellerischen Momente unfreiwillig komisch wirken können, bewiesen einige Lacher in der Pressevorführung.

Fazit: „Hereditary“ reiht sich ein in die Riege starker Horrorfilme des modernen Independent-Kinos, die formal brillieren und inhaltlich keine Kompromisse eingehen. Hier halten sich Grusel, Grips und Drama perfekt die Waage.

8/10

 

Bildnachweis: A24

Film-Review: „Deadpool 2“

Regie: David Leitch
Mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz

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Der erste „Deadpool“-Film mauserte sich 2016 zum erfolgreichsten R-Rated-Film aller Zeiten mit einer geradezu unverwechselbaren Mischung aus derbem und doch augenzwinkerndem Meta-Humor, Gewalt, nostalgischem Soundtrack und der Tatsache, dass auch das auf einer Comicvorlage von Marvel basiert. Nun kommt die unvermeidliche Fortsetzung in die Kinos, in der an die etablierten Qualitäten des Vorgängers direkt angeknüpft werden soll.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) alias Deadpool ist jetzt auch international unterwegs und macht weltweit böse Buben dem Erdboden gleich. Als er bei einem seiner Streifzüge in der Heimat jedoch einen Fiesling entkommen lässt, entwickelt sich diese Entscheidung nur wenig später zu einem Bumerang mit tragischen Folgen. Einen Schicksalsschlag später muss er sich nicht mehr mit einer Trauer und dem Wohlwollen von Colossus (Stefan Kapicic) herumplagen. Plötzlich taucht noch der schwer bewaffnete Cable (Josh Brolin) auf, der Jagd auf den jungen Mutanten Russell (Julian Dennison) macht. Aber woher kommt Cable eigentlich und warum will er ausgerechnet einen kleinen Jungen aus dem Verkehr ziehen?

Für „Deadpool 2“ übernahm David Leitch („John Wick“, „Atomic Blonde“) die Regie und in seinen besten Actionmomenten ist sein Einfluss wirklich zu sehen. Der Miteigentümer der Action-Design-Schmiede 87Eleven und langjährige Stunt-Coordinator weiß ganz genau, wie man es am besten auf der Leinwand krachen lässt und in dieser Hinsicht ist sein Sequel dem Vorgänger deutlich überlegen. Besonders die Kämpfe zwischen dem Titelhelden und Cable sind angenehm druckvoll choreographiert und weitestgehend übersichtlich inszeniert. Wenn allerdings das Spektakel überhandnimmt, wird man einmal mehr mit eher durchschnittlichen Effekten aus dem Computer konfrontiert.

Doch wie so manch andere Filme auch krankt „Deadpool 2“ an seiner eigenen zur Schau getragenen Coolness und dem Fehlen einer echten Gefahr: Sobald ein perfekt ausgewählter Song in einer noch so dramatisch aussehenden Actionsequenz zum Einsatz kommt, gibt es auch in diesem Film nichts, einfach gar nichts mehr, was jedwede Form von Anspannung seitens des Zuschauers rechtfertigen würde. Hier wie auch zum Beispiel bei „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ entsteht dadurch sofort eine ironische Brechung des Gezeigten – für die Figuren geht’s zwar um Leben und Tod, aber eigentlich ist das alles nicht so schlimm, wie es aussieht, so scheint man vermitteln zu wollen.

Stattdessen gibt es noch den x-ten dämlichen Spruch Richtung Publikum, eine weitere Anspielung, die über die Grenzen der filmischen Realität hinaus auf ihr artifizielles Konstrukt verweist und Flüche im Sekundentakt. Die „Deadpool“-Filme wollen so dringlich frech und unangepasst sein, dass man nach dem Schmunzeln – und zugegebenermaßen, man schmunzelt viel – nur noch das Gefühl hat, dass sich da jemand oder etwas aufs penetranteste anbiedern möchte. Der Humor verfügt dabei über keine nennenswerte Halbwertszeit und fällt der einmal weg, offenbart sich ein erneut sehr abgedroschener und mitunter holpriger Plot, der an „Terminator“ erinnert und dem Helden dieses Mal jede Menge Emotionen und Mitgefühl entlockt. Das mag mit dem bis dahin aufgebauten Bild der Figur nicht stimmig zusammengehen und einige furchtbar lange und enorm kitschige Szenen mit Billo-Moral zieht das auch noch nach sich. Die Abspannsszene jedoch, die funktioniert so losgelöst vom Rest des Films einfach vorzüglich.

Man darf allerdings gespannt auf die Zukunft sein, denn am Ende scheint sich eine neue Truppe gefunden zu haben, die aus einigen interessanten Mitgliedern besteht. Neuzugang Josh Brolin überzeugt übrigens als Cable mit seiner schieren Leinwandpräsenz. Mit ordentlich antrainierter Muskelmasse und tiefer Stimme ist er in fast jeder seiner Szenen die absolute Autorität und außerdem ist seinem Cable eine ebenfalls tragische Hintergrundgeschichte vergönnt, die im Spiel von Brolin (und dessen Gesicht) viel glaubwürdiger, fühlbarer und damit besser kanalisiert wird als bei Deadpool. Von den weiteren Nebendarstellern spielt sich außerdem Zazie Beetz als Domino ins Gedächtnis, die mit lässigem Selbstbewusstsein einige Szenen stiehlt.

Ryan Reynolds kommt indes die undankbare Aufgabe zu, das tonale Ungleichgewicht, das im Film in erster Linie von seiner Figur ausgeht, zu stemmen, wogegen er sich nach Kräften abmüht. Aber vielleicht ist auch einfach nur die Vorstellung eines gebrochenen, traurigen Deadpools, der später sein ganz großes Herz für sich neu entdeckt, wie ein seltsames Paradoxon, bei dem man mitunter nicht so recht weiß, ob das ernst oder wieder einmal ach so ironisch gemeint ist – besonders am Ende ist man nur noch irritiert.

Fazit: „Deadpool 2“ wird weder besonders viele neue Fans gewinnen, noch alte abschrecken können. Die bewährten Zutaten sind alle da und sorgen vermengt für einige Kurzweil und viele Lacher ohne nennenswerte emotionale Substanz. Dazu fühlt sich der Film zu unentschlossen zwischen zwei gegensätzlichen Polen an.

5/10

 

Bildnachweis: 20th Century Fox

Film-Review: „Early Man“

Regie: Nick Park

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„Wallace & Gromit“ oder „Shaun das Schaf“ – das britische Filmstudio Aardman Animations hat schon einige weltbekannte Marken hervorgebracht und einige Oscars eingeheimst für ihre Stop-Motion-Filme. Mit „Early Man“ steht nun das nächste Werk an, für das wieder einmal Nick Park verantwortlich zeichnet.

Die Steinzeit: Dug, sein Wildschweinkumpel Hognob und der Rest des Stammes verbringen friedlich ihr Leben im üppig bewaldeten Tal, immer auf der Jagd nach dem nächsten Kaninchen. Doch eines Tages wird ihr idyllisches Leben von der nächsten Stufe in der Menschheitsgeschichte bedroht – dem Bronzezeitmenschen! Mit seinen überlegenen Gerätschaften und Waffen fällt er ins Tal und vertreibt Dug und seine Freunde. Doch der will nicht so leicht aufgeben und fordert Lord Nooth und sein Regime heraus – zu einem Fußballspiel um die Zukunft des Tales!

Das Feld der Filmanimation ist vielfältig und doch kann man ziemlich sicher behaupten, das gegenwärtig computergenerierte Bilder den Mainstream fest im Griff haben – Disney/Pixar, Dreamworks, Universal, „Minions“ und Co., sie alle dominieren an den Kinokassen und selbst kleinere Produktionen schwören auf Rechenpower. Im Stop-Motion-Bereich haben sich in den letzten Jahren besonders Laika („Kubo – Der tapfere Samurai“, „Paranorman“) und eben Aardman hervorgetan. Doch vielmehr scheint es nicht zu geben, was international Aufmerksamkeit erregt. Schon alleine deshalb, und weil in derlei animierten Bildern immer eine Menge mühseliger Handarbeit steckt, muss man einen neuen Film wie „Early Man“ schon aus Prinzip ganz besonders warmherzig empfangen. Und zweifelsohne gilt erneut: Der Film sieht toll aus, die Animationen sind gelungen und strotzen nur so vor Details.

Aber am Ende des Tages sind all die verschiedenen Modi des Filmemachens doch zumeist eher kosmetischer Natur – was kann denn die Geschichte? Und leider überzeugt „Early Man“ in diesem Punkt eher weniger. An familienfreundlicher Unterhaltung möchte man vielleicht nicht die gleichen Maßstäbe setzen wollen wie an ein philosophisches Arthouse-Drama. Dennoch ist die Handlung rund um den Steinzeit-Fußball arg seicht ausgefallen. Die klassische Story vom Underdog verläuft hier so geradlinig und vorhersehbar wie auf Schienen ab, dass man bisweilen nur noch ungeduldig darauf wartet, wann denn endlich dieser oder jener Moment eintritt, den man schon seit den ersten Minuten antizipiert hat. Starke emotionale Momente kann das Drehbuch ebenfalls nicht vorweisen – außer jenen vielleicht, die einem erfundenen Fußballspiel innewohnen könnten (Stichwort: Elfmeter). Was bleibt sind einige Schmunzler und handwerklich grandios in Szene gesetzte, äußerst charmante Langeweile.

Fazit: Nett.

5/10

 

Bildnachweis: StudioCanal